Fachartikel-Archiv - Seite 1

Dr.in Christine Rosenbach

Von: Dr.in Christine Rosenbach

Menschen mit und ohne Behinderung auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft …

In den letzten Jahren hat sich vieles sehr positiv entwickelt – für Kinder und Ältere, Frauen und Männer, Menschen mit und ohne Behinderung, eigentlich für uns alle.
Unser Land ist sozial hoch entwickelt - trotzdem sind wir noch nicht soweit, dass Menschen mit und ohne Behinderung wirklich gleichberechtigt an allen Lebensbereichen teilhaben können. Der Alltag und manchmal auch unsere Gesetze hinken der Vision einer inklusiven Gemeinschaft leider noch nach.

Vergangenes Schuljahr gab es bundesweit mehr als 31.000 Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf: diese jungen Menschen benötigen wegen einer Beeinträchtigung Unterstützung beim Schulbesuch.
Für diese Kinder sowie für jene Kinder mit Behinderungen, die noch keine Schule besuchen, ist neben der Kinderrechtskonvention auch die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (= UN-BRK) maßgebend.
Österreich ist dieser UN-Konvention 2008 beigetreten. Gesetzgebung und Verwaltung des Bundes und der Länder, somit auch Niederösterreich sind zur Umsetzung der darin festgelegten Menschenrechte verpflichtet.

Von: Dr.in Christine Rosenbach

Menschen mit und ohne Behinderung auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft …

In den letzten Jahren hat sich vieles sehr positiv entwickelt – für Kinder und Ältere, Frauen und Männer, Menschen mit und ohne Behinderung, eigentlich für uns alle.
Unser Land ist sozial hoch entwickelt - trotzdem sind wir noch nicht soweit, dass Menschen mit und ohne Behinderung wirklich gleichberechtigt an allen Lebensbereichen teilhaben können. Der Alltag und manchmal auch unsere Gesetze hinken der Vision einer inklusiven Gemeinschaft leider noch nach.

Vergangenes Schuljahr gab es bundesweit mehr als 31.000 Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf: diese jungen Menschen benötigen wegen einer Beeinträchtigung Unterstützung beim Schulbesuch.
Für diese Kinder sowie für jene Kinder mit Behinderungen, die noch keine Schule besuchen, ist neben der Kinderrechtskonvention auch die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (= UN-BRK) maßgebend.
Österreich ist dieser UN-Konvention 2008 beigetreten. Gesetzgebung und Verwaltung des Bundes und der Länder, somit auch Niederösterreich sind zur Umsetzung der darin festgelegten Menschenrechte verpflichtet.

Zwei Themenbereiche sind mir ein besonderes Anliegen:

  • Abbau von Barrieren und Zugangshindernissen (Art. 9 UN-BRK)
    Kinder und Jugendliche mit Behinderungen haben das Recht an allen ihren Lebensbereichen – Schule, Gesundheitsversorgung, Arbeitswelt, Familie, Freizeitaktivitäten, usw. – gleichberechtigt und diskriminierungsfrei teilzunehmen.
    Gar nicht so selten erschweren und verhindern jedoch Barrieren eine solche selbstverständliche Teilhabe: bauliche Barrieren, zu wenig Unterstützung für gehörlose oder sehbehinderte Menschen – so sind z.B. auch in gut besuchten Kino- und Theatersälen Induktionsanlagen für Menschen mit Hörbehinderung keine Selbstverständlichkeit. Es gibt auch immer noch Internetseiten, die für sehbehinderte Kinder unzugänglich sind. Texte mit komplizierten Satzgefügen und Fachbegriffen sind für Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht verständlich und daher ebenfalls eine Barriere.
    è Barrierefreiheit im Sinne der UN-Konvention ist daher im umfassenden Sinn (nicht nur hinsichtlich baulicher Hürden) zu verstehen und umzusetzen.

Kann jemand mit Gehbeeinträchtigung ein Lokal wegen der Stufen nicht besuchen oder sind Internetseiten für sehbehinderte Menschen nicht zugänglich, kann man beim Sozialministeriumsservice eine Schlichtung beantragen. Bleibt dieser Schlichtungsversuch erfolglos, ist der Weg frei zum Gericht. Stellt das Gericht eine diskriminierende Barriere fest, so gibt es einen Geldbetrag als Schadenersatz. Es gibt jedoch keinen Rechtsanspruch auf Beseitigung der Hürde; diese faktische Hürde bleibt somit bestehen und stellt für den nächsten Menschen mit Behinderung neuerlich eine unüberwindbare Barriere dar.

Barrieren in den Köpfen und Herzen von Menschen sind vielleicht am schwersten zu beseitigen: es ist daher außerordentlich wichtig, Vor-Urteile bewusst zu machen.

  • Recht auf inklusive Bildung (Art. 24 UN-BRK)
    Kinder und Jugendliche mit Behinderungen haben ein Recht auf gleichberechtige, vollständige Teilhabe an Bildung. Dieses Recht auf inklusive Bildung umfasst u.a. den gleichberechtigten Zugang zum Bildungssystem, individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen, entsprechend ausgebildete Lehrkräfte, usw.
    Ziel eines inklusiven Bildungssystems ist es, Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen. Erst gemeinsames Aufwachsen und Lernen in guten und geeigneten Strukturen ermöglicht ein wertschätzendes Miteinander auf „Augenhöhe“ im weiteren Leben.
  • Der NÖ Monitoringausschuss überwacht …
    Auf Grundlage der UN-BRK und dem NÖ Monitoringgesetz arbeitet der NÖ Monitoringausschuss (=NÖ MTA) unabhängig und weisungsfrei. Er überwacht die Einhaltung der Menschenrechte von Menschen mit Behinderungen in NÖ: so haben alle NÖ Landesnormen die Menschenrechte von Menschen mit Behinderungen entsprechend zu berücksichtigen.
    In einer öffentlichen Sitzung des NÖ MTA am 6. Dezember 2016 haben sich rund 100 ExpertInnen/SelbstvertreterInnen mit Inklusiver Bildung in NÖ beschäftigt.
    Anfang April beschloss der NÖ Monitoringausschuss eine Empfehlung und richtete diese an die NÖ Landesregierung. Konkret wird die Erstellung eines Inklusions-Fahrplans zur Umsetzung der UN-BRK im Bildungsbereich empfohlen.
    Weitere Infos: www.noe.gv.at/monitoringausschuss

Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist im Zusammenhalt mit der UN- Konvention über die Rechte des Kindes zu verstehen:
Beide UN-Konventionen sichern mit ihren verfassungsrechtlichen Normen das Recht auch von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen auf besondere Unterstützung. Ziel ist die vollständige soziale Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, der Abbau aller Arten von Barrieren und die Beseitigung von Diskriminierungen. Dieses Ziel kann vor allem durch ein System der inklusiven Bildung erreicht werden. Unsere Gesellschaft soll so gestaltet werden, dass Menschen egal ob mit oder ohne Behinderung, gleichwertig und selbständig daran teilhaben können.

 

 

NÖ Gleichbehandlungsbeauftragte/NÖ Antidiskriminierungsstelle, NÖ Monitoringausschuss
Dr.in Christine Rosenbach

geb. 12/1960
AHS-Matura, Jus-Studium
Berufstätigkeit:
• Diverse Ferialjobs während der Ferien
• Gerichtspraxis
• 1987-1994 Gewerkschaft Öffentlicher Dienst
• 1994 Eintritt in den NÖ Landesdienst
• seit 1997 NÖ Gleichbehandlungsbeauftragte

Dr.in Gertrude Brinek

Von: Dr.in Gertrude Brinek

Die Volksanwaltschaft als Kinderschützerin

Die Volksawaltschaft ist eine Beschwerde-Einrichtung für alle, besonders auch für junge Menschen und ihre Sorgen. Seit 5 Jahren ist sie eine durch das OPCAT-Protokoll besonders verpflichtete Menschen- und Kinderschützerin und kommt dieser Aufgabe mit großem Einsatz nach. Ausgewählte Themen und Fälle geben dafür ein Beispiel.


6000 Kinder in der Justiz-Datenspeicherung
Der Fall eines Buben hat mich sehr beschäftigt. Dieser 6-Jährige hat in der Schule während eines „Wutausbruchs“ eine Lehrerin verletzt, welche Anzeige wegen Körperverletzung erstattete. So kam es zu einem Ermittlungsverfahren, von dem die Eltern erst über die Einstellung (wegen Strafunmündigkeit des Sohnes) desselben erfuhren. Weder wurden sie von der Einleitung des Verfahrens verständigt, noch seitens der Kriminalbeamten oder der Staatsanwaltschaft beigezogen.

Die Volksanwaltschaft als Kinderschützerin

Die Volksawaltschaft ist eine Beschwerde-Einrichtung für alle, besonders auch für junge Menschen und ihre Sorgen. Seit 5 Jahren ist sie eine durch das OPCAT-Protokoll besonders verpflichtete Menschen- und Kinderschützerin und kommt dieser Aufgabe mit großem Einsatz nach. Ausgewählte Themen und Fälle geben dafür ein Beispiel.

6000 Kinder in der Justiz-Datenspeicherung

Der Fall eines Buben hat mich sehr beschäftigt. Dieser 6-Jährige hat in der Schule während eines „Wutausbruchs“ eine Lehrerin verletzt, welche Anzeige wegen Körperverletzung erstattete. So kam es zu einem Ermittlungsverfahren, von dem die Eltern erst über die Einstellung (wegen Strafunmündigkeit des Sohnes) desselben erfuhren. Weder wurden sie von der Einleitung des Verfahrens verständigt, noch seitens der Kriminalbeamten oder der Staatsanwaltschaft beigezogen.

Ob eine Straftat überhaupt begangen wurde, ist nicht festgestellt. Jedenfalls liegt die Anzeige vor und Zeugen wurden einvernommen. Der Schüler wurde allerdings gar nicht befragt; Verletzungen nicht objektiviert. Ergänzend ist auch der Kinder- und Jugendhilfeträger und das Pflegschaftsgericht verständigt worden. Die Eltern erhielten umgehend Besuch und „fielen aus allen Wolken“.

Wie mittlerweile bekannt, ist es kein Einzelfall. Nahezu 6000 Fälle von Strafunmündigen wurden 2015 zur Anzeige gebracht. Ein Phänomen, das erst seit kürzerem zu beobachten ist.

Der Schüler und alle anderen Angezeigten scheinen auch in der „Verfahrensautomation Justiz“ auf. Auch wenn es gute Gründe gibt, Daten von Unmündigen zu speichern und den Datenzugriff nach zehn bzw. nach sechzig Jahren zu unterbinden – so wie es das Gesetz vorsieht -, bleibt die Regelung höchst unbefriedigend.

Das BM für Justiz und das BM für Bildung sind gefordert, an einer Verbesserung zu arbeiten - einerseits wie die Rechte der Strafunmündigen besser gewahrt werden können und insbesondere, dass die Erziehungsberechtigten sofort verständigt werden, sollten Anzeigen erstattet werden.

Begutachtungspraxis bei Pflegegeldeinstufungen von Kindern
In den letzten Jahren erfolgte die Pflege-Einstufung von Kindern sehr uneinheitlich. Viele Eltern sahen sich gezwungen, den Klageweg zu beschreiten und waren damit auch erfolgreich: Bei der Beurteilung des Pflegebedarfs Minderjähriger dürfen nämlich keine pauschalierten Werte herangezogen werden, sondern es ist der jeweils individuelle Zeitaufwand für die erforderliche Fremdhilfe zu ermitteln.

Um mehr Rechtssicherheit zu schaffen, hat das BM für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz im Herbst 2016 zur Beurteilung des Pflegebedarfs von Kindern und Jugendlichen bis zur Vollendung des 15. Lebensjahres eine Verordnung erlassen.

Zu betonen ist, dass die in der Verordnung festgelegten Mindest- und Richtwerte nur eine Orientierungshilfe darstellen und zusammen mit dem Pflege-Konsensuspapier (Abschnitt Kinder- und Jugendliche) zur Vereinheitlichung der Begutachtungspraxis führen sollen.

Verfahrensdauer - immer wieder Grund für Beschwerden
Lange Verfahrensdauer in Familienbeihilfen- und Kinderbetreuungsgeld-Angelegenheiten ist immer wieder Gegenstand von Prüfverfahren. Eine lange Wartezeit auf Familienleistungen führt zu Unverständnis der Betroffenen, da diese in ihrer Lebensplanung in der Regel auf die Leistungen angewiesen sind. Sie wird vom zuständigen BM für Familie und Jugend vor allem mit personellen Engpässen bei den Finanzämtern gerechtfertigt.

Da es sich bei der Familienbeihilfe und dem Kinderbetreuungsgeld für die Betroffenen teilweise um existenzsichernde Leistungen handelt, hoffe ich, dass es demnächst zu weiteren Verbesserungen kommt.

Erschwert wird die Situation oft noch durch den Umstand, dass das Gericht mit Anträgen zum Unterhalt eingedeckt wird. Davon sind zumeist die Kindesmutter, aber auch deren Kinder betroffen. Monatelang auf eine gerichtliche Entscheidung und damit in der Praxis auf Geld zum Überleben warten zu müssen, trägt nicht zu einem gedeihlichen Familienleben bei.

Kindermedizinische Versorgung
Die Thematisierung bestehender Defizite in der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen ist bereits seit Längerem ein zentrales Anliegen der Volksanwaltschaft. Aufgrund von Versorgungsschwierigkeiten und unzumutbaren Wartezeiten für dringend erforderliche Behandlungen für Kinder in Wiener Ambulanzen während der Grippewelle Anfang 2016 hat die Volksanwaltschaft die pädiatrische Grundversorgung in Österreich generell kritisch beleuchtet. Dazu wurden Stellungnahmen des BM für Gesundheit und Frauen und des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger eingeholt.

Aus Sicht der Volksanwaltschaft ist es daher geboten, durch gezielte Maßnahmen die bestehenden Ressourcen im Wege einer Regionalisierung besser zu nutzen und die Nachbesetzung der Kassenplanstellen langfristig zu sichern. Hierfür ist das ambulante Versorgungsangebot in den Krankenanstalten und in den Spitälern abzustimmen und zu vernetzen. Ein Ansatz hierfür wäre auch die Einbeziehung von Pädiaterinnen und Pädiatern in Primary Health Care Centers, die erweiterte Ordinationszeiten an Wochenenden und Feiertagen anbieten sollten.

Unzureichendes Versorgungsangebot in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
Im Kinder- und Jugendgesundheitsbericht, der vom BM für Gesundheit und Frauen im Jänner 2016 veröffentlicht wurde, wird festgestellt, dass sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie – ausgehend von rund 165.000 Behandlungsbedürftigen Kindern und Jugendlichen in Österreich – strukturelle Defizite im Versorgungsangebot bestehen.

Umgelegt auf den aktuellen Bevölkerungsstand ergibt sich aus dem Österreichischen Strukturplan Gesundheit ein Bettenrichtwert für die Kinder- und Jugendpsychiatrie bundesweit ein Bedarf von 670 bis 1.089 Behandlungsbetten. Derzeit sind es rund 370.

Der Einsatz von Psychopharmaka ist in der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Tagesordnung, obwohl viele dieser Medikamente nicht für Minderjährige zugelassen wurden und es daher auch keine standardisierten produktbegleitenden Risikoinformationen der Hersteller gibt. Der Grundsatz „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen und Jugendliche keine großen Kinder“ gilt ohne Einschränkung.

In der Volksanwaltschaft haben „Kinderthemen“ und –Beschwerden genauso Platz wie die Sorgen der Erwachsenen. Auch wenn sich junge Menschen (Schülerinnen und Schüler) selbstständig und direkt an die Volksanwaltschaft wenden können, so liegt es an uns, vielfach proaktiv – oft sind es System- und Strukturmängel – tätig zu werden. Kein Bereich ist uns dabei zu klein oder zu groß.

Volksanwältin Dr.in Gertrude Brinek

wurde am 4. Februar 1952 in Hollabrunn (Niederösterreich) geboren. Sie absolvierte ihre Ausbildung unter anderem an der Pädagogischen Akademie des Bundes und der Universität Wien. Dort studierte sie Pädagogik, Psychologie und Kunstgeschichte und schloss mit dem Doktorat in Pädagogik ab. Nach zehnjähriger Lehrtätigkeit an Wiener Volks- und Hauptschulen verlagerte Brinek ihren beruflichen Schwerpunkt 1983 an die Universität Wien, wo sie zuletzt eine Assistenzprofessur am Institut für Bildungswissenschaften inne hatte.

Von 1988 bis 1990 und von 1994 bis 2008 war Gertrude Brinek Abgeordnete zum Nationalrat mit einem Schwerpunkt in der Wissenschafts- und Bildungspolitik. Darüber hinaus war sie in zahlreichen parlamentarischen Ausschüssen tätig, unter anderem im Menschenrechts- und Justizausschuss. Am 14. Juli 2008 wurde Brinek erstmals und am 26. Juni 2013 ein weiteres Mal vom Bundespräsidenten als Volksanwältin angelobt.

Auf Bundesebene ist sie für Steuern, Gebühren, Abgaben, die Justizverwaltung, Staatsanwaltschaften  und Denkmalschutz zuständig. Auf Landesebene prüft Brinek die Gemeindeverwaltungen und alle kommunalen Angelegenheiten (Raumordnung, Baurecht, Wohn- und Siedlungswesen, Landes- und Gemeindestraßen) sowie die Friedhofsverwaltung und kommunale oder städtische Verkehrsbetriebe.

Mag.a pharm. Dr.in Irene Promussas

Von: Mag.a pharm. Dr.in Irene Promussas

Abschaffung oder Erhalt der Sonderschule?

Mit Jahresbeginn 2017 kommt plötzlich ruckartig Bewegung in das Thema Inklusion.
Kaum erfahren wir von Lobby4kids davon, dass Stadträtin Frauenberger zum Beispiel sie auf die oberste
Agenda gesetzt hat, gibt es auch schon eine Personalrochade bei der SPÖ – wobei uns der Wechsel
von der Integration in die Gesundheit nicht stört, ist doch Inklusion ein Thema für beide Ressorts.
Jedenfalls gäbe es derzeit beinahe täglich ein bis zwei Termine wahrzunehmen.
Wie gut, dass das Netzwerk inzwischen so gut funktioniert, dass sich auch Mitglieder außerhalb des Vorstandes anbieten, Veranstaltungen wahrzunehmen.

Quelle: PKM Newsletter

Abschaffung oder Erhalt der Sonderschule?

Mit Jahresbeginn 2017 kommt plötzlich ruckartig Bewegung in das Thema Inklusion.
Kaum erfahren wir von Lobby4kids davon, dass Stadträtin Frauenberger zum Beispiel sie auf die oberste
Agenda gesetzt hat, gibt es auch schon eine Personalrochade bei der SPÖ – wobei uns der Wechsel
von der Integration in die Gesundheit nicht stört, ist doch Inklusion ein Thema für beide Ressorts.
Jedenfalls gäbe es derzeit beinahe täglich ein bis zwei Termine wahrzunehmen.
Wie gut, dass das Netzwerk inzwischen so gut funktioniert, dass sich auch Mitglieder außerhalb des Vorstandes anbieten, Veranstaltungen wahrzunehmen. 

Eine davon hielten die Neos Mitte Jänner ab. Zwar fehlte laut Beobachterinnen ein bisschen der
Gestaltungswille, jedoch kamen alle zu Wort, BefürworterInnen wie GegnerInnen des inklusiven
Systems. Bald darauf war in den Medien zu lesen, dass Ministerin Hammerschmid nun die
endgültige Abschaffung der Sonderschulen verkündet, was, wie erwartet, einen Sturm der
Entrüstung nach sich zog. Eigentlich erstaunlich, denn dieser Gedanke ist weder neu, noch stammt
er von der Ministerin selber. Auf Rückfrage bei den Medien erfahrt frau, dass es den gut
recherchierenden JournalistInnen sehr wohl bewusst ist, dass es sich hier um einen lang gehegten
Plan in Verbindung mit der Umsetzung der UN-Konvention für Menschen mit Behinderungen,
Artikel 24, handelt – allerdings werden auch die Journalistinnen das Gefühl nicht los, dass man
versucht, sich eine Hintertüre offen zu lassen, indem man bewusst auf die Aufzeigung der
Zusammenhänge verzichtet.
Schon fürchten besorgte Eltern um ihren geschützten Schulplatz, was
verständlich ist, wenn Integrationsversuche in Regelklassen in der Vergangenheit missglückt sind.

Auch die Lebenshilfe weist auf die eigentlich Gefahr hin: Das inklusive System ist absolut zu
begrüßen, aber man kann es nicht naiv angehen und die Sonderschulen abschaffen, bevor genügend
Ressourcen für die inklusive Schule bereit gestellt worden sind.
Das ist aber genau das, was momentan passiert: Kinder mit chronische Erkrankungen und Behinderungen werden einfach in Regelklassen hineingestellt und die PädagogInnen damit komplett überfordert, oder sie werden derzeit noch exkludiert, weil Grundlagen und auch der gute Wille fehlen.

Mehr Sorgen als die Abschaffung eines segregierendes Systems macht aber die PädagogInennausbildung neu, die in keiner Weise Ersatz für die echte Ausbildung von SonderpädagogInnen ist, vor allem, da gerade
medizinische Ausbildungsteile empfindlich gekürzt wurden.
Wir wünschen uns, dass Sonderschulen mit ihren tollen Einrichtungen und Angeboten sich inklusiv öffnen für alle Kinder (umgekehrte Inklusion), dass bei der Ausbildung neu nachgebessert wird und dass die Deckelung von 2,7 viele Kinder, die den sonderpädagogischen Förderbedarf brauchen, würden sonst darum umfallen, während darauf geachtet werden muss, dass Kinder mit Migrationshintergrund und sprachlichen
Anfangsschwierigkeiten nicht mehr dazu gezählt werden. Jedes Kind muss die Unterstützung
bekommen, die es benötigt – nur dann kann Inklusion gelingen.

Quelle: PKM Newsletter

Mag.a pharm. Dr.in Irene Promussas

geb. 1968, Pharmazeutin, promovierte Naturwissenschafterin, Fachjournal – Redakteurin.
Mutter zweier Kinder, eines davon mit seltener chronischer Stoffwechselerkrankung. Gründerin und Vorsitzende der SHG Lobby4kids – Kinderlobby, die sich v. a. mit den Anliegen von Kindern mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen befasst.

Mag. Markus Huber

Von: Mag. Markus Huber

Unterhaltsrecht vor neuen Herausforderungen

Jedes Kind hat Anspruch auf unterhaltsrechtliche Deckung seiner Lebensbedürfnisse. Die Gesetze und die Rechtsprechung schaffen ein stabiles rechtliches System, um eine Grundlage für diese Ansprüche zu bilden. Doch der gesellschaftliche Wandel und die flexiblere Gestaltung der familiären Verhältnisse stellen das Unterhaltsrecht vor neue Herausforderungen. Dies zeigt sich auch bei der Geltendmachung von Unterhaltsrückständen nach Änderungen der Obsorge und einem Wechsel des Aufenthaltes der Kinder.

 

Unterhaltsrecht vor neuen Herausforderungen

Jedes Kind hat Anspruch auf unterhaltsrechtliche Deckung seiner Lebensbedürfnisse. Die Gesetze und die Rechtsprechung schaffen ein stabiles rechtliches System, um eine Grundlage für diese Ansprüche zu bilden. Doch der gesellschaftliche Wandel und die flexiblere Gestaltung der familiären Verhältnisse stellen das Unterhaltsrecht vor neue Herausforderungen. Dies zeigt sich auch bei der Geltendmachung von Unterhaltsrückständen nach Änderungen der Obsorge und einem Wechsel des Aufenthaltes der Kinder.

Die unterhaltsrechtlichen Verpflichtungen sind zwischen den Eltern, die zum Unterhalt ihrer Kinder anteilig beizutragen haben, gesetzlich aufgeteilt. Während jener Elternteil, in dessen Haushalt die Kinder gepflegt und betreut werden, dadurch seinen Beitrag leistet, ist der nicht betreuende Elternteil zu Geldunterhaltsleistungen verpflichtet (§ 231 Abs 1 und 2 ABGB).

Unterhaltsansprüche können seit einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes (6 Ob 544/87) drei Jahre rückwirkend geltend gemacht, erhöht, aber auch eingeschränkt oder aufgehoben werden. Diese rückwirkende Geltendmachung ist aus dem Unterhaltsrecht nicht mehr wegzudenken. Die Rechtsprechung hatte das Problem, ob der Anspruch des minderjährigen Kindes nicht bereits durch die Leistung eines Dritten, insbesondere durch Leistung des betreuenden Elternteiles, getilgt war, zu lösen. So entwickelte der OGH ein „Modell“, das dem Minderjährigen im eigenen Namen die rückwirkende Geltendmachung im Außerstreitverfahren ermöglichte (3 Ob 606/90). Der betreuende Elternteil schießt im Zuge der Versorgung des Kindes Beträge vor, ohne für den anderen Elternteil leisten zu wollen sowie auch ohne Ersatz von ihm zu verlangen. Der Anspruch des Kindes bleibt in diesem Fall gegenüber dem Schuldner aufrecht.

„Darlehens-Modell“ für rückwirkende Geltendmachung
Das Kind behält daher den Unterhaltsanspruch, wenn der betreuende Elternteil dem Kind die Unterhaltsbeiträge schenkt oder vorschussweise leistet. Der OGH konstruierte eine „Darlehensvariante“: Der Elternteil leistet das Geld vorschussweise für das seiner Obsorge anvertraute Kind in der Absicht, dessen berechtigte Ansprüche nicht zum Erlöschen zu bringen und sich allenfalls nach Durchsetzung der unberührt gebliebenen Unterhaltsansprüche des Kindes Ausgleich zu verschaffen.

Das von der Rechtsprechung entwickelte Modell ist aber nicht nur auf die Geltendmachung des Unterhalts für die Vergangenheit anzuwenden, sondern betrifft auch die Geltendmachung eines Unterhaltsrückstandes. Leistet der Geldunterhaltsschuldner den von ihm zu erbringenden Unterhalt nicht, muss der betreuende Elternteil den dadurch entstandenen Mehraufwand abdecken.

Die Konstruktion macht in Bezug auf die „Rückzahlung“ des Darlehens keine Probleme, solange das Kind beim betreuenden Elternteil bleibt, weil das Darlehen durch die Geldunterhaltsleistung „automatisch“ getilgt wird. Das Kind macht den Unterhaltsrückstand gegen den anderen Elternteil geltend und im Falle einer Bezahlung des Unterhaltsrückstandes kommt das Geld dem Kind und somit dem betreuenden Elternteil zu Gute.

Wechsel des Aufenthaltes des Kindes
Anders verhält es sich jedoch bei einem Wechsel des Aufenthaltes des Kindes zum anderen, ebenfalls oder nunmehr alleine obsorgeberechtigten Elternteil. In diesen Fällen möchte in der Regel der Elternteil, der in Vorlage getreten ist, den von ihm eingeräumten Darlehensbetrag zurück erhalten. In der Praxis stellt sich das Problem zumeist nicht in der Form, dass der den Vorschuss leistende Elternteil direkt gegen das Kind vorgeht. Vielmehr wird es schlagend, wenn das Kind vom Kinder- und Jugendhilfeträger im Unterhaltsverfahren nach § 208 Abs 2 ABGB oder § 9 Abs 2 UVG vertreten wird. Sämtliche – nicht selten im Exekutionswege eingebrachten - Unterhaltszahlungen gelangen an den Kinder- und Jugendhilfeträger, der anschließend für die Weiterleitung der Beträge zu sorgen hat.

Jener Elternteil, der nunmehr das Kind im Haushalt betreut, leistet den Unterhaltsrückstand an das Kind bzw. an den Kinder- und Jugendhilfeträger, der die Beträge aufgrund des Darlehens an den anderen Elternteil weiterleitet. Dem nunmehr betreuenden Elternteil steht somit weniger Geld für die Versorgung des Kindes zur Verfügung. Der Kinder- und Jugendhilfeträger agiert in einer schwierigen Rolle. Er muss die alten Unterhaltsrückstände vom nunmehr betreuenden Elternteil und gleichzeitig die laufenden Unterhaltsbeiträge vom ehemals betreuenden Elternteil einbringen.

In der Praxis treten immer mehr Fälle auf, in denen es zu Rückforderungen kommt. Es bedarf daher Lösungen zum Wohle des Kindes, zum Beispiel in Anwendung einer Zweifelsregel. Wenn sich aus dem Verhalten des den Vorschuss leistenden Elternteiles zum Zeitpunkt der Leistungserbringung nicht eindeutig ergibt, dass er das Geld von dem Kind zurück erhalten will, hat eine nachträgliche Forderung gegenüber dem Kind zu unterbleiben.

Der OGH kreierte die Darlehenskonstruktion, um dem Kind die Geltendmachung der Unterhaltsansprüche für die Vergangenheit im Außerstreitverfahren zu ermöglichen. Ziel war es, eine familienpolitisch vernünftige Lösung zu finden. Hierfür hat er so manche formale gesetzliche Voraussetzung für den Abschluss eines Darlehens durch einen Minderjährigen außer Acht gelassen. Wechselnde gesellschaftliche Rahmenbedingungen bringen aber neue Problemstellungen mit sich, auf die es gilt, Antworten zu finden.

Mag. Markus Huber

ist stellvertretender Geschäftsbereichsleiter der Volksanwaltschaft in Wien und war als Rechtsanwalt tätig.
Der Bereich des Familienrechts ist einer seiner Schwerpunkte. Er ist Verfasser von Fachpublikationen auf diesem Gebiet.

 

Mag.a Barbara Neudecker MA

Von: Mag.a Barbara Neudecker MA

Prozessbegleitung für Kinder und Jugendliche – neue Entwicklungen und alte Mythen

2015 hat sich im Bereich der Prozessbegleitung einiges getan: Die Fachstelle für Prozessbegleitung ist besonders stolz darauf, dass die neue Homepage für Prozessbegleitung für Kinder und Jugendliche und der Intranet-Bereich für ProzessbegleiterInnen endlich starten konnten. Beim bundesweiten Vernetzungstreffen im Juni, bei dem rund 50 ProzessbegleiterInnen aus dem Kinder- und Jugendbereich zusammenkamen, konnten die neuen Folder (und wenig später auch Plakate) für Kinder und Jugendliche vorgestellt werden.

Auch im Bereich der Ausbildung für psychosoziale ProzessbegleiterInnen gab es Neues: Die letzten beiden von der Fachstelle angebotene Ausbildungslehrgänge wurden abgeschlossen. Sie waren die letzten Lehrgänge, die ausschließlich auf den Kinder- und Jugendbereich ausgerichtet waren. Im Herbst 2015 startete die erste vom MZ.O organisierte Ausbildung, bei der ProzessbegleiterInnen des Kinder- und Jugendbereichs nunmehr mit KollegInnen, die bei häuslicher bzw. situativer Gewalt begleiten, gemeinsam geschult werden. Für 2016 sind weitere Kurse geplant, bei denen VertreterInnen der Fachstelle bzw. der Kinderschutzzentren als Vortragende beteiligt sind. Weiters ist vorgesehen, eine zweitägige Qualifizierung für juristische ProzessbegleiterInnen zu etablieren.


 

Prozessbegleitung für Kinder und Jugendliche – neue Entwicklungen und alte Mythen

2015 hat sich im Bereich der Prozessbegleitung einiges getan: Die Fachstelle für Prozessbegleitung ist besonders stolz darauf, dass die neue Homepage für Prozessbegleitung für Kinder und Jugendliche und der Intranet-Bereich für ProzessbegleiterInnen endlich starten konnten. Beim bundesweiten Vernetzungstreffen im Juni, bei dem rund 50 ProzessbegleiterInnen aus dem Kinder- und Jugendbereich zusammenkamen, konnten die neuen Folder (und wenig später auch Plakate) für Kinder und Jugendliche vorgestellt werden.

Auch im Bereich der Ausbildung für psychosoziale ProzessbegleiterInnen gab es Neues: Die letzten beiden von der Fachstelle angebotene Ausbildungslehrgänge wurden abgeschlossen. Sie waren die letzten Lehrgänge, die ausschließlich auf den Kinder- und Jugendbereich ausgerichtet waren. Im Herbst 2015 startete die erste vom MZ.O organisierte Ausbildung, bei der ProzessbegleiterInnen des Kinder- und Jugendbereichs nunmehr mit KollegInnen, die bei häuslicher bzw. situativer Gewalt begleiten, gemeinsam geschult werden. Für 2016 sind weitere Kurse geplant, bei denen VertreterInnen der Fachstelle bzw. der Kinderschutzzentren als Vortragende beteiligt sind. Weiters ist vorgesehen, eine zweitägige Qualifizierung für juristische ProzessbegleiterInnen zu etablieren.

Inhaltlich war das vergangene Jahr davon geprägt, dass die Umsetzung der EU-Richtlinie zur Stärkung der Opferrechte anstand und in einen Gesetzesentwurf mündete, zu dem die Fachstelle und viele Kinderschutzzentren kritisch Stellung nahmen. Das kommende Jahr wird zeigen, ob unsere Anregungen, wie den Bedürfnissen von minderjährigen Gewaltopfern im Rahmen der Justiz besser Rechnung getragen werden kann, in der Gesetzgebung berücksichtigt werden.

Erfreulich ist, dass die Kinderschutzzentren Liezen, Oberes Murtal und Bad Ischl/Gmunden, die mehrere Jahre lang keinen Fördervertrag mit dem BMJ hatten, nun wieder direkt vom BMJ gefördert werden, um Prozessbegleitung anzubieten.

2015 markiert aber auch einen Umbruch: Mit Sonja Wohlatz von der Beratungsstelle Tamar und Krista Mittelbach von der KiJa Steiermark gingen zwei Wegbereiterinnen der Prozessbegleitung in Ruhestand, denen wir in Hinblick auf die Entwicklung und Verbreitung der Prozessbegleitung viel zu verdanken haben. Aus diesem Grund begann die Fachstelle, mit Studierenden der Universität Wien „ZeitzeugInnen“ aus den Anfangszeiten der Prozessbegleitung zu befragen, um die Entstehungsgeschichte unseres Arbeitsbereiches besser erfassen und sichern zu können. Lässt man die mittlerweile fast 20 Jahre seit den Anfängen der Prozessbegleitung Revue passieren, so fällt auf, wie sehr sich die Verankerung der Prozessbegleitung bei Gericht und damit auch die Situation für Kinder und Jugendliche, die Gewalt oder sexuellen Missbrauch erlebt haben, geändert hat. Es wird aber auch deutlich, dass es Mythen und Vorbehalte gibt, die sich seit damals hartnäckig halten...

Mythos 1: Es ist nicht im Sinne des Kinderschutzes, Kinder im Strafverfahren zu begleiten – um Kinder zu schützen, müsste man Anzeigen und Gerichtsverfahren vermeiden, da sie Kindern nur schaden.
Es ist ohne Zweifel, dass ein Strafverfahren mit großen Belastungen für Kinder und Jugendliche verbunden ist: Die Opfer müssen vor Polizei und Gericht über belastende, intime, schambesetzte Inhalte aussagen, oft gibt es lange Wartezeiten, bis klar ist, wie das Verfahren ausgeht – und allzu oft enden die Verfahren nicht so, wie es im Sinne des Kindeswohls wünschenswert wäre. Aber: Trotz allem ist ein Strafverfahren ein wichtiges Mittel, um gegen Gewalt vorzugehen und das erlebte Unrecht öffentlich zu machen. In manchen Fällen ist eine Anzeige zur Sicherung des Kindeswohls sinnvoll und notwendig, in manchen Fällen, um TäterInnen Einhalt zu gebieten.
Deswegen entscheiden sich viele Mädchen und Burschen, nachdem sie über die Konsequenzen einer Anzeige und die danach folgenden Abläufe aufgeklärt wurden, trotz aller Widrigkeiten dafür. Andere Kinder haben nicht die Gelegenheit, sich für oder gegen eine Anzeige zu entscheiden, da jemand anderer – Eltern, die Kinder- und Jugendhilfe, ein Spital – diese Entscheidung getroffen hat. In beiden Fällen brauchen die Heranwachsenden (ebenso wie ihre Bezugspersonen) Unterstützung und Begleitung, damit sie dem Verfahren nicht ungeschützt ausgeliefert, sondern durch Information und Beratung gut vorbereitet sind.
Wenn Kinder gut begleitet sind, können nicht nur durch das Strafverfahren verursachte Belastungen reduziert werden – in vielen Fällen erwächst auch eine Chance daraus: Eine Verurteilung des Täters kann ein Opfer bestärken, dass es gut ist, sich gegen Unrecht zu wehren, dass es ernstgenommen wurde, dass es geschafft hat, sich aus der Abhängigkeit des Täters zu befreien.
Kinderschutz bedeutet nicht, Kinder grundsätzlich vor einem Gerichtsverfahren schützen zu müssen – Kinderschutz besteht auch in der Arbeit, Exekutive und Jusitz sensibel für die Bedürfnisse gewaltbetroffener Kinder und Jugendlicher zu machen.

Mythos 2: Ein Prozess stellt immer eine neuerliche Traumatisierung für gewaltbetroffene Kinder dar.
Tatsächlich machen ProzessbegleiterInnen immer wieder die Erfahrung, dass Gerichtsverfahren retraumatisierend für Opfer von Gewalt sein können. Doch zum einen lassen sich Verfahren manchmal nicht vermeiden, und zum anderen zeigen die Erfahrungen, dass es in der Prozessbegleitung viele Wirkfaktoren gibt, die (neuerlichen) Traumatisierungen vorbeugen können: das Wissen, den Prozess nicht alleine durchstehen zu müssen (und durch die juristische Prozessbegleitung auch anwaltliche Vertretung zu haben), die Information über die bevorstehenden Schritte in kindgerechter Sprache, die aktiven Bemühungen der ProzessbegleiterInnen für Kinderschonung bei Gericht (z.B. Vermeidung von Zusammentreffen mit dem Beschuldigten), Vor- und Nachbereitung wichtiger Ereignisse, Bearbeiten von Sorgen und Befürchtungen oder auch stabilisierende Interventionen,...
Unter Umständen kann es vorkommen, dass durch die Prozessbegleitung während des Strafverfahrens so viel innere Auseinandersetzung mit der Gewalt- oder Missbrauchserfahrung erfolgt, dass auf eine traumaspezifische Psychotherapie zur Aufarbeitung des Erlebten (vorerst) verzichtet werden kann.

Mythos 3: Warum schickt man Kinder in ein Gerichtsverfahren, wenn doch nie was dabei rauskommt?
Ja, auch für ProzessbegleiterInnen sind die Entscheidungen der Gerichte oft nur schwer nachvollziehbar. Die Behauptung, dass TäterInnen nie verurteilt werden, ist allerdings nicht haltbar. In vielen Fällen kommt es zu Verfahrenseinstellungen, weil die Opfer nicht in der Lage sind, eine Aussage über das Geschehene zu machen. Ein Schuldspruch ist dann wahrscheinlicher, wenn OpferzeugInnen durch gute Begleitung ermutigt werden, gegen den Beschuldigten auszusagen.
Aber auch bei einer Verfahrenseinstellung oder einem Freispruch bereuen Opfer die Anzeige häufig nicht, wenn sie das Gefühl haben, von der Polizei und vom Gericht ernstgenommen worden zu sein oder wenn sie stolz auf ihre eigene Stärke sein können. Manche Opfer sagen nach einem Prozess: „Ich wollte eigentlich eh nicht, dass er eine Strafe bekommt. Aber dass es jetzt alle wissen und dass er von der Polizei und dem Gericht befragt wurde, das war mir wichtig!“

Mythos 4: Prozessbegleitung drängt Kinder dazu, bei sexuellem Missbrauch oder Gewalt Anzeige zu erstatten.
Es ist nicht Aufgabe von Prozessbegleitung, eine Anzeige zu forcieren oder von einer Anzeige abzuraten. ProzessbegleiterInnen helfen Kindern und Jugendlichen zu verstehen, welche Folgen eine Anzeige hat, wie ein Gerichtsverfahren abläuft und welche möglichen Verfahrensausgänge zu erwarten sind. Sie bearbeiten die Ängste, Erwartungen und Hoffnungen, die mit dieser Entscheidung verbunden sind. Sie klären OpferzeugInnen kind- und entwicklungsgerecht über ihre Rechte auf, aber auch darüber, welche belastenden Erfahrungen ihnen bevorstehen. Sie geben dem Opfer Raum, Für und Wider einer Anzeige gegeneinander abzuwägen und ambivalente Gefühle zu ordnen. Kurz gesagt: ProzessbegleiterInnen ermächtigen Kinder und Jugendliche, selbst die Entscheidung treffen zu können, was für sie das Beste ist. Ein entsprechender Beratungsprozess erfolgt auch mit den obsorgeberechtigten Personen, die ja in der Regel bei Kindern über eine Anzeige entscheiden. Auch sie sollen befähigt werden, Entscheidungen zu treffen, die im Sinne des Kindeswohles sind.

Diese Vorbehalte sind Ausdruck der Befürchtung, dass Kinder, die ohnehin schon Gewalt und Missbrauch erleben mussten, in einem Strafverfahren nicht ausreichend geschützt werden. Es gibt aber auch Mythen, die anderen Bedenken entspringen:

Mythos 5: Prozessbegleitung beeinflusst die Aussagen der Kinder.
Immer wieder zeigen sich Verteidiger oder VertreterInnen der Justizbehörden überrascht darüber, wie selbstbewusst und gründlich manche Mädchen oder Buben bei ihrer Vernehmung aussagen. Rasch entsteht der Verdacht, die Aussage wäre mit der Prozessbegleitung einstudiert worden bzw. wäre dem Opfer nahegelegt worden, welche Antworten es auf bestimmte Fragen geben soll.
Es ist nicht Aufgabe von Prozessbegleitung, auf eine „gute“ Aussage des Opfers hinzuarbeiten (es ist auch nicht Aufgabe von Prozessbegleitung, das Opfer zu einer Aussage zu bewegen, falls es nicht aussagen will). Das Opfer wird in der Vorbereitung lediglich darauf vorbereitet, in welchem Rahmen die Befragung erfolgt, welche Informationen für das Gericht wichtig sind und mit welchen Fragen zu rechnen ist.
Aus verschiedenen Gründen zielen ProzessbegleiterInnen nicht darauf ab, dass in den Beratungsgesprächen explizit über die Gewalthandlungen gesprochen wird. Auch dies reduziert die Gefahr einer inhaltlichen Beeinflussung.
Prozessbegleitung ist weniger ein Risiko als eher Garantie dafür, dass Kinder nicht auf suggestive, manipulierende Weise auf ihre Aussage vorbereitet werden.
ProzessbegleiterInnen beeinflussen den Inhalt der Aussage also nicht. Was aber häufig bei Einvernahmen spürbar wird ist, dass ZeugInnen, die wissen, was sie erwartet und dass sie Unterstützung haben, leichter eine sichere und klare Aussage machen können.

Mythos 6: Prozessbegleitung ist ein Eingriff und beeinflusst den Verlauf des Verfahrens.
Mitunter ist folgender Einwand gegen Prozessbegleitung zu hören: „Also, wenn Prozessbegleitung verängstigte Kinder so stärkt und ermutigt, dass sie eine Aussage machen und Kinder, die wegen ihrer Loyalitätskonflikte keine Aussage gemacht hätten, von diesen so weit entlasten, dass sie doch gegen ihren Vater aussagen, dann ist das doch eine massive Beeinflussung des Prozesses! Dass Kinder, die Angst vor den Konsequenzen haben, nicht gegen ihren Vater aussagen wollen, ist einfach eine Realität, die wir bei Gericht zu akzeptieren haben.“ (Eine ähnliche Argumentation besteht darin, dass Opferrechte nicht so stark ausgeweitet werden dürften, dass sie zu einer Einschränkung der Beschuldigtenrechte führen bzw. dass „Waffengleichheit“ zwischen beiden Seiten bestehen müsste.)
Der Vorwurf, dass Prozessbegleitung die Opfer so sehr stabilisiert und stärkt, dass sie im Verfahren anders auftreten, lässt sich tatsächlich kaum entkräften. Im Gegenteil: Er ist eine Bestätigung dafür, dass Prozessbegleitung ihren Zweck erfüllt. Würde Prozessbegleitung die Opfer nicht stärken, wäre sie wirkungslos und jenen Stimmen, die Strafverfahren als unzumutbar und retraumatisierend für gewaltbetroffene Kinder betrachten, müsste doch wieder beigepflichtet werden.

Kehren wir abschließend zum ersten Mythos zurück, dass „richtiger“ Kinderschutz bei Gewalt und sexuellem Missbrauch jedenfalls darin bestehen müsste, Kinder davor zu bewahren, einem Strafverfahren ausgesetzt zu werden. Professioneller Kinderschutz und professionelle Prozessbegleitung zeichnen sich dadurch aus, keine pauschalen Haltungen zu vertreten (Jeder Fall muss angezeigt werden!/Eine Anzeige ist immer zu vermeiden!), sondern in jedem Fall individuell zu entscheiden, ob eine Anzeige ein sinnvolles und notwendiges Mittel zur Sicherung des Kindeswohles darstellt oder nicht.

Mag.a Barbara Neudecker MA

Psychotherapeutin (IP) und psychoanalytisch-pädagogische Erziehungsberaterin (APP), Leiterin der Fachstelle für Prozessbegleitung für Kinder und Jugendliche im Bundesverband der Österreichischen Kinderschutzzentren, Lehrbeauftragte u.a. an den Universitäten Wien und Innsbruck, eigene Praxis

Mag. Franz Maier

Von: Mag. Franz Maier

NATURLAND – KNIGGE

Anstatt vor dem Fernseher oder Computer zu sitzen, ist es doch viel schöner seine Zeit im Freien zu verbringen. Da die Natur viele wichtige Leistungen für uns erbringt – und das oft gratis –, ist ihr Schutz besonders wichtig. Eine intakte Natur versorgt uns mit sogenannten Ökosystemleistungen. Sie ist Grundstein und Motor für die scheinbar kostenlosen und unbegrenzt verfügbaren Leistungen, die die Basis zur Erfüllung der grundlegenden Bedürfnisse von uns Menschen schaffen. Dazu zählen Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser, fruchtbare Böden zur Produktion von gesunden Nahrungsmitteln, Blütenbestäubung, eine hohe Luftqualität und Erholung.

Natur mit Respekt genießen
Niederösterreich besticht durch seinen Artenreichtum und seine Naturraum-Vielfalt. Ausflüge in die Natur sind beliebt – vor allem auch mit und bei Kindern. Sie sorgen für einen guten Ausgleich zum stressigen Berufs- und Schulalltag. Um die Natur mit Respekt genießen zu können, gibt es nun das praktische Nachschlagewerk „Naturland-Knigge“. Für alle, die sich schon einmal gefragt haben, ob man Wildobst sammeln oder Schwammerl Ende nie suchen darf, liefert der Naturland-Knigge spannende Antworten.
Die Sammlung wird laufend ergänzt und erweitert.

 

NATURLAND – KNIGGE

Anstatt vor dem Fernseher oder Computer zu sitzen, ist es doch viel schöner seine Zeit im Freien zu verbringen. Da die Natur viele wichtige Leistungen für uns erbringt – und das oft gratis –, ist ihr Schutz besonders wichtig. Eine intakte Natur versorgt uns mit sogenannten Ökosystemleistungen. Sie ist Grundstein und Motor für die scheinbar kostenlosen und unbegrenzt verfügbaren Leistungen, die die Basis zur Erfüllung der grundlegenden Bedürfnisse von uns Menschen schaffen. Dazu zählen Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser, fruchtbare Böden zur Produktion von gesunden Nahrungsmitteln, Blütenbestäubung, eine hohe Luftqualität und Erholung.

Natur mit Respekt genießen
Niederösterreich besticht durch seinen Artenreichtum und seine Naturraum-Vielfalt. Ausflüge in die Natur sind beliebt – vor allem auch mit und bei Kindern. Sie sorgen für einen guten Ausgleich zum stressigen Berufs- und Schulalltag. Um die Natur mit Respekt genießen zu können, gibt es nun das praktische Nachschlagewerk „Naturland-Knigge“. Für alle, die sich schon einmal gefragt haben, ob man Wildobst sammeln oder Schwammerl Ende nie suchen darf, liefert der Naturland-Knigge spannende Antworten.
Die Sammlung wird laufend ergänzt und erweitert.

Blumenpflücken erlaubt?
Wild wachsende Pflanzen und Pilze sind in Niederösterreich grundsätzlich geschützt. Sie dürfen nicht mutwillig beschädigt oder vernichtet werden. Das NÖ Naturschutzgesetz kennt im § 17 jedoch die sogenannte Handstrauß-Regel. Das Pflücken für den persönlichen Bedarf ist im Ausmaß eines Handstraußes erlaubt – das ist eine Pflanzenmenge, deren Stängel von Daumen und Zeigefinger umfasst werden können. Ausgenommen sind davon Pflanzen, die unter speziellem Schutz stehen. Enzian, Küchenschellen oder Adonisröschen auszureißen, ist beispielsweise verboten. Eine Liste der vollkommen oder teilweise geschützten Pflanzen findet sich in der NÖ Artenschutzverordnung (im Rechtsinformationssystem (RIS) unter www.ris.bka.gv.at abrufbar). Zu beachten sind aber auch privatrechtliche Bestimmungen!

Ist Pilze sammeln in Niederösterreich überall erlaubt?
Wenn es keine Verbotsschilder gibt oder man nicht in einem Naturschutzgebiet mit besonderen Bestimmungen unterwegs ist, ist das Sammeln von Pilzen zum Eigenbedarf bis 2 kg erlaubt. Grundsätzlich gehören die „Früchte des Grundes“ dem Waldeigentümer/der Waldeigentümerin, die das Sammeln verbieten oder einschränken kann. In geschützten Gebieten wie Nationalparks, Naturschutzgebieten und Co kann das Pilze sammeln beschränkt oder verboten sein. Grundsätzlich sollte man sich vorab informieren, ob das „angestrebte Suchgebiet“ in einem Schutzgebiet mit Sonderbestimmungen liegt.

Zweige schneiden? Deko-Material aus der Natur
Trotz der Handstrauß-Regel sollten auch Arten, die nicht explizit gesetzlich geschützt sind, nicht unnötig belastet werden. Dazu gehört beispielsweise der richtige Schnitt bei Zweigen. Am besten eignen sich ein scharfes Messer oder eine Gartenschere – natürlich sollte diese Arbeit von einem Erwachsenen vorgenommen werden. Zweige sollten nicht einfach abgerissen werden, dadurch kann nämlich die gesamte Pflanze Schaden nehmen. Gerade im Spätherbst und Winter fallen im Garten durch das Verjüngen und Schneiden von Sträuchern und das Veredeln von Bäumen genug Naturmaterialien an, um damit die Wohnung zu dekorieren.

Bewohner nicht stören
Viele Bäume, Büsche oder andere Pflanzen sind Heimat von verschiedenen Tierarten, vor allem Vogelnester sollten unbedingt in Ruhe gelassen werden. Beim Schneiden von Bäumen und Sträucher ist es daher wichtig, auf vorhandene Vogelnester zu achten. Viele Vogelarten bewohnen ihre Nester über mehrere Jahre. Gerade im Frühjahr kann auch schon die Brut begonnen haben.

Besondere Bestimmungen
Schutzgebiete, wie beispielsweise Nationalparks, Naturparks oder auch Biosphärenparks, haben eigene Bestimmungen, die das Verhalten im Gebiet regeln. So ist das Sammeln von Früchten und Material beispielsweise in den Kernzonen des Biosphärenparks Wienerwald verboten. Die Kernzonen sind beschildert und als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Im restlichen Biosphärenpark Wienerwald dürfen bis zu 2 Kilogramm pro Person und Tag gesammelt werden.

Im Nationalpark Donau-Auen dürfen die Wege nicht verlassen werden. Wer dieses Wegegebot einhält, darf Beeren, Früchte und Naturmaterialien für den Eigenbedarf sammeln. Grundsätzlich wird aber darum gebeten, darauf zu verzichten.
Im Nationalpark Thayatal und im Wildnisgebiet Dürrenstein ist das Sammeln generell untersagt.

Radfahren im Naturland Niederösterreich
Das Forstgesetz ermöglicht allen, den Wald zu Erholungszwecken zu betreten und sich dort aufzuhalten. Das generelle Befahren – auch mit dem Fahrrad – ist aber verboten. Landwirtschaftlich genutzte Flächen und auch Waldgrundstücke dürfen nur mit Zustimmung und Erlaubnis des Grundeigentümers/der Grundeigentümerin befahren werden. Oft gibt es ausgewiesene Mountainbike-Strecken, die natürlich auch ohne explizite Genehmigung benützt werden dürfen. Die Plattform „Mountainbiken im Biosphärenpark Wienerwald“ zeigt mit einem vorbildlichen Projekt, wie eine konfliktfreie Nutzung funktionieren kann.

Hunde an die Leine?
Um Gefahren für Wildtiere und ebenso für den Hund zu vermeiden, sollten Hunde im Wald, auf der Wiese und auf Feldern an der Leine geführt werden. In gekennzeichneten Freilaufzonen dürfen die Vierbeiner ohne Leine toben und spielen. In manchen Naturschutzgebieten ist die Mitnahme von Hunden aber generell verboten. Einen vorgeschriebenen Leinenzwang laut Gesetz gibt es in Niederösterreich innerhalb von Ortsgebieten.

Viele Gebiete, die unter Naturschutz stehen, haben für Hundebesitzerinnen/Hundebesitzer eigene Regelungen, damit Konflikte vermieden werden können. Also wenn Sie einen Ausflug mit Hund planen, empfiehlt es sich vorab zu recherchieren, ob Hunde generell erlaubt sind bzw. ob sie Leine und/oder Maulkorb tragen müssen. Hunde mit erhöhtem Gefährdungspotenzial müssen laut NÖ Hundehaltergesetz sowohl mit Leine als auch Maulkorb geführt werden. Generell gilt, dass die Menschen dafür Sorge tragen müssen, dass ihre Hunde keine Menschen oder Tiere belästigen.

Erholung in der Natur ist unbezahlbar – um ungetrübtes Naturvergnügen genießen zu können, sollte man sich an die „Benimmregeln“ im Naturland NÖ halten! Viel Spaß bei allen Unternehmungen im Grünen!

Den Naturland-Knigge und weitere spannende Informationen über das Naturland Niederösterreich findet man unter www.naturland-noe.at!

Mag. Franz Maier

hat Biologie studiert und ist Leiter des Bereichs Natur & Ressourcen in der Energie- und Umweltagentur NÖ sowie Präsident des Umweltdachverbandes.

Dipl. Ing. Petra Eichlinger

Von: Dipl. Ing. Petra Eichlinger

Ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper, sagt man – und wie wirkt sich der gebaute Raum auf Geist und Körper aus?

„Raum und Licht und Ordnung. Das sind Dinge, die der Mensch genauso braucht wie Brot oder einen Platz zum Schlafen“ urteilte einst der französische Architekt und Stadtplaner Le Corbusier und legte damit klar, dass die Diskussion über Architektur weit über funktionelle Belange, Ästhetik oder Geschmacksfragen hinaus zu gehen hat. Anlässlich der alljährlichen Auslobung des Kinderrechtspreises, möchte ich darüber reflektieren, ob architektonisch qualitätsvolle Räume Kindern und Jugendlichen ein Angebot unterbreiten kann, dass sie auf ihrem persönlichen Weg zur Selbstfindung und Selbstbehauptung zu unterstützen vermag?
 

Ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper, sagt man – und wie wirkt sich der gebaute Raum auf Geist und Körper aus?

„Raum und Licht und Ordnung. Das sind Dinge, die der Mensch genauso braucht wie Brot oder einen Platz zum Schlafen“ urteilte einst der französische Architekt und Stadtplaner Le Corbusier und legte damit klar, dass die Diskussion über Architektur weit über funktionelle Belange, Ästhetik oder Geschmacksfragen hinaus zu gehen hat. Anlässlich der alljährlichen Auslobung des Kinderrechtspreises, möchte ich darüber reflektieren, ob architektonisch qualitätsvolle Räume Kindern und Jugendlichen ein Angebot unterbreiten kann, dass sie auf ihrem persönlichen Weg zur Selbstfindung und Selbstbehauptung zu unterstützen vermag?

Jeder der sich einmal in einem Raum wiedergefunden hat, der all seine persönlichen Ansprüche an diesen allumfassend erfüllt hat, wird erfahren haben, wie bewusst oder unbewusst die Aura dieses Raumes sein persönliches Wohlbefinden positiv beeinflusst oder gar gesteigert hat. Dieses Phänomen, dass der gebaute Raum die Stimmung desjenigen der sich in ihm aufhält  zu heben und positiv zu emotionalisieren vermag, möchte ich als eine der grundlegendsten Ansprüche an gelungene Architektur und damit an die Überwindung des reinen Bauens bezeichnen. Mit diesem Anspruch bzw. Können unterscheidet sich qualitätsvolle Architektur von bloßem Gebautem, welches nicht vermag, den Nutzer positiv zu aktivieren oder gar zu beflügeln. Die Aufgabe eines Planers, der Räume für Kinder oder Jugendliche schafft, ist es daher, nicht nur ein funktionales und formalästhetisches Objekt zu entwerfen, sondern eine Umgebung zu verwirklichen, die Sicherheit und Vertrautheit schafft wie auch sozialen Interaktionen einen entsprechenden Rahmen gibt. Kreativ sein, heißt sich über gewohnte Denk-und Handlungsmuster hinaus betätigen und  entfalten zu können. Kinder zu motivieren, diese Grenzen im Kopf zu überschreiten, sodass sie zu selbstbestimmten, gefestigten und engagierten Persönlichkeiten heranwachsen können, ist eine der vordringlichsten Verpflichtungen und Herausforderungen unserer Gesellschaft, der wir uns täglich aufs Neue zu stellen haben. Dabei kommt die Frage auf - was kann Architektur leisten, um dieser Aufgabe nachzukommen und diesen Prozess zu unterstützen und möglich zu machen?

Mit Niederösterreichs gesetzlicher Entscheidung, das Kindergartenalter von 3 auf 2,5 Jahre zu senken, war schlagartig der Bedarf nach zusätzlichen Betreuungsplätzen gegeben. In einer daraus resultierenden baulichen Offensive zwischen 2008 und 2011 entstanden Kindergärten von höchstem architektonischen Anspruch und räumlicher Qualität. Gesellschaftlich betrachtet nicht gestalterischer Luxus, sondern soziale Notwendigkeit, denn Kindergärten sind über weite Strecken des frühen Lebensweges eines Kindes genau jene Welt, in der sie sich, erstmals getrennt von ihren Eltern und Bezugspersonen, zurechtfinden und ein Gefühl der Sicherheit entwickeln müssen. Mehr noch, diese Räume müssen Kindern helfen, Ängste zu überwinden und seelischen Halt zu geben. Fragt man sich, was solche gebauten Räume auszeichnet, oder welchen Kriterien Architektur generell entsprechen muss, um dieser Aufgabe überhaupt gerecht werden zu können, wird man zu folgenden Erkenntnissen gelangen.

Ein wichtiges Kriterium ist grundsätzlich ein Raumangebot unterschiedlichster Eigenschaften und Erlebbarkeit zu schaffen. Dieses muss das Bedürfnis nach persönlicher Entfaltung und Bewegungsdrang ebenso erfüllen können wie Rückzug, Ruhe und Geborgenheit ermöglichen – stets mit dem Ziel, sich lebendig, aktiv und auch in seinen Bedürfnissen ernst genommen zu fühlen. Frei nach seinen Wünschen entscheiden zu können, ist etwas, das den jungen Menschen stärken und robust werden lässt.

Als weiteren Aspekt sehe ich die Fähigkeit von Architektur, spielerisches Lernen und soziales Verhalten zu forcieren, in dem man eine räumliche Atmosphäre schafft, die den Vorgang des Lernens fördert. Glaubt man dem Gehirnforscher Prof. Gerald Hüther, der sagt, dass ohne positiver Gefühle kein entsprechender Lernerfolg möglich ist, wird klar, dass es zur langfristigen Verinnerlichung von Lerninhalten Begeisterung und Emotion braucht. Räume müssen also die emotionale Komponente ansprechen wie auch die Phantasie stimulieren, um die geistige Entwicklung eines Kindes unterstützten zu können. Damit Architektur auch zum spielerischen Erforschen und Erkunden anregen und damit zum Lernen animieren kann, braucht es außergewöhnliche Raumerlebnisse die alle Sinne ansprechen und Kinder beflügeln und inspirieren können. Lichtdurchflutet mit gezielten Sichtverbindungen intern und nach außen, beschützend und behaglich, wie offen, frei und großzügig zugleich müssen diese Orte sein, damit sich Kinder mit all ihren individuellen Interessen und Bedürfnissen darin wiederfinden können.

Neben dieser Voraussetzung zu einem hohen Aufforderungscharakter eines Raumes der entsprechende Wahrnehmungsimpulse setzt, bedarf es aber auch einer emotionalen Bindung und Identifikation des Kindes mit dem Ort. Identifizieren können heißt Bezug bekommen, denn wenn man sich nicht identifizieren kann, ist man auch nicht gewillt sich mit seinen Talenten, Fähigkeiten und seiner Kreativität einzubringen. Ein Gebäude soll demzufolge nicht nur eine extravagante Hülle sein, sondern im Denken des Kindes in einer Weise zu Leben erwachen und Raum für seine ganz persönliche Geschichte(n) bieten. Aus dieser Dynamik heraus kann Architektur bedeutungsvoll und zu einem Ort werden, der nicht nur Wohlbehagen spendet, sondern auch ein fester seelischer Anker im Leben eines Kindes darstellen kann.

All die Herausforderungen und Probleme eines Kindes auf seinem frühen Lebensweg bestmöglich zu meistern, vermag natürlich aber auch die beste architektonische Hülle nicht zu lösen. Doch allein schon mit dem Bestreben einer Gesellschaft, Bauten in denen die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen im Fokus stehen, mit dem höchstmöglichen Qualitätsanspruch verwirklichen zu wollen, bringt Kindern genau jene Wertigkeit und jenen Respekt entgegen, die ihnen in jedem Fall gebühren - sodass das Wort „Würde“, nicht nur der Konjunktiv von „werden“ ist.

Dipl. Ing. Petra Eichlinger

wurde am 28.08.1971 in Wien geboren und besuchte bis zu ihrem Abschluss im Jahr 1990 das Realgymnasium der Lehranstalt Mater Salvatoris in 1070 Wien. Nach dem Studium der Architektur an der TU in Wien folgte eine Mitarbeit in namhaften Architekturbüros im Bereich Entwurfs -und Ausführungsplanung sowie in der örtlichen Bauaufsicht.
Seit 2010 ist sie Leiterin der Abteilung Ortsbildpflege in der Baudirektion des Amtes der NÖ Landesregierung und Beiratsmitglied im ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich sowie Mitglied der Fachjury „Kunst im öffentlichen Raum“.

Mag. Dr. Martin PETER

Von: Mag. Dr. Martin PETER

Das Recht von Kindern auf Begabungsförderung

Sophie, Markus und Oskar sind 13 Jahre. Wie bei allen Kindern gibt es Dinge, die sie interessieren, und andere, für die sie gar kein oder nur wenig Interesse aufbringen. Sophie ist eine begnadete „Texterin“, mit ihren Texten hat sie schon Wettbewerbe gewonnen, und in der Online-Zeitung der Schule ist sie regelmäßig mit ihren Beiträgen vertreten. Anders bei Markus, den Schreiben nervt, der aber ein begeisterter Musiker ist und sein Talent in einer Band umsetzt. Und wieder anders bei Oskar, den seine Mitschüler einen Nerd nennen, weil er große Teile seiner Zeit mit dem Computer verbringt und für anderes als EDV kein Interesse zeigt. Dort aber kennt er sich aus und programmiert kleine Roboter.

Drei Kinder, drei Individuen, drei ganz unterschiedliche Begabungsschwerpunkte. Und in jedem von ihnen auch besondere Leistungen, die Sophie, Markus und Oskar erbringen. Die sind aber eben unterschiedlich: des einen Begabung ist für den anderen das Gegenteil.
 

Das Recht von Kindern auf Begabungsförderung

Sophie, Markus und Oskar sind 13 Jahre. Wie bei allen Kindern gibt es Dinge, die sie interessieren, und andere, für die sie gar kein oder nur wenig Interesse aufbringen. Sophie ist eine begnadete „Texterin“, mit ihren Texten hat sie schon Wettbewerbe gewonnen, und in der Online-Zeitung der Schule ist sie regelmäßig mit ihren Beiträgen vertreten. Anders bei Markus, den Schreiben nervt, der aber ein begeisterter Musiker ist und sein Talent in einer Band umsetzt. Und wieder anders bei Oskar, den seine Mitschüler einen Nerd nennen, weil er große Teile seiner Zeit mit dem Computer verbringt und für anderes als EDV kein Interesse zeigt. Dort aber kennt er sich aus und programmiert kleine Roboter.

Drei Kinder, drei Individuen, drei ganz unterschiedliche Begabungsschwerpunkte. Und in jedem von ihnen auch besondere Leistungen, die Sophie, Markus und Oskar erbringen. Die sind aber eben unterschiedlich: des einen Begabung ist für den anderen das Gegenteil.

Sophie, Markus und Oskar haben Glück: ihre Eltern sind stolz auf sie und unterstützen ihre Interessen. Und auch ihre Lehrer nehmen Rücksicht darauf: Oskar zum Beispiel kann dann, wenn die anderen in die Grundlagen der EDV eingeführt werden, seine Programmierkenntnisse vertiefen, indem er zum Beispiel am Unterricht höherer Schulstufen teilnimmt; die Deutschlehrerin trägt es Markus nicht nach, dass „das Schreiben und das Lesen noch nie sein Fach gewesen“ ist, weil sie weiß, dass das die Musik ist; dafür darf Sophie ihr Talent beim Schreiben in die Schülerzeitung „investieren und muss sich nicht mit den „Deutsch-Basics“ fadisieren.

Diese Situation ist keineswegs selbstverständlich. Viele Kinder leiden darunter, dass sie gezwungen werden, genau die Dinge zu trainieren, die sie wenig bis gar nicht interessieren, für die sie nicht begabt sind und mit denen sie daher auch kaum Erfolg haben. Statt ihren Stärken stehen ihre Schwächen im Vordergrund. Statt Erfolgen erleben diese Kinder fast nur Misserfolge. Statt besonderer Leistungen erbringen sie bestenfalls durchschnittliche. Drei Schülerinnen der Evangelischen Schule Berlin Zentrum haben ein Buch geschrieben, in dem sie auf genau diese Situation aufmerksam machen: „Da gibt es eine Presse, und da kommen wir Schüler rein, und dann drückt jemand drauf und quetscht zusammen und bringt uns in eine Form. Ob wir in diese Presse passen oder nicht. Ob wir uns wohlfühlen oder nicht: Wir sind wehrlos. Hilflos. … Wie wäre es, wenn man jeden so lernen ließe, wie es für ihn funktioniert? Da gibt es so viele Möglichkeiten. Vielleicht klappt lernen für manche einfach besser, wenn man mehr praktische Dinge tut. Wenn man erlebt und selbst kapiert, was da gerade vor sich geht.“ (Alma de Zarate/ Jamila Tressel/ Lara-Luna Ehrenschneider: Wie wir Schule machen – Lernen, wie es uns gefällt, Knaus Vlg. München 2014; S.42f.)

Der Neurobiologe und Begabungsforscher Gerald Hüther und der Pädagoge Uli Hauser betonen, dass jedes Kind Begabungen besitzt, allerdings besondere, die individuell sind und daher anders als bei den anderen: „Jedes Kind kommt also mit einem Gehirn zur Welt, mit dessen Hilfe es nicht nur seinen Körper und alle im Körper ablaufenden Prozesse optimal steuern kann, sondern mit dem es auch all das lernen kann, worauf es in seinem weiteren Leben ankommt. Deshalb verfügt jedes Kind über ein ganz besonderes, für die Organisation seines Körpers und für sein weiteres Wachstum und seine weitere Entwicklung optimal geeignetes Gehirn. Und so ist jedes Kind, jedes auf seine besondere Weise, hoch begabt.“ (Gerald Hüther/ Uli Hauser: Jedes Kind ist hoch begabt, Knaus, München 2012)

Folgt man diesem Denkansatz, so bedeutet das, dass jedes Kind auch ein Recht hat, dass seine individuellen Begabungen anerkannt werden, von ihm „gelebt“ werden dürfen und auch gefördert werden. Ein Recht, das noch immer, leider auch von professionell pädagogischer Seite, oft nicht eingeräumt wird – Ausnahmen siehe oben! Die Ursachen liegen in einem Missverständnis begründet: Pädagogisches Ziel ist es, aus den Schwächen von Kindern Stärken zu machen, um sie gut „auf’s Leben“ vorzubereiten: wer nicht gut lesen oder schreiben kann, muss genau das trainieren, und wer kein Gefühl für Musik hat, muss natürlich genau diesen fehlenden „Sinn“ ausgleichen und zumindest ein Instrument „perfekt“ beherrschen, und wem der „Sensus für die digitale Welt“ fehlt, muss genau diese entdecken und erforschen. Und als missverständliche D’raufgabe: denn dort, wo Kinder Stärken haben, setzen sich diese ja sowieso von selbst durch.

Genau dieser pädagogische Ansatz zielt aber in die falsche Richtung: wessen Schwächen „gefördert“ werden, wird nie Spitze werden, bestenfalls guter Durchschnitt. Vor allem aber: seine Potenziale verkümmern, seine Motivation wird „demotiviert“, sein möglicher Beitrag zum Ganzen der Gesellschaft, sei es auf wirtschaftlichem, auf künstlerischem oder auf anderen, nicht zuletzt auch auf sozialen Gebieten, bleibt ungenützt. Empirische Ergebnisse internationaler Studien belegen dies. Da in Österreich der „Stärkenansatz“ noch immer dem „Schwächenansatz“ weichen muss, gibt es laut TIMMS 2011 (Trends in Mathematics and Science Study) nur 2 Prozent Spitzenleistungen in Mathematik und Naturwissenschaft, und in der Lesekompetenz nur 5 Prozent, die eine hohe Kompetenzstufe ausweisen (vgl. PIRLS 2011, Progress in International Reading Literacy Study), ein im europäischen Vergleich letztklassiger Wert.

Dabei ist das Schulgesetz hier schon immer weiter gewesen. Im sogenannten Zielparagrafen (§ 2) des Schulorganisationsgesetzes 1962 heißt es: „Die österreichische Schule hat die Aufgabe, an der Entwicklung der Anlagen der Jugend … durch einen ihrer Entwicklungsstufe und ihrem Bildungsweg entsprechenden Unterricht mitzuwirken.“ Und der Grundsatzerlass zur Begabtenförderung des Bildungsministeriums aus dem Jahr 2009 sagt es noch deutlicher: „Im Sinne der Chancengerechtigkeit hat die Schule die Aufgabe, auch die Lern- und Entwicklungsbedürfnisse der (hoch)begabten Schüler/innen wahrzunehmen und ihnen mit adäquaten pädagogischen und organisatorischen Maßnahmen Rechnung zu tragen.“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen außer: Auf geht’s!

Mag. Dr. Martin PETER

geboren 1952, studierte Philosophie, Psychologie und Pädagogik sowie Germanistik und Theologie. Er ist Projektleiter der NÖ Begabtenakademie und arbeitet als freier Unternehmensberater in den Bereichen Training, Coaching, Mediation und Projektberatung. Zusätzlich nimmt er Lehraufträge an Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen wahr.

Gloria Dürnberger Stern

Von: Gloria Dürnberger Stern

Vom Recht der Kinder auf Liebe

9 Monate ist es alt. Das Wunder, das mich jeden Tag vor neue Herausforderungen und Aufgaben stellt. Mich    dazu zwingt über mich selbst und mein Leben – mein „Mensch-sein“ nachzudenken. Milo heißt dieses Wunder. Ein kleiner Mensch, der plötzlich da war. Erst war er 2,41mm groß. Und fast über Nacht so groß wie eine Melone. Ich habe in dieser Zeit des Wachsens viel darüber nachgedacht, was er  wohl von mir brauchen wird, hab nen heißen Schlitten von Kinderwagen für ihn ausgesucht und sein Zimmer geplant.      

Vom Recht der Kinder auf Liebe

9 Monate ist es alt. Das Wunder, das mich jeden Tag vor neue Herausforderungen und Aufgaben stellt. Mich dazu zwingt über mich selbst und mein Leben – mein „Mensch-sein“ nachzudenken. Milo heißt dieses Wunder. Ein kleiner Mensch, der plötzlich da war.
Erst war er 2,41mm groß.
Und fast über Nacht so groß wie eine Melone.
Ich habe in dieser Zeit des Wachsens viel darüber nachgedacht, was er  wohl von mir brauchen wird, hab nen heißen Schlitten von Kinderwagen für ihn ausgesucht und sein Zimmer geplant.

10% meiner Gefühle und Gedanken gehen in dieses kleine Wesen in meinem Bauch, ging es mir immer wieder durch den Kopf.
Und manchmal, wenn ich traurig war, war ich noch trauriger, weil ich wusste, dass sich mein Baby nicht wehren kann gegen meine Trauer.
Oder meine Wut. Meine Verzweiflung. Aber auch mein Glück, meine Fröhlichkeit, meine Freude über ihn, hat er mitbekommen.

Gleichzeitig habe ich darüber nachgedacht, wie es mir wohl in dieser Phase des Wachsens im Bauch meiner leiblichen Mutter ergangen ist.
An ihre zwei Selbstmordversuche während der Schwangerschaft, an das, was sie mir dadurch wohl von der Welt vermittelt hat. Und über den Wert meines eigenen Lebens.
Und mir ist bewusst geworden, dass es keinen tollen Kinderwagen und kein Wandtattoo braucht.
Dass ich meinem Kind aber eines schuldig bin, nämlich Liebe.
Das Wort Liebe vereint für mich so viele Dinge wie Geborgenheit, Anerkennung, Respekt diesem kleinen Wesen gegenüber, Sicherheit, gemeinsames Träumen, und, und, und...
Aber vor allem auch die Freude darüber, dass es da ist.
      
Ich habe mich entschieden für mein Kind und finde, dass es das Recht auf meine Liebe hat. Es muss mir nicht dankbar sein, dass ich es geboren habe.
Denn es war meine Entscheidung. Und ich trage die Verantwortung für diesen Schritt. Nicht mein Kind.

Nun gibt es zahlreiche Umstände wie man in die Welt kommen kann.
Und unzählige Komplikationen, Missverständnisse und schwierige Bedingungen. Ja, es ist nicht immer leicht. Ein Kind durchs Leben zu führen ist auch unter den besten Umständen eine Herausforderung, die einen immer wieder an seine eigenen Grenzen führt.   

Ich bin mit meinem Film „Das Kind in der Schachtel“ oft auf Tour gewesen und habe mit vielen verschiedenen Menschen darüber gesprochen was Kinder brauchen. Dabei hat mich eines besonders berührt:
Wie viele Menschen sich als Kinder nicht geliebt gefühlt haben. Gestandene Männer, die mir mit Tränen in den Augen erzählt haben, dass sie von ihren Eltern nicht gewollt wurden und dafür kaum Verständnis bekommen haben. Auch Jugendliche, die mir ihre Geschichten erzählt haben über ihren schweren Start ins Leben.
Auf der anderen Seite höre ich immer wieder Sätze wie „9 Monate Schwangerschaft kann man nicht aufholen.“ Oder: „Das Wichtigste ist die leibliche Mutter“. Wenn Sie mich fragen, das ist Schwachsinn!
Dabei meine ich nicht, dass die Zeit der Schwangerschaft nicht eine wichtige Zeit wäre. Und auch die ersten Lebensmonate sind sehr prägend, aber egal wie holprig das Leben vielleicht begonnen hat, es ist nie zu spät.  Liebe so kitschig es klingen mag, ist der Schlüssel. Und keine Leiblichkeit kann wettmachen, was an Liebe versäumt wird.

Wir sind es unseren Kindern schuldig, ihnen einen Ort zu ermöglichen, an dem sie geliebt werden. Mit allen Facetten und Farben, die dieses Wort beinhalten mag. Ein Kind, ohne Liebe, ist wie eine Pflanze ohne Wasser. Und nicht wir als Eltern haben das Recht über unsere Kinder zu verfügen, selbst wenn wir ihnen dabei Schaden zufügen. Sondern unsere Kinder haben das Recht auf Liebe.
Dabei ist es auch nicht wichtig ob dieser Ort der Liebe bei seiner leiblichen Mutter oder seinem leiblichen Vater, bei den Pflege- oder Adoptiveltern, bei homosexuellen Paaren, AlleinerzieherInnen, Großeltern oder Tanten und Onkeln ist.      
Wichtig ist meiner Erfahrung nach nur, dass es diesen Ort gibt. Und dass er frei verfügbar ist. Ohne Verknüpfungen und Bedingungen. Ohne, dass er als Form der Bestrafung entzogen wird.

Wenn ich am Ende eines Tages vollkommen erschöpft bin und mein kleiner Junge mich trotzdem immer weiter fordert, dann versuche ich mich selbst daran zu erinnern: Dass ich in meinem „Mama-sein“ nicht perfekt sein muss.
Dass ich nicht sofort auf alle Fragen Antworten und für alle Probleme Lösungen haben muss. Dass ich auch mal müde sein darf.
Aber ich bündle meine letzte Energie dazu, warm und greifbar zu bleiben. Ihn spüren zu lassen, dass meine  Überforderung, meine Müdigkeit nicht damit zu tun hat, dass er etwas falsch gemacht hat. Ihn spüren zu lassen, dass er auch in seinen schwierigen Momenten von mir geliebt wird. Und wenn ich am nächsten    Tag wieder ausgeruht bin und in dieses kleine, wundervolle Gesicht sehe, kann ich auch selbst wieder spüren wie glücklich ich darüber bin, dass es ihn gibt.      

Gloria Dürnberger Stern

geboren 1981 in Wien, lebt und arbeitet als Filmemacherin und Schauspielerin in Wien und Berlin.
Schauspielausbildung mit Bühnenreifeprüfung, sowie Studium der Theater­‐, Film- und Medienwissenschaft und Gender Studies.
Seit 2007 Arbeit als Filmemacherin. 2014 Kinotour mit dem Dokumentarfilm „Das Kind in der Schachtel“ durch Österreich.   

Oberst Rupert Schoißwohl, B.A.

Von: Oberst Rupert Schoißwohl, B.A.

Hasspostings

Eine moderne Gesellschaft nutzt die sozialen Medien in immer größerem Umfang, es war noch nie so leicht, seine eigene Meinung einer breiten Öffentlichkeit auf den verschiedenen Plattformen im Internet mitzuteilen. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene nutzen diese Medien in allen Lebensbereichen, sie wachsen damit auf und werden in diesen sozialisiert. Neben den unumstritten positiven Aspekten der sozialen Netzwerke hat sich jedoch auch ein neues, bedenkliches Phänomen entwickelt, die sogenannten „Hasspostings“.

Hasspostings

Eine moderne Gesellschaft nutzt die sozialen Medien in immer größerem Umfang, es war noch nie so leicht, seine eigene Meinung einer breiten Öffentlichkeit auf den verschiedenen Plattformen im Internet mitzuteilen. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene nutzen diese Medien in allen Lebensbereichen, sie wachsen damit auf und werden in diesen sozialisiert. Neben den unumstritten positiven Aspekten der sozialen Netzwerke hat sich jedoch auch ein neues, bedenkliches Phänomen entwickelt, die sogenannten „Hasspostings“.

Der Begriff selbst ist als ein politischer, mit mehr oder weniger strafrechtlichem Bezug, zu betrachten.
Die Exekutive und hier vor allem der Verfassungsschutz, bemerken derzeit einen deutlichen Anstieg von einschlägigen Delikten in diesem Bereich. Zu den unterschiedlichsten Themen werden in den sozialen Medien kontroverse Debatten geführt, die dann manchmal in die strafrechtliche Relevanz abgleiten. Es sind gerade politische Themen wie die Flüchtlingspolitik, aber auch Wahlkämpfe und dergleichen, über die hitzige, umstrittene, und manchmal auch rassistische und menschenverachtende Diskussionen geführt werden. Es werden aber zunehmend auch persönliche Konflikte in den sozialen Medien ausgetragen, oft mit dem Nebeneffekt, dass diese einem großen Personenkreis bekannt werden. Auch hier werden oft die Grenzen zwischen gerade noch erlaubten und strafrechtlichen Inhalten überschritten. Es sind Delikte wie Beleidigung, üble Nachrede, beides Delikte gegen die persönliche Ehre, bis zu gefährlichen Drohungen und Nötigungen, die hier begangen werden. Postings, die eine Verbreitung, Förderung oder Anstiftung zu Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, aggressiven Nationalismus oder die Diskriminierung von Minderheiten und MigrantInnen zum Ziel haben, sind ebenfalls strafbar. Wird zur Gewalt oder eine Aufstachelung zu Hass gegen bestimmte Personengruppen aufgefordert, oder diese Menschen in ihrer Menschenwürde verletzt, sie in der öffentlichen Meinung verächtlich gemacht, oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen oder Mord geleugnet oder gebilligt, dann liegt eine Verhetzung vor.

Sollte im Posting nationalsozialistisches Gedankengut verbreitet oder die Verbrechen des NS-Regimes geleugnet, verharmlost oder sogar gutgeheißen werden, kommt das Verbotsgesetz mit hohen Strafdrohungen zur Anwendung. Für diese Delikte wurde im Bundesministerium für Inneres eine eigene Meldestellen (ns-meldestelle(at)bvt.gv.at sowie stopextremists(at)bmi.gv.at ) eingerichtet, an welche die Wahrnehmungen weitergeleitet werden können. Nach einer rechtlichen Erstprüfung werden dann die notwendigen Ermittlungen eingeleitet. Gerade an den aktuellen Zahlen der NS-Meldestelle ist der rasante Anstieg an Hasspostings zu erkennen. Gingen im Jahr 2010 noch 290 Meldungen ein, so waren es 2015 bereits 3913 Hinweise, die zu bearbeiten waren. Aus diesen Hinweisen wurden von den Justizbehörden 513 Ermittlungsverfahren eingeleitet, die zu 44 Verurteilungen führten. Der Trend des Jahres 2016 zeigt aber eine weitere Steigerung in diesem Bereich. Neben diesem behördlichen Angebot haben auch das Mauthausen Komitee und die ISPA (Internet Service Provider Austria) Meldestellen eingerichtet, welche die Anzeige entgegennehmen und nach einer Prüfung an die Polizei weiterleiten.

Neben der rechtlichen Komponente ist aber auch der soziale Aspekt von Hasspostings bedeutsam. Sie tragen ihren Teil zur Polarisierung der Gesellschaft bei, da sie in der Regel radikale Positionen vertreten und durch ihre weite Verbreitung in den sozialen Medien somit einen „push“-Effekt für Botschaften aus diesen Lagern auslösen. Es ist leider zu befürchten, dass die zunehmend aggressivere Wortwahl auch zur Zunahme von tatsächlichen Taten führt, der Weg vom Wort zur Tat ist ja bekanntlich oft kurz.

Als wirksame Maßnahmen gegen Hasspostings haben sich Anzeigen gegen die Verfasser selbst, aber auch gegen die Medieninhaber der Internetauftritte erwiesen. Denn auch den Betreibern von sozialen Medien treffen Sorgfaltspflichten, sie haften unter gewissen Voraussetzungen für die Inhalte auf den von ihnen zur Verfügung gestellten Internetseiten und die Duldung von extremistischen Postings stellen sogenannte Medieninhaltsdelikte dar.  Da der Sitz dieser Unternehmen jedoch oft im Ausland ist, kommen die dort geltenden Rechtsvorschriften zur Anwendung und diese unterscheiden sich meist von den hier geltenden Rechtsnormen. Einige Medieninhaber haben sich aber freiwillig zu einer Art Selbstkontrolle verpflichtet und lassen Postings erst nach einer internen Prüfung veröffentlichen. Stellt man selbst einschlägige Einträge im Internet fest, so kann man neben der Meldung an die Behörden auch aktiv werden. Taktiken wären zum Beispiel die Diskussion, die Gegenrede, die Ironisierung oder die Moderation des Postings. Dies birgt aber die Gefahr in sich, dass man dann selbst Opfer von Beschimpfungen und Drohung werden kann.

Die Verantwortlichen in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen sollten ihre Schützlinge auch zu einem verantwortungsvollen Umgang miteinander im Internet hinführen. Sehr gute Tipps dazu bietet die Internetseite www.saferinternet.at des Österreichischen Institutes für angewandte Telekommunikation.

Oberst Rupert Schoißwohl, B.A.

geb. 1967, stv. Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz NÖ, Ausbildung zum Polizeibeamten, Sicherheitsakademie, FH Wiener Neustadt, uA Initiator von Präventionsprojekten (z.B. Verkehrssicheitsberatung in Berufsschulen), aktuell Vortragstätigkeit zu den Themen Radikalisierung und Extremismus.

Mag.a Heidi Eisingerich-Dillenz

Von: Mag.a Heidi Eisingerich-Dillenz

Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wenn Kinder erkranken

KiB children care, der Verein rund ums erkrankte Kind, unterstützt Eltern organisatorisch und finanziell bei der Betreuung ihrer erkrankten Kinder zu Hause und bei einem Krankenhausaufenthalt.
KiB ist Tag und Nacht unter 0 664 / 6 20 30 40 erreichbar. Das kurzfristige Organisieren einer Betreuung für das erkrankte Kind stellt berufstätige Eltern vor eine Herausforderung.

KiB organisiert Österreich weit Betreuungspersonen, die im „Fall des Falles“ rasch und unkompliziert als Notfallmamas einspringen. So können sich Kinder zu Hause in Ruhe auskurieren und der Kreislauf des raschen Wiederansteckens wird unterbrochen. KiB setzt sich für die Umsetzung der Rechte der Kinder im Krankenhaus ein, insbesondere der Umsetzung der zehn Punkte der EACH-Charta. 1986 wurde KiB als Elterninitiative gegründet, um die Mitaufnahme der Eltern als Begleitperson ihrer Kinder im Krankenhaus möglich zu machen. Die EACH-Charta beschreibt die Rechte aller Kinder vor, während und nach einem Krankenhausaufenthalt. KiB vertritt Österreich bei EACH (European Association for Children in Hospital), dem europaweiten Dachverband gemeinnütziger Organisationen, die sich für das Wohl der Kinder im Krankenhaus einsetzen. Obwohl im Kinder- und Jugendgesundheitsbereich bereits vieles verbessert wurde, gilt es weiterhin, an der Umsetzung der Rechte der Kinder im Krankenhaus zu arbeiten.
Eltern haben nach wie vor oft hohe Kosten (Selbstbehalt und Begleitkosten) für den Aufenthalt ihres Kindes im Krankenhaus zu bezahlen, Kinder werden auf Erwachsenenstationen aufgenommen, für eine ausführliche Information bleibt oft zu wenig Zeit...

KiB möchte Familien dahingehend stärken, dass sie ihre Rechte einfordern und gemeinsam mit anderen Eltern und KiB weitere Verbesserungen für alle Familien im Kinder- und Jugendgesundheitsbereich erreichen.

 

 

Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wenn Kinder erkranken

Berufstätige Eltern kommen immer öfter in Bedrängnis, wenn ihre Kinder erkranken und sie zu Hause betreut werden müssen. Einerseits möchten sie natürlich am liebsten selbst beim kranken Kind bleiben und es gesund pflegen, andererseits sind sie am Arbeitsplatz gefordert. Wichtige Termine können manchmal nicht verschoben werden, dem Chef oder den KollegInnen gegenüber können sich manche Eltern allzu viele Fehlzeiten - sei es auch in Form der Pflegefreistellung - einfach "nicht leisten". Wenn in einer Familie mehrere Kinder sind, ist die Pflegefreistellung rasch aufgebraucht. Berufstätige Eltern haben Anspruch auf Pflegefreistellung im Ausmaß einer Woche und für Kinder unter 12 Jahren eine zusätzliche Woche, wenn das Kind neuerlich pflegebedürftig krank wird. Immerhin sind bis zu zehn Infekte bei Kindern im Jahr durchaus normal. Das schlechte Gewissen ist in beiden Fällen vorprogrammiert: sei es dem Chef gegenüber im Fall der längeren Abwesenheit vom Arbeitsplatz, um bei seinem kranken Liebling zu sein; sei es dem Kind gegenüber, im Fall, dass Eltern ihre kleine Schnupfennase dann doch wieder recht rasch in die Schule oder in den Kindergarten schicken.

Dabei warnen KinderärztInnen immer mehr vor dem Ansteckungskreislauf, der auch dadurch hervorgerufen wird, weil Kinder nicht ausreichend Zeit haben, eine Krankheit in Ruhe auszukurieren. Für die so notwendige Rekonvaleszenz bleibt den Kindern oft keine Zeit. Ihr Immunsystem wird weiter geschwächt und sie stehen dem nächsten Infekt noch anfälliger gegenüber. Immer wieder hören wir Rückmeldungen der PädagogInnen in Schule, Hort und Kindergarten, dass erkältete Kinder zu rasch nach der Erkrankung wieder in die Einrichtungen kommen. Dies ist nicht nur für das kränkelnde Kind sehr belastend, es werden auch andere Kinder und PädagogInnen angesteckt. AlleinerzieherInnen und Kinder aus sozial schwächeren Familien haben es in solchen Situationen doppelt schwer, da hier sowohl der finanzielle Hintergrund, als auch das familiäre gut funktionierende Netzwerk schlicht und einfach fehlen. Armut macht (Kinder) krank, bewahrheitet sich auch hier.

Dies muss aber nicht so sein, denn KiB schafft in dieser Situation Abhilfe und organisiert Notfallmamas für die Betreuung erkrankter Kinder zu Hause. Immer wieder werden wir von Eltern gefragt, wie es funktionieren kann, wenn eine Person das Kind betreut, die das Kind zuvor noch nie gesehen hat und noch dazu krank ist. Eine wichtige Rolle spielt dabei für das Kind, dass es in seiner gewohnten Umgebung ist und sich zu Hause wohl fühlt. Die Notfallmamas kümmern sich in dieser Zeit ausschließlich um das Kind und Kinder schätzen dies. KiB ist bemüht, ein Österreich weites Betreuungsnetz aufzubauen, das für alle Familien leistbar ist. Denn kein Kind soll krank den Kindergarten oder die Schule besuchen. Auch Kinder haben ein „Recht auf Krankenstand“!

KiB hat die Initiative notfallmama ins Leben gerufen und setzt dabei vermehrt auf das Engagement ehrenamtlich tätiger Personen. Die Zusammenarbeit mit Organisationen, Tagesmüttern oder Tagesvätern und Leihomis ist natürlich unverzichtbar. Um das Unterstützungsangebot aber auf Dauer aufrecht zu erhalten, bedarf es auch vieler ehrenamtlich Engagierter. KiB als Familienselbsthilfeverein unterstützt Familien nämlich nicht nur organisatorisch, sondern auch finanziell und ist dabei ausschließlich auf die Mitgliedsbeiträge der Eltern und Spenden angewiesen.

KiB setzt sich für die Rechte der Kinder im Krankenhaus ein.

1986 wurde KiB als Elterninitiative gegründet, um die Mitaufnahme der Eltern als Begleitperson ihrer Kinder im Krankenhaus möglich zu machen. KiB versucht die Umsetzung der zehn Punkte der EACH-Charta in Österreich voranzutreiben. Die EACH -Charta beschreibt die Rechte aller Kinder vor, während und nach einem Krankenhausaufenthalt. KiB vertritt Österreich bei EACH (European Association for Children in Hospital), dem Dachverband gemeinnütziger Organisationen in ganz Europa und legte in den letzten Jahren besonderes Augenmerk auf die ersten drei Punkte der EACH-Charta:

Artikel 1:
Kinder sollen nur dann in ein Krankenhaus aufgenommen werden, wenn die medizinische Behandlung, die sie benötigen, nicht ebenso gut zu Hause oder in einer Tagesklinik erfolgen kann.

Artikel 2:
Kinder im Krankenhaus haben das Recht, ihre Eltern oder eine andere Bezugsperson jederzeit bei sich zu haben.

Artikel 3
(1) Bei der Aufnahme eines Kindes ins Krankenhaus soll allen Eltern die Mitaufnahme angeboten werden,sie sollen ermutigt und es soll ihnen Hilfe angeboten werden, damit sie beim Kind bleiben können.
(2) Eltern dürfen daraus keine zusätzlichen Kosten oder Einkommenseinbußen entstehen.
Eltern entstehen keine zusätzlichen Kosten, wenn sie bei ihrem Kind bleiben.


Die EACH-Charta ist im Einklang mit den entsprechenden, verbindlichen Rechten, die in der „UN Konvention für die Rechte des Kindes“ vereinbart sind, allen voran:
Artikel 24 der UN Konvention für die Rechte des Kindes (KRK):
Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit an sowie auf Inanspruchnahme von Einrichtungen zur Behandlung von Krankheiten und zur Wiederherstellung der Gesundheit. Die Vertragsstaaten bemühen sich sicherzustellen, dass keinem Kind das Recht auf Zugang zu derartigen Gesundheitsdiensten vorenthalten wird.

Werden Artikel 24 der KRK, das Recht des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit und die Punkte der EACH-Charta in Österreich gelebt?
Ja und nein!

Ad Artikel 1 der EACH-Charta „Ambulant statt stationär“:
Die mobile kostenfreie Kinderkrankenpflege konnte noch nicht Österreich weit durchgesetzt werden. Es ist jedoch ein großer Erfolg, dass die mobile Kinderkrankenpflege in allen Bundesländern gut installiert ist. Begonnen wurde 1997 in NÖ und in Salzburg, 2001 folgten weitere Bundesländer. KiB war in Kooperation mit den mobilen Kinderkrankenschwestern Österreich weit am Aufbau einer mobilen Kinderkrankenpflege maßgeblich beteiligt und hat in diesem Bereich hohe Kosten für die Familien übernommen. Heute wird die mobile Kinderkrankenpflege von den einzelnen Bundesländern gefördert. Besonders im Rahmen der Frühchen - Nachbetreuung und der postoperativen Betreuung werden Krankenhausaufenthalte maßgeblich verkürzt.

Ad Artikel 2 der EACH-Charta: „Recht des Kindes eine Begleitperson jederzeit bei sich zu haben“
Die Begleitung des Kindes im Krankenhaus ist durch die Aktivitäten von KiB heute nahezu selbstverständlich. Auf Initiative von KiB wurden in allen Bundesländern die Begleitkosten reduziert und 2013 wurde die Pflegefreistellung bei der Begleitung im Krankenhaus gesetzlich verankert. Die Begleitkosten betragen derzeit in NÖ 36,60 Euro pro Tag für Kinder ab einem Jahr. Durch die geringeren Begleitkosten wird eine Begleitung der Kinder auch jenen Eltern erleichtert oder ermöglicht, für die eine Begleitung des Kindes, vor allem bei längeren Krankenhausaufenthalten, aus finanziellen Gründen sonst nicht in Frage käme.

Ad Artikel 3 der EACH-Charta: „Keine zusätzlichen Kosten für Eltern durch die Mitaufnahme“
Es konnte erreicht werden, dass die Begleitung von Kindern unter einem Jahr in allen neun Bundesländern kostenfrei ist, die Begleitung der Kinder bis zu drei Jahren in sieben Bundesländern (außer OÖ und NÖ) kostenfrei ist, und die Begleitung der Kinder bis zu sechs Jahren in drei Bundesländern (Salzburg, Tirol und Vorarlberg) kostenfrei ist. KiB setzt sich für die generelle Abschaffung des Selbstbehaltes für Kinder und Jugendliche im Krankenhaus ein. Hier wurden bis dato nur in Oberösterreich und in Salzburg Ausnahmeregelungen bei Mehrlingsgeburten gesetzlich verankert. Die Selbstbehaltkosten sind in jedem Bundesland unterschiedlich hoch und betragen z.B. 17,90 Euro in NÖ und 20,60 Euro in Vorarlberg pro Tag.

Es gilt noch viel zu tun. Obwohl im Kinder- und Jugendgesundheitsbereich bereits vieles verbessert wurde, hören wir immer wieder von Eltern, dass sie doch nicht beim Kind im Krankenhaus bleiben konnten. Hier interveniert KiB und wir suchen nach gemeinsamen Lösungen. Auch hören wir, dass Eltern zwar bei der "Pflege des Kindes" als Hilfe willkommen sind, in medizinischen Angelegenheiten ihre Mitsprache und Meinung jedoch oft wenig Beachtung findet, für eine altersentsprechende Information der Kinder und eine  verständliche und ausführliche Information der Eltern bleibt im Spitalsalltag oft wenig Zeit, Kinder werden weiterhin auf Erwachsenenabteilungen aufgenommen, etc. So sind wir auch in den kommenden Jahren gefordert. Wir möchten Familien dahingehend stärken, dass sie ihre Rechte einfordern und gemeinsam mit anderen Eltern und KiB weitere Verbesserungen für alle Familien erreichen.

KiB hat ein offenes Ohr für Eltern in allen Belangen rund ums erkrankte Kind und ist Tag und Nacht unter 0 664 / 6 20 30 40 erreichbar. KiB unterstützt Eltern organisatorisch und finanziell bei der Betreuung ihrer erkrankten Kinder zu Hause und bei einem Krankenhausaufenthalt.

Kontakt:
KiB children care
Verein rund ums erkrankte Kind
Mag. Heidi Eisingerich-Dillenz
Landeskoordination NÖ und Bgld
0 664 / 6 20 30 37
eisingerich.h(at)kib.or.at
www.kib.or.at

Literaturhinweise:
Die Each-Charta und ihre Erläuterungen, 2006

Mag.a Heidi Eisingerich-Dillenz

geboren 1972, verheiratet, Mutter von drei Söhnen
2008-dato: bei KiB hauptberuflich als Landeskoordinatorin für NÖ und das Burgenland, sowie als Projektleiterin tätig
2000-2006: Patientenanwältin beim Verein Vertretungsnetz, Vertretung von Erwachsenen und Jugendlichen auf psychiatrischen Abteilungen des AKH Wien und des Otto Wagner Spitals im Rahmen des Unterbringungsgesetzes
1997-2008 bei KiB ehrenamtlich als Vorstandsmitglied tätig
Ausbildung zum Coach, zur eingetragenen Mediatorin und zur Kinderyogalehrerin
Gerichtsjahr, Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien

Franziska Weinzierl

Von: Franziska Weinzierl

Erfahrungsbericht einer Praktikantin

Als angehende Lehrerin hat es mich besonders gefreut, eine Zusage für ein Ferialpraktikum im Sommermonat August 2016 (01.08.-27.08.) bei der Niederösterreichischen Kinder-und Jugendanwaltschaft bekommen zu haben. Die NÖ kija ist die gesetzliche kinderrechtliche Interessensvertretung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Niederösterreich – aus diesem Grund für Lehrer und andere Berufsgruppen, die mit Kindern arbeiten und zutun haben, sicherlich sehr spannend.

Die kija bietet nicht nur Beratungen in allen Angelegenheiten rund um das Wohl eines Kindes/Jugendlichen/jungen Erwachsenen und dessen Erziehungsberechtigten  an, sondern vermittelt auch zwischen verschiedensten Einrichtungen oder Elternteilen, führt Infoveranstaltungen durch, begutachtet Gesetzesbestimmungen und setzt sich allgemein für die Schaffung von besseren Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche ein.

 

 

Erfahrungsbericht einer Praktikantin

Als angehende Lehrerin hat es mich besonders gefreut, eine Zusage für ein Ferialpraktikum im Sommermonat August 2016 (01.08.-27.08.) bei der Niederösterreichischen Kinder-und Jugendanwaltschaft bekommen zu haben. Die NÖ kija ist die gesetzliche kinderrechtliche Interessensvertretung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Niederösterreich – aus diesem Grund für Lehrer und andere Berufsgruppen, die mit Kindern arbeiten und zutun haben, sicherlich sehr spannend.

Die kija bietet nicht nur Beratungen in allen Angelegenheiten rund um das Wohl eines Kindes/Jugendlichen/jungen Erwachsenen und dessen Erziehungsberechtigten  an, sondern vermittelt auch zwischen verschiedensten Einrichtungen oder Elternteilen, führt Infoveranstaltungen durch, begutachtet Gesetzesbestimmungen und setzt sich allgemein für die Schaffung von besseren Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche ein.

In alle diese Aufgabenbereiche durfte ich während meiner Zeit hier ein wenig hineinschnuppern:
Ein Teil meiner Arbeit bestand darin, Anrufe für Beratungen entgegenzunehmen und diese weiterzuleiten.
Den Großteil der Zeit verbrachte ich damit, verschiedenste Artikel zu lesen, diese dann einem Kinderrecht zuzuordnen und in eine Mappe einzusortieren. Ich legte auch eigene Ordner für Artikel zum Thema „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“, kurz „UMF“, an und sortierte sie chronologisch, um einen Überblick zu verschaffen, denn die kija hat sich in den letzten Jahren sehr intensiv mit der UMF-Thematik beschäftigt. Diese Tätigkeit fand ich äußerst interessant und spannend, da dieses Thema momentan sehr aktuell ist. Durch das Lesen der verschiedensten Artikel bekam ich nicht nur einen Einblick in die Arbeit der kija, sondern hatte auch die Möglichkeit, mich in sehr vielen Bereichen (Gesundheit, Bildung, Suchtverhalten, Kindesentwicklung ect.) weiterzubilden.

Wie oben schon erwähnt, ist die Kija auch bei diversen Informationsveranstaltungen vertreten. Ende August/Anfang September finden zum Beispiel jährlich die Kindersommerspiele in Herzogenburg statt – NÖKISS. Auch hier durfte ich mitwirken, indem ich die verschiedensten Materialien zusammengesucht/-gestellt und Plakate gestaltet habe. Bei den NÖKISS können Kinder am Informationsstand an einem Gewinnspiel teilnehmen, indem sie ein Kinderrechtsrätsel lösen. Diese Quizzes, die aus Kreuzworträtsel, Lückentexten und allgemeinen Fragen zu Kinderrechten bestehen, habe ich kreieren dürfen. Unter anderem habe ich auch die Preise für die anschließenden Verlosungen zusammengestellt.

Eine weitere Tätigkeit, die ich jeden Tag erledigte, war das Post holen. Manchmal gab ich auch Post auf bzw. holte Material aus dem Materialamt oder neue Drucksorten aus der Druckerei. Frau Stadlmann hat mir zu Beginn des Praktikums die Post, das Materialamt und die Druckerei in Form eines Rundgangs gezeigt.  Durch den täglichen Rundgang habe ich den Eindruck gewonnen, dass die NÖ Landesregierung eine Art „Kleinstadt“ ist, die sich „selbstversorgt“ – eigene Post, Druckerei, Materialausgabe usw., was ich ebenfalls sehr interessant fand.
Die kija stellt sehr viel Informationsmaterial in Form von Flyer/Broschüren etc. zur Verfügung, das sogar über die Homepage bestellt werden kann. Eine weitere Aufgabe war es, veraltetes Material auszusortieren und es gegebenenfalls gegen neues zu ersetzen.

Ich selbst wusste vor diesem Praktikum ehrlich gesagt nicht, dass es eine solche Anlaufstelle für Jugendliche gibt – umso mehr hat es mich gefreut, dass ich ein Monat lang mitwirken durfte. Ich finde es toll, dass man sich wirklich wegen allem an die kija wenden kann, das Problem kann noch so „klein“ sein, es wird einem weitergeholfen – das macht die Arbeit meiner Meinung nach sehr vielfältig und interessant. Besonders gefallen hat mir das Zuordnen der Artikel zu einem Kinderrecht, da ich dadurch einen Überblick gewann, vor allem über die Flüchtlingsthematik. Auch als Ferialpraktikantin wurde ich als Kollegin behandelt, die einem auch wirklich Arbeit abnehmen konnte, was mich ebenfalls gefreut hat.

Zum Abschluss würde ich noch gerne sagen, dass ich es sehr wichtig finde, dass es eine solche Einrichtung gibt, denn auch Kinder haben ein Recht darauf, vertreten zu werden. Ein Ziel in Zukunft sollte es sein, weiterhin an der Transparenz der kija zu arbeiten, damit am Ende des Tages jedes Kind in Österreich die kija kennt und sich bei Fragen an sie wenden kann.

Franziska Weinzierl

ist Jahrgang 1996 und studiert derzeit an der Universität Wien Englisch und Psychologie/Philosophie für das Lehramt.
Zuvor hat sie das BRG Rechte Kremszeile besucht, an dem sie 2014 die Matura absolvierte.
Während ihrer Schullaufbahn war sie als Schulsprecherin und Vorstandsmitglied der Schülerunion Niederösterreich aktiv und durfte 2013 als Stv. Landesschulsprecherin, gemeinsam mit ihrem Team, die Schüler und Schülerinnen Niederösterreichs vertreten.

Mag. Andreas Kickinger

Von: Mag. Andreas Kickinger

Die NÖ KinderSommerSpiele (NÖKISS)

Bereits zum 45. Mal stehen im barocken Stift Herzogenburg Kinder und Familien im Mittelpunkt.
Wo liegt der Ursprung des Festes? Und was macht sein Geheimnis aus?

Genau am 9. Mai 1979, bereits wenige Wochen nach seiner Wahl, hatte der damals neu gewählte Propst des Stiftes Herzogenburg, Maximilian, seinen ersten offiziellen Auftritt im Parlament. Ein einzigartiger Augenblick in der jungen Karriere - er wurde immerhin von mehreren Ministern empfangen und vom Vorsitzenden sowie vom Plenum begeistert begrüßt. Der Empfang fand etwas überraschend in einer Turnhalle statt, die Minister waren zwischen 12 und 14 Jahre alt und die Mehrheit im Plenum besuchte gerade die Volksschule. Es handelte sich um die Geburtsstunde des Kinderparlaments.

Die NÖ KinderSommerSpiele (NÖKISS)

Bereits zum 45. Mal stehen im barocken Stift Herzogenburg Kinder und Familien im Mittelpunkt.
Wo liegt der Ursprung des Festes? Und was macht sein Geheimnis aus?

Genau am 9. Mai 1979, bereits wenige Wochen nach seiner Wahl, hatte der damals neu gewählte Propst des Stiftes Herzogenburg, Maximilian, seinen ersten offiziellen Auftritt im Parlament. Ein einzigartiger Augenblick in der jungen Karriere - er wurde immerhin von mehreren Ministern empfangen und vom Vorsitzenden sowie vom Plenum begeistert begrüßt. Der Empfang fand etwas überraschend in einer Turnhalle statt, die Minister waren zwischen 12 und 14 Jahre alt und die Mehrheit im Plenum besuchte gerade die Volksschule. Es handelte sich um die Geburtsstunde des Kinderparlaments.

1979 war das von der UNO proklamierte „Jahr des Kindes“ und in Herzogenburg hatte sich vermutlich zum vermutlich ersten Mal weltweit ein Kinderparlament zusammengefunden. Kinder stritten wie die Großen um Mandate, besetzten Ministerposten und der Finanzminister konnte schon damals nicht richtig rechnen. Die Kinder setzten sich für ihre ureigensten Interessen (wie z.B. gegen eine sinnlose Pausenordnung wie in einem Gefängnis) ein.

Die 1970er-Jahre waren das eigentliche Jahrzehnt der Kinderarbeit in der Pfarre Herzogenburg. Das weltweit erste Kinderparlament und natürlich die Gründung und der Ausbau der NÖ KinderSommerSpiele (zu Beginn noch das Kindervolksfest) sind ein wesentlicher Beleg dafür. Eigentlicher Ursprung war eine aus Mädchen und Buben unterschiedlicher Altersgruppen (Orgelpfeifen-System) zusammengesetzte Jungschargruppe, die als Indianerstamm geführt wurde. Tischlermeister Bertl Rumpler leitete diese indianisch geprägte Kindergruppe, bei der sich wöchentlich 30 bis 40 Kinder trafen und im Sommer auf große Züge aufbrachen, die teils legendären Jungscharlager.

Kindern vertrauen und zutrauen
Bei den Wakaiuk-Apachen wurde Kindern viel zugemutet. Ein 10-Jähriger konnte schon einmal die Verantwortung als Koch für weitere 10 Kinder übernehmen. Eine 9-Jährige war für das Feuermachen am Morgen und Abend unter den Kochkesseln zuständig, ein 8-Jähriger musste bei Regen trockenes Holz dafür besorgen. Dazu kamen Wanderungen von täglich bis zu 25 km, die Zelte mussten jeden Abend von den Kindern auf- und am Morgen wieder abgebaut werden. Die Großen (mit 13 oder 14) kümmerten sich um die Kleinen. Die Kleinen lernten spielerisch von den Großen.

Da sein, mithelfen und nicht fragen
Vielleicht ist es dieser Geist, des ungefragt einfach für andere „Daseins“, der die NÖ KinderSommerSpiele bis heute prägt. Der Einsatz hunderter ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sagt fast schon alles über das Fest aus, bis heute. Kinder dürfen (und sollen) mitarbeiten; in allen Bereichen vom Auf- und Abbau, wo sich Volksschulkinder am Akku-Schrauber bewehren, bis hin zum Saftstand, wo mit dem Verkauf von Saft Geld für benachteiligte Kinder in allen Weltregionen gesammelt wird. Am Dach des Stiftes hält der hl. Augustinus ein brennendes Herz in der Hand. Bei den NÖKISS sind Menschen begeistert dabei, sie brennen für Ihre Aufgabe, sind Amateure (Liebhaber) dessen was Sie für Kinder und Familien tun.

Kunst und Kultur / Spiel und Spaß
Die NÖ KinderSommerSpiele sind mittlerweile das größte Kinderkultur-Festival Österreichs. Dutzende Puppenspieler, Liedermacher und Kindertheatergruppen treten an den sechs Festtagen auf. Spiel und Spaß kommen niemals zu kurz.

Selbst aktiv werden
Bei den Werkstätten, im Kreativdorf oder beim Textil-Design können die jungen Künstlerinnen und Künstler (und das sind alle Kinder von Geburt an) ihre Kreativität ausleben. Ein spannender Weg ist oftmals der erste Schritt auf eine große Bühne. Vor großem Publikum ein Lied zu singen kann für einen 4-Jährigen ein großer Schritt hinaus in die Welt bedeuten. Was kann es Großartigeres geben, als einen herzlichen und begeisterten Applaus dafür zu ernten, von anderen Wertschätzung zu erfahren?

Erfüllte Zeit
Vielleicht sind ja die 6 Festivaltage für viele Kinder und Familien am Ende der Ferien eine ganz besondere Zeit. Es sind erfüllte Tage, es ist geschenkte Zeit, die viele gemeinsam nutzen. Kinder haben ein Recht auf solch erfüllte Zeiten mit ihren Freunden und Familien.

Lasst die Kinder zu mir kommen
Den geistigen und geistlichen Hintergrund bildet der Konvent des 900-jährigen Stift Herzogenburg, das sich ganz bewusst Kindern und Familien geöffnet hat und zuwendet. Es ist der eigentliche Auftrag Jesus aus dem Matthäus-Evangelium. „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich.“ (Mt 19,14)
Kinder sind schon ein kleines Stück des Himmels. Das Fest von und für Kinder und Familien soll dafür ein Zeichen sein. Jeder von 3 bis 99 Jahren darf und soll bei den NÖKISS Kind sein.

Mag. Andreas Kickinger
Theologe, GF

geb. 1965; verheiratet 2 Kinder; Herzogenburg
VS Herzogenburg, Gymnasium Krems,
UNI Wien - Abschluss Selbständige Religionspädagogik

seit 2009 GF Biblische Reisen GmbH, Klosterneuburg

ehrenamtlich
seit 1997 Sprecher Leitungsteam NÖ KinderSommerSpiele
seit 2007 Vorstand im Verein Kinderhilfe Bethlehem (Caritas Baby Hospital)

 

Mag.a Verena Fabris

Von: Mag.a Verena Fabris

Junge Frauen im Jihad: Zwischen Rebellion, Provokation und Fanatismus

Karin* ist 18 Jahre alt. Sie bewegt sich gerne auf Online-Foren und macht Selfies von sich im Niqab: „Was macht ihr so? Ich chille“ steht unter einem Facebook-Foto, das sie auf ihrem Himmelbett sitzend in ihrem Zimmer zeigt. Karin ist ein typischer österreichischer Teenager. Doch dann findet ihre Mutter ein One-Way-Ticket in die Türkei und plötzlich wird ihr bewusst: Ihre Tochter plant eine Ausreise nach Syrien.
So beginnt eine der Geschichten von Jugendlichen, deren Eltern sich an die Beratungsstelle Extremismus wenden.

Ein Fünftel Frauen
Mehr als zehn Prozent der geschätzten 5.000 EuropäerInnen, die nach Syrien oder in den Irak ausgereist sind, um sich terroristischen Vereinigungen, wie dem so genannten Islamischen Staat oder der Al Nusra-Front anzuschließen, sind Frauen – Tendenz steigend.
Nach einer Studie des deutschen Bundeskriminalamtes, des Bundesamts für Verfassungsschutz und des Hessischen Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus waren im Jahr 2015 von 677 Personen, die ausgereist sind oder ausreisen wollten 21% Frauen – 6% mehr als im Jahr davor. Auch in Österreich beträgt der Anteil laut Peter Gridling, Direktor des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, 21% (57 von insgesamt 265 Personen).
Karin ist eine von ihnen. Sie hatte Kontakt zu einem jungen Mann, der sich im Kriegsgebiet befand und sie und ihre Freundinnen hatten eine Ausreise geplant.

Junge Frauen im Jihad: Zwischen Rebellion, Provokation und Fanatismus

Karin* ist 18 Jahre alt. Sie bewegt sich gerne auf Online-Foren und macht Selfies von sich im Niqab: „Was macht ihr so? Ich chille“ steht unter einem Facebook-Foto, das sie auf ihrem Himmelbett sitzend in ihrem Zimmer zeigt. Karin ist ein typischer österreichischer Teenager. Doch dann findet ihre Mutter ein One-Way-Ticket in die Türkei und plötzlich wird ihr bewusst: Ihre Tochter plant eine Ausreise nach Syrien.
So beginnt eine der Geschichten von Jugendlichen, deren Eltern sich an die Beratungsstelle Extremismus wenden.

Ein Fünftel Frauen
Mehr als zehn Prozent der geschätzten 5.000 EuropäerInnen, die nach Syrien oder in den Irak ausgereist sind, um sich terroristischen Vereinigungen, wie dem so genannten Islamischen Staat oder der Al Nusra-Front anzuschließen, sind Frauen – Tendenz steigend.
Nach einer Studie des deutschen Bundeskriminalamtes, des Bundesamts für Verfassungsschutz und des Hessischen Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus waren im Jahr 2015 von 677 Personen, die ausgereist sind oder ausreisen wollten 21% Frauen – 6% mehr als im Jahr davor. Auch in Österreich beträgt der Anteil laut Peter Gridling, Direktor des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, 21% (57 von insgesamt 265 Personen).
Karin ist eine von ihnen. Sie hatte Kontakt zu einem jungen Mann, der sich im Kriegsgebiet befand und sie und ihre Freundinnen hatten eine Ausreise geplant.

Bräute Allahs
Warum fühlen sich junge Frauen aus Europa zu den Ideen fanatischer, islamistischer Männer hingezogen? Was treibt sie dazu, ihre Heimat zu verlassen und sich einer terroristischen Organisation anzuschließen? Es sind Mädchen wie Karin oder die damals fünfzehnjährige Samra und die sechzehnjährige Sabina, die im April 2014 aus Österreich Richtung Türkei aufbrachen, um in Syrien „für den Islam zu kämpfen“, wie eines der beiden Mädchen auf Facebook gepostet haben soll.
In der aktuellen Debatte zum Thema Frauen und islamistischer Extremismus wird den Akteurinnen in erster Linie eine passive Rolle zugeschrieben. Sie werden als „Jihad-Mädchen“ bezeichnet oder als „Bräute Allahs“:  Junge Frauen die vor ihren Computern in ihren Mädchenzimmern zu Jihad-Fans mutieren. Sie schwärmen für Kämpfer, die mit Kalaschnikows posieren und träumen eine neue Variante des alten Märchens vom edlen Ritter, der sie aus ihrer Misere erlöst. 
Die These, dass Frauen in erster Linie von romantisch-naiven Gefühlen geleitet zu „Jihad-Bräuten“ werden wollen, verschleiert jedoch facettenreiche Beweggründe und ist nach den Erkenntnissen von Forscherinnen wie Erin Marie Saltman, Melanie Smith oder Alexandra Bradford auch schlichtweg falsch.
Die Gründe für Frauen, sich jihadistischen Bewegungen anzuschließen sind vielfältig und setzen sich aus einer Reihe von Faktoren zusammen, die je nach Fall unterschiedliches Gewicht bekommen.

Leben im Kalifat
Der Wunsch nach einem Leben in einer anderen und neuen Gesellschaftsordnung ist für 34% der in der deutschen Studie befragten Frauen ein Hauptmotiv für die Ausreise. Auch die britischen Forscherinnen Bradford, Frennon, Hoyle bezeichnen die Mitwirkung am Aufbau eines Kalifats als eine wesentliche Attraktion für Frauen.
Es geht dabei nicht nur darum, dass so genannte westliche Werte abgelehnt werden, sondern um die Vision eines neuen islamischen Staates. Für manche Frauen ist dies auch eine Form des Empowerments – so abwegig dies vielleicht auf den ersten Blick klingen mag: Es geht darum, sich eine traditionelle Frauenrolle, die der Westen ablehnt, zurück zu erobern.
In vielen Fällen spielt auch Bedürfnis dazu zu gehören, einen festen Platz in der Gesellschaft zu haben, eine Rolle. Bradford, Frennon, Hoyle  kommen zu dem Schluss, dass die Suche nach Sinn, Schwesternschaft und Identität für Frauen ein Hauptmotiv für die Ausreise sind.

Auch für Karin, die sich von ihren Eltern gedrängt fühlte, einen Beruf zu ergreifen, der ihr widerstrebte, war das Gefühl, dazu zu gehören, Teil einer Gruppe zu sein, in der sie sie sich aufgehoben fühlte, eine wichtige Erfahrung.

Krieger_innen und Ideolog_innen
Die jihadistische Ideologie besagt, dass die Gemeinschaft der Muslime gegen die Ungläubigen verteidigt werden müsse. Frauen hegen, genauso wie Männer, den Wunsch für ihre Ideologie zu kämpfen – mit der Waffe oder mit Worten, wobei deutlich mehr Männer dies als Motiv angeben und auch tatsächlich in Kampfhandlungen verwickelt sind oder für logistische Rollen und in der Propaganda eingesetzt werden.
Von den Frauen geben in der deutschen Studie 19% an, dass sie im Kalifat kämpfen wollen. Wenn sie auch nicht tatsächlich an Kampfhandlungen teilnehmen, haben Frauen aber dennoch zentrale Aufgaben inne, sowohl in der Verbreitung von Propaganda als auch in der Rekrutierung.

Ungerechtigkeitsempfinden – Humanitäre Gründe
Als dritthäufigstes Ausreisemotiv sowohl für Männer als auch für Frauen werden mit 23% „humanitäre Gründe genannt. In der Propaganda des so genannten Islamischen Staates wird das Leiden von Muslimen und Musliminnen und die Darstellung als Opfer gezielt genutzt, um aus einer negativ konnotierten Identitätszuschreibung („Du gehörst nicht hier her“) eine positive Eigenzuschreibung zu kreieren („Eigentlich gehöre ich zu den Auserwählten“).
Die Studienautorinnen Saltman und Smith stellen ebenso wie Bradford, Frennon und Hoyle  fest, dass die Empathie, die Frauen mit muslimischen Opfern fühlen, verbunden mit der Mitschuld, die dem Westen zugeschrieben wird, ein starker Beweggrund für eine Ausreise sind. Bei vielen wird das Ungerechtigkeitsempfinden angesprochen, das sich auch im Wunsch, zu helfen ausdrücken kann.

Karin wollte eigentlich Kindergärtnerin werden. Doch sie scheiterte an der Aufnahmeprüfung im Singen. In Syrien, wurde ihr versprochen, würde sie gebraucht werden und sie könne mit Kindern arbeiten. Und Singen sei ohnehin haram (verboten).

Protest und Rebellion
Andere Bewegründe, gerade in der Phase der Adoleszenz, sind Protest und Rebellion gegen das Elternhaus. Einerseits spielt auch hier die Überzeugung einer weltweiten Verfolgung von Muslimen und Musliminnen eine Rolle, andererseits geht es um Protest und damit verbundene Selbstwirksamkeit: Ich werde gesehen, ich bekomme Aufmerksamkeit. Manche Soziolog_innen wie Aladin El-Mafaalani, Professor an der Universität Münster bezeichnen die „Burka“ als den „neuen Punk“.

Karins Mutter hatte es aufgegeben, mit ihr zu diskutieren, sie danach zu fragen, wie es ihr geht. Bekam sie doch jedes Mal nur patzige Antworten. Als Karin anfing ein Kopftuch zu tragen, war die Aufmerksamkeit der Mutter auf einmal wieder voll da. Doch erst, als diese das Flugticket in die Türkei am Küchentisch findet, wird ihr bewusst, dass Karin mehr dahinter steckt, als die Suche nach religiöser Identität.
Die Mutter wendet sich an die Beratungsstelle Extremismus und es beginnt ein langer Beratungsprozess. Gemeinsam mit den Eltern und anderen Beteiligten wird an Alternativen gearbeitet. Mittlerweile hat Karin eine neue Perspektive gefunden: Sie hat eine Ausbildung als Kindergruppenbetreuerin absolviert und überlegt Pädagogik zu studieren.

* Name von der Redaktion geändert

Quellen:
-) Carolyn Hoyle, Alexandra Bradford, Ross Frenett (2015): Becoming Mulan? Female Western Migrants to ISIS. Institute for Strategic Dialogue: London.
-) Erin Marie Saltman, Melanie Smith (2015): ‘Till Martyrdom Do Us Part’. Gender and the ISIS
Phenomenon. Institute for Strategic Dialogue: London.
-) Bundeskriminalamt (BKA), Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), Hessisches Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (HKE): Analyse der Radikalisierungshintergründe
und -verläufe der Personen, die aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien oder Irak ausgereist sind. Fortschreibung 2015.

Mag.a Verena Fabris
bOJA, Bundesweites Netzwerk Offene Jugendarbeit, Leiterin der Beratungsstelle Extremismus


Beratungsstelle Extremismus
Die Beratungsstelle Extremismus ist erste Anlaufstelle für Angehhörige, JugendarbeiterInnen, Lehrerinnen oder jede andere Person, die in ihrem Umfeld mit dem Thema Extremismus konfrontiert ist.
www.beratungsstelleextremismus.at
E-Mail: office(at)beratungsstelleextremismus.at
Hotline: 0800 20 22 44, täglich 10:00-15:00 Uhr

Prof.in (i. R.) Dr.in Barbara Methfessel (Dipl.in troph, Dr.in phil.)

Von: Prof.in (i. R.) Dr.in Barbara Methfessel (Dipl.in troph, Dr.in phil.)

Der Text wurde mit Genehmigung der Redaktion von "beziehungsweise" und der Autorin publiziert.

Die Familiale Esskultur

Welche Bedeutung hat die Mahlzeit für die Familie?
Die Familienmahlzeit ist ein Ort der Kultivierung der Gemeinschaft und des Essens. Familienmitglieder kommen aus den verschiedenen Lebensbereichen zum Essen, tauschen sich untereinander aus und finden, wenn es gut läuft, immer wieder neu zusammen. Die durch das Essen produzierten Hormone können positive Gefühle schaffen, die sich nicht nur auf Geschmackserfahrung, sondern auch auf Beziehungen übertragen (DRWS 2013).

Die Studie von Bartsch zur Jugendesskultur (2011) zeigt, dass Jugendliche sich auch dann noch zu einem gemeinsamen Mahl dazusetzen, wenn sie bereits satt sind. Sie suchen das Zusammensein und die Kommunikation.

Wie kommt der Mensch auf den Geschmack?
„Wir essen nicht, was wir mögen, sondern wir mögen, was wir essen.“ Diese Aussage des Ernährungspsychologen Pudel (2002) kennzeichnet die Grundlage des Essenlernens. Von Natur aus mögen Menschen (von Geburt an) den süßen Geschmack und den von Fleisch und Fett. An salzig und sauer  gewöhnen sie sich, bitter wird als „Geschmack des Giftes“ zunächst abgelehnt. Kinder lernen, ihn zu akzeptieren. Dies erfordert bei Gemüse, das Bitterstoffe beinhaltet, oft mehr Geduld, weil für den Verzehr von Gemüse meist weit weniger Motivation gegeben ist als für süße Limonaden.

Die Familiale Esskultur

Der Text wurde mit Genehmigung der Redaktion von "beziehungsweise" und der Autorin publiziert.

Welche Bedeutung hat die Mahlzeit für die Familie?
Die Familienmahlzeit ist ein Ort der Kultivierung der Gemeinschaft und des Essens. Familienmitglieder kommen aus den verschiedenen Lebensbereichen zum Essen, tauschen sich untereinander aus und finden, wenn es gut läuft, immer wieder neu zusammen. Die durch das Essen produzierten Hormone können positive Gefühle schaffen, die sich nicht nur auf Geschmackserfahrung, sondern auch auf Beziehungen übertragen (DRWS 2013).

Die Studie von Bartsch zur Jugendesskultur (2011) zeigt, dass Jugendliche sich auch dann noch zu einem gemeinsamen Mahl dazusetzen, wenn sie bereits satt sind. Sie suchen das Zusammensein und die Kommunikation.

Wie kommt der Mensch auf den Geschmack?
„Wir essen nicht, was wir mögen, sondern wir mögen, was wir essen.“ Diese Aussage des Ernährungspsychologen Pudel (2002) kennzeichnet die Grundlage des Essenlernens. Von Natur aus mögen Menschen (von Geburt an) den süßen Geschmack und den von Fleisch und Fett. An salzig und sauer  gewöhnen sie sich, bitter wird als „Geschmack des Giftes“ zunächst abgelehnt. Kinder lernen, ihn zu akzeptieren. Dies erfordert bei Gemüse, das Bitterstoffe beinhaltet, oft mehr Geduld, weil für den Verzehr von Gemüse meist weit weniger Motivation gegeben ist als für süße Limonaden.

Essen lernt man durch essen: Schon im Mutterleib und später beim Stillen gewöhnen sich Kinder an den Geschmack des Essens, das die Mutter zu sich nimmt. Mütter können damit Kinder schon auf bestimmte Geschmacksarten (Süße) und Aromen (Fisch, Knoblauch) konditionieren. Kleinkinder lernen nach der Stillphase Schritt für Schritt diese und weitere Geschmäcker durch die Speisen kennen, die ihnen angeboten werden.

Es ist sehr wichtig, dass Kinder weitere Geschmäcker akzeptieren. Dieses Erziehungsziel sollte besonders gefördert werden, da eine gesunde und vielseitige Ernährung somit wahrscheinlicher ist (DRWS 2013; Methfessel et al. 2016). Daher ist es problematisch, wenn Eltern sich zunehmenden freiwillig auf einige wenige Grundgerichte wie z.B. Pizza, Pasta, Pommes (das „PiPaPo-Prinzip“) beschränken. Sie geben den Kindern häufig nach, um Konflikte zu vermeiden.

Esskultur und Familienkultur
Esskultur ist immer Teil einer Familienkultur. Hier bilden sich verschiedene Formen des Umgangs und des Zusammenlebens:

• Kultur der Sorge: Die Versorgung mit Nahrung ist eingebettet in eine Fürsorge füreinander und für die Kinder. Die Erfahrung des „Umsorgtseins“ gibt Kindern Sicherheit.

• Körperkulturen: Mit Esskulturen sind oft Körperkulturen verbunden. Heute sind für viele Personen „Schlankheit und Fitness“ zentrale Ziele. Diese Ziele werden aber nicht (nur) mit Bewegung und gesundheitsförderlichem Essen angestrebt, sondern meist durch ein „kontrolliertes Essverhalten“, bei dem die körperlichen Signale nicht mehr beachtet werden, und durch Diäten: Eine Diät (gemeinsam mit der Mutter) wird für manche Mädchen inzwischen zum Initiationsritual, um „Frau zu werden“, obwohl es diese Diät nicht benötigt. Kinder sollten nicht einen verbissenen Kampf gegen den Körper, sondern ein fröhliches Leben mit dem Körper erleben und lernen (Methfessel et al. 2016).

• Strukturen und Rituale der Gemeinschaft: Rhythmen, Regeln und Rituale helfen Kindern, sich in das Leben der sozialen Gruppen einzufügen, sich darin zurechtzufinden und angemessen zu verhalten, auch im Hinblick auf das Essverhalten.

• Kultur der gegenseitigen Achtung statt falsch verstandener Selbstbestimmung: Essen liegt meist noch weitgehend in den Händen der Frauen. Leider ist damit auch verbunden, dass die Bemühungen vieler Frauen um eine (in ihrem jeweiligen Verständnis) „gute“ Ernährung nicht angemessen gewürdigt werden. Wenn nicht das Lieblingsgericht zubereitet wird, folgt „Gemecker“ oder eine Selbstversorgung aus dem Kühlschrank. Regeln wie „über Essen darf geredet, aber nicht gemeckert werden“ und „Kühl- und Gefrierschrank sind vor den Mahlzeiten und für Kinder tabu“ (weil eine Selbstbedienung daraus das Essen bei Familien-Mahlzeiten untergräbt) sind wichtige Voraussetzungen, auch für die Achtung der Arbeit mit den Mahlzeiten. Zur Achtung gehört andererseits selbstverständlich auch, dass Aversionen und Abneigungen respektiert werden.

• Kultur des gemeinsamen sinnlichen Genusses und einer „angenehmen“ Kommunikation: Wo nicht nur eilig das Essen heruntergeschlungen wird (was auch zum Alltag gehört), sondern gemeinsam gesessen, gegessen und geredet wird, da können sowohl Genuss als auch Kommunikation Raum finden. Streit beim Essen, Kommentare zu den Schulleistungen oder andere, die beteiligten Personen bedrückende Themen können das Essen verleiden – nicht nur aktuell, sondern auch langfristig. Kinder aus Familien, bei denen am Tisch regelmäßig gestritten wird, können nicht nur den Spaß an einzelnen Gerichten, sondern am Essen überhaupt verlieren.

Ein Problem der heutigen Ernährung liegt im allgegenwärtigen Zugriff auf weniger empfehlenswerte Lebensmittel, die viel Zucker, Fett, Aromen und Geschmacksverstärker enthalten. Letztere haben Kinder gegebenenfalls schon durch die Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft kennen und lieben gelernt. Solange nur gesundheitsförderliche Nahrungsmittel und Speisen zur Verfügung stehen und Kinder selbstverständlich und nebenbei lernen, dass diese „gutes und genießbares Essen“ sind, kann man Kindern die Wahl der Nahrungsmittel weitgehend frei überlassen. Dann regulieren Hunger und die jeweilige körperliche Entwicklung die Wahl.

Folgerungen für die familiale Esskultur
Welche Bedeutung hat die familiale Esskultur? Worauf ist zu achten?
Da der Mensch zunächst meist einen vertrauten, Sicherheit gebenden Geschmack bevorzugt, ist es nicht verwunderlich, wenn Kinder zum Vertrauten greifen. Bei Kleinkindern bis zum dritten oder vierten Lebensjahr sind Phasen der Gewöhnung durch Wunsch nach Wiederholung normal. Allmählich sollte ein Geschmack (Gericht) nach dem anderen eingeführt und erst einmal vertraut werden, Neues sollte sich mit Bekanntem abwechseln. Nicht von allen Kindern kann erwartet werden, dass sie von sich aus ihr Geschmacksspektrum erweitern. Einige tun dies durchaus, vor allem, wenn sie das Essen der Eltern haben wollen. Andere benötigen deren Impulse.

In früheren, weniger reichen und liberalen Zeiten entstand daraus seltener ein Problem: Gegessen wurde, was auf den Tisch kam (und auch nicht immer, zumindest nicht von Beginn an, mit Begeisterung), und der Hunger, die unhinterfragten Tischregeln und/oder die Strenge der Eltern unterbanden heute übliche Widerstände. Heutzutage gibt es weniger Hunger und eine liberalere Erziehung. Die Besorgnis der Eltern führt sogar dazu, dass die Kinder den Esstisch als einen Platz entdecken, an dem sie die Mutter bzw. die Eltern manipulieren können. (Zu) Häufig gilt, dass nicht die Kinder dankbar sind, wenn sie etwas zu essen bekommen, sondern die Eltern, wenn die Kinder das Angebotene essen. Dies führt zu einem Teufelskreis von Interaktionen, die dem Essen einen „verrückten“ Platz geben, irgendwo zwischen Machtkampf, Therapie und Resignation.

Der „Familientisch“ ist ein Mikrokosmos. Es lohnt sich, ihn als Bildungs-, Genuss- und Gemeinschaftsort zu erhalten und zu gestalten (Methfessel 2011). Familiale Alltagskultur zeigt sich auch in der familialen Esskultur, im Stellenwert des gemeinsamen Essens, des Einsatzes dafür im Alltag – und im Stellenwert derer, die sich darum sorgen.

 

 

Prof.in (i. R.) Dr.in Barbara Methfessel (Dipl.in troph, Dr.in phil.)
bis zur Pensionierung Herbst 2013 Professorin an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg (Fachgebiet Ernährungs- und Haushaltswissenschaft und ihre Didaktik im Fach Alltagskultur und Gesundheit).
Im Ruhestand weiterhin wissenschaftlich und fachpolitisch aktiv.
Arbeitsschwerpunkte: Ernährungs- und Verbraucherbildung, Ernährung und Esskultur, Ernährung, Lebensführung und Gesundheit – jeweils unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Entwicklungen.
URL: www.ph-heidelberg.de/alltagskultur-und-gesundheit/alltagskultur-und-gesundheit/gesundheit-und-ihre-didaktik/personen/im-ruhestand/prof-dr-barbara-methfessel.html
Kontakt: methfessel(at)ph-heidelberg.de.

Anita Nussmüller, MEd.

Von: Anita Nussmüller, MEd.

Spiritualität in der Familie leben

1. Wo begegnen Eltern der „Spiritualität“ ihrer Kinder?
Das Verlangen nach Seligkeit und Unsterblichkeit
hat Gott in unser Wesen eingesenkt. Augustinus

Der zu Herzen gehende Blick des Einjährigen, das Staunen des Dreijährigen über eine Ameise, die Fragen der Siebenjährigen über den Tod lassen uns als Mütter und Väter eine Wirklichkeit spüren, die zwar sinnlich nicht fassbar ist, trotzdem aber erfahrbar und erahnbar bleibt. Wir kommen mit einer spirituellen Ebene in Berührung, die viele Eltern und Großeltern auch ganz bewusst thematisieren wollen. Dazu dienen die folgenden Ausführungen: Sie sollen eine Haltung des Erwachsenen beschreiben, die eine persönliche Gottesbeziehung zum Mittelpunkt hat und sich im Alltag der Familie ausdrückt. 

Spiritualität in der Familie leben

1. Wo begegnen Eltern der „Spiritualität“ ihrer Kinder?

Das Verlangen nach Seligkeit und Unsterblichkeit
hat Gott in unser Wesen eingesenkt. Augustinus

Der zu Herzen gehende Blick des Einjährigen, das Staunen des Dreijährigen über eine Ameise, die Fragen der Siebenjährigen über den Tod lassen uns als Mütter und Väter eine Wirklichkeit spüren, die zwar sinnlich nicht fassbar ist, trotzdem aber erfahrbar und erahnbar bleibt. Wir kommen mit einer spirituellen Ebene in Berührung, die viele Eltern und Großeltern auch ganz bewusst thematisieren wollen. Dazu dienen die folgenden Ausführungen: Sie sollen eine Haltung des Erwachsenen beschreiben, die eine persönliche Gottesbeziehung zum Mittelpunkt hat und sich im Alltag der Familie ausdrückt.

In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst. Augustinus

Heute fördern wir Kinder sehr gezielt: Eltern-Kind-Gruppe, Sport, Vorschulenglisch, musikalische Früherziehung, … . Sie sollen bestmöglich in dieser Welt bestehen: etwas wissen – klug sein, soziale Fertigkeiten haben – einfühlsam sein, teilen können, beziehungsfähig und körperlich geschickt sein. Und dann kommen da Fragen der Kinder wie:
Wo war ich, bevor ich da war?             Wo beginnt der Himmel? Wo hört er auf?
Warum beginnt das Herz zu schlagen? Wenn ich tot bin, bin ich da noch ganz?
und später dann …
Warum kommt man überhaupt auf die Welt, wenn man sowieso wieder sterben muss?
Fragen der Kinder und Jugendlichen zeigen ganz deutlich, dass sie sich mit Sinn- und Wertfragen des Daseins beschäftigen.  Mit meiner Antwort als Mutter oder Vater schaffe ich einen Bezugspunkt und eine Deutungsmöglichkeit für das, was das Kind beschäftigt, was in seinem Leben passiert.

Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen. Augustinus

2. Anfang gut – alles besser? Wie sieht ein förderliches Umfeld aus?
Den Weg eines sinnorientierten Miteinanders beschreiten Eltern und Kinder schon vor der Geburt. Das Kind ist abhängig davon, ob es angenommen oder verneint wird. Noch bevor es seine eigene Individualität spürt, spürt es sein Angewiesensein auf ein DU. Das Urvertrauen, das der Säugling durch die Liebe der Eltern ausbildet, lässt ihn spüren, dass es eine bedingungslose Liebe gibt. Dies steht in weiterer Folge im Zusammenhang mit dem Glauben an einen liebenden Gott, eine universelle übergeordnete Intelligenz, zu der eine persönliche Beziehung möglich ist.

Die Sicherheit einer Bindung zu konstanten Bezugspersonen und das Einfühlungsvermögen, das das Kleinkind erfährt, erleichtern ihm die Liebe zum Nächsten und lassen es beziehungsfähig werden.
Wenn das Kind im dritten Lebensjahr seine Individualität entwickelt und seinen Eigen-Sinn erprobt, sprechen wir von der Ich-Entwicklung des Kindes, von der Phase der Autonomie, in der das Kind sich selbst lieben lernt.
Ab dem vierten Lebensjahr können wir die Gegenwart Gottes konkreter thematisieren und auch die Freiheit, uns für oder gegen Gott zu entscheiden.
So wie das Kind an den Grenzen seiner Selbstbestimmung baut, wie es seine
Durchsetzungskraft entfaltet und Freude daran hat, etwas zu besitzen so können wir den Aspekt der Verantwortung gegenüber der Schöpfung bewusstmachen. Kinder und erst recht Jugendliche erkennen die Abhängigkeit des Menschen von Klima (Hitze, Kälte) und Landschaft (Wasserreichtum, Umweltkatastrophen). Gemeinsam können wir überlegen, wie wir verantwortlich konsumieren.
Ganz wesentlich ist das Erleben der Feste und deren Bedeutung. In der Phase des magischen Denkens mag die Begegnung mit dem himmlischen Nikolaus und dem Christkind verzaubern, aber diese Phase klingt ab, wenn das Kind etwa sieben ist und geht in ein Stadium der konkreten Denkoperationen über – was dann? Ist das Fest dann ent-zaubert? Haben die Eltern gelogen? Was bleibt an Inhalt? Dies ist eine wichtige Auseinandersetzung für Eltern.

Spätestens mit dem Schuleintritt hat sich die Individualität des Kindes gefestigt. Bei einer positiven Eltern-Kind-Beziehung ist die Ich-Struktur so weit entwickelt, dass das Kind auch ohne sichtbare Mutter auskommen kann. Das reale Bild ist durch ein gefestigtes inneres Bild ersetzt. Das Kind kann glauben, dass es einen Gott gibt, auch wenn es ihn nicht sieht.

3. Wie können wir Spiritualität in der Familie konkret leben?
> In der Freude, im fröhlichen Miteinander, in einer humorvollen Grundeinstellung im Sinne eines grundsätzlichen „JAs“ zum Leben.

Die Seele ernährt sich von dem, worüber sie sich freut. Augustinus

> Im Gebet Beziehung pflegen mit Gott
Menschen leben Beziehungen zueinander, indem sie miteinander reden, ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle einander mitteilen. Mit der Beziehung zu Gott ist es genau so: wir stellen sie her, wenn wir unser eigenes Leben mit all seinen guten und schwierigen Seiten mit ihm besprechen. Gemeinsam mit den Kindern geht das besonders gut.

> Im Lesen der Bibel
Wenn wir mit den Kindern die biblischen Geschichten lesen und darüber reden, werden wir merken, dass die in den alten Geschichten enthaltenen Fragen und Antworten gar nicht alt sind. Sie sind immer so neu wie die Menschen, die sie lesen und darüber nachdenken, zu ihrer Zeit und an ihrem Platz auf der Erde. Kinder erfahren, dass die Menschen in den biblischen Geschichten Gefühle hatten, die sie auch aus ihrer Erlebniswelt kennen.

Wenn du die Heilige Schrift liest, spricht Gott zu dir. Augustinus

> In Ritualen
Rituale sind ein Weg, zu unserem persönlichen Rhythmus zu finden, sie haben eine sinnstiftende Dimension, sie markieren Übergänge (im Ablauf des Tages, der Woche, des Jahres, des Lebens). Durch Wiederholung über einen längeren Zeitraum entfalten sie ihre Kraft. So kann ein Segen vor dem Weggehen oder ein gemeinsames Abendritual das Vertrauen in Gottes Gegenwart stärken und Mut machen für alle Herausforderungen. Allerdings muss man ein Ritual tun, damit es wirkt, es genügt nicht, es bloß zu denken.

> In Symbolen
Palmbuschen, Osterpinzen, Hase, Osterei, Adventkranz, Krippe,… kommen in der Lebenswelt des Kindes vor. Was sie uns über das Fest erzählen wollen, dazu braucht es die Deutung durch den Erwachsenen. Wer dabei Unterstützung möchte, ist herzlich eingeladen, sich an mich zu wenden (a.nussmueller(at)kirche.at) und gemeinsam als Familie den Festen auf die Spur zu kommen.
Siehe http://familie.dsp.at/jahresfestkreis-gruppen-religion-fuer-alle-sinne
Angebote der Fachstelle Beziehung-Ehe-Familie,
Klostergasse 15, 3100 St. Pölten

> In der Stille und Natur
Ein Kind beobachtet die Welt im Detail, es sieht die kleinen Dinge. Über die Beobachtung der Natur können wir gemeinsam etwas entdecken, Fragen stellen und dabei Gott in seiner unfassbaren Größe bestaunen.

> Im gemeinsamen Gottesdienst mit der Familie
Allein als Erwachsene/r den Gottesdienst zu besuchen ist auf die Dauer unbefriedigend, weil der Glaube dann nicht in der Gemeinschaft der Familie erlebt werden kann. Suchen Sie sich einen Gottesdienst, der die Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt und wo Sie entspannt in einer Gemeinschaft feiern können.

> In den Festen und Feiern im Jahreskreis
Ein Fest ist etwas, „was einen Tag vom anderen unterscheidet, eine Stunde von den anderen. Sonst wären die Tage alle gleich“ schreibt Antoine de Saint-Exupéry im Kleinen Prinzen. Ohne Feste hätten wir „nur“ Alltag. Die Feste unterbrechen diese geregelte Struktur, sie sind das Herausragende, das Besondere, sie laden ein zur Verlangsamung, zum Innehalten und In-Sich-Hineinspüren, zum Miteinander-Reden, zum lustvollen Genießen und zur Begegnung mit Gott.
In jeder Familie entfalten die Feste im Vorfeld eine für diese Familie typische Eigendynamik. So wird zum Beispiel im Advent die Wohnung geschmückt, am Abend gelesen, mit den Kindern gebacken oder gebastelt. Die Art der Vorbereitung kann individuell sehr unterschiedlich sein, sie sagt aber etwas darüber aus, was für diese Familie am Fest wichtig ist und sie weckt Vorfreude. Die Handlungen sind nicht bloß Gewohnheit, sie beziehen sich auf die Familie als Gemeinschaft und werden zu Kristallisationspunkten für die Familie, wo jede/r Einzelne sich als Familienmitglied aufs Neue angenommen und zugehörig fühlt.
Die Erfahrungen, die innerhalb der Familie gemacht wurden, bleiben ein Leben lang Bezugspunkte für das Feiern.

Fazit: Ermutigung zur gelebten Spiritualität in der Familie
Wenn später einmal, warum nicht jetzt? Und wenn nicht jetzt, wie dann später einmal? Augustinus

Schaffen Sie als Eltern und Großeltern ein spirituell förderliches Umfeld für Ihre Kinder! Bieten Sie sich als Menschen an, der verantwortungsvoll mit der Schöpfung umgeht, der nachdenkt und Fragen stellt und durch den die Kinder erahnen, was eine persönliche Gottesbeziehung sein kann.

Verwendete Literatur:
Nussmüller, A. (2011): Spiritualität – Eltern begleiten Kinder. In: Forum Katholischer Erwachsenenbildung in Österreich: Mit Achtung und Respekt kompetente Eltern. Wie Elternbildung gelingen kann. 

Anita Nussmüller, MEd.
geb. 1965, ein Sohn eine Tochter, zwei Enkelsöhne
Sozialpädagogin, Lehrerin, Referentin der Fachstelle Beziehung-Ehe-Familie der Diözese St. Pölten, Diplomierte Erwachsenenbildnerin im Fachbereich „Religiös-theologische Bildung“

Ernst Spreng

Von: Ernst Spreng

Junge Menschen auf der Flucht

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) sind eine besondere Herausforderung für das Schulsystem. Sie befinden sich im Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsen. Und scheitern oft an den Möglichkeiten, Bildung zu erwerben.

Aktuelles
Als ich Mitte 2014 begonnen habe mich im Rahmen meiner Bachelorarbeit mit der schulischen Situation von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Tirol auseinander zu setzen, war die Welt in Mitteleuropa noch in Ordnung. Die Flüchtlingskrise spielte sich im Mittelmeerraum ab. Menschen starben beim Versuch, von Afrika nach Europa zu kommen. Syrer und Afghanen lebten in großen Flüchtlingslagern in Jordanien, dem Libanon oder der Türkei. Griechenland war stark betroffen, aber die Flüchtlinge waren noch nicht in Mitteleuropa angekommen. Heute ist das anders. Flüchtlinge sterben in Kühltransportern auf österreichischen Autobahnen. Syrische und afghanische Familien stehen an unseren Grenzübergängen, in unseren Bahnhöfen – und das zu Tausenden. Die Flüchtlingskrise ist für uns greifbar geworden, denn die Schicksale dahinter sind plötzlich nur mehr wenige Kilometer entfernt. Selbst österreichische Landtagswahlen werden von diesem Thema überschattet. Viele Menschen in Mitteleuropa haben das Gefühl, als hätte sich von einem Tag auf den anderen eine Schleuse aufgetan und der Flüchtlingsstrom hätte uns überrollt. Die Gemeinschaft der Bürger hat oft schneller reagiert als die Politik. Sie hat geholfen. Die Politik laviert zwischen dem menschlichen Bedürfnis, helfen zu wollen und der Angst, Wählerstimmen zu verlieren, wenn man gar zu freundlich gegenüber dem Fremden ist. In diesem Spannungsfeld bewegen sich unter den Tausenden von Flüchtlingen auch Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, die ohne Begleitung auf der Flucht sind. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, sind auch sie auf der Flucht. Ihre Zahl wird in den kommenden Jahren dramatisch steigen. Deshalb ist der Blick darauf, wie diese jungen Menschen zu integrieren sind, besonders wichtig. Sie befinden sich im Übergang vom Kind zum Erwachsenen, fallen oft nicht mehr in die gesetzliche Schulpflicht und wollen dennoch in das System Schule kommen. Sie sind nicht nur ohne Heimat, ohne Ansprechpartner sondern auch nicht mehr Kind und dennoch weit weg vom Erwachsensein. Das ergibt ein Spannungsfeld, dem sich ein Staat wie Österreich stellen muss.  

Junge Menschen auf der Flucht

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) sind eine besondere Herausforderung für das Schulsystem. Sie befinden sich im Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsen. Und scheitern oft an den Möglichkeiten, Bildung zu erwerben.

Aktuelles
Als ich Mitte 2014 begonnen habe mich im Rahmen meiner Bachelorarbeit mit der schulischen Situation von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Tirol auseinander zu setzen, war die Welt in Mitteleuropa noch in Ordnung. Die Flüchtlingskrise spielte sich im Mittelmeerraum ab. Menschen starben beim Versuch, von Afrika nach Europa zu kommen. Syrer und Afghanen lebten in großen Flüchtlingslagern in Jordanien, dem Libanon oder der Türkei. Griechenland war stark betroffen, aber die Flüchtlinge waren noch nicht in Mitteleuropa angekommen. Heute ist das anders. Flüchtlinge sterben in Kühltransportern auf österreichischen Autobahnen. Syrische und afghanische Familien stehen an unseren Grenzübergängen, in unseren Bahnhöfen – und das zu Tausenden. Die Flüchtlingskrise ist für uns greifbar geworden, denn die Schicksale dahinter sind plötzlich nur mehr wenige Kilometer entfernt. Selbst österreichische Landtagswahlen werden von diesem Thema überschattet. Viele Menschen in Mitteleuropa haben das Gefühl, als hätte sich von einem Tag auf den anderen eine Schleuse aufgetan und der Flüchtlingsstrom hätte uns überrollt. Die Gemeinschaft der Bürger hat oft schneller reagiert als die Politik. Sie hat geholfen. Die Politik laviert zwischen dem menschlichen Bedürfnis, helfen zu wollen und der Angst, Wählerstimmen zu verlieren, wenn man gar zu freundlich gegenüber dem Fremden ist. In diesem Spannungsfeld bewegen sich unter den Tausenden von Flüchtlingen auch Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, die ohne Begleitung auf der Flucht sind. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, sind auch sie auf der Flucht. Ihre Zahl wird in den kommenden Jahren dramatisch steigen. Deshalb ist der Blick darauf, wie diese jungen Menschen zu integrieren sind, besonders wichtig. Sie befinden sich im Übergang vom Kind zum Erwachsenen, fallen oft nicht mehr in die gesetzliche Schulpflicht und wollen dennoch in das System Schule kommen. Sie sind nicht nur ohne Heimat, ohne Ansprechpartner sondern auch nicht mehr Kind und dennoch weit weg vom Erwachsensein. Das ergibt ein Spannungsfeld, dem sich ein Staat wie Österreich stellen muss.

Überblick
Um die Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge zu verstehen, wurde analysiert, welche besonderen Umstände das Lernen dieser Jugendlichen positiv und negativ beeinflussen. Als Kernaussage hat sich ergeben, dass es wesentliche Unterschiede in Bezug auf die Entwicklungschancen gibt, wenn ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling per Gesetz zu alt ist, um in die Schulpflicht zu fallen. Negativ auf die schulische Leistung wirken sich auch Traumatisierungen aus sowie der häufig vorhandene Druck, im Asylland wirtschaftlich erfolgreich zu sein.
Um die Situation in Tirol zu erheben, wurden in der zweiten Jahreshälfte 2014 Interviews mit Pädagoginnen/Pädagogen, Flüchtlingsbetreuerinnen/-betreuern und Deutschtrainierinnen/-trainern durchgeführt. Diese wurden verglichen mit eigenen Beobachtungen aus mehreren Schulpraktika an einer Sonderschule, die einen hohen Prozentsatz an UMF aufweist. Um das Bild abzurunden, ergab sich für den Verfasser die Möglichkeit, bei einigen Deutschtrainings in einer Betreuungseinrichtung zu hospitieren.

Das Recht auf Schule
Das Recht auf Bildung für Kinder ist in mehreren völkerrechtlichen Verträgen verankert, die Österreich ratifiziert hat.  In Bezug auf Flüchtlingskinder hat die UN-Konvention über die Rechte des Kindes, die u. a. im Artikel 28 das Recht auf Bildung definiert und im Artikel 22 explizit die Situation von Flüchtlingskindern anspricht, größte Bedeutung. Alle festgeschriebenen Kinderrechte in dieser UN-Konvention gelten uneingeschränkt auch für Flüchtlingskinder (UNO, 2014, o. S.).
„Die Vertragsstaaten treffen geeignete Maßnahmen, um sicherzustellen, daß ein Kind, das die Rechtsstellung eines Flüchtlings begehrt oder nach Maßgabe der anzuwendenden Regeln und Verfahren des Völkerrechts oder des innerstaatlichen Rechts als Flüchtling angesehen wird; angemessenen Schutz und humanitäre Hilfe bei der Wahrnehmung der Rechte erhält, die in diesem Übereinkommen oder in anderen internationalen Übereinkünften über Menschenrechte oder über humanitäre Fragen, denen die genannten Staaten als Vertragsparteien angehören, festgelegt sind, und zwar unabhängig davon, ob es sich in Begleitung seiner Eltern oder einer anderen Person befindet oder nicht“ (Art. 22 Abs. 1, UN-Konvention über die Rechte des Kindes).
Wichtige Aussagen in Richtung Recht auf Schule und Schulpflicht sind hier, dass es für jedes Kind Pflicht – und damit Recht zugleich – ist, die Pflichtschule unentgeltlich zu besuchen. Das Recht auf Schule ist im Artikel 28 verankert.
Weiters besagt Art. 28, dass die Unterzeichnerstaaten „die Entwicklung verschiedener Formen der weiterführenden Schulen allgemeinbildender und berufsbildender Art fördern, sie allen Kindern verfügbar und zugänglich machen und geeignete Maßnahmen wie die Einführung der Unentgeltlichkeit und die Bereitstellung finanzieller Unterstützung bei Bedürftigkeit treffen“ (Art. 28 Abs. 1, UN-Konvention über die Rechte des Kindes).
Auch auf europäischer Ebene ist das Recht auf Schule als eines der Grundrechte des Menschen verankert. Nach Art. 2 des 1. Zusatzprotokolls zur Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) darf niemandem das Recht auf Bildung verwehrt werden. Der Genuss der in der Konvention anerkannten Rechte ist ohne Diskriminierung wegen der nationalen Herkunft zu gewährleisten (Art. 14 EMRK).
Nach Art. 14 der Neufassung der EU-Aufnahmerichtlinie müssen die Mitgliedstaaten minderjährigen Asylsuchenden in ähnlicher Weise wie den eigenen Staatsangehörigen den Zugang zum Bildungssystem gestatten. Die Mitgliedstaaten dürfen eine weiterführende Bildung nicht mit der alleinigen Begründung verweigern, dass die Volljährigkeit erreicht wurde. Der Zugang zum Bildungssystem muss spätestens drei Monate nach Asylantragstellung gewährt werden. Bei Bedarf müssen Minderjährigen Vorbereitungskurse, einschließlich Sprachkursen, angeboten werden, um ihnen den Zugang zum und die Teilnahme am Bildungssystem zu erleichtern.
Was bedeutet das für die aktuelle Situation? Kurz zusammengefasst bietet sich folgendes Bild: Kinder im Pflichtschulalter werden in Österreich korrekt in das Pflichtschulsystem integriert. Schwieriger ist die Situation für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Über ihnen schwebt oft das Damoklesschwert, ob sie jung genug sind, noch in das Pflichtschulsystem zu kommen – oder ob sie sich den Zugang zum Bildungssystem und damit zu einer weiterführenden Ausbildung über andere, holprige Wege organisieren müssen.

Zahlenspiele
Wie viele Kinder und Jugendliche in Österreich und in den Bundesländern auch pädagogisch betreut werden, ändert sich derzeit von Tag zu Tag. Im Rahmen eines Symposiums an der Pädagogischen Hochschule Tirol Mitte Oktober gab Landesrätin Christine Bauer einen aktuellen Überblick für Tirol. Hier befanden sich Mitte Oktober 121 Kleinkinder, 121 Vorschulkinder, 351 schulpflichtige Kinder und 122 Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren unter den Asylwerbern. Dazu kommen im Verteilerzentrum West in Innsbruck noch einmal im Schnitt 40 Kinder und Jugendliche, bei denen nicht klar ist, ob sie in Tirol bleiben.

UMF und das Schulsystem
Die Interviews mit BetreuerInnen und PädagogInnen haben interessante Ansatzpunkte ergeben, welche Schwierigkeiten und Möglichkeiten sich für UMF im Tiroler Schulsystem ergeben.
Die Wünsche und Hoffnungen, die unbegleitete minderjährige Flüchtlinge an ihr neues Leben in Tirol haben, können BetreuerInnen, DeutschtrainerInnen und Pädagoginnen/Pädagogen in einem Satz zusammenfassen: Sie wollen am ihrem neuen sozio-kulturellen Umfeld teilhaben. Diese Teilhabe lässt sich anhand dreier konkreter Wünsche und Hoffnungen manifestieren: „Sie wollen Bildung, ein sicheres Leben und gute Arbeit“ (Interview 1, 37).
Alle Befragten gaben an, dass der Wunsch nach Bildung ein zentrales Thema von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ist. Bildungserwerb wird dabei – laut der Aussagen der Befragten – gleichgesetzt mit Schule. Eine befragte Flüchtlingsbetreuerin formuliert diesen Wunsch folgendermaßen:
„Meistens wollen sie in die Schule gehen. Also, das ist so. Sie möchte in die Schule, auch wenn sie keine konkreten Vorstellungen haben, wie die Schule bei uns ausschaut“ (Interview 1, 46 f.).
Mit diesem Wunsch verbunden ist die Vorstellung, dass ein Land wie Österreich ein gutes Bildungssystem hat, in das man integriert wird, bestätigt ein Leiter einen Wohnheimes für UMF.
„Sie wollen lernen. Was sie sich unter Lernen vorstellen, das ist schon der Besuch einer Regelschule oder der Besuch einer AHS oder HTL oder solche Sachen“ (Interview 5, 6 f.).
Der Wunsch nach schulischer Bildung ist auch eines der zentralen Ergebnisse der Interviews mit jungen Flüchtlingen, die der Sonderpädagoge David Zimmermann in Deutschland durchgeführt hat. „Individuelle Leistungsstärke und -bereitschaft sind für alle Interviewpartnerinnen und -partner zentrale Aspekte ihres Selbstbildes“ (Zimmermann, 2012, S. 204). Dies mag zwar überraschen – vermutet man doch bei diesen Jugendlichen, dass sie vordergründig mit anderen Problemen als Schule zu kämpfen haben. Zimmermann führt aber an, dass gerade die vergangenen, mitunter traumatischen Erlebnisse der Jugendlichen eine wichtige Rolle in der Ausprägung der starken Leistungsorientierung spielen.
Eng verbunden mit dem Wunsch nach Bildung ist der Wunsch, einen Beruf zu erlernen. Wiederum wird dies bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen schwierig, wenn sie aufgrund ihres Alters nicht in das Pflichtschulsystem aufgenommen werden. Der Wunsch, einen Beruf zu erlernen ist auch eng damit verbunden, dass der Druck, Geld zu verdienen und Familienmitglieder zu unterstützen, bei vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen groß ist.

Wir wollen Deutsch lernen
Sind sie jugendliche Flüchtlinge motiviert? Die Frage haben PädagogInnen, DeutschtrainerInnen und BetreuerInnen in der Befragung in einem sehr hohen Ausmaß mit einem eindeutigen Ja beantwortet.
Als Hauptgrund für die Motivation wird genannt, dass sie möglichst schnell am sozialen Leben in Tirol teilhaben wollen bzw. die Interaktion mit den anderen Jugendlichen im Wohnheim, die nur über eine gemeinsame Sprache funktioniert.
Zu beobachten ist dabei, dass vor allem die BetreuerInnen in Wohnheimen die Motivation der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, schnell Deutsch zu lernen, noch höher einschätzen, als dies Pädagoginnen/Pädagogen oder DeutschtrainerInnen tun. Dies mag mit einer höheren emotionalen Nähe zwischen BetreuerIn und Jugendlichem liegen. In den Interviews wird aber auch darauf hingewiesen, dass die Bereitschaft zum eigenständigen Lernen geringer ist, als dies die allgemeine hohe Motivation für den Deutschspracherwerb vermuten lässt.
„Das heißt, sie gehen Deutschkurs, möchten auch schnell Deutsch lernen. Aber das heißt nicht, dass sie Vokabel lernen, Hausaufgaben machen, oder mit uns Betreuern am Nachmittag weiterlernen. Also da gibt es eine Diskrepanz“ (Interview 1, 83 f.).
Sehr eingehend hat sich der deutsche Sonderpädagoge David Zimmermann mit der Motivation zur Leistung bei jungen Flüchtlingen beschäftigt. Er führt die erhöhte Leistungsbereitschaft darauf zurück, dass die Wünsche der Jugendlichen aufgrund vieler Gesichtspunkte das Gegenteil ihrer Realität als Flüchtlinge darstellen. „Erfolg bedeutet dabei die Chance, diese Situation zu verändern“ (Zimmermann, 2012, S. 205).

Verhaltens(un)auffälligkeiten
Im schulischen Kontext kommt es bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu Verhaltensauffälligkeiten und besonderen Situationen. Die befragten Pädagoginnen/Pädagogen geben an, dass die Jugendlichen meist in den ersten Monaten sehr ruhig sind und versuchen, die neue Situation abzuschätzen, es aber dann oft erst nach Monaten zu Verhaltensauffälligkeiten kommt. Dies wird auf das „Aufbrechen der Traumata der Flucht“ (Interview 4, 60) bzw. besondere Lebensereignisse rund um das Asylverfahren zurückgeführt. Für viele PädagogInnen mag es übrigens beruhigend sein: Jugendliche Flüchtlinge sprechen in der Schule kaum über die dramatischen Ereignisse während der Flucht. Das ist im schulischen Kontext selten ein Thema. Durchaus schwierig hingegen sind Situationen an Schulen, wenn verschiedene Nationalitäten in der Schule aufeinandertreffen, die aktuell in einen feindlichen Konflikt miteinander sind, denn „[…] da werden die Konflikte der Heimat auch schon mal in die Schule getragen“ (Interview 4, 65-66).

Kulturelle Missverständnisse
Im schulischen Bereich ist dabei zu erkennen, dass die meisten Differenzen zwischen Lehrpersonen und unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen dadurch entstehen, dass sie bisher kaum mit Schulsystemen und deren Regeln zu tun hatten. Schulzeiten, Stundeneinteilung, Verhalten in der Schule – all das sind Unbekannte für den minderjährigen Flüchtling. Eine Sonderpädagogin nannte als Beispiel, dass ein afghanischer Jugendlicher sich bei einer Schulwanderung einfach eine Zigarette angezündet hat und es überhaupt nicht verstanden hat, das dies gegen die Schulregeln in Österreich sein soll.

Sprache im öffentlichen Raum
Jeder deutsche Sprachanlass ist für die Förderung der Deutschkenntnisse eines jugendlichen Flüchtlings von enormer Bedeutung. Neben Schule, Betreuungseinrichtung und eventuell einer Ausbildungsstätte kann das ungesteuerte Erwerben der deutschen Sprache nur über die Integration in das öffentliche Leben funktionieren. Freizeitaktivitäten, wie z. B. Sport, kommt hier eine besondere Bedeutung zu.
Die UN-Kinderrechtskonvention stellt in Artikel 31 klar fest, dass jedem Kind das Recht auf Spiel und Freizeit zu gewähren ist (UNO, 2014, o. S.). Hier spielt die Betreuungseinrichtung eine zentrale Funktion, aber auch die Schule als Ort für eine Sozialisierung durch Sport und Freizeit hat durch das steigende Angebot an Nachmittagsbetreuungen eine prägende Rolle.
Für die befragten BetreuerInnen und Pädagoginnen/Pädagogen ist der soziale Austausch in der Freizeit der Jugendlichen ein zentraler Punkt, um über „Erwerben“ den Sprachgebrauch zu üben und zu vertiefen. Die Anbindung an Vereine – vor allem Sportvereine – wird von allen Befragten nicht nur befürwortet, sondern auch aktiv unterstützt. Eine befragte Betreuerin beschreibt dabei den Fall eines Jungen, der in einer Neuen Mittelschule eingeschult wurde, zuerst sehr in sich gekehrt war, aber über den Fußball schnell Anschluss fand und jetzt auch in der Freizeit im Fußballverein die Möglichkeit hat, sein Deutsch zu üben.
„Und über den Fußball hat er dann auch Freunde in der Klasse gehabt. Das war dann – dadurch, dass sie zusammen im Fußballverein waren und in der Klasse, hat das ganz gut funktioniert“ (Interview 1, 201 f.).
Ein befragte Pädagogin spricht in ihrem Interview darüber, dass es gar nicht so wichtig sei, welche Schule ein jugendlicher Flüchtling besuche, sondern setzt die Bedeutung der gesellschaftlichen Integration über das schulische Deutschlernen:
„Ich glaube, dass sie integriert werden müssen. Und darunter verstehe ich jetzt nicht integriert in die Hauptschule, sondern integriert in der Freizeit, in der Gesellschaft“ (Interview 6, 207 f.).

Ungewissheit heißt Belastung
Status: derzeit heimatlos. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge könnten – sie tun es selten – viele Geschichten über ihre Flucht erzählen. Es sind traumatisierende Erlebnisse, die aber mit dem Ende der Flucht und dem Asylantrag noch lange nicht vorbei sind.
„Die Trennung von der Familie und dem gewohnten Umfeld, Trauer um verlorene Bindungen und bekannte kulturelle Codices sowie notwendige soziale und materielle Neuanfänge prägen alle Migrationsprozesse“ (Zimmermann, 2012, S. 22).
Diese von Zimmermann beschriebenen Faktoren sind nur ein Teil der Last, die unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit sich tragen. Nach den Ereignissen der Flucht durch fremde Länder, meist abhängig von Schleppern und deren Wohlwollen, prägen das Verhalten der Jugendlichen während des Asylverfahrens zwei wesentliche Punkte:
- Die Ungewissheit des Asylverfahrens: Nicht zu wissen, ob man bleiben darf oder ob man gehen muss, ist eine enorme Last für die unbegleiteten Jugendlichen. Befragte PädagogInnen gehen sogar soweit, dass es am Verhalten des Jugendlichen in der Schule ersichtlich ist, ob wieder ein zentraler Termin im Asylverfahren bevorsteht (Interview 6, 153 f.).
„Also die Zeit bis zum Interview, das Warten, die Unsicherheit, wie es weitergeht. Das ist essenziell für sie. Wenn ich mir österreichische Kinder in Einrichtungen anschaue, also die fremduntergebracht sind, dann unterscheiden sich die schon von unseren Bewohnern“ (Interview 5, 139 f.).
- Heimweh und Angst um die Zurückgebliebenen: Die Trennung von den Eltern und dem sozialen Umfeld ist unweigerlich mit starkem Heimweh verbunden. Die Eltern als Anker fehlen. Flüchtlinge fühlen sich entwurzelt und in vielen Interviewsequenzen der Befragungen liest man davon, dass die Jugendlichen am liebsten sofort wieder nach Hause möchten, aber nicht können. Jugendliche, die ihre Eltern, Verwandten, Freunde noch in der alten Heimat haben, machen sich zusätzlich zum vorhandenen Heimweh auch noch Sorgen um jene, die zurückgeblieben sind oder haben den Zwang, jemanden in der Heimat finanziell zu versorgen (siehe Punkt 8). Eine Flüchtlingsbetreuerin beschreibt sehr eindringlich, dass die Jugendlichen vor allem über soziale Medien intensiv das Leben ihres alten Umfeldes verfolgen.
„Wir haben zum Beispiel afrikanische Jugendliche, die machen sich derzeit große Sorgen wegen Ebola. Sie [UMF] sind nicht in Gefahr, aber ihre Leute sind trotzdem in Gefahr“ (Interview 1, 255 – 257).
„Sie vermissen ganz extrem ihr familiäres Setting, die Eltern. Und auch die Sicherheit, die mit Eltern einhergeht. Da ist jemand, der für einen Entscheidungen trifft. Das vermissen sie sehr wohl“ (Interview 1, 269 f.).

Neben einer möglichen Traumatisierung durch die Erlebnisse der Flucht selbst beeinflussen laut den Befragungen also vor allem die Ungewissheit des Asylverfahrens, Heimweh und Sorge um die Zurückgebliebenen maßgeblich das Verhalten der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Tirol – und damit auch den Spracherwerb bzw. Leistungen in der Schule oder in den Deutschkursen in der Betreuungseinrichtung.
Als meistgenannte erkennbare Verhaltensauffälligkeiten, die auf Traumatisierungen zurückzuführen sind, nennen PädagogInnen:
- ständige Kopfschmerzen
- Schlafmangel durch Albträume bzw. ständige Müdigkeit
- sehr geringe Aufmerksamkeitsspanne und geistige Abwesenheit
- Lethargie
- teilweise aggressives und autoaggressives Verhalten vor, während und nach besonders belastenden Momenten des Asylverfahrens.

Schule als Erfolgsgarant
Ausgehend von den Befragungen lässt sich ein zentraler Schluss ziehen: Bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen scheitert (oder gelingt) der effektive Bildungserwerb in den meisten Fällen an der gesetzlich gezogenen Altersgrenze, die es ihnen unter 15 Jahren ermöglicht, eine Pflichtschule zu besuchen und die es beim Überschreiten dieser Altersgrenze verhindert, dass ein Pflichtschulbesuch möglich ist.
Das Schulpflichtgesetz (SchPflG) in seiner derzeitigen Form stammt – mit Überarbeitungen – aus dem Jahr 1985. Die Regelung, dass in Österreich die Schulpflicht mit sechs Jahren beginnt und neun Schuljahre dauert, besteht also seit 30 Jahren (§ 2 Schulpflichtgesetz 1985, BGBl. Nr. 76/1985). In einer homogenen Schulwelt, in der jedes Kind mit sechs Jahren zur Schule kommt und sie durchgehend besucht, mag diese Regelung ihre Berechtigung haben. Es ist aber davon auszugehen, dass man sich 1985 noch keine Gedanken darüber gemacht hat, wie die Randgruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in solch ein homogenes Schulbild passen. Denn sie passen gar nicht dazu!
Denn kaum eine andere Gruppe von Jugendlichen hat ein derart heterogenes Bildungsniveau wie unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.
„Von Analphabeten, die noch nie einen Stift in der Hand gehalten haben, bis hin zu Jugendlichen, die in ihrem Land Schulen besucht haben, ähnlich unseren Gymnasien. Also ganz weit gestreut“ (Interview 1, 41 f.).
Das Recht auf Schule für Flüchtlingskinder wird durch die Altersgrenze, welche das österreichische Schulpflichtgesetz vorgibt, karikiert. Man kann einen jugendlichen Flüchtling, der nur zweitweise oder gar nicht in die Schule gegangen ist, nicht mit einem gleichaltrigen österreichischen Jugendlichen mit durchgängiger Schulhistorie vergleichen.
Die Befragungen sowie die eigene Beobachtung ergeben hier ein eindeutiges Bild für den Bildungs- und Deutscherwerb über die Pflichtschule im Gegensatz zu jenem ohne Pflichtschulbesuch.
Ist ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling zu alt für die Pflichtschule, bleiben ihm die Deutschkurse in der Betreuungseinrichtung. Derzeit ist es die Regel, dass für einen Jugendlichen rund 200 Deutscheinheiten finanziert werden (Interview 1, 236 f.). Damit ist es praktisch nicht möglich, ohne zusätzliche Ausbildung eine weiterführende Schule zu besuchen, da die Deutschkenntnisse fehlen. Es bleibt also nur die Möglichkeit, über den zweiten Bildungsweg das Niveau eines Hauptschulabschlusses in Deutsch zu erreichen. Eine weitere Möglichkeit ist, eine Lehrstelle im Bereich eines Mangelberufs zu bekommen und über die Berufsschule weiter Deutsch zu lernen. Wohlgemerkt, es wird nur über den Deutscherwerb gesprochen, nicht über andere Bildungsmankos wie Mathematik, Naturwissenschaften u. ä., die bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen durchaus gegeben sind, da ihre Schulhistorie zumindest mangelhaft ist. Der Zeitaufwand, über diesen Weg Deutsch bzw. Allgemeinbildung zu erwerben, ist lange und beschwerlich.
Ist der unbegleitete minderjährige Flüchtling noch im Pflichtschulalter, ist der Weg auch nicht leichter, aber dennoch kontrollierter und geradliniger. Denn hier greifen der Deutschspracherwerb in der Schule und das Deutschtraining in den Betreuungseinrichtungen ineinander. Der unbegleitete minderjährige Flüchtling hat also noch die Möglichkeit, einen Pflichtschulabschluss zu erwerben, hat damit mehr Chancen, eine Lehrstelle zu bekommen, bzw. die Möglichkeit, eine weiterführende Schule zu besuchen.
Dabei ist nicht nur der schwierige und längere Weg ein Grund dafür, Pflichtschule für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Bezug auf Schule ohne Altersbegrenzung zu sehen. Vielmehr ist Schule an sich für diese Jugendlichen ein Motivationsgrund, rasch Deutsch zu lernen. Denn Schule integriert sie in die Gesellschaft, sie bietet Hör- und Sprachanlässe in der deutschen Sprache, sie ist ein Stück Normalität im Flüchtlingsalltag und bietet diesen Jugendlichen wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben ein konstantes erzieherisches Regelwerk.
Die Deutschkurse in den Betreuungseinrichtungen können dieses System Schule kaum ersetzen und werden von den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen deshalb auch nicht mit der gleichen Motivation besucht, wie externe Kurse oder Pflichtschulen. Das bestätigen alle Befragungen zu dieser Arbeit, von denen hier einige markante Aussagen herausgehoben werden:
Heimleiter: „Bei uns gibt es halt die Deutschkurse, die wirklich top sind, die sie aber mehr oder weniger gerne besuchen. Ich glaube, da gibt es bei Ihnen [UMF – Anm. d. Verfassers] eine Diskrepanz oder die vorherrschende Meinung, dass sie sagen, das einzig Wahre ist ein BFI-Kurs oder Schule zu gehen“ (Interview 5, 12 f.).
Flüchtlingsbetreuerin: „Er [betreuter Flüchtling – Anm. d. Verfassers] hat natürlich die Möglichkeit in der Schule einmal fünf Stunden täglich Deutsch zu hören. Er hat die Gelegenheit, viele Menschen zu treffen, mit denen er Deutsch reden muss. Weil im Heim gäbe es natürlich genug Kollegen, die die gleiche Sprache sprechen. Da hat er einen großen Vorteil“ (Interview 1, 187 f.).
Pädagogin: „Das ist natürlich der Vorteil der Schule, hier wird immer Deutsch geredet. Will der Flüchtling Deutsch lernen, dann geht es in der Schule recht schnell, überhaupt, wenn es ein begleitetes Angebot in der Betreuungseinrichtung gibt“ (Interview 4, 40-43).

Resümee
Österreich hat als Zivilgesellschaft durchaus bewiesen, dass es mit der aktuellen Flüchtlingskrise umgehen kann. Wir haben aber auch Angst vor der aktuellen Situation. Jugendlichen Flüchtlingen Bildung zu schenken, ist ein Weg, diese Ängste abzubauen. Österreich muss gerade unbegleitete minderjährige Flüchtlinge als Chance wahrnehmen. Wir ermöglichen ihnen, ihre fehlende Bildungshistorie in unserem Schulsystem aufzuholen, ermöglichen ihnen einen kontrollierten Deutscherwerb und lassen sie an unserer Gesellschaft teilhaben. Die könnte sein, dass Österreich ein ungeahntes Potenzial an Jugendlichen hat, die in unserer Wirtschaft aktiv vertreten und wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft sind. Abseits von Mitleid, Erschütterung über die Entwurzelung und Erlebnisse dieser Jugendlichen könnte diese einfache Kosten-Nutzen-Rechnung der Schlüssel zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel sein, wie wir unbegleitete minderjährige Flüchtlinge behandeln. Die Rede ist dabei nicht von einer Aufweichung der gesetzlichen Grundlagen oder die Einladung: „Lasst alle zu uns kommen!“ Vielmehr hat sich Österreich in zahlreichen internationalen Verträgen dazu verpflichtet, Asyl zu gewähren und die Grundrechte von Flüchtlingen und Kindern zu schützen. Dazu gehört, dass wir einen Prozentsatz dieser internationalen Verpflichtung übernehmen und sie in unseren Köpfen eben nicht als Verpflichtung, sondern als Chance verankert ist.  Diese jungen Menschen wollen in die Schule. Also: Lassen wir sie doch dorthin!

Ein Tipp:
Auch so kann man unbegleitete minderjährige Flüchtlinge beschulen. Die SchlaU-Schule steht für das Programm „Schulanaloger Unterricht“, das in Bayern 2000 von einer Expertengruppe geschaffen wurde. Ziel war es, ein schulähnliches Aufbauprogramm zu schaffen, das die Grundlagen für eine spätere Ausbildung bildet. SchlaU ist eine staatlich anerkannte Ergänzungsschule für junge Flüchtlinge in München. Weitere Informationen: www.schlau-schule.de

Literaturverzeichnis
Bade, K. J. (2002). Migration, Migrationsforschung, Migrationspolitik – Bericht für das Goetheinstitut München. Abgerufen am 2. November 2014 von http://kjbade.de/bilder/goethe.pdf
Bundesministerium für Inneres. (2014). Asylstatiskik November 2014.
Abgerufen am 29. Dezember 2014 von http://www.bmi.gv.at/cms/BMI_Asylwesen/statistik/files/2014/Asylstatistik_November_2014.pdf
Bundesministerium für Inneres. (2014). Asylstatistiken Österreich. Abgerufen am 29. Dezember 2014 von http://www.bmi.gv.at/cms/BMI_Asylwesen/statistik/files/Asylstatistik_Jahresstatistik_2013.pdf
Dieckhoff, P. (2010). Statt eines Vorwortes. In P. Dieckhoff (Hrsg.),
Kinderflüchtlinge – Theoretische Grundlagen und berufliches Handeln.
(S. 7–9). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Dittmann, J. (2002). Der Spracherwerb des Kindes. Verlauf und Störungen. München: Verlag C. H. Beck.
Meier, M. (2010). Zum ersten Mal im Leben umarmt. Sport und Spiel als Mehrwert für Kinderflüchtlinge. In P. Dieckhoff (Hrsg.), Kinderflüchtlinge – Theoretische Grundlagen und berufliches Handeln. (S. 169–182). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Europäische Menschenrechtskonvention. (2014). Abgerufen am 8. November 2014 von http://emrk-online.info: http://emrk-online.info/artikel-8/einfuhrung/
UNHCR. (2014). UNHCR. Global Trends 2013. Abgerufen am 27. Dezember 2014 von http://www.unhcr.org/5399a14f9.html
UNHCR. (2014). Children on the Run. Abgerufen am 27. Dezember 2014 von http://www.unhcrwashington.org/sites/default/files/UAC_UNHCR_Children%20on%20the%20Run_Full%20Report.pdf
UN-Konvention. (2011). UN-Konvention ¬– Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Wien: Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz.
UNO. (2014). UN-Konvention über die Rechte des Kindes. Abgerufen am 28. Dezember 2014 von https://www.unicef.at/fileadmin/media/Kinderrechte/crcger.pdf
Zimmermann, D. (2012). Migration und Traum – Pädagogisches Verstehen und Handeln in der Arbeit mit jungen Flüchtlingen. Gießen: Psychosozial-Verlag.

 

 

Ernst Spreng
ist Jahrgang 1971 und hat 2015 das Bachelorstudium für das Lehramt allgemeine Sonderschule an der PH Tirol abgeschlossen. Er unterrichtet am Sonderpädagogischen Zentrum Hopfgarten im Brixental. Vor seinem Studium war Ernst Spreng als Journalist tätig. Die Bachelorarbeit „Derzeit heimatlos - Zweitspracherwerb und Bildungschancen unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Tirol“ wurde an der PH Tirol als eine der drei besten Bachelorarbeiten dieses Jahrgangs ausgezeichnet. Die gesamte Bachelorarbeit samt den Interviews ist in der Bibliothek der PH Tirol erhältlich.

Ing.in Michaela Nikl

Von: Ing.in Michaela Nikl

"Ich habe mich in jemand anderen verliebt!" - Trennung-wie sag ich es meinem Kind?

„Ich habe mich in jemand anderen verliebt, es tut mir leid!“, Juli 2014 - mein damaliger Partner, Vater unseres gemeinsamen 5,5 Jahre alten Sohns, sagte mir diese Worte mit Tränen in den Augen. Kurz davor hatte ich schon eine gewisse Ahnung, jetzt die Gewissheit, dass unsere mehr als 11-jährige Beziehung endgültig vor dem Aus stand. Schock, aber auch eine Spur Beruhigung, die Fakten zu kennen, machten mich sonderbar klar im Kopf. Mir war immer bewusst, wenn Trennung, dann zum Wohle des Kindes, der beide Elternteile braucht. In langen sehr emotionalen Gesprächen versuchten wir beide unsere Beziehungsende und die Zeit danach zu planen, leicht war es nicht und immer wieder kam es zu Vorwürfen und sehr bewegenden Momenten.

Trennungen können auch ganz anderes ablaufen. Jahrelange Streitigkeiten gehen ihnen oft voran, tiefe Verletzungen sind passiert, bis einer der Partner dann doch die Reißleine zieht und geht. Auseinandersetzungen sollten nicht direkt vor den Kindern ausgetragen werden, allerdings auch nicht vor ihnen geheim halten, denn dann ist der Schock nachher für sie umso größer. Kinder spüren instinktiv, dass etwas nicht in Ordnung ist, beziehen Spannungen auf sich selbst und haben Schuldgefühle. Wichtig für ihr weiteres Leben ist, eine Streitkultur von ihren Eltern zu lernen. Meinungsverschiedenheiten dürfen sein, der andere hat auch ein Recht auf seine Sicht der Dinge, klar sagen, was ich nicht will, welche Gefühle es bei mir auslöst und was mich verletzt. Hier haben beide Elternteile eine Vorbildfunktion, Kinder lernen meist durch Beobachtung von ihren Bezugspersonen.
Wenn es Unstimmigkeiten in der Familie gibt, diese in einer ruhigen Minute den Kindern erklären, Probleme wie Arbeitslosigkeit, Geldknappheit oder Krankheit versuchen kindgerechte mitzuteilen. „Der Papa hat eine andere Frau lieb, aber uns auch. Daher wird er jetzt nicht mehr bei uns wohnen, aber ihr werdet euch trotzdem immer wieder sehen. Wenn ich traurig bin, dann bin ich das wegen dem Papa, nicht wegen Dir.“, war die Erklärung für meinen Sohn.

"Ich habe mich in jemand anderen verliebt!" - Trennung-wie sag ich es meinem Kind?

„Ich habe mich in jemand anderen verliebt, es tut mir leid!“, Juli 2014 - mein damaliger Partner, Vater unseres gemeinsamen 5,5 Jahre alten Sohns, sagte mir diese Worte mit Tränen in den Augen. Kurz davor hatte ich schon eine gewisse Ahnung, jetzt die Gewissheit, dass unsere mehr als 11-jährige Beziehung endgültig vor dem Aus stand. Schock, aber auch eine Spur Beruhigung, die Fakten zu kennen, machten mich sonderbar klar im Kopf. Mir war immer bewusst, wenn Trennung, dann zum Wohle des Kindes, der beide Elternteile braucht. In langen sehr emotionalen Gesprächen versuchten wir beide unsere Beziehungsende und die Zeit danach zu planen, leicht war es nicht und immer wieder kam es zu Vorwürfen und sehr bewegenden Momenten.

Trennungen können auch ganz anderes ablaufen. Jahrelange Streitigkeiten gehen ihnen oft voran, tiefe Verletzungen sind passiert, bis einer der Partner dann doch die Reißleine zieht und geht. Auseinandersetzungen sollten nicht direkt vor den Kindern ausgetragen werden, allerdings auch nicht vor ihnen geheim halten, denn dann ist der Schock nachher für sie umso größer. Kinder spüren instinktiv, dass etwas nicht in Ordnung ist, beziehen Spannungen auf sich selbst und haben Schuldgefühle. Wichtig für ihr weiteres Leben ist, eine Streitkultur von ihren Eltern zu lernen. Meinungsverschiedenheiten dürfen sein, der andere hat auch ein Recht auf seine Sicht der Dinge, klar sagen, was ich nicht will, welche Gefühle es bei mir auslöst und was mich verletzt. Hier haben beide Elternteile eine Vorbildfunktion, Kinder lernen meist durch Beobachtung von ihren Bezugspersonen.
Wenn es Unstimmigkeiten in der Familie gibt, diese in einer ruhigen Minute den Kindern erklären, Probleme wie Arbeitslosigkeit, Geldknappheit oder Krankheit versuchen kindgerechte mitzuteilen. „Der Papa hat eine andere Frau lieb, aber uns auch. Daher wird er jetzt nicht mehr bei uns wohnen, aber ihr werdet euch trotzdem immer wieder sehen. Wenn ich traurig bin, dann bin ich das wegen dem Papa, nicht wegen Dir.“, war die Erklärung für meinen Sohn.

Holen Sie sich auch in der ersten Zeit der Trennung Unterstützung. Vertrauen Sie sich Menschen an, die Ihnen guttun, lassen Sie sich trösten, vielleicht verbringen Sie erst mal ein paar Tage für sich oder suchen Rat bei Familienberatungsstellen. Wichtig - dem Kind immer vermitteln, dass niemand Schuld hat, am wenigsten das Kind selbst, sondern, dass für die Situation mehrere Faktoren verantwortlich waren. Vermeiden Sie, den anderen vor dem Kind schlecht zu machen, Kinder sind loyal und befinden sich in einem Gewissenskonflikt, der sie stark belastet, weil sie beide Eltern lieben. Geben Sie sich selbst Zeit, eine Trennung zu verkraften dauert seine Zeit. Es wird Phasen der Verzweiflung, der Wut und der inneren Leere geben, vielleicht werden Sie auch nochmal versuchen, um den Partner oder die Partnerin zu kämpfen oder die Trennung rückgängig zu machen, bis Sie akzeptieren und loslassen können.

Beobachten Sie in der Trennungsphase Ihre Kinder, ob sie Verhaltensänderungen zeigen. Das kann sein, dass sie sich zurückziehen, besonders zornig und trotzig reagieren, schulische Leistungen nachlassen, körperliche Beschwerden, wie Bauch- oder Kopfschmerzen sich häufen, auch Einnässen kann wieder vorkommen.
Hier hilft besonders aktives Zuhören: Wenn Ihr Kind bedrückt scheint, setzen Sie sich mit ihm zusammen, bei Burschen kann es auch hilfreich sein, daneben etwas gemeinsam zu tun. Sagen Sie Ihrem Kind, wie es auf Sie wirkt und warten ab, was kommt. Will Ihr Sohn oder Tochter nichts sagen, bestehen Sie nicht drauf, sondern vermitteln, dass Sie immer da sind und ein offenes Ohr haben. Will Ihr Kind reden, dann hören Sie zu, wiederholen, was Sie gehört haben und fassen zusammen. Bitte keine Ratschläge oder Ablenkungen, sonst fühlt sich das Kind nicht verstanden. Versuchen Sie auch das Gefühl und das Bedürfnis hinter den Aussagen heraus zu finden.

Das kann so ablaufen:
Sohn: Beim Papa habe ich immer gleich am Abend einschlafen können, der hat mir am Handy immer ein Märchen vorgespielt!
Mama: Ah, beim Papa bist Du gleich eingeschlafen, weil er Dir etwas vorgespielt hat?!
Sohn: Ja, das waren Märchen, die man anhören hat können!
Mama: Kannst Du Dich noch an ein Märchen erinnern?
Sohn: Ja, da war eine Schatzinsel und Piraten, die nach dem Schatz gesucht haben.
Mama: Geht Dir der Papa ab, weil er Dir jetzt nichts mehr am Abend vorspielen kann?
Sohn: Ja!
Mama: Was könnten wir jetzt tun?
Sohn: Spielst Du mir am Handy ein Märchen vor und können wir den Papa anrufen, wann er wieder kommt?
Mama: Ja, das machen wir. Morgen in der Früh rufen wir ihn gleich an und jetzt darfst Du Dir noch ein Märchen aussuchen.

Gerade in der Phase nach der Trennung sind ein geregelter Tagesablauf, Struktur und liebevolle Grenzen besonders wichtig. Sie geben den Kindern Halt und Orientierung, möglicherweise werden Ihre Kinder versuchen, was bisher gegolten hat, in Frage zu stellen. Sätze wie: „Aber beim Papa darf ich bis 10 Uhr aufbleiben!“, können manche Mutter in Rage bringen. Versuchen Sie trotzdem ruhig zu bleiben und Regeln, die zu Hause vereinbart wurden, auch weiter einzufordern. „Aber zu Hause gehst Du um halb neun schlafen! Mir ist wichtig, dass Du ausreichend Schlaf bekommst, bitte geh jetzt ins Bett!“
Begleiten Sie Ihr Kind ins Zimmer, es kann sein, dass es nochmal über etwas reden möchte oder noch jemanden zum Kuscheln braucht. 

Oftmals sind Verzweiflung und Unsicherheit gewaltig, ein vielfältiges Angebot an Beratungen und Seminaren ermöglicht es Ihnen und Ihren Kindern die schwierige Phase der Trennung bestmöglich zu überwinden.

Hier erhalten Sie und Ihre Kinder kompetente Hilfe:

Sollten Sie den Eindruck haben, Ihr Kind braucht noch zusätzliche Unterstützung, kann eine Rainbows – Gruppe das Richtige sein. Hier lernt das Kind Trauer- und Verlusterlebnisse mitzuteilen und zu verarbeiten. Durch Spiele und verschiedene Methoden in einer Kleingruppe mit Gleichgesinnten, entwickeln Kinder und Jugendliche wieder Selbstvertrauen und Mut.
Weitere Infos:  www.rainbows.at

Für Eltern gibt es Gruppen-und Einzel-Coaching bei der Elternwerkstatt, in denen Sie die oben erwähnten Methoden lernen und individuelle Lösungen auf Ihre Fragen finden und in jedem Fall die Kommunikation zu Ihren Kindern verbessern.
Weiter Infos: http://www.elternwerkstatt.at/angebote/fuer-eltern/trennungscheidung/

Ing.in Michaela Nikl
• Geb. 1971
• Mutter eines Sohns (2008) und mehrfache Co-Mutter
• Seit 2003 Supervision/Beratung/Training im Einzel- und Gruppensetting, in den letzten Jahren im Bereich Erziehungsberatung mit Schwerpunkt Patchwork-Familie und Trennung
• Gründerin des Lebenszeichen-Netzwerks (www.meinelebensaufgabe.at)
• Autorin von Fachartikeln über Erziehung und gehirngerechtes Lernen u.a. für Lehrling.at, e-book: 7 Tipps aus meinem Elternalltag
• Seit 2014 Landesvertreterin der Elternwerkstatt für NÖ (www.elternwerkstatt.at)

Prof.in Dr.in Sigrid Tschöpe-Scheffler

Von: Prof.in Dr.in Sigrid Tschöpe-Scheffler

Was ist eine gute Erziehung?
Grundfragen statt Grundlagen –  eine Pädagogik der Achtung nach Janusz Korczak

Anfang August 1942 wurde der polnisch-jüdische Pädagoge Janusz Korczak gemeinsam mit seinen Mitarbeiterinnen und 200 jüdischen Waisenkindern aus dem Warschauer Ghetto ins Vernichtungslager Treblinka abtransportiert und dort getötet.
Sie teilten das Schicksal mit 6 Millionen Juden, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Wer war dieser Mann? Was können wir von seiner Haltung Kindern gegenüber lernen?

Gerade im Zusammenhang mit zeitgemäßen Fragen zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention und der Rolle des Kindes, aber auch zu Fragen nach dem, was eine „gute Erziehung sein könnte“  können uns Janusz Korczaks Überlegungen zum Leben, zur Erziehung und zur Beziehung weiterhelfen.
So sagen meine Studierenden, die mit Leben und Werk des Arztes, Pädagogen und Waisenhausvaters Janusz Korczak in unseren Seminaren in Berührung gekommen sind, er mache Mut, er gebe Visionen von einem gelingenden Leben, sie bekämen Hilfestellungen für die eigene Praxis. Von ihm könne man aber auch  lernen, das Scheitern in der Praxis nicht als Niederlage zu verstehen, sondern es als Anlass zur Selbstreflexion und Selbsterziehung zu nehmen.

 

 

Was ist eine gute Erziehung?
Grundfragen statt Grundlagen –  eine Pädagogik der Achtung nach Janusz Korczak

Anfang August 1942 wurde der polnisch-jüdische Pädagoge Janusz Korczak gemeinsam mit seinen Mitarbeiterinnen und 200 jüdischen Waisenkindern aus dem Warschauer Ghetto ins Vernichtungslager Treblinka abtransportiert und dort getötet.
Sie teilten das Schicksal mit 6 Millionen Juden, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Wer war dieser Mann? Was können wir von seiner Haltung Kindern gegenüber lernen?

Gerade im Zusammenhang mit zeitgemäßen Fragen zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention und der Rolle des Kindes, aber auch zu Fragen nach dem, was eine „gute Erziehung sein könnte“  können uns Janusz Korczaks Überlegungen zum Leben, zur Erziehung und zur Beziehung weiterhelfen.
So sagen meine Studierenden, die mit Leben und Werk des Arztes, Pädagogen und Waisenhausvaters Janusz Korczak in unseren Seminaren in Berührung gekommen sind, er mache Mut, er gebe Visionen von einem gelingenden Leben, sie bekämen Hilfestellungen für die eigene Praxis. Von ihm könne man aber auch  lernen, das Scheitern in der Praxis nicht als Niederlage zu verstehen, sondern es als Anlass zur Selbstreflexion und Selbsterziehung zu nehmen.

 „Oh, ich liebkose diese Kinder mit meinen Blicken, mit meinen Gedanken und der Frage: Wer seid ihr, wunderbares Geheimnis, und was verbirgt sich in euch?
Ich bin ihnen gut in dem Bemühen: womit kann ich euch helfen?.“
( Korczak, J., WKls,  S.36)
Dieses Zitat aus Korczaks pädagogischer Schrift: „Wie man ein Kind lieben soll“, vermittelt einen Eindruck von seiner Annäherung an das Kind. Zum einen wird spürbar, wie er sich als Fragender, Suchender und Beobachtender dem Kind nähert, um es zu verstehen; zum anderen wird damit gerechnet, dass sich das Kind entzieht, geheimnisvoll, unplanbar und unkontrollierbar bleibt.
Das Kind wird nicht zum „Forschungsobjekt“ degradiert, sondern als Subjekt, als eigenständiges Wesen in seiner Einmaligkeit ernst genommen.

Korczak versuchte das Leben selbst in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen wahrzunehmen, zu achten, sich einzufühlen und zu verstehen. Praxis und Theorie gehören für Korczak untrennbar zusammen. Wer also in Korczaks Schriften nach der pädagogischen Theorie sucht, wird enttäuscht werden.
 „Nein, nein- und nein ! Ich glaube nicht an den Wert einer sorgfältigen Erziehung, ich glaube nicht an die Bedeutung der pädagogischen Grundsätze“ (Korczak, J., 1978, S.96)


Korczak hat die Gefahr der Pädagogisierung schon sehr früh erkannt und vor den Psychologen und Pädagogen gewarnt, die der intentionalen Erziehung und formalen Erziehung einen zu hohen Stellenwert einräumen:
Für Korczak war als Arzt und Naturwissenschaftler eine exakte Beobachtung die Voraussetzung für jegliche Diagnostik. Während seines gesamten Berufslebens als Heimerzieher sammelte er unzählige Daten und notierte sie täglich sorgfältig, um aus der eigenen Beobachtung heraus zu neuen Erkenntnissen zu kommen. So notierte er nicht nur die Größe und das Gewicht oder die Krankheiten der Kinder, sondern auch ihr Verhalten (Schlägereien und Tränen) und entwickelte kreativ Statistiken zu dem beobachteten Phänomen, z. B. gab es eine Kurve zur Häufigkeit von Schlägereien.
Korczaks Beobachtungen zielten auf das Verstehen der Symptome ab. Er ist in seinen Deutungen vorsichtig und kommt nie zu einem abschließenden Urteil, da jede Beobachtung eine neue Frage aufwirft. Das "forschende Fragen" ist eine Hauptcharakteristik seiner Arbeitsweise. Es gibt für ihn nicht die Kategorie "Kind", sondern nur das Individuum, das sich immer wieder anders verhält.

Sein Credo war es, die Erfahrungen des Kindes, sein Lebensgeheimnis, seine Gefühle sowohl vor dem Zugriff einer besitzergreifenden Liebe als auch vor den verhängnisvollen Vorstellungen der Erwachsenen zu schützen. Er forderte die Magna Charta Libertatis als ein Grundgesetz für Kinder.
Korczak formulierte die Rechte der Kinder lange bevor 1959 die UN-Deklaration und dann endlich 1989 die UN-Konvention als völkerrechtliches Gesetz Kinderrechte festlegte.

Das Kind durch Rechte zu schützen bedeutete für Korczak in erster Linie, die Erfahrungen des Kindes und damit sein Anderssein, seine Individualität und sein Kindsein zu schützen. „Ich fordere die Magna Charta Libertatis, als ein Grundgesetz für das Kind. Vielleicht gibt es noch andere - aber diese drei Grundrechte habe ich herausgefunden:
a) Das Recht des Kindes auf den Tod.
b) Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag.
c) Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist.“ (Korczak, J., WKls, S.40)

Diese Rechte sollen das Kind vor dem Zugriff der Erwachsenen durch Wissenschaft, Psychologisierung, Pädagogisierung, Scheinliebe und unverhältnismäßigen Leistungsanforderungen schützen. Die Radikalität seiner Forderungen wird meines Erachtens besonders durch den ersten Punkt deutlich. Indem er das Recht auf einen eigenen Tod fordert, stellt er das eigene Leben mit seinen Wagnissen und Risiken in die Eigenverantwortung des Kindes. Erwachsene nehmen Kindern durch ihre Angst und Überfürsorge wesentliche Erfahrungs- und Lebensmöglichkeiten.
Korczak mutet den Erwachsenen zu, eigene Ängste um das Leben des Kindes und eigene Vorstellungen von dem geraden, gefahrlosen Weg in eine glückliche Zukunft des Kindes genau zu überprüfen und, falls nötig, zugunsten neuer Einstellungen zu revidieren. Damit würden die vielfältigen kindlichen Entwicklungsmöglichkeiten geachtet und ihnen Raum gegeben.

Korczak war es Zeit seines Lebens ein Anliegen, Kinder als eigenständige Individuen zu achten. Als Anwalt der Kinder lebte er mit ihnen und entwickelte demokratische Formen von Kindermitbeteiligung und Selbstverwaltung.
So gab es in seinen Waisenhäusern Kindergerichte, eine Kinderzeitung und Selbstverwaltungsgremien.
Korczaks Deklaration von 1918 konnte zu seiner Zeit nicht weiter umgesetzt und realisiert werden. Erst 1959 wurde in der „Erklärung über die Rechte des Kindes„ durch die Vereinten Nationen festgelegt, dass es für Kinder, der menschlichen Würde entsprechend, bürgerliche Rechte gibt. Hierzu gehören die Rechte auf Freiheit, auf Erziehung und Bildung, angemessene Versorgung, Liebe und Zuwendung, als auch der Schutz vor Diskriminierung und Gewalt. Vergleicht man diese zehn Artikel mit dem, was Janusz Korczak bereits vierzig Jahre zuvor gefordert und gelebt hat, muss man enttäuschend feststellen, dass der Anspruch weit hinter Korczak zurückgeblieben ist. Das Recht, als einmaliger Mensch, der keinem Entwurf entsprechen muss, wahrgenommen zu werden, der Geheimnisse und Träume haben darf; das Recht auf Zeit, auf Raum, auf lebendige Umgangserfahrungen, auf Trauer und Schmerz, das Mitspracherecht in allen das Kind betreffenden Lebensbereichen - alle diese Rechte kamen nicht vor.
Janusz Korczak hielt gerade sie aber für unentbehrlich und erachtete es für notwendig, Erwachsene zu verpflichten, diese Rechte einzuhalten. 70 Jahre dauerte es, bis Korczaks Forderung zumindest teilweise realisiert wurde: in einer verbindlichen Rechtsform wurden 1989 einstimmig von der UN-Vollversammlung persönliche, soziale, sittliche, kulturell, partizipative und politische Rechte für Minderjährige verabschiedet. Damit wurde der Kindheit ein eigener Wert eingeräumt und gesetzlich verankert, was Korczak schon Jahrzehnte vorher postuliert und gelebt hatte.

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Korczak, J.: Wie man ein Kind lieben soll, Göttingen 1967 (WKls)
Korczak, J.: Das Recht des Kindes auf Achtung, Göttingen 1970, 1973 (RaA)
Korczak, J.: Wenn ich wieder klein bin, Göttingen 1973
Korczak, J.: Verteidigt die Kinder, Gütersloh 1978 (VdK)
Korczak, J.: Von Kindern und anderen Vorbildern, Gütersloh 1979 (VKuaV)
Korczak, J.(Hrsg. Dauzenroth, E.): Der kleine Prophet, Gütersloh 1988
Korczak, J.: Sämtliche Werke, Bd. 1: Kinder der Straße. Kinder des Salons. Gütersloh 1996
Abkürzungen:
WKls  - Wie man ein Kind lieben soll
RaA  - Das Recht des Kindes auf Achtung
VdK - Verteidigt die Kinder
VKuaV- Von Kindern und anderen Vorbildern
Sekundärliteratur
Beiner, F. (Hg.): Zweites Wuppertaler Korczak-Kolloquium, Wuppertal 1984,
Beiner, F.: Zur Grundlegung einer Pädagogik der Achtung in: Beiner, F.:(Hrsg.) Janusz Korczak - Pädagogik der Achtung, Heinsberg 1987
Beiner, F. (Hg.): Janusz Korczak - Pädagogik der Achtung, Heinsberg 1987
Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen, Gesundheit (Hg.): Achter Jugendbericht, Bonn 1990
Lifton, B.J.: Der König der Kinder. Das Leben von Janusz Korczak, Stuttgart 1991
Mollenhauer, K.: Vergessene Zusammenhänge, München 1983
Pelzer, W.: Janusz Korczak, Hamburg, 4.Aufl. 1994
Pestalozzi,. J.H., Sämtliche Werke, hrsg. von Seyffarth, L.W., Liegnitz 1896 f, Bd. 9
Tschöpe-Scheffler, S.: Wer seid ihr, unbekanntes Geheimnis? in: Kaminski, W., Tschöpe-Scheffler, S.: Janusz Korczak - Gestern, heute, morgen - Symposium des FB Sozialpädagogik der Fachhochschule Köln, Dokumentation, Köln 1997, S. 24-36
Tschöpe-Scheffler, S.: Perfekte Eltern und funktionierende Kinder? vom Mythos der „richtigen“ Erziehung, Opladen 2006
Tschöpe-Scheffler, S.: Kinder brauchen Wurzeln und Flügel – Erziehung zwischen Bindung und Autonomie, Stuttgart, 2. Auf. 2007

Prof.in Dr.in Sigrid Tschöpe-Scheffler
Professorin für Erziehungswissenschaft an der Technischen Hochschule in Köln, Autorin u.a. des Bestsellers "Fünf Säulen der Erziehung", Referentin und Supervisorin im In- und Ausland, u.a. bei den Lehrgängen zur Elternbildnerin der Kinderfreunde in Österreich. Gastprofessur in Innsbruck (2006), Gestalttherapeutin in eigener Praxis in Köln und im Sauerland.

Mag.a Denise Schiffrer-Barac

Von: Mag.a Denise Schiffrer-Barac

Deutschpflicht in der Pause

In der aktuellen Diskussion um das Thema „Deutschpflicht in der Pause“ kommt ein zentraler Aspekt deutlich zu kurz: Die Frage nach der Meinung der Kinder.

Es passiert leider viel zu oft, dass Kinder und Jugendliche nicht als Expertinnen und Experten für ihr Lebensumfeld anerkannt werden und für sie, statt mit ihnen gemeinsam, geplant, geregelt und gestaltet wird. Wesentlich für eine gelungene Pausengestaltung ist, das Miteinander in der Schule gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern gemäß dem Recht auf Partizipation und Meinungsäußerung (Artikel12 UN-KRK) zu definieren und zu regeln. Die Achtung der Meinung der Kinder und Jugendlichen ist ein Grundprinzip der UN-Kinderrechtskonvention. Auch im Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern ist das Recht auf angemessene Beteiligung und Berücksichtigung der Meinung des Kindes (BVG über die Rechte von Kindern, Artikel 4) festgeschrieben.

 

 

Deutschpflicht in der Pause

In der aktuellen Diskussion um das Thema „Deutschpflicht in der Pause“ kommt ein zentraler Aspekt deutlich zu kurz: Die Frage nach der Meinung der Kinder.
Es passiert leider viel zu oft, dass Kinder und Jugendliche nicht als Expertinnen und Experten für ihr Lebensumfeld anerkannt werden und für sie, statt mit ihnen gemeinsam, geplant, geregelt und gestaltet wird. Wesentlich für eine gelungene Pausengestaltung ist, das Miteinander in der Schule gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern gemäß dem Recht auf Partizipation und Meinungsäußerung (Artikel12 UN-KRK) zu definieren und zu regeln. Die Achtung der Meinung der Kinder und Jugendlichen ist ein Grundprinzip der UN-Kinderrechtskonvention. Auch im Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern ist das Recht auf angemessene Beteiligung und Berücksichtigung der Meinung des Kindes (BVG über die Rechte von Kindern, Artikel 4) festgeschrieben.

Die kija Steiermark ist davon überzeugt, dass eine Einigung, die im gemeinsamen Prozess mit Kindern und Jugendlichen erzielt wird, jedenfalls aufgrund des breiteren Konsenses unter Berücksichtigung verschiedenster Sichtweisen nachhaltiger ist. Kinder und Jugendliche fühlen sich für die von ihnen gefundenen Entscheidungen verantwortlich. Zudem werden sie in ihrer demokratischen Handlungskompetenz gestärkt und erfahren Demokratie als wertvolles und schützenswertes Gut. Und ganz nebenbei wird auch noch ein respektvoller Umgang miteinander gefördert und das Machtverhältnis zwischen Einzelnen ausbalanciert.

Der rechtliche Aspekt:
Im Oktober des Vorjahres verwies das Bildungsministerium in einer Stellungnahme darauf, dass das Festlegen von Deutsch als einziger außerhalb des Unterrichts in der Schule zulässiger Sprache bzw. das Verbot einer bestimmten bzw. mehrerer Sprachen im Rahmen von Hausordnungen oder Verhaltensvereinbarungen jedenfalls im Widerspruch zur Achtung des Privat- und Familienlebens gemäß Art. 8 EMRK (Europäische Menschenrechtskonvention) und zu Art. 1 BVG (Bundesverfassungsgesetz) über die Rechte des Kindes steht und daher unzulässig ist. Somit ist eine Verordnung der Deutschpflicht in Schulen rechtlich nicht gedeckt. Nun sollen Empfehlungen zur Schulsprache Deutsch ausgesprochen werden. Die Kinder- und Jugendanwaltschaft Steiermark sähe in der Einführung der Deutschpflicht in den Pausen oder entsprechenden Empfehlungen einige Artikel der UN-Kinderrechtskonvention verletzt – Artikel 2, Artikel 3, Artikel 15, Artikel 16 und weitere.

Zu den Initiativen von Schulen:
In den letzten Jahren gab es immer wieder vereinzelt Initiativen und Forderungen, Deutsch als Sprache in der Schule konkret im Pausenhof zu empfehlen – mit unterschiedlichen Zielen: Reduktion des Konfliktpotenzials, Integration durch Sprache, schnellstmögliches Erlernen der deutschen Sprache und andere. Die Initiativen wurden von Schulen selbst initiiert und basierten mehr oder minder auf Freiwilligkeit. So konnten zum Beispiel an der Berliner Herbert-Hoover-Realschule, wo 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler nicht Deutsch als Muttersprache haben, nach der Einführung der „Deutschpflicht“, die von Lehrer/innen, Schüler/innen und Eltern gemeinsam vereinbart wurden, tatsächlich auch positive Folgen verzeichnet werden. Es gab weniger Konflikte, bessere Noten in Mathematik, höhere Identifikation mit der Schule und sogar ein Anmeldeplus. Diese positiven Auswirkungen sind aber nicht ausschließlich der „Deutschpflicht“ zuzuschreiben, sondern sind auch Resultat anderer Angebote an der Schule wie beispielsweise die Projektgruppe „Darstellendes Spielen“, eine zusätzliche Deutschstunde pro Woche oder korrektes Deutsch im Unterricht. Die Direktorin der Schule erhielt für ihren Einsatz den deutschen Nationalpreis.

Deutsch als gemeinsame Sprache von Schülerinnen und Schülern aus verschiedensten Sprachkulturen kann neben Integration und Identifikation mit einer Gruppe noch Weiteres bewirken: Sie bringt Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichsten Muttersprachen zusammen, ermöglicht ihnen Verständigung und ein Miteinander statt Missverständnisse und Konflikte aufgrund von Sprachdifferenzen. Außerdem ist für manche Schülerinnen und Schüler in der Pause Deutsch zu sprechen die einzige Möglichkeit, sich mit Gleichaltrigen in dieser Sprache zu unterhalten und ihre Sprachkompetenz, die sie unweigerlich im weiteren Leben brauchen, zu erhöhen. Trotz aller Vorteile, die Deutsch als gemeinsame Sprache bringen mag, gibt es auch viele Gefahrenquellen, die nicht unberücksichtigt bleiben dürfen. Mit der Verpflichtung auf die deutsche Sprache wird bei Schülerinnen und Schülern mit anderem sprachlichen Hintergrund der Eindruck vermittelt, dass ihre Muttersprache wertlos, ja sogar störend sei, stellt auch die Bildungsexpertin Barbara Herzog-Punzenberger fest. Es wird diesen Schülerinnen und Schülern in gewisser Weise auch Gewalt angetan, weil man ihnen mit der Deutschpflicht einen Teil ihrer Persönlichkeit verbietet und sie aufgrund ihrer Sprache diskriminiert werden.

Eine differenzierte Herangehensweise ist also erforderlich. Es gilt Wege zu finden, auch die Mehrsprachigkeit zum Vorteil aller nutzen zu können, denn Diversität bereichert, wenn sie richtig gelebt werden kann. Wenn darüber hinaus Integration mittels verschiedenster Maßnahmen bereits im Unterricht gelingt und als erstrebenswert vermittelt wird, benötigt es für die Pausen eher keine Maßnahmen oder Regelungen.



Mag. iur. Denise Schiffrer-Barac
geb. 1976
verheiratet, 2 Kinder
Juristin, staatlich geprüfte Schuldnerberaterin
seit Mai 2015 Kinder- und Jugendanwältin des Landes Steiermark
seit 2008 Juristin der Drogenberatungsstelle des Landes Steiermark

Dipl. Päd. Constanze Schilling

Von: Dipl. Päd. Constanze Schilling

Mit Herz und Hirn

… weil wir Erwachsenen Verantwortung tragen!
Die Kath. Jungschar St. Pölten setzt einen eindeutigen Schwerpunkt: Prävention von sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen

Nicht nur, dass die Kinderrechtskonvention 25 Jahre alt geworden ist und die g´sunde Watschen seit 25 Jahren verboten „scheint“, geht es doch darum durch Aktionen, Presseaussendungen, Fortbildungen, Menschen zu sensibilisieren, sie hörend und sehend zu machen.

Mit Herz und Hirn

… weil wir Erwachsenen Verantwortung tragen!
Die Kath. Jungschar St. Pölten setzt einen eindeutigen Schwerpunkt: Prävention von sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen.

Nicht nur, dass die Kinderrechtskonvention 25 Jahre alt geworden ist und die g´sunde Watschen seit 25 Jahren verboten „scheint“, geht es doch darum durch Aktionen, Presseaussendungen, Fortbildungen, Menschen zu sensibilisieren, sie hörend und sehend zu machen.

Seit 2004
2004 hat die Kath. Jungschar Österreich begonnen sich mit der Prävention von sexualisierter Gewalt auseinander zu setzen. Nicht nur ein Einlesen war geplant, nein, von Anfang an war es das Ziel, ein Konzept für eine Fortbildung zu erstellen, das in den Diözesen, in der Arbeit mit den Multiplikator/innen sofort umsetzbar ist.
Als größte österreichische Kinderorganisation war es unser ureigenster Auftrag, hin zu schauen und Verantwortung zu übernehmen und mit dieser Fortbildung „Wir reden d´rüber“ auch ein Zeichen innerhalb der Kath. Kirche zu setzen. Mit den Themen „Nähe und Distanz“, „Sexuelle Gewalt“, „Prävention“ wollten wir sensibilisieren, Wissen zur Verfügung stellen und Hilfestellungen anbieten.

In der Diözese St. Pölten
Aus dieser Konzeption wurde in unserer Diözese die eineinhalbtägige Veranstaltung „Herz und Hirn“, die im Herbst 2006 in der Diözese St. Pölten (im Hiphaus St. Pölten), auch in der Kooperation mit der KIJA NÖ, das erste Mal durchgeführt wurde.
Die Kooperation mit fachkundigen Expert/innen (KIJA NÖ, pschosoziale Beratungsstellen, Präventionist/innen) war notwendig, wichtig und stärkend, denn Erzählungen aus der Praxis und dem alltäglichen Tun eröffnen erfahrungsorientiertes Lernen.

Im Febraur 2015 heißt es nun zum 6.Mal:
Mit unseren HERZEN haben wir uns gegenüber Kindern und Jugendlichen geöffnet. Verantwortungsvoll begleiten und unterstützen wir sie in ihrer Entwicklung. Mit HIRN müssen
wir im Anlassfall als Vertrauenspersonen handeln können.

Im Rahmen unserer Veranstaltung wird uns Dr. Gabriele Hintermeier als Leiterin das Konzept und die Mitarbeiter/innen der diözesanen Ombudsstelle vorstellen. Danach setzen wir uns mit dem Themenfeld Nähe und Distanz in zwischenmenschlichen Beziehungen auseinandersetzen.
Mit Univ.Ass.Mag.Dr. Andrea Lehner-Hartmann wird geklärt was sexuelle Gewalt ist, welche systemdynamischen Komponenten wirken, wie Täter/innen vorgehen und welche Symptome sich bei Opfern zeigen können. Sie stellt Bezug zum Glauben und Religion her und beleuchtet die Bedeutung unserer pastoral-, religionspädagogischen Arbeit in der Begleitung von Kindern und Jugendlichen.

Im Blickfeld stehen Wissenswertes über die Kinderrechte und die Angebote der Kinder& Jugendanwaltschaft NÖ. Frau Michaela Naber-Tastl wird uns beschreiben, wie wir im Anlassfall so richtig wie nur möglich handeln, wo wir uns Hilfe holen können und wie Prozessbegleitung funktioniert. Wichtig ist uns hier auch der Verweis auf alle psychosozialen Einrichtungen/Beratungsstellen in NÖ bzw. in der Diözese.
Der Präventionsverein Selbstlaut aus Wien stellt methodische Arbeit in der Prävention zur Selbstreflexion und für den Einsatz in der Kinder- und Jugendarbeit vor und reflektiert mit den Teilnehmer/innen Grundhaltungen, Methoden und Aktionen in unserer Arbeit.

Unsere Zielsetzungen
Eine fundierte Aus- und Weiterbildung von Jungschar- und Ministrant/innen-Gruppenleiter/innen und anderen Mitarbeiter/innen der kirchlichen Kinderarbeit ist die bedeutsamste Präventionsmaßnahme gegen sexuelle Übergriffe. Wir ermöglichen damit eine systematische und persönliche Auseinandersetzung und schärfen dadurch auch die kritische Aufmerksamkeit gegenüber dem Engagement anderer in der kirchlichen Kinderarbeit tätiger Personen.
Information und Aufklärung über sexuelle Gewalt sollen helfen, im Tätigkeitsbereich der Katholischen Jungschar ein offenes und enttabuisiertes Klima zu schaffen, das potentielle Täter abzuschrecken imstande ist.
In der Katholische Jungschar wird körperliche und sexuelle Gewalt in egal welcher Form nicht geduldet. Mädchen und Buben sollen in ihrem individuellen Sein geschätzt, geachtet und unterstützt werden. Niemand hat das Recht, sich selbst Kindern gegenüber einen Vorteil zu verschaffen und Macht auf sie auszuüben. Die ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter/innen der Katholischen Jungschar stehen auf Seiten der betroffenen Mädchen und Buben steht und sie werden alles Mögliche tun, um sexuelle Gewalthandlungen an Kindern weitgehend zu verhindern bzw. an deren Aufdeckung mitzuarbeiten. Gleichzeitig grenzt sich die Katholische Jungschar in ihrer Profession von psychosozialen Beratungszentren ab, sieht sich selbst hier als Mittlerin und Unterstützerin in der Weitergabe von informationen, bietet aber selbst weder Beratung und Prozessbegleitung an.

Kirche – ein Platz für Schutz, Wachstum und Stark-sein
Kinder, die Jungschargruppen besuchen, ministrieren und Sternsingen gehen, lieben die Gemeinschaft, die gemeinsamen Projekte und Aktionen (z.B. Jungscharlager). Sie schöpfen hier Kraft, erleben Halt und Fürsprache und erleben ihre Gruppenleiter/innen als Vertrauenspersonen.
Aus diesem Gemeinschaftsgefühl heraus und durch die Vorbildfunktion der Gruppenleiter/innen können die Kinder die Nähe zu Gott erfahren, ihren Glauben weiterentwickeln und Sinnstiftung erfahren. In der Katholischen Jungschar gilt für alle, die Kinder betreuen, den Blick auf einen liebenden und beschützenden Gott zu ermöglichen.
Vermeintliche Vertrauenspersonen, die Kinder in Machtspiele verwickeln, einschüchtern, ihnen gegenüber gewalttätig sind und damit Verwirrung und Ohnmacht auslösen, erschüttern nicht nur die Seele des Kindes, sondern auch das Vertrauen in Gott und sein Wirken. Denn dort wo Seelsorger/innen, Gruppenleiter/innen, Religionslehrer/innen, Pastoralassistent/innen Kinder missbrauchen, verkündigen sie einen „Gott rücksichtsloser Selbstherrlichkeit“ .

Kinder sind unsere Zukunft und wir müssen das Geschenk, dass sie von begleitet werden wollen, hüten wie unseren Augapfel.

Dipl. Päd. Constanze Schilling
geb. 1978
seit 11 Jahren Mitarbeiterin der Kath. Jungschar in St. Pölten
Referentin Gruppenleiter/innen-Basisbildung, zuständig für die Aus- und Weiterbildung der Gruppenleiter/innen in den Pfarren
freiberufliche Trainerin für persönlichkeitsbildende Seminare, für Didaktik und Methodik
(Zielgruppe: Lehrer/innen, Lehrlinge, Lehrlingsbetreuer/innen, Personalentwickler/innen, Mitarbeiter/innen in Unternehmen, Eltern (Trainerin für Kess-erziehen-Kurse); im Profit- und Nonprofit-Bereich)

Dr. Christopher Schlembach

Von: Dr. Christopher Schlembach

Jugend und Jugendkriminalität

Jugend ist eine Entwicklungsphase, in der Orientierungen der Kindheit aufgegeben und Rollen des Lebens Erwachsenen eingeübt werden. Diese Entwicklung verläuft nicht immer reibungslos. Episoden abweichenden Verhaltens (Kriminalität oder Krankheit) können auftreten oder sich dauerhaft verfestigen. Der Artikel geht diesem Problem auf Basis empirischer Daten nach, die in der dritten Welle der International Self-Report Delinquency-Studie (ISRD) für Österreich erhoben wurden. Die Studie erhebt Täter- und Opfererfahrungen Jugendlicher sowie Substanzkonsum. Einige zentrale Ergebnisse werden dargestellt und interpretiert. Abschließend werden die theoretischen Annahmen, die der ISRD-Studie zugrunde liegen, kritisch betrachtet.

Jugend und Jugendkriminalität
Theoretische und empirische Aspekte der International Self-Report Delinquency-Studie in Österreich

Jugend und moderne Gesellschaft
Das Jugendalter kann ebenso unbeschwert wie schwierig sein. In diesem Alter werden den Menschen nicht die vollen Pflichten der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben abverlangt. Der Freiraum für Selbstentfaltung und Identitätsentwicklung ist groß. Zugleich nimmt die elterliche Kontrolle mit zunehmendem Alter rapide ab. Beziehungen zu Eltern oder Erziehungsberechtigten verändern sich, was mitunter schmerzhafte Ablösungsprozesse erforderlich macht. Das Eintauchen in Subkulturen oder das Entwickeln utopischer und romantischer Phantasien (aktuelles Beispiel: Jihadismus bei Jugendlichen) sind Formen der Kompensation der damit einhergehenden Verunsicherung. Gesellschaften, die eine Vielfalt an Entwicklungsmöglichkeiten unter der Anforderung eines selbstbestimmten, auf eigener Leistung basierenden Lebens bieten, machen eine solche Entwicklungsphase mitsamt der dazugehörigen „Sonderwelten“ (Subkulturen, Szenen) notwendig.

Auf der anderen Seite sind Jugendliche als gesellschaftliche Gruppe marginalisiert, weil sie vom wirtschaftlichen Standpunkt aus meist nicht über ein eigenes Einkommen verfügen und weil sie auch als Wähler wenig relevant sind. Als Konsequenz gibt es außerhalb der Schule nicht immer alters- und einkommensadäquate Angebote. Jugendliche finden sich mit ihren Emotionen und Krisen oft alleine gelassen. Schließlich können sie sich aufgrund der niedrigen sozialen Kontrolle nicht nur relativ frei entwickeln. Sie können sich das Leben gegenseitig überaus schwer machen und alle möglichen „Jugendsünden“ begehen.

Aus Sicht der Soziologie geht es in der Jugendphase vor allem um die Integration der Persönlichkeit mit (späteren) sozialen Rollenanforderungen, das heißt, um den Aufbau wechselseitiger (offener, sehr oft rationaler) Handlungsorientierung, während die vertrauten Strukturen der Kindheit aufgegeben werden (müssen). In einer solchen Situation sind Konflikte und Spannungen nahezu vorprogrammiert. Rückzug in Krankheit oder das Ausagieren aggressiver Tendenzen können in schweren Fällen die Folge sein.

Die International Self-Report Delinquency-Studie
Diese besondere Situation muss man sehen, wenn man das Problem des abweichenden Verhaltens bei Jugendlichen in den modernen Gesellschaften analysieren will. Eine realistische Einschätzung insbesondere des straffälligen Verhaltens Jugendlicher ist jedoch schwierig, weil es von offiziellen Statistiken nur unzureichend abgebildet wird.

Das Kuratorium für Verkehrssicherheit beteiligte sich deswegen an der International Self-Report Delinquency-Studie (ISRD-3) und beauftragte das Kriminologische Institut der Universität Zürich mit der wissenschaftlichen Begleitung und der Auswertung. ISRD ist eine internationale, vergleichende Jugendkriminalitätserhebung, die erstmals 1988 in 13 europäischen Ländern durchgeführt wurde. Die zweite Welle fand zwischen 2005 und 2007 in 31 Ländern weltweit und erstmals auch in Österreich statt. Bei der dritten Welle, die von 2013 bis 2015 durchgeführt wurde, beteiligten sich 35 Staaten weltweit.

Die Erhebungen von ISRD werden an Schulen durchgeführt und erfassen sowohl selbstberichtete eigene Delinquenz als auch Opfererfahrungen sowie den Substanzkonsum (Alkohol, Cannabis, Heroin usw.). Solche Dunkelfeldstudien sind nicht nur eine wichtige Ergänzung zur gerichtlich oder polizeilich erfassten Kriminalität, sondern es lassen sich auch Zusammenhänge erschließen, die Jugendkriminalität begünstigen oder die ihr entgegenwirken.

In Österreich wurden die Daten im Jahr 2013 erhoben und 2015 in Berichtsform veröffentlicht. Befragt wurden Schülerinnen und Schüler der 7. bis 9. Schulstufe (das sind ganz grob die 13 bis 15-Jährigen) in allen Regelschulformen (ohne Sonderschule) und in allen Bundesländern (zuerst in Vorarlberg und Oberösterreich, dann in den restlichen Bundesländern). Die Erhebung selbst wurde mittels Online-Befragung in den Computerräumen der Schulen durchgeführt. Von knapp 9500 potentiellen Teilnehmenden konnten schließlich 6550 Fragebögen verwendet werden. Diese Fallzahlen, die auf einer repräsentativen Stichprobe beruhen, gehen weit über die Vorgaben des ISRD-Steuerungskomitees hinaus und ermöglichen nicht nur Vergleiche mit anderen Ländern, sondern auch zwischen österreichischen Bundesländern auf einer sehr detaillierten Ebene.

Eine ausführliche Vorstellung der Ergebnisse würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Sie können im veröffentlichten Studienbericht im Detail nachgelesen werden. Ich möchte nur einige wenige Ergebnisse darstellen und diskutieren. Darüber hinaus möchte ich den kriminologischen Hintergrund der ISRD-Studien beleuchten, um die Grenzen, aber auch die Möglichkeiten aufzuzeigen, die sich aus den gewonnenen Daten und ihrer Interpretation ergeben.

Jugendliche als Opfer von Straftaten
Wie die Teilnahme am sozialen Leben, nehmen auch die Möglichkeiten von Jugendlichen, Opfer krimineller Handlungen zu werden, spezifische Formen an. Im Rahmen von ISRD-3 wurden 6 Delikte abgefragt, jeweils nach dem Vorkommnis im Lebenslauf (Lebenszeitprävalenz) und im letzten Jahr (Jahresprävalenz): Raub, Körperverletzung, Diebstahl, Hasskriminalität, Cybermobbing und elterliche Gewalt, die wiederum nach dem Schweregrad in schere und leichte Gewalt untergliedert war. Leichte Gewalt umfasst das Schlagen, Ohrfeigen oder Rütteln der Opfer. Schwere Gewalt umfasst Schlagen mit Gegenständen und Fäusten, Misshandeln durch Fußtritte, bis zum Zusammenschlagen.

Am häufigsten werden Jugendliche Opfer von Diebstahl. 45,3% der Befragten gaben an, zumindest einmal in ihrem Leben Opfer dieses Delikts geworden zu sein. Darauf folgt schon elterliche Gewalt, wovon 33% der Jugendliche betroffen sind, wobei es sich in 26,9% der Fälle um leichte Gewalt handelt und in 6,1% der Fälle um schwere Gewalt. Mädchen sind mit 28,3% bei der leichten und 7,7% bei der schweren Gewalt stärker betroffen als Burschen (25,4% leichte, 4,4% schwere Gewalt). Cybermobbing ist das dritthäufigste Delikt, was insgesamt 17,1% der befragten Jugendlichen betraf. Auch hier sind Mädchen mit 23% wesentlich stärker betroffen als Burschen (10,6%).

Man sieht an diesen Zahlen sehr gut, wie die modernen Kommunikationstechnologien das Alltagsleben durchdrungen und wie sie neue Gelegenheiten der Opferwerdung geschaffen haben, wovon Mädchen stärker betroffen sind als Burschen.

Auch in einem anderen Bereich, in der familiären Gewalt, sind Mädchen Opfer als Burschen. Im Gegensatz zu Cybermobbing ist Gewalt in der Erziehung ein altes Thema und der Umgang mit ihr hat sich im Lauf des 20. Jahrhunderts dramatisch verändert. Jene Gewalt, wie sie der autoritären Familie zugrunde liegt und wie sie meisterhaft in Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ geschildert wird, gehört aus rechtstaatlicher Sicht nicht mehr zu den sozial akzeptierten Formen der Erziehung. Die Verbannung der Gewalt aus der Erziehung ist einer der wichtigsten Kulturfortschritte unserer Zeit. Mit dem Kinderrechtsänderungsgesetz 1989 wurde das Verbot von Gewalt in der Erziehung in Österreich explizit formuliert und ihr Gebrauch unter Strafe gestellt. Seit dieser Zeit hat sich auch die von dem Kinderarzt Hans Czermak propagierte Einsicht etabliert, dass die „gesunde Watsche“ krank macht.

Gemessen an diesen Entwicklungen muss man dennoch festhalten, dass Gewalt in der Erziehung aus der Opferperspektive von Jugendlichen überhaupt das bei weitem häufigste Gewaltdelikt ist. Wenn insgesamt ein Drittel der Schüler und Schülerinnen Gewalterfahrungen in der Familie macht, in leichter oder schwerer Form, dann könnte man genauer hinsehen, was in den Familien los ist, unabhängig davon, was das für die Entwicklung von kriminellem Verhalten unter Jugendlichen bedeutet.

Jugendliche als Straftäter
Bei den Straftaten wurden ebenso jugendtypische Delikte erhoben: Sachbeschädigung (konkret in der Form von Graffiti und Vandalismus), Diebstahl, Laden-, Fahrrad-, Auto- und Einbruchsdiebstahl, sowie Diebstahl aus einem Auto, Waffentragen, Gruppenschlägerei, Körperverletzung, illegales Downloaden, Drogendealen und Tierquälerei.

Mit Abstand das Häufigste Delikt stellt mit 38,9% (Lebensprävalenz) das illegale Downloaden dar. Dabei haben die Burschen (44,8%) gegenüber den Mädchen (33,5%) die Nase vorn. Es ist wahrscheinlich, dass mit Bezug auf illegale Downloads wenig Unrechtsbewusstsein besteht. Die Tat ist praktisch nicht beobachtbar und auch in der Durchführung ist sie sehr niederschwellig.

Vandalismus (10,3%) und Ladendiebstahl (9,5%, beide werden beziehen sich auf die Lebensprävalenz) sind die häufigsten Delikte im Alltag jenseits der Virtualität. Mit 13,2% Burschen gegenüber 7,7% Mädchen beim Vandalismus und 11,1% Burschen gegenüber 8% Mädchen beim Ladendiebstahl dominieren auch bei diesen beiden Delikten die Burschen.

Interessant sind auch bundeslandspezifischen Unterschiede. So ist Vorarlberg mit 7,5% von Graffiti am stärksten betroffen gegenüber Oberösterreich, wo nur 4,4% der Jugendlichen angaben, Graffitis gesprüht zu haben. Kärnten ist beim Vandalismus (13%) sowie bei Diebstahl (6,25%) und Ladendiebstahl (9,6%) am stärksten betroffen. Solche regionalspezifischen Unterschiede können etwas mit den Tatgelegenheiten und mit dem Freizeitverhalten der Jugendlichen zu tun haben. Mehr als Vermutungen über die Gründe, die Anlass zu weiteren Untersuchungen geben, lassen die Daten aber nicht zu.

Probleme des Erklärungsansatzes
Den Hintergrund für die Erklärung von Jugendkriminalität, der für die ISRD-Studie herangezogen wird, ist die Kontrolltheorie der Kriminalität wie sie von Michael Gottfredson und Travis Hirschi formuliert wurde. Die innere Selbstkontrolle, die Bindung an Eltern, Lehrer oder Freunde, sowie die Kontrolle durch Aufsichtspersonen werden als Erklärungsfaktoren für delinquentes Verhalten verwendet. Straftaten werden als Ergebnis eines kurzfristigen Denkens konzipiert, das sich in günstigen Situationen den Wünschen des Augenblicks hingibt, während es weder auf langfristige eigene Interessen noch auf die Interessen und Gefühle anderer achtet. Der Ansatz ist aus Sicht einer zeitgemäßen Sozialwissenschaft unzureichend, weil er den Unterschied zwischen gelungener Sozialisation und den Fehlentwicklungen auf der Ebene der Handlungsmotive nicht adäquat erfasst, sondern einfach undifferenzierte Motive unterstellt, die durch innere oder äußere Kontrollmechanismen in Schach gehalten werden müssen. Gewalt und Betrug (force and fraud), wie Michael Gottfredson und Travis Hirschi argumentieren, spielen natürlich in den menschlichen Angelegenheiten immer eine Rolle, aber in modernen Gesellschaften sind sie nicht regelmäßig die Basis der sozialen Strukturen und Prozesse und bei einer stabil verlaufenden Persönlichkeitsentwicklung sind sie auch nicht die ausschlaggebenden Antriebe für eigenes Handeln.

Wenn man den theoretischen Ansatz der Kontrolltheorie auch nicht für angemessen hält, weil er letztlich auf einem veralteten Menschen- und Gesellschaftsbild beruht, bietet die Untersuchung dennoch wichtige Hinweise auf bekannte Korrelate der Kriminalität wie Schulschwänzen, eine schlechte Beziehung zu den Eltern, die sich zudem kaum für die außerhäuslichen Aktivitäten ihrer Kinder interessieren, häufiges nächtliches Ausgehen sowie der unkontrollierte Konsum von gewalthaltigen und pornographischen Medieninhalten. Es ist wenig überraschend, dass Jugendliche signifikant mehr Gewalt und Eigentumsdelikte begehen, wenn diese Korrelate auf sie zutreffen. Ohne Bindung an Rollenvorbilder ist der Aufbau wechselseitiger Handlungsorientierungen schwieriger und es können sich Motivstrukturen verfestigen, die eher auf Täuschung und Gewalt als auf Offenheit und Anerkennung beruhen.

Die Untersuchung der Korrelate von Kriminalität stammt eigentlich aus einer pragmatischen, von der sozialen Arbeit inspirierten Perspektive auf die „soziale Pathologie.“ Armut, schwierige Familienverhältnisse, Alkoholmissbrauch, familiäre Gewalt, Drogenmissbrauch, usw. fallen unter diesen Begriff. Der Gedanke ist, dass abweichendes Verhalten eine Folge sozialer Desorganisation ist und wenn man etwas dagegen tun will, muss man auf dieser sozialen Ebene intervenieren, nicht auf der Ebene der Individuen. Wenn man also Auskunft über einige dieser sozialen Probleme benötigt, dann ist die ISRD-Studie eine gute Quelle.

Ausblick
Mit der Umsetzung der International Self-Report Delinquency-Studie hat das Kuratorium für Verkehrssicherheit einen Meilenstein in der Erforschung der Jugendkriminalität in Österreich gesetzt. Insbesondere mit Blick auf die sozialen Probleme könnte der nächste Schritt sein, die österreichischen Ergebnisse mit den Ergebnissen anderer Länder zu vergleichen. Ebenso kann man genauer in die Zusammenhänge hineinsehen, die zwischen der Delinquenz und ihre Korrelaten besteht oder man kann die bundesländerspezifischen Unterschiede untersuchen. Hellhörig sollte jedenfalls das hohe Ausmaß an Gewalt in der Familie machen. Vielleicht besteht bei Eltern diesbezüglich ein genauso geringes Unrechtsbewusstsein wie bei Jugendlichen, die illegale Inhalte aus dem Internet herunterladen.

Dr. Christopher Schlembach
arbeitet und lehrt als Soziologe in Wien und St. Pölten. Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen soziologische Theorie, abweichendes Verhalten und Organisationssoziologie. Am Kuratorium für Verkehrssicherheit hat er die inhaltliche Leitung eines internationalen Forschungsprojekts zur Kultur der Verkehrssicherheit inne.

Poly Gföhl

Von: Monika Moser

Warum ist die Polytechnische Schule so wichtig? - Am Beispiel Poly Gföhl

„Das Poly in Gföhl engagiert sich sehr für uns Schüler/innen. Durch Vorträge von Firmen aus unserer Nähe und Veranstaltungen wie unsere Lehrstellenbörse wird die Lehrstellensuche sehr positiv beeinflusst. Außerdem wurden wir durch das Jugendcoaching der Caritas in unserer Berufsentscheidung bestärkt. Auch das politische Interesse wird durch interessante Lehrausgänge und Exkursionen gefördert.

Warum ist die Polytechnische Schule so wichtig? - Am Beispiel Poly Gföhl

„Das Poly in Gföhl engagiert sich sehr für uns Schüler/innen. Durch Vorträge von Firmen aus unserer Nähe und Veranstaltungen wie unsere Lehrstellenbörse wird die Lehrstellensuche sehr positiv beeinflusst. Außerdem wurden wir durch das Jugendcoaching der Caritas in unserer Berufsentscheidung bestärkt. Auch das politische Interesse wird durch interessante Lehrausgänge und Exkursionen gefördert. Wir besuchten die Frau Bürgermeister im Rathaus, trafen im Parlament eine Abgeordnete zum Nationalrat und besichtigten das Bundeskanzleramt. Dank der Unterstützung durch die Lehrer wird man auf den Berufsalltag gut vorbereitet. Dadurch haben fast alle ihren Traumberuf gefunden.“

So lautet das Ergebnis einer Gruppenarbeit in der PTS-Klasse 2013/14, was beweist, dass die Jugendlichen ihre Schule durchaus zu schätzen wissen.
 
„Klein, aber fein“, so könnte man die erfolgreiche Arbeit in der Polytechnischen Schule mit einem Schlagwort zusammenfassen. Wir sind bemüht, individuelle Begabungen zu fördern. So hielt zum Beispiel Klassensprecherin Johanna Mayerhofer im Rahmen eines Symposiums einen vielbeachteten Vortrag über Kinderrechte.

Schon seit Jahren arbeiten wir mit der Unterstützung wichtiger Organisationen und Betriebe: Die Kinder- und Jugendanwaltschaft hält an unserer Schule Vorträge und wir führen mit ihr gerne Projekte durch. Auch die Arbeiterkammer, die Wirtschaftskammer, die Schuldnerberatung NÖ und die Wirtschaft GFÖHL AKTIV gehören zu unseren Partnern. Auch große Kremser Firmen (VOEST) stellen sich gerne unseren Schülern/innen vor und suchen bei uns Lehrlinge.
Die praktischen Begabungen werden durch Projekte und Auftritte in der Öffentlichkeit gefördert. Kooperation mit Firmen und Banken, Zusammenarbeit mit der Volksbank Gföhl bei einer Vernissage und bei der Lehrstellenbörse an unserer Schule, bei der sich mehr als 20 Firmen vorstellten, fördern das Selbstbewusstsein der Jugendlichen und helfen ihnen, die passende Lehrstelle zu finden. Zweimal im Jahr werden Berufspraktische Tage durchgeführt. Lehre mit Matura wird selbstverständlich auch erklärt und zumindest von einer Schülerin angestrebt. Die Nahtstelle zur Berufsschule versuchen wir mit Hilfe eines Berufsschullehrers abzudecken.

Bei großen Veranstaltungen führen die Jugendlichen das Catering durch, betreuen und bewirten die Gäste und verdienen auch durch Gestaltung von „gesunden Jausen“ für die gesamte Schule Geld für ihre Projektwoche im Ausland.

„Fit for life“: An der Arbeiterkammer lernten die Schüler/innen durch externe Betreuer, wie man sich bewirbt und wie sie in der Öffentlichkeit Eindruck machen können. Zu unseren zusätzlichen Ausbildungsangeboten gehören auch die Durchführung des Mopedführerscheines in Zusammenarbeit mit der Fahrschule Prohaska aus Krems, ein 16-stündiger Erste-Hilfe-Kurs, der bereits für den Führerschein gilt, ein Schweißkurs am WIFI und die Dokumentation aller Aktivitäten durch Ausstellungen im Schulgebäude.

Die Anbindung an die Gemeinde und die Akzeptanz in der Bevölkerung funktioniert sehr gut, auch der Kontakt zu den Lokalpolitikern ist aufgrund der vielen Projekte immer gegeben. Frau Bürgermeister Etzenberger war bei allen Veranstaltungen dabei.

 

 

Monika Moser
Geb. 3. 10. 1956, wohnhaft in Krems, Ausbildung an der Pädagogischen Akademie in Krems, seit 1977 Lehrerin für Deutsch und Geschichte, unterrichte auch an der Polytechnischen Schule Berufsorientierung und Lebenskunde und Politische Bildung, seit 34 Jahren an der Hauptschule Gföhl

Kurt Koblizek, MSc

Von: Kurt Koblizek, MSc

Das Soziale Netz als Unterstützerkreis für jugendliche (U-) Häftlinge

Haft sollte bei Jugendlichen kein Mittel der Wahl sein, weder Untersuchungshaft noch Strafhaft.
Die schädigenden Wirkungen auch kurzer Haftaufenthalte sind evident. Es fehlen oft aber die Alternativen zur (U-) Haft. Mit der flächendeckenden Einführung der Sozialnetz-Konferenz wird ein Schritt in die richtige Richtung gemacht.

Das Soziale Netz als Unterstützerkreis für jugendliche (U-) Häftlinge

Haft sollte bei Jugendlichen kein Mittel der Wahl sein, weder Untersuchungshaft noch Strafhaft. Die schädigenden Wirkungen auch kurzer Haftaufenthalte sind evident. Es fehlen oft aber die Alternativen zur (U-) Haft. Mit der flächendeckenden Einführung der Sozialnetz-Konferenz wird ein Schritt in die richtige Richtung gemacht.

Kommen Jugendliche in Untersuchungshaft, kann das Gericht vorläufige Bewährungshilfe anordnen und zusätzlich den Auftrag erteilen, eine Sozialnetz–Konferenz durchzuführen. Diese soll möglichst bis zur ersten Haftverhandlung – also bis 14 Tage nach der Verhängung der Untersuchungshaft, durchgeführt werden.

Der Grundsatz ist: So schnell wie möglich, denn jeder Hafttag weniger ist gut für den Jugendlichen und für die Staatskasse. Die Sozialnetz – Koordinatorin vom NEUSTART nimmt Kontakt zu dem Jugendlich auf und erstellt mit ihm gemeinsam eine Liste der Personen, die das soziale Netz bilden.
Dazu gehören vor allem Angehörige, es können aber auch Lehrherren, Arbeitgeber und gute Freunde sein. Bei Bedarf können auch Fachkräfte von der Jugendwohlfahrt, der Kinder – und Jugendanwaltschaft, der Drogenberatung usw. in die Sozialnetz-Konferenz mit eingebunden werden. All diese Personen werden zu einer Konferenz eingeladen, wo ein Zukunftsplan gemeinsam mit dem Jugendlichen erarbeitet wird.
Wo wird er wohnen, was arbeitet er, wie schaut die Unterstützung durch sein soziales Netz aus – all diese Fragen werden unter anderen besprochen und die gefundenen Lösungen zu Papier gebracht.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz erklären sich dazu verbindlich.

Das Ergebnis der Konferenz wird dem Gericht mitgeteilt, das dann beurteilt, ob die Grundlage für eine Enthaftung gegeben ist. Das gleiche gilt übrigens für bereits verurteilte Strafhäftlinge im Bezug auf die Entscheidung einer bedingten Entlassung. Im Falle einer Entlassung werden vorgeschlagene Maßnahmen als Weisung formuliert und es kommt als begleitende Maßnahme die hochfrequente Bewährungshilfebetreuung zum Tragen. Der oder die für die vorläufige Bewährungshilfe nominierte Mitarbeiter bzw. Mitarbeiterin hat bis zur (möglichen) Hauptverhandlung mindestens zweimal pro Woche Kontakt mit dem Jugendlichen. So wird einerseits weitere Unterstützung geboten, andererseits aber auch die Einhaltung der Weisungen kontrolliert. Jeder Weisungsbruch wird dem Gericht berichtet. 

Da dieses erfolgreiche Modell nunmehr in den Regelbetrieb übergeht wird im Rahmen eines weiteren Projektes ein weiterer Schritt erprobt. Dabei soll gezeigt werde, ob die Sozialnetz-Konferenz auch für die Vorbereitung einer Hauptverhandlung (zur Unterstützung der Entscheidungsfindung für oder gegen eine bedingte Maßnahme) oder für das Entlassungsverfahren aus dem Maßnahmenvollzug geeignet ist.

NEUSTART Niederösterreich und Burgenland ist dabei von 1.12.2014 – 31.12.2015 einer von mehreren Modellstandorten.

Kurt Koblizek, MSc
Jahrgang 1964
verheiratet, drei erwachsene Kinder
Sozialakademie in Wien
eingetragener Mediator
Master in Mediation und Konfliktmanagement
seit 1994 beim Verein Neustart
seit 2011 Einrichtungsleiter Niederösterreich und Burgenland

Mag.a Elisabeth Harasser

Von: Mag.a Elisabeth Harasser

Gedanken der Tiroler Kinder & Jugend Anwältin zu den Kinderrechten

Immer wieder hören wir von den politisch Verantwortlichen, dass Österreich familienfreundlicher werden soll. Tatsächlich geschieht auch viel, um es Eltern zu ermöglichen, Familie und Beruf vereinbaren zu können. Kinderbetreuungsangebote werden ausgebaut, die Nachmittagsbetreuung in den Schulen kommt ebenfalls diesem Wunsch entgegen. Was mir in diesem Zusammenhang immer fehlt, ist der Blick auf die Bedürfnisse der Kinder und die Einstellung der Gesellschaft ihnen gegenüber. Heißt flächendeckend ausgebaute Kinderbetreuung – von der wir übrigens noch weit entfernt sind - gleichzeitig, dass wir kinderfreundlicher werden?

 

Gedanken der Tiroler Kinder & Jugend Anwältin zu den Kinderrechten

Immer wieder hören wir von den politisch Verantwortlichen, dass Österreich familienfreundlicher werden soll. Tatsächlich geschieht auch viel, um es Eltern zu ermöglichen, Familie und Beruf vereinbaren zu können. Kinderbetreuungsangebote werden ausgebaut, die Nachmittagsbetreuung in den Schulen kommt ebenfalls diesem Wunsch entgegen. Was mir in diesem Zusammenhang immer fehlt, ist der Blick auf die Bedürfnisse der Kinder und die Einstellung der Gesellschaft ihnen gegenüber. Heißt flächendeckend ausgebaute Kinderbetreuung – von der wir übrigens noch weit entfernt sind - gleichzeitig, dass wir kinderfreundlicher werden?

Tatsache ist, dass Kinder und Jugendliche immer weniger Raum zur Verfügung haben, den sie tatsächlich frei von Zwängen für Spiel und Kommunikation nutzen können. Vielmehr werden sie in dafür vorgesehene, abgegrenzte Einrichtungen „verlagert“ (in denen großteils zweifellos gute Arbeit geleistet wird und die jungen Menschen gut betreut werden). Allerdings sind Kinder im Alltag kaum mehr sichtbar. Die Gesellschaft hat sich ihrer quasi entledigt. Da wundert es auch nicht, dass die Forderung nach Gesetzen erhoben wird, die Kinderlärm als zulässig und nicht als schädliche Immission kategorisieren sollen. Einige Bundesländer haben inzwischen derartige Bestimmungen in ihren Baugesetzen vorgesehen, um zumindest die Errichtung von Spielplätzen und Kindergärten nicht durch Einsprüche zu gefährden. Tirol ortet diesbezüglich übrigens keinen Handlungsbedarf – ebensowenig wie in der Erstellung eines Spielplatz(Freiraum)konzeptes der Gemeinden, einer entsprechenden Anpassung der Tiroler Bauordnung oder der Erlassung einer Spielplatzverordnung…alles nachzulesen in den Tätigkeitsberichten der vergangenen Jahre.

Natürlich kann Kinderfreundlichkeit nicht per Gesetz verordnet werden. Es braucht auch eine tolerante Gesellschaft, die nicht nur den eigenen Vorteil im Auge hat. Es braucht Menschen, denen Kinder und Jugendliche nicht nur dann am Herzen liegen, wenn sie etwas Großartiges leisten, fleißig, brav oder eben niedlich sind. Kindern und Jugendlichen werden heutzutage mehr Selbständigkeit und mehr Entscheidungsmöglichkeiten zugestanden als noch vor einigen Jahrzehnten. Geben wir ihnen doch die Gelegenheit, das auch auszuleben und kommen wir ihnen auf halbem Weg entgegen, indem wir ihre Meinung respektieren und das  Kindeswohl tatsächlich als oberste Priorität in den Entscheidungen, die Kinder und Jugendliche betreffen, berücksichtigen.

Und um alle Einwände gleich von vornherein zu entkräften: Nein, es geht nicht um grenzenlose Freiheiten, um eine grenzenlose Erziehung – es geht um ein respektvolles Miteinander aller Generationen. Kinder wissen sehr wohl, dass es Pflichten gibt, die sie zu erfüllen haben, dass Eltern bestimmte Regeln einfordern müssen – ausschlaggebend ist die Art und Weise, wie man diese Regeln und Pflichten einfordert.

Auch würde ich mir wünschen, dass jenen Menschen, die sich täglich um das Wohl unserer Kinder und Jugendlichen kümmern, die entsprechende Achtung und Wertschätzung entgegengebracht wird, dass Arbeit mit Kindern nicht belächelt wird, dass die Wichtigkeit dieser Arbeit in der Gesellschaft entsprechend der damit verbundenen großen Verantwortung und volkswirtschaftlichen Relevanz endlich erkannt wird und dass diese wertvolle und unverzichtbare Arbeit entsprechend bezahlt wird.

Mag.a Elisabeth Harasser
1980 – 1983 Pädagogische Akademie Innsbruck – Lehramt für  Mathematik und Biologie, Zusatzausbildung - Lehramt Sport
1983 – 1999 Lehrerin
1993 – 1999 Studium der Rechtswissenschaften an der Leopold Franzens Universität Innsbruck, anschließend Gerichtspraktikum am BG Schwaz und LG Innsbruck
Seit Juni 2000 Kinder- und Jugendanwältin für Tirol

Mag.a Alexandra Friedhuber

Von: Mag.a Alexandra Friedhuber

FAB Jugendcoaching:
ein freiwilliges und kostenloses Unterstützungsprogramm für die Zielgruppe der außerschulischen, sogenannten NEET-Jugendlichen

Ausgangslage
Die Jugendphase geht einher mit einer zunehmenden Ablösung von den emotionalen Bindungen an das Elternhaus sowie dem Streben nach immer mehr Selbstbestimmung. Junge Menschen stehen beim Eintritt in den Arbeitsmarkt allerdings großen Herausforderungen gegenüber, zumal viele von ihnen keine unmittelbaren Erfolge verzeichnen können. Manche Jugendliche schaffen diesen Übergang von Schule ins Berufsleben nicht bzw. verlassen die Schule frühzeitig – ohne Abschlüsse (early school leavers). Diese jungen Menschen sind außerhalb aller (Aus)Bildungssysteme und werden NEET-Jugendliche genannt (not in employment, education or training).
Für diese ausgrenzungsgefährdeten Jugendlichen gibt es seit Beginn 2013 im Rahmen des Netzwerks Berufliche assistenz (NEBA) das vom Sozialministeriumservice und mittlerweile auch vom ESF geförderte Jugendcoaching, das zum Ziel hat, diesen Übergang zu begleiten und erfolgreich zu gestalten.

FAB Jugendcoaching:
ein freiwilliges und kostenloses Unterstützungsprogramm für die Zielgruppe der außerschulischen, sogenannten NEET-Jugendlichen

Ausgangslage
Die Jugendphase geht einher mit einer zunehmenden Ablösung von den emotionalen Bindungen an das Elternhaus sowie dem Streben nach immer mehr Selbstbestimmung. Junge Menschen stehen beim Eintritt in den Arbeitsmarkt allerdings großen Herausforderungen gegenüber, zumal viele von ihnen keine unmittelbaren Erfolge verzeichnen können. Manche Jugendliche schaffen diesen Übergang von Schule ins Berufsleben nicht bzw. verlassen die Schule frühzeitig – ohne Abschlüsse (early school leavers). Diese jungen Menschen sind außerhalb aller (Aus)Bildungssysteme und werden NEET-Jugendliche genannt (not in employment, education or training).
Für diese ausgrenzungsgefährdeten Jugendlichen gibt es seit Beginn 2013 im Rahmen des Netzwerks Berufliche assistenz (NEBA) das vom Sozialministeriumservice und mittlerweile auch vom ESF geförderte Jugendcoaching, das zum Ziel hat, diesen Übergang zu begleiten und erfolgreich zu gestalten.

Wer sind NEET-Jugendliche – wer ist unsere Zielgruppe?
Im EU-Durchschnitt zählen 13% der Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren im Jahr 2013 zu den sogenannten NEET-Jugendlichen In Österreich sind ca. 75.000 Jugendliche im Alter zwischen 16 und 24 Jahren betroffen, das sind 8,2% der Altersgruppe.
In Niederösterreich gehörten im 2013 ca. 13.600 Jugendliche zur Gruppe der NEETs, das sind 7,2% der niederösterreichischen Bevölkerung in dieser Altersgruppe. Jugendliche mit Migrationshintergrund haben ein fast drei Mal so hohes Risiko zur Gruppe der NEET-Jugendlichen zu gehören. Vor allem EinwanderInnen der ersten Generation, die oft nicht gut deutsch sprechen, sind betroffen. MigrantInnen und Jugendliche mit Beeinträchtigungen sind am Arbeitsmarkt selbst bei mittlerer oder hoher Qualifikation, stark benachteiligt.
NEET-Jugendliche haben sehr unterschiedliche soziale Umfelder, sie sind also keine homogene Gruppe. So haben junge Menschen, deren Eltern eine niedrige Bildung aufweisen, ein doppelt so hohes Risiko sich weder im Bildungs- noch im Beschäftigungswesen zu befinden. Gleiches gilt für Jugendliche die in einem Haushalt mit niedrigem Einkommen leben oder deren Eltern arbeitslos sind. Bildungsbenachteiligungen werden „sozial vererbt“ und festigen sich nach der Schulpflicht am Arbeitsmarkt. Jugendliche mit unzureichender Berufsausbildung bzw. Kompetenzen sind mit einer äußerst schwierigen Situation am Arbeitsmarkt konfrontiert.
Durch den Strukturwandel in Richtung „Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft“ verlieren
produktionsorientierte und niedrig qualifizierte Tätigkeiten an Bedeutung und es herrscht nur eine geringe Nachfrage nach niedrig qualifizierten Beschäftigten. Weiters stehen besonders Jugendliche vermehrt unter Druck auf die ständig steigenden Kompetenz- und Qualifikationsanforderungen adäquat zu reagieren und sich anzupassen. Eine weitere Herausforderung besteht für sie auch darin, Informationen zum Thema Beruf und Bildung einzuholen und die persönlich „richtige“ Bildungs- und Berufswahl zu treffen. Zudem müssen Jugendliche „soft skills“ wie Selbstvertrauen, Motivation, Selbstkontrolle und zwischenmenschliche Fähigkeiten entwickeln, um einen erfolgreichen Berufseinstieg zu erlangen.
Zu den oben angeführten Benachteiligungen junger Menschen, die sich durch das Beschäftigungssystem ergeben, kommen soziale Benachteiligungen. die beispielsweise auf Lernschwächen, psychische Problemen, Suchtproblematik bzw. Substitution, Migrationshintergrund, mangelnden Sprachkenntnissen, familiär bedingten Benachteiligungen, nicht (ausreichend) geregelter Kinderbetreuung, Schulden, fehlendem einwandfreien Leumund oder Wohnungsproblemen fußen.
Die individuelle Weg einer Person sich zu einem NEET zu entwickeln wird von verschiedenen Faktoren begünstigt: Persönlichkeitsmerkmale, familiäre Gründe, schulbezogene Gründe (beispielsweise Mobbing, Überforderung, Druck in Bezug auf Schulleistungen, unzureichende Unterstützung bei Schwierigkeiten in der Schule) sowie arbeitsbezogene Gründe.
Auf der psychosozialen Ebene lassen sich ebenfalls Auswirkungen feststellen, die durch unterschiedliche Lebensbereiche und Faktoren beeinflusst werden. Hierzu zählen hauptsächlich die finanzielle Situation, die Familienbeziehungen, soziale Kontakte, Freizeitverhalten und Zukunftsperspektiven bis hin zu Identitätsverlust, mangelndem Selbstwert, Handlungs- und Lernunfähigkeit, Depression, aggressiven oder apathischen Verhaltensweisen, psychosomatischen Erkrankungen, Drogenabhängigkeit, Motivationsproblemen, Verwahrlosung bzw. Kriminalität. Eine weitere Folge von Arbeitslosigkeit ist der Verlust einer geregelten Zeitstruktur, weil deren Einhaltung für die/den Betroffene/n keinen Sinn mehr macht.

Aufgaben und Ziele des Jugendcoachings
Das Jugendcoaching des FAB berät und unterstützt Jugendliche von 15 - 19 Jahre, sowie junge Erwachsene bis 24 Jahre, die einen Sonderpädagogischen Förderbedarf und/oder eine diagnostizierte Beeinträchtigungen haben. Mittels Case Management und geeigneter Angebote sollen diese Jugendlichen zu einem nochmaligen Schulbesuch und dem Abschluss von mindestens der Sekundarstufe I gewonnen werden. Sollte dieses Ziel nicht umgesetzt werden können, so gilt es, die Jugendlichen an weiterführende Systeme heranzuführen, um letztlich ihre Chancen am Arbeitsmarkt zu verbessern. Hier sind als mögliche Folgeangebote Aus- und Weiterbildungen, Praktika, Lehren bzw. Teilqualifizierungen oder die Anbindung der Jugendlichen an das AMS zu nennen.
Ziele des Jugendcoaching ist es,
· ausgrenzungsgefährdete Jugendliche einzeln zu beraten und zu begleiten sodass der individuell richtige     Bildungsweg gefunden wird
· verstärkt Orientierung in Bezug auf die eigene Bildungs- und Berufslaufbahn zu geben, speziell auch für jugendliche mit SPF (Sonderpädagogischem Förderbedarf) und/oder Benachteiligungen
· bei der Bewältigung von psychischen Problemen, die den Bildungsweg gefährden, zu unterstützen
· Beratungsstellen bzw. auch zu Praktikumsplätzen weiter zu vermitteln

Teilziele des Jugendcoachings sind in erster Linie die persönliche und soziale Stabilisierung sowie die
Klärung persönlicher Problemfelder zu nennen. Dies wird u.a. durch Beratung zu familiären Problemen sowie Beratung und Verweis bzw. Zuführung in jeweilige adäquate Hilfssysteme.

Arbeitsweise
Der Aufbau einer Vertrauensbasis zwischen den Jugendlichen und ihren Coaches steht am Beginn eines erfolgreichen Coachingprozesses, gefolgt von einer kontinuierlichen und durchgängigen Begleitung und Betreuung durch ein und dieselbe/denselben Coach. Im Sinne des ressourcenorientierten Ansatzes werden die Jugendlichen nicht in ihren Defiziten gesehen, vielmehr wird der Fokus auf ihre Ressourcen und Fähigkeiten gelegt. Dem entsprechend bauen die BeraterInnen des Jugendcoachings eine Vertrauensbasis zu den Jugendlichen auf, um gemeinsam mit ihnen – in Bezug auf eine Zukunftsplanung –Stärken, Kenntnisse, Kompetenzen, Fähigkeiten und Interessen abzuklären und ihnen ihre soziale Beziehungen und unterstützende Netzwerke aufzuzeigen. Den Jugendlichen werden seitens der Coaches ihre Kompetenzen klar aufgezeigt und sie werden dabei unterstützt ihre eigenen Fähigkeiten zu nutzen sowie Ressourcen aus ihrer Umwelt aktiv heranzuziehen und zu nutzen. Die Jugendlichen sollen dahingehend befähigt werden, eine für sie adäquate Entscheidung für ihre (Aus-)Bildung nach Beendigung der Pflichtschulzeit treffen zu
können. Es soll dadurch – im Sinne einer nachhaltigen Strategie zur Laufbahnverbesserung – erreicht werden, dass bereits aus dem System ausgegrenzte Jugendliche wieder in die Schule reintegriert werden bzw. in der Folge eine Berufsausbildung anstreben.
Mit Jugendlichen bei welchen die Reintegration in eine Schule bzw. der Übergang in weiterführende Qualifizierungen nicht realistisch erscheint, werden entsprechende Teil- bzw. Alternativziele erarbeitet. Hier sind beispielsweise die persönliche und soziale Stabilisierung, die Klärung persönlicher Problematiken.

Teilnahmevoraussetzungen
Unsere große Prämisse ist die Freiwilligkeit. JedEr Jugendliche soll sich aus freien Stücken bei uns melden und gemeinsam an der Erreichung ihren/seinem selbstgesetzten Ziels arbeiten wollen. Die interessierten Jugendlichen müssen in die Alterszielgruppe fallen. Für jene, denen wir keine Betreuung anbieten können, da sie nicht zu unserer Zielgruppe gehören, verweisen wir immer auf ein anderes Unterstützungsprogramm und stellen Kontakte her.

Dauer des Jugendcoachings
Wir bieten Unterstützung von einer einmaligen Beratung bis zu einer Begleitung von bis zu einem Jahr an. Eine mehrmalige Teilnahme ist prinzipiell möglich. Die Beratungen finden in einem kontinuierlichen Rhythmus statt und werden individuell vereinbart.

Wo sind wir zu finden?
Das Jugendcoaching-Team des FAB arbeitet im ganzen Landesgebiet von NÖ und verfügt über 5 Büros und zusätzlich 19 Standorte, an denen wir Beratungen anbieten. Sollte es nicht möglich sein, diese zu erreichen, bieten wir auch Hausbesuche an.
Wir verfügen über eine Hotline, die von Montag bis Freitag an Werktagen besetzt ist und sind per E-Mail
erreichbar.
FAB-Jugendcoaching-Hotline: 0664/88 35 66 88
jugendcoaching(at)fab.at

Mag.a Alexandra Friedhuber hat an der Uni Wien das Studium Pädagogik/Sonder- und Heilpädagogik absolviert.
Nach der Tätigkeit als freiberufliche Trainerin und Direktorin eines Pflegewohnheimes mit Demenzstation war sie Projektkoordinatorin.
Derzeit ist sie als Projektleitung Jugendcoaching, Zielgruppe NEET in gesamt NÖ tätig und hat die Projektleitung Arbeitsstiftung Austria Tabak Betriebsstandort Hainburg und Central Office sowie tobaccoland inne.

Katharina Katzenbeißer

Von: Katharina Katzenbeißer

Nach einem Todesfall steht einerseits die Welt still, andererseits gibt es viele Dinge zu erledigen: die Organisation des Begräbnisses, Behördengänge, Erbschaftsverfahren, alle Aufgaben übernehmen, welche die verstorbene Person bisher übernommen hat… Die Liste ist lang und nicht selten werden darüber hinaus die eigene Trauer und jene der Kinder vergessen.

Wenn Kinder trauern – Wie man Kinder in ihrer Trauer unterstützen kann

Nach einem Todesfall steht einerseits die Welt still, andererseits gibt es viele Dinge zu erledigen: die Organisation des Begräbnisses, Behördengänge, Erbschaftsverfahren, alle Aufgaben übernehmen, welche die verstorbene Person bisher übernommen hat… Die Liste ist lang und nicht selten werden darüber hinaus die eigene Trauer und jene der Kinder vergessen.

Aber gibt es einen richtigen Zeitpunkt und eine richtige Art zu trauern? – Nein, diese gibt es nicht. Trauer ist individuell, Trauer braucht Zeit, Trauer kann auf die unterschiedlichsten Arten ausgedrückt werden, Trauer begleitet uns ein Leben lang. Das Wichtigste jedoch ist Trauer wahr zu nehmen und ihr Raum zu geben. Lange Zeit waren – und sie sind es auch noch heute - die Themen Tod und Trauer große Tabuthemen, welche oftmals unter den Teppich gekehrt werden. Gleichzeitig ist es für die Hinterbliebenen von großer Wichtigkeit Trauer zuzulassen, die eigenen Gefühle zu benennen und mit jemanden darüber zu reden oder einen anderen Weg zu finden, um sie ausdrücken zu können – das gilt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Ebenso ist es in Ordnung professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch Sie als Erwachsene/r dürfen sich fallen lassen. Wenn Sie lernen, mit Ihrer Trauer und den Veränderungen in Ihrem Leben umgehen zu können, helfen Sie damit auch Ihrem Kind.

Der kleine Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern

Wenn eine Person im nahen Verwandtenkreis stirbt, sind Erwachsene oft verwirrt über die Reaktionen von Kindern. So kann es sein, dass ein Kind in einem Moment weint, da es traurig ist, und im darauffolgenden Moment lacht und spielen möchte. Kinder zeigen ihre Trauer nicht permanent, Kinder trauern „punktuell“. Es handelt sich dabei um eine Art Schutzfunktion, welche Kindern erlaubt in „kleinen Dosen“ zu trauern und so besser damit zurecht zu kommen. Das ist vollkommen in Ordnung. Versuchen Sie das Kind zu verstehen und gönnen Sie ihm diese „Auszeiten“. Nicht selten möchten Erwachsene die Kinder beschützen und geben ihnen z.B. nicht die Möglichkeit sich am Sterbebett von einem geliebten Menschen zu verabschieden. Meist steht die Unsicherheit dahinter nicht zu wissen, wie man die Kinder unterstützen kann und die Angst vor ihren und den eigenen möglichen Reaktionen. 

Ein Kind hat das Recht Fragen zu stellen, ein Recht auf Ehrlichkeit und Unterstützung. Niemand sollte Scheu davor haben die eigenen Gefühle zu zeigen. Kinder lernen dadurch von uns, dass es etwas ganz Normales ist zu weinen und es schön ist über die gemeinsamen Zeiten mit dem/der Verstorbenen zu sprechen. Aber wie kann man Kinder in ihrer Trauerarbeit unterstützen?

Fragen ehrlich beantworten
Fragen zum Tod spiegeln das natürliche Interesse der Kinder an unterschiedlichsten Themen wider. Dazu gehört auch das Interesse daran, was „tot sein“ bedeutet und was mit dem toten Körper passiert. Um die Neugier des Kindes zu stillen muss man nur eines tun: Fragen kurz, einfach und ehrlich beantworten. Es dürfen und sollen dabei auch die Worte „gestorben“ und „tot“ verwendet werden. Wenn jemand davon spricht, dass die Oma „eingeschlafen“ oder „für immer weggegangen“ ist, kann es passieren, dass Kinder Angst davor entwickeln selbst einzuschlafen oder beginnen nach der verstorbenen Person zu suchen. Man kann den Tod erfahrbar machen, indem Schritt für Schritt erklärt wird, was denn „tot sein“ physiologisch bedeutet und wie sich der Körper daraufhin verändert: Der Mensch hört auf zu atmen. Das heißt das Herz hört auf zu schlagen und es wird kein Blut mehr durch den Körper gepumpt. Der Körper wird kalt usw. Auch im Alltag bieten sich immer wieder Anlässe im Vorfeld die Themen Tod und Sterben anzusprechen, beispielsweise wenn bei einem Spaziergang ein toter Vogel gefunden wird oder ein Haustier stirbt.

Kinder ernst nehmen
Egal wie seltsam oder unpassend die Fragen und Vorstellungen und Sorgen eines Kindes erscheinen mögen, es möchte ernst genommen werden. Man darf niemals vergessen, dass ein Kind möglicherweise noch keine Vorstellung davon hat, was „tot sein“ bedeutet. „Tot sein“ heißt, dass der/die Verstorbene niemals wieder zurück kommt und jetzt auch keine Bedürfnisse mehr hat. Gleichzeitig weiß jedoch niemand wirklich, ob es nach dem Tod eines Menschen eine „Welt danach“ gibt.

Sich verabschieden
Hilfreich für Kinder ist es die verstorbene Person noch einmal zu sehen und sich von ihr verabschieden zu dürfen. So haben sie auch die Möglichkeit zu sehen und zu fühlen: Die Person bewegt sich nicht mehr, der Körper fühlt sich kalt an, man fühlt keinen Herzschlag mehr.
Bevor man mit einem Kind an ein Sterbebett tritt oder es zu einem Begräbnis begleitet, sollte man es auf das zu Sehende vorbereiten. Die Entscheidung über die Art des Abschiedes sollte das Kind fällen. Egal ob es den/die Toten berühren, von der Eingangstür aus ein letztes Mal sehen oder sie/ihn mit Blumen schmücken möchte. Wenn ein Kind Angst hat, sollte man es dabei unterstützen die Angst zu verlieren. Manchmal sind die Vorstellungen oder Ängste der Kinder nicht offensichtlich und nachfragen oder darüber reden kann unausgesprochene Fragen auflösen.
Kindern tut es gut aktiv an der Gestaltung eines Abschiedsrituales mitzuwirken, wenn sie das möchten. Wenn ein Elternteil das Gefühl hat, nicht die Kraft zu haben das eigene Kind begleiten zu können, kann eine Vertrauensperson hilfreich sein, welche sich um das Kind (z.B. während eines Begräbnisses) kümmert. Falls ein Kind nicht die Möglichkeit haben sollte am Abschiedsfest teilzunehmen, kann man gemeinsam nach einem anderen Abschiedsritual suchen und es individuell gestalten.  

Schuldgefühle
Kinder, meist im Volksschulalter, leben oft in der Welt der Vorstellungen und Phantasien. Es kann passieren, dass sie einen Streit oder ihr Verhalten vor dem Tod eines geliebten Menschen als Ursache für den Todesfall sehen. In dieser Situation ist es von großem Wert das Kind darauf hinzuweisen, dass niemand Schuld hat. Hilfreich ist es zu erklären, warum bzw. woran der/die Tote gestorben ist, und dass das nichts mit dem Verhalten des Kindes oder einer anderen Person zu tun hat.

Wer sorgt jetzt für mich…?
So banal es klingt, aber Kinder machen sich nach dem Tod einer nahestehenden Person Sorgen darüber, wer die betreffenden Aufgaben der verstorbenen Person jetzt übernimmt. „Wer kocht für mich? Wer bringt mich zum Fußballtraining? Wer sorgt für mich, wenn Papa auch noch stirbt?“ – Kinder fühlen sich sicherer, wenn mit ihnen über anstehende Veränderungen gesprochen wird und sie wissen, wer sich von nun an um sie kümmert bzw. wer ggf. die Aufgaben der Erziehungsberechtigten übernimmt, wenn diesen etwas zustoßen sollte.

Der verstorbenen Person einen Platz geben
Auch wenn das Begräbnis vorbei ist, werden Kinder immer wieder einmal Fragen stellen und über die verstorbene Person sprechen wollen. Gemeinsam kann man (religiöse oder spirituelle) Überlegungen anstellen, wo der/die Verstorbene jetzt sein könnte. Kinder sollen selbst entscheiden dürfen, „wo“ er oder sie jetzt ist.

Sich erinnern
Sich zu erinnern ist eine von vielen Formen der Trauerarbeit. Eine Schatzkiste, in der sich Erinnerungsstücke und Fotos befinden unterstützen dabei. Kinder können sich so verschiedene Erlebnisse auch bildlich zurück ins Gedächtnis holen. Es kann helfen der verstorbenen Person einen örtlichen Platz in der Nähe einzuräumen, welchen das Kind auch alleine aufsuchen kann - beispielsweise in Form einer kleinen „Gedenkstätte“ mit Fotos und Lieblingsgegenständen der/des Verstorbenen. Förderlich ist es Kindern ihre Trauer kreativ gestalten zu lassen. Es gibt dafür unendlich viele Möglichkeiten: eine persönliche Erinnerungskiste basteln, einen Brief an die verstorbene Person schreiben oder ein Bild malen, eine Kerze für den/die Verstorbene  gestalten, einen Wunsch oder Gedanken auf ein Stück Papier schreiben und in einer Schale verbrennen… der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Sehnsucht
Genauso wie wir Erwachsene haben Kinder auch Sehnsucht nach der verstorbenen Person. Ein Lieblingsgegenstand, welcher zuvor der verstorbenen Person gehört hat, kann einem Kind helfen sich ihm/ihr nahe zu fühlen. 

Die verstorbene Person wird immer die Person bleiben, die er/sie war
Egal um welches Familienmitglied es sich handelt, die verstorbene Person wird immer der Opa, Vater, Onkel, Bruder, Freund bzw. die Oma, Mutter, Tante, Schwester oder Freundin des Kindes bleiben - niemand kann dessen Platz ersetzen. Wenn beispielsweise die Mutter des Kindes einen neuen Lebenspartner findet, dann wird das Kind einen passenden Platz für diesen neuen Menschen in seinem Leben finden.

Begleitung in Anspruch nehmen
Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn man das Gefühl hat alleine nicht zurecht zu kommen, ist vollkommen in Ordnung. Jeder Mensch hat ein Recht auf Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen. In den letzten Jahren hat sich die Anzahl an Angeboten für trauernde Personen ausgeweitet: es gibt Trauerbegleiter/innen und Trauergruppen für alle Altersgruppen, aber auch zahlreiche Bücher und Veranstaltungen (z.B. Wanderungen, Tanz, Trauercafé etc.). In unterschiedlichsten Formen fordern diese auf, die eigenen Erfahrungen mit Menschen mit ähnlichen Erlebnissen auszutauschen und helfen besser mit der Trauer umgehen zu können.

Sich und anderen Zeit für die Trauer geben und sich Zeit zum Trauern nehmen. Trauen Sie sich Angehörige und Bekannte zu unterstützen und tauchen Sie ein in die Erfahrungswelt der Kinder. Sie erinnern uns daran, dass das Leben lebenswert und voller neuer Entdeckungen ist.

Katharina Katzenbeißer, BA
Pädagogische Mitarbeiterin der Kinderburg Rappottenstein - Die Kinderburg Rappottenstein ist eine Initiative des Österreichischen Roten Kreuzes und der Familie Abensperg und Traun, welche Familien in schwierigen Lebenssituationen aufgrund von Krankheits- oder Todesfällen in der Kernfamilie Raum und Zeit anbietet, um auf der Burg Rappottenstein wieder Kraft für den Alltag zu schöpfen und zu lernen mit den Veränderungen in ihrem Leben umgehen zu können.

Katharina Katzenbeißer hat Pädagogik an der Universität Salzburg studiert und diverse Aus- und Weiterbildungen zu den Themen Jugendarbeit, Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung absolviert. Derzeit ist sie als pädagogische Mitarbeiterin auf der Kinderburg Rappottenstein beschäftigt und betreut Familien in schwierigen Lebenssituationen.

Die Kinderburg Rappottenstein ist eine Initiative des Österreichischen Roten Kreuzes und der Familie Abensperg und Traun, welche Familien in schwierigen Lebenssituationen Unterstützung anbietet. Familien, die aufgrund von Krankheits- oder Todesfällen in der Kernfamilie belastet sind, können im Rahmen eines Aufenthaltes auf der Kinderburg wieder Kraft für den Alltag schöpfen und begleitet von einem multiprofessionellen Team lernen mit den Veränderungen in ihrem Leben umzugehen. Weitere Informationen unter www.kinderburg.net oder kinderburg(at)n.roteskreuz.at 

von Mag. phil. Vera Alexandra Schuster

„Wenn die Wellen über mir zusammenschlagen, tauche ich tiefer, um nach Perlen zu suchen.“ Das war die berührende Antwort der jüdischen Autorin Mascha Kaléko auf persönlichen Tragödien. Es sind Worte, die Resilienz ausdrücken.

Familien, die mit einem kranken oder behinderten Kind leben, sind in einer sehr persönlichen Weise betroffen und müssen sich vielfältigen Belastungen stellen. Psychischer und physischer Stress sind ständige Begleiter im Alltag.
Durch finanzielle Hilfeleistungen, familienentlastende Dienste und ein funktionierendes soziales Netz kann es gelingen, dass ein Teil der Belastungen bewältigt wird.
Auf der anderen Seite sind es die eigenen persönlichen Ressourcen, die zum guten Gelingen des Alltags beitragen.

von Mag. phil. Vera Alexandra Schuster

„Wenn die Wellen über mir zusammenschlagen, tauche ich tiefer, um nach Perlen zu suchen.“ Das war die berührende Antwort der jüdischen Autorin Mascha Kaléko auf persönlichen Tragödien. Es sind Worte, die Resilienz ausdrücken.

Familien, die mit einem kranken oder behinderten Kind leben, sind in einer sehr persönlichen Weise betroffen und müssen sich vielfältigen Belastungen stellen. Psychischer und physischer Stress sind ständige Begleiter im Alltag.
Durch finanzielle Hilfeleistungen, familienentlastende Dienste und ein funktionierendes soziales Netz kann es gelingen, dass ein Teil der Belastungen bewältigt wird.
Auf der anderen Seite sind es die eigenen persönlichen Ressourcen, die zum guten Gelingen des Alltags beitragen.

Wie aber schaffen es Menschen, starken Belastungen stand zu halten ohne psychisch krank zu werden?

Mit dieser Frage beschäftigte sich der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky. Er untersuchte Frauen, die während des Nationalsozialismus das Konzentrationslager überlebt hatten und ihm fiel auf, dass sich immerhin 29 Prozent der Frauen, trotz der massiven psychischen und physischen Belastungen, denen sie ausgesetzt gewesen waren, in einem psychisch gesunden Zustand befanden.
Antonovsky begann zu forschen und erkannte, dass die positive Grundhaltung des Menschen gegenüber der Welt, dem eigenen Leben und seine Fähigkeit, die ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen zu nützen, ein wesentlicher Faktor sind, um gesund zu bleiben.
Tatsächlich gibt es keinen Menschen, der in jeder Lebenslage mit allen Belastungen fertig wird. Sehr wohl gibt es aber Menschen, die Herausforderungen bewältigen, an denen andere zerbrechen.
Die Fähigkeit, schwierige und belastende Lebenssituationen zu meistern, so könnte man es auf eine kurze Formel bringen, bezeichnet Resilienz.
Resilienz ist nicht angeboren und auch wenn der Grundstein in den frühesten Lebensjahren gelegt wird, ist es laut Hirnforschung bis ins hohe Alter möglich, die seelische Widerstandskraft von Menschen zu stärken.

Wie kann man Resilienz stärken?

Der Mensch ist ein zutiefst soziales Wesen, der soziale Kontakte braucht. Sich gesehen und angenommen fühlen ist für die deutsche Psychoanalytikerin und Pionierin der Traumatherapie Luise Reddemann der wichtigste Resilienzfaktor überhaupt. „Was Menschen am meisten unterstützt, glücklich zu werden“, so Reddemann, „ist das Gefühl um seiner selbst geliebt zu werden.“

Der Neurobiologe Gerald Hüther erklärt, dass aus positiven Erfahrungen mit anderen Menschen ein reicher Erfahrungsschatz entsteht, der unsere Sicht auf die Welt verändert. Die Überzeugung, dass man den Anforderungen des Lebens begegnen kann, dass Probleme nicht unüberwindlich sind und einen Sinn haben, geben Hoffnung und Zuversicht. Ohne das Erleben dieser Sinnhaftigkeit neigt der Mensch dazu, das Leben als Last zu empfinden.
Der tschechische Politiker und Schriftsteller Václav Havel meinte einmal: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung ist, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.“ Diese Interpretation von Hoffnung gibt Kraft, Neues zu wagen, selbst unter Bedingungen, die hoffnungslos erscheinen.
In diesem Sinne bleibt man handlungsfähig und versteht sich als aktiver Gestalter, der sich auch nicht davor scheut, sich rechtzeitig Hilfe und Unterstützung zu holen.
Auch in lebensbedrohlichen Situationen entwickeln Menschen Strategien, um handlungsfähig zu bleiben. Wie durch Antonovsky erforscht, spielt die Imagination eine zentrale Rolle. In Extremsituationen ist es unwichtig, ob die Vorstellungen realistisch sind oder nicht. Dieses Überleben nach dem Überleben des Holocaust von Juden und Jüdinnen gibt ein eindrucksvolles Zeugnis seelischer Widerstandskraft.

Ich möchte Ihnen das Fallbeispiel eines 11-jährigen Mädchens erzählen.
Seine Mutter ist gestorben, der Vater lebt in einem anderen Land, eine Fremdunterbringung des Mädchens ist gescheitert, aufgrund schwerer Verhaltensauffälligkeiten und Leistungsdefizite kann das Mädchen nicht beschult werden. Weiters zeigt es Anzeichen von Verwahrlosung.
Das Mädchen, das ich ihnen soeben vorgestellt habe, kennen Sie. Es handelt sich um Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf. Das Mädchen mit den roten Zöpfen ist DAS Symbol für Resilienz.
Pippi Langstrumpf packt Probleme mit viel Kreativität an. Sie probiert aus und gestaltet sich ihre Welt. Sie weiß: Was tut mir gut? Was möchte ich nicht? Sie sieht der Gefahr mutig ins Auge und gibt nicht auf. Sie feiert mit Stolz, wenn ihr etwas gelingt und wenn es ihr zu viel wird, nimmt sie sich bewusst Zeit zum Nachdenken, Ausruhen und Träumen. Pippi Langstrumpf strahlt Lebendigkeit aus und traut sich, wütend zu sein. Auch wenn es gesellschaftlich unerwünscht ist, Wut offenbart Werte und Bedürfnisse, die einer Person wichtig sind. Wesentlich ist nur, eine angemessene Form für den Ausdruck von Wut zu finden. Pippi hat eine besondere Beziehung zu Tieren und wir wissen um die Wärme und Zuneigung, die Tiere geben können. Und nicht zuletzt stehen Thomas und Annika Pippi zur Seite, die sie mit Freude beschenkt.

Pippi Langstrumpf hat mit ihrer Art und Weise Generationen von Menschen für sich gewonnen. Ich wünsche Ihnen, dass auch in Ihrem Inneren eine kleine Pippi Langstrumpf verborgen ist und Sie Zugang zu einer tiefen Kraftquelle, die in jedem Menschen schlummert, finden und aus schwierigen Krisen gestärkt hervorgehen.

Mag. Vera Alexandra Schuster ist Volksschullehrerin, Sonder- und Heilpädagogin und Säuglings-Kleinkind-Eltern-Beraterin in Wien.
www.baby-care-beratung.at/

Mag. phil. Vera Alexandra Schuster

ist 1980 geboren und stammt aus Oslip im Burgenland.
Ihre Muttersprache ist burgenlandkroatisch.
Die gelernte Volksschullehrerin studierte Pädagogik und Sonder- und Heilpädagogik an der Universität Wien und absolvierte den Lehrgang „Baby-Care-Beratung und Säuglingspsychotherapie“ an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien in Kooperation mit der Gesellschaft für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und dem Preyer´schen Kinderspital.
Im Zuge ihrer Ausbildung sammelte sie Erfahrungen in der Montessoripädagogik, in der Besuchsbegleitung von Kindern in Trennungssituationen und in der Betreuung von Teenagermüttern.
Mag. Schuster engagiert sich beruflich besonders in der Sprachförderung von Kindern mit anderen Erstsprachen als Deutsch, ist im Charlotte Bühler Institut für praxisorientierte Kleinkindforschung tätig und schreibt gerne Publikationen zu pädagogischen Themen.
Die Pädagogin lebt und arbeitet in Wien.
www.baby-care-beratung.at/

Von Franz-Joseph Huainigg

Liebe Michaela!
Als ich vergangene Woche an deinem Krankenbett saß, fehlten mir die Worte. Inmitten der Maschinen und Schläuche hast du friedlich geschlafen. Dein Beatmungsgerät zischte abwechselnd im Rhythmus mit meiner Beatmungsmaschine. Ich vermisste dein Lachen, deine Gedanken und Fragen. Du hast einmal geschrieben: "Wenn man in der Nacht raussieht, ist es romantisch und wundervoll, weil man glaubt, man fliegt auf einer Wolke in die weite Nacht hinein."
An diesen Satz musste ich denken, als ich von deinem Tod erfuhr. Ich stelle mir vor, dass dir Flügel gewachsen sind und du vom Himmel her lachst, wie ich um Worte ringe.
Unsere erste Begegnung bei einer Schreibwerkstatt kommt mir wie gestern vor. Ich habe von dir viel gelernt. Auch musste ich so manches Vorurteil beschämt überdenken. Gemeinsam haben wir den "Literaturpreis Ohrenschmaus" gegründet. Bei meinem Geburtstagsfest. Ich wurde 40, du hast über mich ein Gedicht geschrieben und halb lesend und halb singend vorgetragen. Das waren das tollste Geschenk für mich und der Beginn des Literaturpreises. Dein Vorbild wirkt weiter, inzwischen haben viele Menschen mit Lernschwierigkeiten die Feder ergriffen und geben besondere Blicke auf die Welt.

Von Franz-Joseph Huainigg

Liebe Michaela!
Als ich vergangene Woche an deinem Krankenbett saß, fehlten mir die Worte. Inmitten der Maschinen und Schläuche hast du friedlich geschlafen. Dein Beatmungsgerät zischte abwechselnd im Rhythmus mit meiner Beatmungsmaschine. Ich vermisste dein Lachen, deine Gedanken und Fragen. Du hast einmal geschrieben: "Wenn man in der Nacht raussieht, ist es romantisch und wundervoll, weil man glaubt, man fliegt auf einer Wolke in die weite Nacht hinein."
An diesen Satz musste ich denken, als ich von deinem Tod erfuhr. Ich stelle mir vor, dass dir Flügel gewachsen sind und du vom Himmel her lachst, wie ich um Worte ringe.
Unsere erste Begegnung bei einer Schreibwerkstatt kommt mir wie gestern vor. Ich habe von dir viel gelernt. Auch musste ich so manches Vorurteil beschämt überdenken. Gemeinsam haben wir den "Literaturpreis Ohrenschmaus" gegründet. Bei meinem Geburtstagsfest. Ich wurde 40, du hast über mich ein Gedicht geschrieben und halb lesend und halb singend vorgetragen. Das waren das tollste Geschenk für mich und der Beginn des Literaturpreises. Dein Vorbild wirkt weiter, inzwischen haben viele Menschen mit Lernschwierigkeiten die Feder ergriffen und geben besondere Blicke auf die Welt.
Du hattest zwei Wünsche: eine eigene Wohnung und eine Arbeit als Schriftstellerin. Du wolltest in einem Verlag arbeiten, ich konnte dir nur ein Praktikum im Parlament anbieten. Die Arbeitsassistentin, die dich unterstützen sollte, klagte lächelnd, dass du die Texte alle ohne ihre Hilfe schreibst, und auch nicht heimgehen möchtest, da dich die Arbeit im Parlament so begeistert. Du hast im Plenum den Politikern beim Reden zugehört, mitgeschrieben und daraus Poesie gemacht. Du warst wirklich eine große Schriftstellerin. Einmal hast du geschrieben, wie Wichtig dir Arbeit ist:
Arbeit ist aufregend, Arbeit macht Freude.
Arbeit bringt mir Geld, Arbeit macht mich selbstständig.
Arbeit macht manchmal müde, Arbeit ist lustig.
Arbeit füllt mein Leben aus, Arbeit bringt mir Anerkennung.
Arbeit kann auch kränken.
Menschen ohne Arbeit sind sehr arm und sie tun mir von Herzen leid.
Aus den Erlebnissen rund um das Praktikum ist mir besonders der erste Tag in Erinnerung geblieben: Eine Praktikantin mit Down-Syndrom war für Klub und Parlament etwas ganz Neues. Es gab eine Diskussion, ob du den Praktikumsvertrag unterschreiben darfst oder ob das der Sachwalter tun muss. Du hast unterschrieben, der Sachwalter wurde informiert. Eine Österreichische Lösung :) Danach ging es in die Sicherheitsabteilung, wo der Leiter ein Foto von dir für die Zutrittsberechtigung zum Parlament machte. Anfangs war ihm die Skepsis ins Gesicht geschrieben, doch wie du dich über den Parlamentsausweis gefreut hast, hat auch ihn mitgerissen. Er hat sich mit dir gefreut, dir die Hand geschüttelt und alles Gute gewünscht.
Du warst eine mutige Frau. Ich habe dich einmal gefragt, ob ich dich zu
einer Sitzung zur „Eugenischen Indikation" einladen darf. Du bist gekommen und hast dich gegenüber den Ärzten und Juristen ordentlich durchgesetzt. "Menschen mit Down-Syndrom haben ein Recht auf Leben“, hast du gerufen, und das wird ihnen wohl heute noch im Gedächtnis geblieben sein. In einem Text von dir heißt es: "So ein Baby mit Down-Syndrom ist ein besonderes Baby. Wenn es mal groß ist, sollte dieses Baby mal eine Persönlichkeit und eine Berühmtheit werden. Genauso wie ich, ich war auch ein Baby mit Down-Syndrom."
Liebe Michaela wir vermissen dich. Dein Lachen, deinen Optimismus, deine Freude am Leben. Du warst ein besonderer Mensch und eine Vorkämpferin.
In Wien warst du das erste Integrationskind. Du hast uns gezeigt, wie man Träume lebt und dadurch die Welt verändert.

Biographische Fakten zu Franz-Joseph Huainigg

Geboren: 16.06.1966 in Paternion (Kärnten)
Eltern: Sissi und Franz-Josef Huainigg
Geschwister: Claudia und Christian Huainigg
Schulische Ausbildung: Volks- und Hauptschule sowie Handelsakademie in Spittal/Drau, danach Studium “Germanistik und Medienkommunikation” an der Universität Klagenfurt

Mein Leben in ein paar Zeilen
Seit einer Impfung im 7. Lebensmonat sind meine Beine gelähmt. Ich bin heute auf einen Elektrorollstuhl und ein Beatmungsgerät angewiesen. In den 1990er Jahren gründete ich das Wiener KrüppelKabarett.

Von 20. Dezember 2002 bis 27. Oktober 2008 saß ich für die ÖVP als Abgeordneter zum Nationalrat im Parlament und schied nach der Nationalratswahl 2008 aus dem Hohen Haus aus. Nach dem Wechsel von Beatrix Karl in die Bundesregierung zog ich am 27. Jänner 2010 wieder in den Nationalrat ein.

In der derzeitigen Legislaturperiode bin ich für die ÖVP Sprecher für Menschen mit Behinderungen und EZA-Sprecher. Ich bin verheiratet, habe eine Tochter und einen Pflegesohn. 2007 initiierte ich als Reaktion auf die im österreichischen Fernsehen umfassend dargestellte Aktion „Licht ins Dunkel“ die Aktion “Nicht ins Dunkel”, die das von den Medien verbreitete falsche Bild von Behinderten als Mitleidsobjekte kritisierte und stattdessen bessere gesellschaftliche Integration einforderte. Die Kampagne zeigte Wirkung, es gibt Gebärdensprach-Dolmetschung und Betroffene kommen selbst zu Wort. 2007 rief ich den österreichischen Literaturpreis „Ohrenschmaus“ für Menschen mit Lernschwierigkeiten ins Leben, der seither jährlich vergeben wird. 2013 initiierte ich mit vielen Partnern die Internetplattform www.rechtleicht.at, welche einen Zugang zu Politik in leicht verständlicher Sprache ermöglicht.

Der 20. November 2013 ist vorbei. Internationaler Tag der Kinderrechte. „Medial stark besetzt, politisch an der Wahrnehmungsgrenze angekommen, innerfamiliär ein Fiasko.“ So lautet meine persönliche Bilanz des 24. Geburtstags der UN-Kinderrechtskonvention.

Was gehört zu den Menschenrechten mit der Altersbeschränkung 18 Jahre? Am unpopulärsten vielleicht das Recht, gehört zu werden und die angemessene Berücksichtigung der Meinung, seit 2011 auch in der österreichischen Verfassung. Erschütternd, dass in der Bildungsdebatte nur erwachsene ExpertInnen zu Wort kommen und nicht die ureigene Zielgruppe, nämlich die SchülerInnen. Wenn eine Tageszeitung unlängst titelte „Verhältnis zu den Lehrern überdenken“, dann kann ich dem viel abgewinnen, will aber endlich einmal lesen „Verhältnis zu Kindern und Jugendlichen überdenken“.

Der 20. November 2013 ist vorbei. Internationaler Tag der Kinderrechte. „Medial stark besetzt, politisch an der Wahrnehmungsgrenze angekommen, innerfamiliär ein Fiasko.“ So lautet meine persönliche Bilanz des 24. Geburtstags der UN-Kinderrechtskonvention.

Was gehört zu den Menschenrechten mit der Altersbeschränkung 18 Jahre? Am unpopulärsten vielleicht das Recht, gehört zu werden und die angemessene Berücksichtigung der Meinung, seit 2011 auch in der österreichischen Verfassung. Erschütternd, dass in der Bildungsdebatte nur erwachsene ExpertInnen zu Wort kommen und nicht die ureigene Zielgruppe, nämlich die SchülerInnen. Wenn eine Tageszeitung unlängst titelte „Verhältnis zu den Lehrern überdenken“, dann kann ich dem viel abgewinnen, will aber endlich einmal lesen „Verhältnis zu Kindern und Jugendlichen überdenken“.

Das Recht auf Beteiligung kann bereits mit dem morgendliche Auswahlverfahren der Garderobe einer Dreijährigen beginnen: „Das ist kein Rock, Mama, der schwingt nicht! Und Strumpfhose ziehe ich auch keine an!“ „Partizipation“ wird als „fortlaufender Prozess, der einen auf gegenseitigem Respekt basierenden Informationsaustausch und Dialog zwischen Kindern und Erwachsenen einschließt“ beschrieben. Bitte nicht vergessen bei den nächsten Schreiduellen und Streitereien in den Kinderzimmern: es geht um Respekt, Dialog, und das permanent! „Unsere täglichen Kinderrechte gib uns heute ...“

Die Verletzung des Rechts des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit (steht nicht in unserer Verfassung), wurde diesmal medial mit der Meldung untermauert, dass 70.000 chronisch kranke Kinder und Jugendliche in Österreich nicht die benötigte Behandlung bekommen. 70.000! „Kinderrechte sind ein Auftrag für uns alle und müssen auf allen Ebenen gesichert und gestärkt werden“, sagte Jugendminister Reinhold Mitterlehner zum 20. November. Ja, sicher, aber für Gesundheit ist ein anderes Ministerium zuständig, Kinderrechte sind Querschnittsmaterie. Die Zahnspange der ältesten Tochter um knappe 5.000,- Euro können wir uns auch nur dank des finanzstärkeren Opas leisten.

Das Recht auf Schutz vor jeglicher Form von Gewalt (das findet sich dann wieder in unserer Verfassung) mag und mag bei uns nicht ankommen. Bei der Buchpräsentation „Junge Menschen und ihre Rechte“ in der Volksanwaltschaft überrollte mich die Realität in Form einer alten Bekannten, hochgebildet und meine Generation: „Also, Entschuldigung, haust Du Deine Kinder nicht auch ab und zu auf den Popo? Und überhaupt, wie sollen Kinderrechte bei den Schichten ankommen, die es wirklich bräuchten?“

Nein, ich habe meine Kinder noch nie gehaut, mag daran liegen, dass ich mich mit Kinderrechten beschäftige. Trotzdem kam es zum „innerfamilären Fiasko“ am 20. November: „Der Papa sagt, ich arbeite zu viel!“ musste ich meiner 10-Jährigen die dicke Luft zuhause erklären. „Recht hat er!“ ihr knapper, mit ernstem Blick unterlegter Kommentar. Das Symposium zu „Kinderrechte - Wunsch und Wirklichkeit“ habe ich nicht mehr besucht an dem Tag.

Artikel am 29.11.2013 als Gastkommentar in der Wiener Zeitung erschienen

Elisabeth Schaffelhofer-Garcia Marquez, Juristin und Journalistin, koordiniert seit 2009 das Netzwerk Kinderrechte Österreich, den Dachverband von 39 Organisationen zur Förderung der Umsetzung der UNO-Kinderrechtskonvention in Österreich: www.kinderhabenrechte.at

Brigitte Lueger-Schuster, Fakultät für Psychologie, Universität Wien

Kinder und Jugendliche sind die Zukunft jeder Gesellschaft. So einfach und so wahr! Nachzulesen im Editorial des Jahrbuch für Menschenrechte, 2010, das den Kindern und Jugendliche inhaltlich gewidmet wurde (Jahrbuch Menschenrechte, 2010, Böhlau). In der westlichen, industrialisierten Welt werden sie aufgrund des demographischen Wandels zunehmend zur Minderheit. Sie werden wertvoller, befinden sich aber auch im Generationenkonflikt hinsichtlich des gesellschaftlichen Leistungsvertrags. In vielen Entwicklungsländern machen Kinder und Jugendliche beinahe die Hälfte der Bevölkerung aus, vielfach sind sie damit beschäftigt täglich zu überleben. Seit mehr 20 Jahren besteht die UN-Kinderrechtskonvention, die eine Bekräftigung der Menschenrechte für Kinderrechte darstellt. Sie bezieht sich insbesondere auf jene Gruppe, die besonders häufig von Menschenrechtsverletzungen betroffen sind. 193 Staaten haben die Konvention ratifiziert, die Umsetzung blieb bislang aber problematisch und nicht ausreichend. Thematisiert werden Kinder vor allem als Opfer von Ausbeutung, Missbrauch und als Objekte von Schutzbedürftigkeit (WHO, 2002; 2003). Jugendliche, vor allem männliche stellen in der öffentlichen Wahrnehmung ein Sicherheitsproblem dar. Kinder und Jugendliche als autonome Individuen mit Würde und als Träger von Menschenrechte, dieses Thema setzt sich erst langsam durch.

Brigitte Lueger-Schuster, Fakultät für Psychologie, Universität Wien

Kinder und Jugendliche sind die Zukunft jeder Gesellschaft. So einfach und so wahr! Nachzulesen im Editorial des Jahrbuch für Menschenrechte, 2010, das den Kindern und Jugendliche inhaltlich gewidmet wurde (Jahrbuch Menschenrechte, 2010, Böhlau). In der westlichen, industrialisierten Welt werden sie aufgrund des demographischen Wandels zunehmend zur Minderheit. Sie werden wertvoller, befinden sich aber auch im Generationenkonflikt hinsichtlich des gesellschaftlichen Leistungsvertrags. In vielen Entwicklungsländern machen Kinder und Jugendliche beinahe die Hälfte der Bevölkerung aus, vielfach sind sie damit beschäftigt täglich zu überleben. Seit mehr 20 Jahren besteht die UN-Kinderrechtskonvention, die eine Bekräftigung der Menschenrechte für Kinderrechte darstellt. Sie bezieht sich insbesondere auf jene Gruppe, die besonders häufig von Menschenrechtsverletzungen betroffen sind. 193 Staaten haben die Konvention ratifiziert, die Umsetzung blieb bislang aber problematisch und nicht ausreichend. Thematisiert werden Kinder vor allem als Opfer von Ausbeutung, Missbrauch und als Objekte von Schutzbedürftigkeit (WHO, 2002; 2003). Jugendliche, vor allem männliche stellen in der öffentlichen Wahrnehmung ein Sicherheitsproblem dar. Kinder und Jugendliche als autonome Individuen mit Würde und als Träger von Menschenrechte, dieses Thema setzt sich erst langsam durch.

Das Kindeswohl
„best interest of the child“ gilt als dehnbarer Begriff, der noch dazu kulturabhängig variabel ist. Im Zentrum steht die Frage, was Kindsein bedeutet. Im Fokus der Überlegungen stehen der Respekt vor den Entwicklungs- und Identitätsentwicklungsprozesses, die Achtung vor der Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der kindlichen Interessen mit jenen der Erwachsenen (Bielefeld et al., 2010). Juristische Diskussionen und Auslegungen der Behörden sind zahlreich. Aus psychologischer Sicht ist Kindeswohl nicht nur im Konfliktfall ein Thema, sondern auch generell.


Kinderrechte, Elternrechte, Interventionen
Kinder haben das Recht auf Schutzmaßnahmen durch die Familie, die Gesellschaft und den Staat, sie sind Rechtsträger und sprechen mit und für sich selbst. Eltern sind die primären Erziehungsverantwortlichen, der Staat leistet Unterstützung durch die Bereitstellung, Erhaltung und Förderung der Infrastruktur. Eltern haben ein angemessenes Leitungs- und Führungsrecht, das auf die Entwicklungsfähigkeit der Kinder Bezug nimmt. Die staatlichen Interventionen zugunsten von Kindern sind deutlich definiert in der KRK. Gemäß KRK, Artikel 19 ist der Staat verpflichtet alle geeigneten Gesetzgebungs-, Verwaltungs-, Sozial- und Bildungsmaßnahmen zu treffen, um das Kind „vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung, Schadenszufügung oder Misshandlung, vor Verwahrlosung oder Vernachlässigung, vor schlechter Behandlung oder Ausbeutung einschließlich des sexuellen Missbrauchs zu schützen, solange es sich in der Obhut der Eltern oder eines Elternteils befindet.“ Der Schutzumfang dieser Norm ist insoweit umfassend, als auch Formen der Gewalt, die unterhalb der Schwelle der Folter und der grausamen unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung oder Strafe liegen, mit umfasst sind. Das Verbot von Körperstrafen leitet sich ebenfalls aus diesem Artikel ab (Bielefeld et al., 2010). Es herrscht somit absolutes Gewaltverbot.

Psychotraumatologische Folgen aufgrund der Verletzung des Artikel 19 KRK
Die am häufigsten diagnostizierte Traumafolgestörung ist die Posttraumatische Belastungsstörung. Diese kann erst vier Wochen nach dem traumatischen Ereignis gegeben werden und setzt unabdingbar die Konfrontation mit einem entsprechenden Ereignis voraus. Die Symptomatik zeigt sich wie folgt:

  • Sich aufdrängende, affektiv belastende Gedanken (Intrusionen) und Erinnerungen bis hin zu einem realitätsnahen Wiedererleben des Traumas (flashbacks, Bilder, Albträume, Nachhallerinnungen) oder auch Erinnerungslücken (partielle Amnesie)
  • Übererregbarkeitssypmtome (Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, vermehrte Reizbarkeit, Affektintoleranz, Konzentrationsstörungen)
  • Vermeidungsverhalten (Vermeiden traumaassozierter Stimuli)
  • Emotionale Taubheit (allgemeiner Rückzug, Interessensverlust, innere Teilnahmslosigkeit) (Saß et al., 1998). Die Symptome entstehen unabhängig von vorherigen Störungen oder Erkrankungen und werden ausschließlich durch das Trauma ausgelöst.

Für Kinder und Jugendliche sind bislang noch keine eigenen Diagnoseschemata definiert, allerdings gibt es internationale Arbeitsgruppen (z. B. im Rahmen der International Society of Traumatic Stress Studies, ISTSS), die an Vorschlägen arbeiten.

Ausgangspunkt der Entwicklung sind praktische Erfahrungen und Studienergebnisse, die feststellten, dass Kinder nach Traumatisierung, wenn überhaupt erkannt, dann mit vielen Zusatzerkrankungen diagnostiziert werden. Zu nennen sind Verhaltensauffälligkeiten, Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung (ADHD), bipolare Störungen (das sogenannte manisch-depressive), phobische Ängste, Bindungs- und Trennungsstörungen. Da diese Zustände oft nicht in Verbindung mit der Traumatisierung gebracht werden, kommt es zu Fehlbehandlungen, deren Konsequenzen vor allem die Kinder zu tragen haben. Die Ursachen bleiben im Dunkeln, Behandlungen ufern mangels Erfolg aus und die damit verbundenen Kosten steigen.

Vor allem Kinder mit Gewalt- und Vernachlässigungserfahrungen durch Bezugspersonen leiden unter einer Problematik, die mit den vorhandenen Schemata nicht erfasst wird. Bei diesen Kindern stehen mehrere Problembereiche im Vordergrund. Van der Kolk, 2005 beschreibt sie folgendermaßen:

Die Task-force für den DSM-V schlägt daher eine Klassifikation mit dem Titel „Developmental Trauma Disorder“ vor (Cloitre et al.2009). Bedingung für die Diagnosestellung ist das Erleiden multipler oder chronischer Traumatisierung oder Vernachlässigung sowie die subjektive emotionale Reaktion (Wut, Schuld, Scham…), und der daraus resultierenden Entwicklung von Symptomen. Die Anwendbarkeit der Kriterien wird überprüft. Antizipatorische Strategien der Kinder wie Einschmeicheln oder Versuch zu vermeiden werden als Trauma-Reaktion beschrieben. Damit kann Verhalten kann adäquat erkannt werden und ist nicht mehr länger eine Verhaltensauffälligkeit.

Zahllose Kinder und Jugendliche leiden unter den Folgen der Traumatisierung. In epidemiologischen Studien werden diese Folgen primär über die bereits beschriebene Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung erfasst. Kinder, die nicht diagnostiziert sind, oder andere Trauma-Folgestörungen entwickeln, werden daher zu wenig berücksichtigt. Darüber hinaus besteht eine hohe Dunkelziffer. Zum einem wird nicht jedes Kind, das auffällt, an Dienste übermittelt, die helfen, zum anderen erkennen auch Stellen, die mit Kindern arbeiten nicht, dass hier u. U. ein Zusammenhang zu einer Traumatisierung bestehen kann. Häufig wird schlichtweg nicht danach gefragt.

Die epidemiologischen Studien lassen sich in vier Gruppen einteilen, dementsprechend unterschiedlich sind die Ergebnisse.

Gruppe 1 beschäftigt sich mit der Verbreitung von PTBS in der allgemeinen Bevölkerung. Die angeführten Studien, zeigen, dass Trauma und deren psychische Folgen weit verbreitet sind und je nach Gesellschaft ist die Gefährdung unterschiedlich (Kessler, et al., 1995; Perkonigg et al., 2000).
Gruppe 2 der epidemiologischen Studien beschäftigt sich mit Opfern in Community studies (McMillan et al., 1997).
Gruppe 3 der Studien beschäftigt sich mit Kindesmisshandlungen und der psychischen
Konsequenzen. In der Regel werden bei diesen Studien die Daten von Kinderschutzeinrichtungen
Erfasst (Manoglio, 2009).
Gruppe 4 bezieht sich auf Risikogruppen, etwa Jugendliche in Haft oder in Pflegefamilien (Stein 2006). In beiden Gruppen finden sich massive Erfahrungen mit Gewalt.

Epidemiologische Daten aus Österreich stehen nicht zur Verfügung. Die psychosoziale Versorgung von Kindern nach Menschenrechtsverletzungen leidet unter finanzieller Knappheit. Kriterien für eine optimale Rehabilitation und Prävention können in diesem Kontext nur unzureichend in die Praxis transferiert werden.

Literatur
Bielefeldt; H. et al. (Eds.), Jahrbuch Menschenrechte 2010. Kinder und Jugendliche (pp. 94-109). Wien, Österreich: Böhlau.
Cloitre, M., Stolbach, B., Herman, J. L., van der Kolk, B., Pynoos, R., Wang, J., Petkova, E. (2009). A Developmental Approach to Complex PTSD: Childhood and Adult Cumulative Trauma as Predictors of Symptom Complexity. Journal of Traumatic Stress, 22, 5, 399 – 408
Kessler, R. C., Sonnega, A., Bromet, E., Hughes, M., & Nelson, C. B. (1995). Posttraumatic Stress Disorder in the National Comorbidity Study. Archives of General Psychiatry, 52, 1048-1060.
Lueger-Schuster, B. (2010). Rehabilitation traumatisierter Kinder und Jugendlicher. In Lueger-Schuster, B. (2009). Rehabilitation traumatisierter Kinder und Jugendlicher. In H. Bielefeldt et al. (Eds.), Jahrbuch Menschenrechte 2010. Kinder und Jugendliche (pp. 94-109). Wien, Österreich: Böhlau.
Maniglio, R. (2009). The impact of child sexual abuse on health: a systematic review of reviews. Clinical Psychology Review, 29, 647-657. doi: 10.1016/j.cpr.2009.08.003

MacMillan, H. L., Fleming, J. E., Trocme, N., Boyle, M. H., Wong, M., Racine, Y. A., . . . Offord, D. R. (1997). Prevalence of child physical and sexual abuse in the community. Results from the Ontario Health Supplement. JAMA: The Journal of the American Medical Association, 278(2), 131-135. doi: 10.1001/jama.1997.03550020063039
Perkonigg, A., Kessler, R. C., Storz, S., & Wittchen, H. U. (2000). Traumatic events and post-traumatic stress disorder in the community: prevalence, risk factors and comorbidity.
Stein, M. (2006). Missing years of abuse in children's home. Child & Family Social Work, 11(1), 11-21. doi: DOI:10.1111/j.1365-2206.2006.00381.x
Saß, H., Wittchen, H-U. & Zaudig, M. (Hrsg.). (1998). Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-IV. Göttingen: Hogrefe-Verlag.
WHO (2002). Child abuse and neglect by parents and other caregivers – chapter 3. In WHO (2002), World report on violence and health (S. 58-86). Geneva: World Health Organization.
WHO (2003). Weltbericht Gewalt und Gesundheit. Zusammenfassung. Kopenhagen: WHO-Regionalbüro für Europa.

Ass. Prof.Dr.in Brigitte Lueger-Schuster

Fakultät für Psychologie, Institut für Angewandte Psychologie:
Gesundheit, Entwicklung, Förderung Universität Wien
Zahlreiche Publikationen im Bereich der Psychotraumatologie.
Wissenschaftliche Studien zu:
Kinder des Zweiten Weltkrieges, Opfer institutionellen Missbrauchs.
Präsidentin der European Society for Traumatic Stress Studies

Was wir von „Star Wars“ und Harry Potter für unser eigenes Leben lernen können

Jede Geschichte ist eine Behauptung über das Leben. Alle großen Erkenntnisse der Menschheit sind in Geschichten gekleidet. Was können wir in diesen Geschichten über Verletzungen lernen?
Die Waisenkindgeschichte ist die archetypische Heldenge- schichte. Das Waisenkind ist das Symbol für eine der Urverletzun- gen des Menschen, das Ausgestoßen-, das Abgelehnt-, das Miss- brauchtwerden. Die Geschichte vom Waisenkind findet sich in der Bibel mit dem Aussetzen von Moses im Weidenkörbchen, bei den Gründern von Rom, Romulus und Remus, und setzt sich fort mit Oliver Twist und Pippi Langstrumpf. Auch die modernen Helden Luke Skywalker und Harry Potter sind Waisenkinder – so wie sogar die Comicfigur Batman. Das von aller Welt ausgesetzte Kind bewältigt aufgrund seiner Fähigkeiten alle scheinbar unlös- baren Herausforderungen, wächst über sich hinaus und erobert die Welt. Das gibt uns Hoffnung, dass auch wir in aussichtslosen Situationen unsere größte Angst, die des Wiederverletztwerdens, bewältigen können.

Was wir von „Star Wars“ und Harry Potter für unser eigenes Leben lernen können

Jede Geschichte ist eine Behauptung über das Leben. Alle großen Erkenntnisse der Menschheit sind in Geschichten gekleidet. Was können wir in diesen Geschichten über Verletzungen lernen?
Die Waisenkindgeschichte ist die archetypische Heldenge- schichte. Das Waisenkind ist das Symbol für eine der Urverletzun- gen des Menschen, das Ausgestoßen-, das Abgelehnt-, das Miss- brauchtwerden. Die Geschichte vom Waisenkind findet sich in der Bibel mit dem Aussetzen von Moses im Weidenkörbchen, bei den Gründern von Rom, Romulus und Remus, und setzt sich fort mit Oliver Twist und Pippi Langstrumpf. Auch die modernen Helden Luke Skywalker und Harry Potter sind Waisenkinder – so wie sogar die Comicfigur Batman. Das von aller Welt ausgesetzte Kind bewältigt aufgrund seiner Fähigkeiten alle scheinbar unlös- baren Herausforderungen, wächst über sich hinaus und erobert die Welt. Das gibt uns Hoffnung, dass auch wir in aussichtslosen Situationen unsere größte Angst, die des Wiederverletztwerdens, bewältigen können.
Die Geschichten von Waisenkindern versprechen uns Trös- tung, gerade in unserer so mit Angst besetzten Zeit. Es ist kein Zufall, dass eine der erfolgreichsten Hilfsorganisationen der Welt die SOS-Kinderdörfer sind. „Holen wir Waisenkinder wieder in unsere Gesellschaft zurück, indem wir ihnen Eltern, Geschwister und ein Zuhause geben.“ Wenige Organisationen können ihren Zweck so einfach formulieren, dass wir uns sofort angesprochen fühlen. Tief in unserem Innersten spüren wir alle den Schmerz von Waisenkindern, weil wir selbst bestimmte Facetten eines kleinen Waisenkindes in uns tragen. Wir wurden schon allein gelassen, fühlten uns hilflos und unser Grundvertrauen in die Welt wurde massiv erschüttert.

Warum Helden immer auf die gleiche Abenteuerreise gehen – und wir mitreisen sollten

Der „Held“ steht im Verständnis von Joseph Campbell immer für die Hauptfigur einer Geschichte, ist daher geschlechtsneutral und kann auch zum Beispiel für ein Fantasiewesen wie den Hobbit Frodo Beutlin in „Der Herr der Ringe“ stehen. Forrest Gump, ein moderner Don Quichotte, zeigt, dass der Held keineswegs ein Krieger sein muss, der seine Prüfungen mit dem Schwert oder zumindest mit seiner Intelligenz meistert. Seine Waffen sind die des unschuldigen Toren – gerade deshalb lieben wir ihn so. Da „Star Wars“, „Harry Potter“ und „Der Herr der Ringe“ durch die Verfilmungen besonders bekannte Beispiele sind, habe ich sie ausgewählt, um die sieben Stufen der archetypischen „Reise des Helden“ zu erklären.

Ich möchte Sie einladen, die klassische Heldenreise zu machen – und dabei Parallelen in Ihrem eigenen Leben zu entdecken. Denken Sie an eine der großen Herausforderungen, die Sie bisher in Ihrem Leben bewältigen mussten, und versuchen Sie in jeder Stufe die Gemeinsamkeit mit Ihrer eigenen Geschichte zu erkennen.

1. Am Anfang lebt der Held ganz normal in seinem Alltag.

Luke Skywalker, der Held von „Star Wars“, langweilt sich zu Tode auf der Farm seiner Stiefeltern, Frodo Beutlin aus „Der Herr der Ringe“ lebt unbeschwert in Auenland. Harry Potter wohnt am Beginn seiner Geschichte bei seinen tyrannischen Zieheltern und schläft in einem Schrank.

In Ihrem Leben kann das ein normaler Büro- oder Routinetag mit Ihren Kindern gewesen sein.

2. Das Abenteuer ruft.

Der Jedi-Ritter Obi Wan Kenobi fordert Luke Skywalker auf, mit ihm gemeinsam Prinzessin Leia zu retten. Gandalf gibt Frodo den Auftrag, den gefährlichen Ring nach Mordor zu bringen und dort zu vernichten. Harry Potter wird vom Riesen Hagrid der Brief mit der Einladung an die Zauberschule in Hogwarts überreicht.

Bei Ihnen war das vielleicht ein besonders schwieriger Auftrag, das Angebot für einen neuen Job oder die Nachricht über eine schwere Erkrankung.

3. Der Held weigert sich.

Gehe immer den Weg, vor dem du die größte Angst hast, dort liegt deine Erneuerung. Doch weder unsere Filmhelden noch wir tun das freiwillig. In dieser Stufe geht es um Angst. Der Held weigert sich mit einer Vielzahl von Ausreden, die Herausforderung anzunehmen. Luke Skywalker lehnt ab, weil er seine Stiefeltern nicht allein lassen kann, kehrt zu seinem Haus zurück und findet diese von den Truppen des Imperators ermordet. Frodo sagt, er sei nur ein schwacher kleiner Hobbit mit großen Füßen und er könne unmöglich den mächtigen Sauron besiegen.
Im Nachhinein wird uns immer klar, dass wir diesen Ruf gebraucht haben, um aus unserem bisherigen Leben auszubrechen, dass wir gezwungen werden mussten, eine Reise anzutreten, um neue Erfahrungen zu machen.

Sie können sich sicher noch gut erinnern, warum es viele plausible Argumente gab, nicht ins Unbekannte aufzubrechen. Was hat Sie zögern lassen, sich der Herausforderung gewachsen zu fühlen? Wovor hatten Sie Angst?

4. Der Mentor tritt auf.

Alle Heldengeschichten haben eine Figur, die an den berühmten Zauberer Merlin an König Artus’ Hof erinnert, der dem Helden beisteht. Bei Luke Skywalker ist das der kleine grüne Yoda, bei Frodo ist es Gandalf und bei Harry Potter Dumbledore. Der Mentor stellt eine der wichtigsten mythologischen Figuren dar. Er steht symbolisch für das Band zwischen Schüler und Lehrer, zwischen Gott und dem Menschen. Wie wir herausfinden werden, spielt der Mentor sowohl in allen realen Biografien in diesem Buch als auch in den wissenschaftlichen Studien eine zentrale Rolle. Es ist eine Lebensweisheit, dass wir einen Mentor benötigen, der uns Rat, Hilfe, Wissen oder auch praktische Fähigkeiten lehrt. Ganz wichtig ist, dass uns der Mentor zwar auf die Prüfungen vorbereitet, er sie uns aber nicht abnehmen kann.

Wer war Ihr Mentor?


5. Die Prüfung, Feinde und Verbündete

In „Star Wars“ sind das die zahllosen Begegnungen von Luke mit Darth Vader und die mehrmalige Gefangennahme durch seine Feinde. Aber er findet auch einen unverhofften Verbündeten im Abenteurer Han Solo. Das Auftauchen von unerwarteten Verbündeten, wenn es aussichtslos für den Helden wird, ist typisch für Heldengeschichten, aber auch für unser Leben. Wenn man glaubt, es geht gar nicht mehr weiter, geht es dann doch weiter, wenngleich der Retter vielleicht im Leben nicht immer so attraktiv wie Aragorn in „Der Herr der Ringe“ ist, hoffentlich auch nicht so hässlich wie der Zwerg Gimli. Die unerwarteten Verbündeten lösen nicht die Aufgabe für uns, sie zeigen uns dafür, dass wir bereits alles in uns haben, um die Aufgabe zu bewältigen.
Die Prüfung entscheidet in den Heldengeschichten meist über Leben und Tod, aber auch im realen Leben darüber, ob wir wie- der aufstehen können oder ob wir liegen bleiben. Jeder, der schon einmal tatsächlich in Todesgefahr war, weiß, dass man sich nie so lebendig fühlt wie in dem Moment, wo man dem Tod ins Auge blickt.
Danach ist etwas anderes in uns. Im Augenblick der größten Gefahr erkennen wir, dass wir unsere Angst überwinden können und weiterleben. Dieser Reifeprozess macht uns stärker.

Welche inneren oder äußeren Gegner mussten Sie besiegen? Wer waren unerwartete Verbündete? Was haben Sie durch die Prüfung gelernt, welche neuen Kompetenzen an sich entdeckt, welche Ein- sichten gewonnen?

6. Die Belohnung

Luke Skywalker erkennt im Laufe der Handlung immer klarer, dass Darth Vader sein eigener Vater ist und kann sich vor dessen Tod mit ihm versöhnen. Der Held wird nach der letzten Prüfung damit belohnt, dass er den Schatz bekommt. Das kann die Erlösung eines ganzen leidenden Reichs sein wie im Gral, ein besonderes Schwert oder auch Zugang zu geheimem Wissen.

Was war Ihre Belohnung nach der bestandenen Herausforderung? Profitieren Sie heute noch davon?

7. Die Rückkehr des Helden


Am Ende der Geschichte kehrt der Held wieder in den Alltag zurück. Aber er ist verändert, er hat die Kluft zwischen dem, was er war, und dem, was er sein könnte, kleiner gemacht – und ist da- durch gewachsen.

Was hat sich an Ihnen verändert, als Sie wieder in Ihre normale Welt zurückgekehrt sind?


Am Anfang ist immer die Verletzung, die den Helden antreibt

In all den beschriebenen Geschichten erkennen wir langsam im Laufe der Handlung, dass dem Helden, schon bevor die Geschichte begonnen hat, eine schwere Verletzung zugefügt wurde. Am deutlichsten wird das bei Harry Potter, dessen Eltern von seinem Hauptfeind Voldemort ermordet wurden und der ihm die Verletzung sogar auf seine Stirn gezeichnet hat, sichtbar. Luke Skywalker weiß nicht, dass er auch die Gene der dunklen Seite der Macht in sich trägt, weil sein Vater eine verbotene Beziehung mit seiner Mutter eingegangen war. Die ganze Kraft, die die Helden durch die Geschichte treibt, kommt aus deren Verletzungen. Sie können diese Urverletzung der Helden beliebig weiterdenken mit Cinderella, Odysseus, König Artus, Oliver Twist, Pippi Langstrumpf und so weiter. Dem Helden wird meist erst am Schluss der Handlung bewusst, was ihn so ungemein antreibt – manch- mal gar nicht.
In dem Augenblick, wo der Held aber erkennt, welchen Sinn seine Verletzung in seinem Leben hat, kann er sie erfolgreich in sein Leben integrieren. Sein Leben hat dann plötzlich Sinn, und ein sinnvolles Leben ist immer auch ein erfülltes Leben.
In unserem eigenen Leben geht es darum, uns selbst kennen- zulernen, die eigenen Beschädigungen zu verstehen, daraus zu lernen, um uns weiterzuentwickeln. So haben wir die Chance, zu verhindern, dass starke negative Kräfte eines Tages die Macht über unser Leben ergreifen und wir mehr getrieben werden, als wir selbst steuern können.


Was wir aus der Reise des Helden für unser eigenes Leben lernen können

1. Verletzungen sind ein wesentlicher Teil unseres Lebens.


Alle Menschen tragen eine Verletzung mit sich. Wir sind weder die Ersten noch die Einzigen, die gezeichnet von dieser Verletzung einen langen Weg gehen müssen. Wir sind auch nicht schuld an dieser Verletzung. Wir müssen diesen Weg aber nicht allein gehen. Wir können von denen lernen, die diesen Weg schon seit Tausenden von Jahren gegangen und deren Erfahrungen in Geschichten festgehalten sind. Dieses Wissen wurde früher an den Lagerfeuern von Generation zu Generation weitergegeben. Danach gab es Bücher und Filme.

2. Verletzungen in unserem Leben haben einen Sinn.


Verletzungen gehören zu den stärksten Antriebskräften in unserem Leben. Sie haben einen Sinn, hinter dem unsere Lebensaufgabe steht. Es liegt an uns, diesen tieferen Sinn im Laufe unseres Lebens zu entdecken und in unsere Lebensgeschichte zu integrieren. Machen wir aus unserem Leben eine Geschichte, viele Geschichten – und das Leben wird besser sein.

3. Wir verlassen nicht freiwillig den Pfad unserer Gewohnheiten und unser geschütztes Heim.


Wie in jeder fiktiven Heldengeschichte brechen wir nicht freiwillig aus unserem gewohnten Alltag aus, um uns unbekannten Gefahren auszusetzen. Im Gegenteil, wir wehren uns so lange wie möglich dagegen. Wir werden durch äußere Kräfte dazu gezwungen, aufzubrechen und uns Prüfungen oder Gefahren zu stellen.

4. Der Sinn von Prüfungen ist die Konfrontation mit unserer Angst, dort wieder verletzt zu werden, wo es am meisten schmerzt.

Erst wenn wir uns der Verletzung stellen, erleben wir, dass wir nicht daran zugrunde gehen. Wir erleben den Schmerz wieder, wir müssen nicht sterben, wir können die Angst überwinden, wir überleben. Diese Erfahrung macht uns freier.

5. Das wahre Ziel jeder Heldenreise ist nicht, anzukommen, sondern die Suche nach dem höheren Selbst.

Harry Potter musste als Waisenkind viel Zeit in Einsamkeit verbringen, eines seiner größten Talente liegt in der Fähigkeit, Freunde zu finden – er entwickelt hohe soziale Kompetenzen. Er wird von seinem Onkel und seiner Tante gegenüber seinem Cousin extrem ungerecht behandelt – er entfaltet ein hohes Verantwortungsgefühl für andere. Als Waisenkind ist ihm bewusst, dass es viel Leid und Schmerz gibt – daher kämpft er für eine bessere Welt.
Erfolg auf der Reise heißt, den Unterschied zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein könnten, zu verringern. Wären wir nicht gezwungen gewesen, aufzubrechen, hätten wir uns nie unserer Verletzung gestellt und auch nicht neue Kompetenzen in uns entdecken können. Das erkennen wir natürlich erst, wenn wir wieder an den Anfang zurückgekehrt sind. Der Kreis hat sich geschlossen. Wir sind bereit, zur nächsten Reise aufzubrechen, aber wir sind stärker, erfahrener und haben weniger Angst.

„Was nützt es uns, zum Mond zu fliegen,
wenn wir die Kluft, die uns von uns selbst trennt, nicht überwinden können.
Das ist die wichtigste aller Entdeckungsreisen, und ohne sie sind alle übrigen nutzlos.“
Antoine de Saint-Exupéry


Literatur:
1. Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten, Frankfurt am Main, Insel 1999
2. Carol S. Pearson: Awakening the Heros Within, New York, Harper 1991, S. 49 ff.

Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Autor von fünf #1 Bestsellern und ein scharfer Kritiker unseres Schulsystems. Er ist Mitbegründer der „Sir Karl Popper Schule“ für besonders begabte Kinder.
2004 initiierte er die „Waldzell Meetings“ im Stift Melk, an denen sieben Nobelpreisträger und der Dalai Lama teilgenommen haben. 2009 wurde er zum „Autor des Jahres“ und „Kommunikator des Jahres“ gewählt.

Dr. Charmaine Liebertz

Wir haben das Notwendigste vergessen:
Die Kunst der Menschenbildung!
Jean-Jacques Rousseau


In einem Jahrhundert in dem sich das Weltwissen alle 5 bis 10 Jahre verdoppelt – jährlich veröffentlichen Wissenschaftler weltweit ca. 6 Millionen Fachartikel, das sind täglich 17.000 Artikel! – ist es höchste Zeit, dass wir uns als Pädagogen auf unsere eigentlichen Fähigkeiten als Erzieher mit Kopf, Herz und Hand besinnen und die Herzensbildung wieder in den Vordergrund unseres pädagogischen Bestrebens rücken. Denn die pure Wissensvermittlung vermögen jetzt die Neuen Medien wesentlich ansprechender und schneller zu realisieren als wir. Außerdem war die Rolle des Wissensvermittlers noch nie ein uns erfüllendes Berufsziel. Oder? Der Abschied davon sollte uns nicht wehklagen sondern jubilieren lassen. Wenn wir uns als Menschenbildner mit Kopf, Herz und Hand im alten reformpädagogischen Sinne (u. a. Fröbel, Montessori, Petersen, Freinet) verstehen und dazu die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Hirnforschung sowie die Bedingungen der Neuen Kindheit berücksichtigen dann haben wir nichts verloren sondern viel gewonnen. Nur der Pädagoge, der sich als Wissensvermittler versteht, wird im nächsten Jahrzehnt rasch durch die Neuen Medien verdräng- und ersetzbar sein. Der Pädagoge mit Kopf, Herz und Hand wird jedoch immer wertvoller werden!

Dr. Charmaine Liebertz

Wir haben das Notwendigste vergessen:
Die Kunst der Menschenbildung!
Jean-Jacques Rousseau


In einem Jahrhundert in dem sich das Weltwissen alle 5 bis 10 Jahre verdoppelt – jährlich veröffentlichen Wissenschaftler weltweit ca. 6 Millionen Fachartikel, das sind täglich 17.000 Artikel! – ist es höchste Zeit, dass wir uns als Pädagogen auf unsere eigentlichen Fähigkeiten als Erzieher mit Kopf, Herz und Hand besinnen und die Herzensbildung wieder in den Vordergrund unseres pädagogischen Bestrebens rücken. Denn die pure Wissensvermittlung vermögen jetzt die Neuen Medien wesentlich ansprechender und schneller zu realisieren als wir. Außerdem war die Rolle des Wissensvermittlers noch nie ein uns erfüllendes Berufsziel. Oder? Der Abschied davon sollte uns nicht wehklagen sondern jubilieren lassen. Wenn wir uns als Menschenbildner mit Kopf, Herz und Hand im alten reformpädagogischen Sinne (u. a. Fröbel, Montessori, Petersen, Freinet) verstehen und dazu die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Hirnforschung sowie die Bedingungen der Neuen Kindheit berücksichtigen dann haben wir nichts verloren sondern viel gewonnen. Nur der Pädagoge, der sich als Wissensvermittler versteht, wird im nächsten Jahrzehnt rasch durch die Neuen Medien verdräng- und ersetzbar sein. Der Pädagoge mit Kopf, Herz und Hand wird jedoch immer wertvoller werden!

Eine Wissensgesellschaft, die glaubt, alles zu wissen, wenn nur die Informationsflüsse kräftig fliessen, beweist letztendlich, wie wenig sie verstanden hat. Denn sie unterliegt dem Irrglauben, je mehr die Flüsse an Informationen transportierten um so größer würde das Meer der Erkenntnis. Der Topmanager Daniel Goeudevert warnt: „Wir sind reich an Infos, drohen in diesem Überfluß zu ertrinken und sind zugleich oder gerade deshalb arm an gelebtem Wissen, an erfahrenen Gefühlen und stabilen Werten. Immer mehr satte Menschen, verdursten emotional! Wissen ohne Einbindung in eine moralische Kultur des Humanen ist barbarisch.“ Als der Philosoph Max Scheler sagte „Wissen ist Teilhabe am Seienden“ da meinte er lebendigen Austausch, emotionale Begegnung und Anteilnahme. Dies ist nur im realen Leben mit echten Menschen möglich; in der kleinen Welt des Faktenwissens per Internet sind die Erkenntnishorizonte recht begrenzt. Denn wer frei Haus beliefert wird, braucht nicht mehr auf Fahrt zu gehen und bleibt somit unerfahren.

Wir stehen zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor entscheidenen Fragen: Wann ist der Siedepunkt der Informationsmenge erreicht? Wie lange noch können unsere Emotionen die Spirale des Immer-noch-mehr verkraften? Wann schlägt die emotionale Kälte in Gewalt um? Werden wir rechtzeitig erkennen, das nicht die Aneignung von Wissensmengen unsere Zukunft gewährleistet, sondern unsere Fähigkeit, Körper, Geist und Psyche ganzheitlich zu integrieren? Welche Pädagogik setzt sich gegen laute Reize durch?

Eine losgelöste Werteerziehung in Nischen – z.B. in einzel ausgewiesenen Unterrichtsstunden – wird diese Fragen nicht beantworten können. Es geht um die Wertefrage in der Erziehung schlechthin, denn erziehen bedeutet überall und jederzeit abwägen, entscheiden und somit bewerten. Aber wenn der Mensch ausschließlich über seine Schulnoten, seinen Erfolg, seine Karriere und sein Vermögen definiert wird, dann gibt es keinen Wert, keinen Sinn mehr außerhalb, dann regiert der Druck. Und wo Sinn fehlt und Druck regiert, da blühen Angst, Gewalt und Depression.

Jeder Einzelne insbesondere Kinder brauchen im unsteten Fluß der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen verläßliche Geländer. Kinder lassen sich nicht erziehen oder bilden. Beides gehört untrennbar zusammen. Die Werteerziehung läßt sich nicht an die Anderen delegieren. Sie fängt bei jedem von uns an. Stellen Sie sich, liebe Eltern, daher früh genug die Frage „Was soll aus meinem Kind werden?“ Begnügen Sie sich nicht mit rasch aufkommenden Antworten: „Erfolgreicher Arzt, Unternehmer oder Rechtsanwalt.“ Sie haben im Laufe ihres Lebens oft genug erfahren, dass Leistung und Erfolg zwar von unserer Ellbogengesellschaft gefordert werden aber für ein glückliches Leben nicht ausreichen. Stellen Sie sich als Erzieher und Lehrer die Frage nach dem Profil Ihrer Einrichtung, nach dem Ziel und dem Sinn Ihrer Arbeit mit Kindern: „Welches Menschenbild strebe ich in meiner Erziehung, in meinem Unterricht an?“ Wenn Sie diese fundamentale Frage immer wieder zulassen, werden Sie Antworten erhalten, die Kinder substantieller und nachhaltiger helfen als kurzfristige Leistungsprofile.

Ein Lehrer am Gutenberg Gymnasium in Erfurt, antwortete in einem Interview – anläßlich des einjährigen Gedenktages nach dem furchtbaren Amoklauf eines Schülers, an dem 16 Menschen starben – auf die Frage, welche Lehre er aus dem Anschlag ziehe: „Ich nehme mir nun die Freiheit heraus, weniger gesetzlich und mehr menschlich zu sein.“
Mir bleibt nur der Appell an alle Pädagogen: Es bedarf keiner Freiheit, menschlich zu agieren, wenn man mit Menschen umgeht, es ist das Fundament unseres Berufs, unsere selbstverständliche Pflicht! Es ist höchste Zeit, zu begreifen, dass Kinder nicht erfolgreich lernen können, wenn sie nur belehrt werden und Stoff dargeboten bekommen, den sie bloß übernehmen sollen ohne persönliche Bedürfnisse und Gefühle. Optimales Lernen bedeutet Eigeninitiative und emotionales Engagement mobilisieren, nicht Fakten konsumieren. Schule ist keine Tankstelle, wo Schüler Karrierekraftstoff für die Zukunft abfüllen können, um mit Vollgas durch’s Leben zu surfen. Schule ist ein empfindlicher sozialer Mechanismus, in dem Regeln des menschlichen Umgangs entworfen und eingehalten werden müssen. Wer Lernen als sachliches intellektuelles Geschäft ohne emotionalen Kontext versteht, der darf sich nicht wundern, wenn er vom Pädagogen zum Dompteur mutiert, der ständig die Disziplinpeitsche schwingt, um die sozialen Interaktionen der Gruppe in den Griff zu bekommen.
Lehren heißt mehr als vermitteln, es bedeutet vor allem initiieren. Unser Vorbild als Pädagogen ist dabei entscheidend. Lehrer, die zu spät zum Unterricht kommen oder schlecht vorbereitet sind, legitimieren ihre Schüler, das Gleiche zu tun. Erzieher, die sie alljährlich die alte Bastelvorlage für die Martinslaterne hervorkramen, sind schlechte Vorbilder für Eigeninitiative und Kreativität.


Unserem Erziehungs- und Lernprozeß fehlt ein verläßliches Sinn-Fundament, ein erstrebenswertes Menschenbild. Bildung ist mehr als unverbindliche Schöngeisterei, als bloßes Faktenwissen, mit dem man auf einer Party Eindruck schinden kann. Zur Bildung im 21. Jahrhundert gehört vor allem der souveräne Umgang mit den Schlüsselqualifikationen der Zukunft: Soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz. Ihre Förderung sollte fester Bestandteil einer jeden Bildungs- und Erziehungskonzeption sein. So nehmen Kinder in ihrer Lernlaufbahn viel Wissen auf, aber ihre Bewußtseinsentfaltung, Persönlichkeitsentwicklung und Herzensblidung bleiben oft auf der Strecke. Wo lernt ein Kind, was zum eigenen Wohlbefinden und das der anderen erforderlich ist, wie man seinen Beruf findet und ausfüllt, wie man seine Probleme löst und seine Ziele erreicht, wie man eine harmonische Partnerschaft aufbaut? Immerzu hört es während seiner Schullaufbahn: „Du lernst für’s Leben!“ und berechtigterweise fragt es sich „Welches Leben meinen die?“ Sein Leben findet in der Gegenwart statt, was weiß es schon über das Leben nach der Schule. Gar nichts! Leben und lernen bedeutet den ganzen Menschen, sein Denken und Fühlen im Hier und Jetzt wertzuschätzen.

Die Zeit ist reif, sich über den reinen Verstandesmenschen hinaus zu entwickeln und nun endlich zu Bewußtsein zu kommen. Es ist Zeit, zu erkennen, daß der Verstand die Wertschätzung, die er bekommt, nie wirklich verdient hat, denn auf alle wirklich wichtigen Fragen kann er uns keine hinreichende Antwort geben. Dabei haben wir wir ein umfassendes, optimales Werkzeug seit jeher zur Verfügung: das Gefühl. Aber selten hört man von einer Lehrerin, sie habe „ein emtional begabtes Mädchen“ in ihrer Klasse, über einen „mathematisch begabten Jungen“ spricht man schon eher.
Hier hat unser Schulsystems viel versäumt, nämlich Kinder an ihr inneres Potential an die Stärke ihres inneren Fundaments heranzuführen und ihr Selbstmanagement zu fördern. Schon der Humanist Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835) forderte eine Bildung, die den Menschen zu dem macht, was er sein soll, nämlich ein Mensch. Das heißt nicht, dass Bildung ohne Fachwissen nur im netten Miteinander des sozialen Lernens, ohne die Anstrengung an der Sache erworben werden kann. „Es gibt keine Bildung ohne Anstrengung“, sagte Roman Herzog (Rede am 5. 11. 1997 in Berlin) in einer vielbeachteten Rede.

Solange wir den Bildungsstand eines Menschen danach abmessen, wie viel er auswendig weiß, oder wie hoch sein IQ ist, solange unterliegen wir dem fatalen Irrglauben, dass Gedächtniskünstler und Testgenies gebildete Menschen sind. Unsere Kinder werden weder mit der Kuschel- noch mit Paukpädagogik die Zukunft meistern. Sie brauchen vielmehr Pädagogen mit Kopf, Herz und Hand!

Literatur der Autorin

  • Das Schatzbuch der Herzensbildung. Grundlagen, Methoden und Spiele zur emotionalen Intelligenz. Hrsg. Gesellschaft für ganzheitliches Lernen e.V. Don Bosco Verlag. München 4. Auflage 2008.
  • Spiele zur Herzensbildung. Hrsg. Gesellschaft für ganzheitliches Lernen e.V. Don Bosco Verlag. München 1. Auflage 2007.


Kontakt
www.ganzheitlichlernen.de

Dr.in Charmaine Liebertz
Universität Köln im Bereich Heilpädagogik;
3 Jahre redaktionelle Mitarbeiterin bei der Deutschen Welle, Redaktion Bildung und Kultur.
Seit 1996 leitet sie die Gesellschaft für ganzheitliches Lernen e.V. und hält europaweit Seminare für Erzieher, Lehrer und Eltern.
Autorin zahlreicher pädagogischer Fachbücher.

Mit dem Sexualstrafrechtsänderungsgesetz 2013 (BGBl. I Nr. 116/2013) wurden die Richtlinie 2011/93/EU zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs und der sexuellen Ausbeutung von Kindern sowie der Kinderpornografie sowie zur Ersetzung des Rahmenbeschlusses 2004/68/JI, ABl. Nr. L 335 vom 17.12.2011 S. 1, in der Fassung der Berichtigung ABl. Nr. L 18 vom 21.1.2012 S. 7 und die Richtlinie 2011/36/EU zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels und zum Schutz seiner Opfer sowie zur Ersetzung des Rahmenbeschlusses 2002/629/JI, ABl. Nr. L 101 vom 15.4.2011 S. 1 umgesetzt und damit der materiellrechtliche Opferschutz bei Sexualdelikten und Menschenhandel erheblich erweitert. Die damit verbundenen Änderungen des Strafgesetzbuches (StGB) wurden bereits im Vorfeld des Inkrafttretens medial breit erörtert; eine nochmalige Behandlung der Themen dürfte sich demzufolge in diesem Rahmen erübrigen.

Mit dem Sexualstrafrechtsänderungsgesetz 2013 (BGBl. I Nr. 116/2013) wurden die Richtlinie 2011/93/EU zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs und der sexuellen Ausbeutung von Kindern sowie der Kinderpornografie sowie zur Ersetzung des Rahmenbeschlusses 2004/68/JI, ABl. Nr. L 335 vom 17.12.2011 S. 1, in der Fassung der Berichtigung ABl. Nr. L 18 vom 21.1.2012 S. 7 und die Richtlinie 2011/36/EU zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels und zum Schutz seiner Opfer sowie zur Ersetzung des Rahmenbeschlusses 2002/629/JI, ABl. Nr. L 101 vom 15.4.2011 S. 1 umgesetzt und damit der materiellrechtliche Opferschutz bei Sexualdelikten und Menschenhandel erheblich erweitert. Die damit verbundenen Änderungen des Strafgesetzbuches (StGB) wurden bereits im Vorfeld des Inkrafttretens medial breit erörtert; eine nochmalige Behandlung der Themen dürfte sich demzufolge in diesem Rahmen erübrigen.

Bisher wenig Beachtung gefunden hat die mit selbigem Gesetz erfolgte Änderung der Strafprozessordnung (StPO): In § 66 Abs. 2 findet sich die, am 1. Jänner 2014 in Kraft tretende Bestimmung „Opfern, die in ihrer sexuellen Integrität verletzt worden sein könnten und das vierzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, ist jedenfalls psychosoziale Prozessbegleitung zu gewähren.“ Den Erläuterungen zum Sexualstrafrechtsänderungsgesetz 2013 zufolge (S. 19) werden damit insbesondere Art. 18 und 19 Abs. 1 bis 3 der erstgenannten Richtlinie umgesetzt, die vorsehen, dass Kindern, die Opfer einer der dort zitierten Sexualtaten geworden sind, Betreuung und Unterstützung zu gewähren ist. Die übrigen vor allem in Art. 19 Abs. 5 (Betreuung und Unterstützung für Angehörige solcher Opfer) und in Art. 20 vorgesehenen Maßnahmen, wie etwa juristische Prozessbegleitung, schonende Vernehmung des Opfers oder Aufzeichnung der Vernehmung des Opfers sind – so die Erläuterungen weiters – seit langem gängige Praxis und bedürfen keiner weiteren Umsetzung.

Mit dieser nunmehr obligatorischen psychosozialen Prozessbegleitung für unmündig Minderjährige entfallen bisher unabdingbare, teils zeitraubende Handlungen, wie z.B. die Einholung der Zustimmung der oder des Obsorgeberechtigten zur Gewährung von Prozessbegleitung durch hiezu vom Bundes¬ministerium für Justiz beauftragte, bewährte und geeignete Opferhilfeeinrichtungen und kann unmündigen Opfern rasch und unbürokratisch geholfen werden. Der Zeitraum bis zum Inkrafttreten dieser Bestimmung wird dazu genützt werden müssen, dieser Neuregelung entsprechende Bekanntheit zu verschaffen; dies betrifft nicht nur die handelnden Akteure im Rahmen der Sicherheitsexekutive und der Justiz sondern auch die Jugendhilfeträger und die Opferhilfeeinrichtungen.

Geeignete Foren zur Präsentation und Diskussion des „ergänzten 66er“ der StPO sind auch die sog. Runden Tische Prozessbegleitung, die seit dem Jahr 2010 einmal jährlich österreichweit bei allen in Strafsachen tätigen Gerichtshöfen erster Instanz durchgeführt werden und der professionellen Koope¬ration und dem regelmäßigen Informationsaustausch zwischen den mit Prozessbegleitung befassten Berufsgruppen dienen.

Diese Vernetzungsforen waren es auch, die bereits im Vorfeld der gesetzlichen Änderung die Ergän¬zung des § 66 Abs. 2 StPO angeregt haben: Bei mehreren dieser „Runden Tische“ im Jahr 2011 wurde von teilnehmenden Psychologinnen und Psychologen auf die Wichtigkeit rascher psychologischer Betreuung von Opfern und insbesondere von unmündig Minderjährigen hingewiesen, da bei diesen ein rascher Vergessensprozess einsetzt, sodass die Erstaussage in der Regel den größten Wahrheitsgehalt aufweist. Angeregt wurde demzufolge, in Fällen, in denen unmündig Minderjährige Opfer von (sexueller) Gewalt geworden sind, (psychosoziale) Prozessbegleitung zwingend vorzusehen. Dieser Anregung ist der Gesetzgeber mit dem Sexualstrafrechtsänderungsgesetz 2013 gefolgt, wodurch die Notwendigkeit und Nützlichkeit der in der Prozessbegleitung unabdingbaren Vernetzungsarbeit aber¬mals unter Beweis gestellt werden konnte.

Mario Thurner
Managementzentrum Opferhilfe (MZ.O)
Eine Einrichtung des Bundesministeriums für Justiz
thurner(at)clc.or.at

Mario Thurner war – nach mehrjähriger Tätigkeit am Forschungsinstitut für Mittel- und Osteuropäisches Wirtschaftsrecht (FOWI) an der Wirtschaftsuniversität Wien – von 1999 bis 2011 Geschäftsführer des Center of Legal Competence (CLC), eines mit Beschluss des Ministerrates im Jahre 1998 als Maßnahme der Republik Österreich zur Förderung der rechtlichen Ostkompetenz ins Leben gerufenen Vereins, der über einen Zeitraum von 13 Jahren vorwiegend EU-finanzierte Projekte in den Bereichen Boden- und Kreditsicherungsrecht, Zivilverfahrens-, Vollstreckungs- und Insolvenzrecht sowie Justizmanagement in enger Zusammenarbeit mit Experten der österreichischen Justiz in den (vormaligen) Reformstaaten Mittel- und Osteuropas durchgeführt hat. In den Jahren 2002 und 2003 war er als Langzeitexperte und Heranführungsberater in einem Insolvenzrechtsprojekt in Bulgarien im Auslandseinsatz, hat in Teamarbeit mit österreichischen RichterInnen und StaatsanwältInnen zahlreiche Justizreformprojekte in Mittel- und Osteuropa als Projektleiter erfolgreich implementiert und kann auf zahlreiche Publikationen und Vorträge im In- und Ausland, überwiegend zum Insolvenz- und Kreditsicherungsrecht in mittel- und osteuropäischen Reformstaaten verweisen; so ist er auch Mitautor eines Lehrbuchs zum österreichischen Insolvenzrecht und eines in Vorbereitung befindlichen Kommentars zur deutschen Insolvenzrechtlichen Vergütungsverordnung (InsVV). Mario Thurner ist überdies seit mehr als 15 Jahren als Berater für den Verband deutscher Pfandbriefbanken (vdp) tätig. Seit Anfang 2011 leitet Mario Thurner für das österreichische Bundesministerium für Justiz das Managementzentrum Opferhilfe (MZ.O).

In diesem Text möchte ich einige Gedanken und meine Meinung zu den Themen Konsumglück und Sinnkrisen meiner Generation niederschreiben und zusammenfassen.

Ich möchte mit einem generellen Punkt beginnen, ich denke nämlich, dass das Wort Jugend oft zu allgemein verwendet wird. Es wird oft Gesagt die heutige Jugend weiß nicht mehr was echte Gemeinschaft oder Zusammengehörigkeit ist. Zu der Generation Jugend zu der ich zum Beispiel gehöre, ich bin 18 Jahre alt, treffen nicht all diese Aussagen zu, denn viele, natürlich nicht alle, in diesem Alter wissen gut wie eine Gemeinschaft funktioniert. Für mich gab es bis zur Hauptschule kein Handy, und mein erstes war auch kein Smartphone so wie es für viele Jugendliche, die nach mir geboren sind, der Fall ist. Ich kann dies sehr gut mit Bekannten vergleichen, die einige Jahre jünger sind als ich, auch Jugendliche, nur finde ich sehr viele Differenzen in der Erziehung und in der Lebensweise und deren Vorstellung was Leben bedeutet.

In diesem Text möchte ich einige Gedanken und meine Meinung zu den Themen Konsumglück und Sinnkrisen meiner Generation niederschreiben und zusammenfassen.

Ich möchte mit einem generellen Punkt beginnen, ich denke nämlich, dass das Wort Jugend oft zu allgemein verwendet wird. Es wird oft Gesagt die heutige Jugend weiß nicht mehr was echte Gemeinschaft oder Zusammengehörigkeit ist. Zu der Generation Jugend zu der ich zum Beispiel gehöre, ich bin 18 Jahre alt, treffen nicht all diese Aussagen zu, denn viele, natürlich nicht alle, in diesem Alter wissen gut wie eine Gemeinschaft funktioniert. Für mich gab es bis zur Hauptschule kein Handy, und mein erstes war auch kein Smartphone so wie es für viele Jugendliche, die nach mir geboren sind, der Fall ist. Ich kann dies sehr gut mit Bekannten vergleichen, die einige Jahre jünger sind als ich, auch Jugendliche, nur finde ich sehr viele Differenzen in der Erziehung und in der Lebensweise und deren Vorstellung was Leben bedeutet.

Nach dieser kurzen Klarstellung was meine Definition der heutigen Jugend ist möchte ich jetzt mehr auf meine Generation-Jugend eingehen weil ich natürlich am besten von meinen Erfahrungen schreiben kann. Zufriedenheit entsteht hauptsächlich durch Gemeinschaften, und gegenseitiges Verständnis, davon bin ich überzeugt. Allerdings wird auch oft gesagt, dass die Jugend keine echte Gemeinschaft mehr kennt, das sehe ich anders. Natürlich gibt es junge Menschen die keinen Teamgeist haben und egoistisch durchs Leben gehen aber viele meiner Freunde und auch ich selbst wissen was Zusammengehörigkeit bedeutet. Sport ist zum Beispiel ein sehr wichtiger Bestandteil um Gemeinschaft zu erfahren. In der Freizeit ist es also meiner Meinung nach bei vielen der Fall, dass es im Freundeskreis nicht nur darum geht sich seinen eigenen Vorteil zu verschaffen. Wenn ich aber an Arbeit oder Schule denke komme ich zu dem Schluss, dass es in einer Klasse fast nie eine wirkliche Gemeinschaft gibt, von jedem werden Bestleistungen erwartet. Wie soll sich bei einem Konkurrenzkampf, der sich über nahezu die gesamte Schulzeit zieht, ein Verbundensein entwickeln?

Das Thema Smartphones wächst immer mehr und wird für viele immer wichtiger. Jeder möchte das neueste Modell haben und es ist, leider, tatsächlich oft ein Statussymbol für Jugendliche. Das finde ich persönlich sehr schade. Es ist in Ordnung die moderne Technik zu nutzen aber man sollte dies mit Maß und Ziel tun. Dass gestaltet sich aber heutzutage schwierig weil wir oft vergessen welche anderen Möglichkeiten sich bieten außer 100 mal am Tag Facebook zu öffnen, andauernd SMS zu schreiben oder Bilder zu verschicken. Ich selbst finde es erschreckend wie oft ich mein Handy benutze um diese Dinge zu tun. Ich denke, dass viele Jugendliche das Internet dazu nutzen um sich besser darzustellen, obwohl jeder ohnehin gut ist wie er ist, nur gibt einem keiner das Gefühl gut zu sein. In der Schule wird man nur auf Fehler hingewiesen und bekommt selten bis gar kein Lob für gute Arbeiten darum wundert es mich nicht, dass viele zu einer anderen Person werden um Anerkennung zu bekommen. Besonders wenn die Eltern nur Druck machen und mit keiner Leistung zufrieden sind. Ich wüsste nicht wie ich wäre wenn meine Freunde, mein Freund und besonders meine Eltern mich nicht unterstützen würden, mit mir nicht über alles reden würden, mir nicht sagen würden dass sie mich und das was ich mache gut finden. Ich wäre wahrscheinlich auch eine derjenigen die sich, weil es die Möglichkeit gibt, besser darstellen würde um nicht nur als Gegenstand gesehen zu werden.

Das Wort „Gegenstand“ bringt mich auch zum nächsten Thema, Konsum-Menschen. Dazu gibt es nicht viel zu sagen, außer dass der Markt davon profitiert und der Mensch aber nie sein Glück darin finden wird. Es wird einem aber vorgespielt und durch Werbung eingeredet, dass man all diese Waren benötigt um jemand zu sein, um ein Individuum zu sein. Es ist für mich unverständlich und nicht nachvollziehbar seine Persönlichkeit durch Konsumgüter zu zeigen. Viele bekommen aber nur Bestätigung wenn sie sich „individuell“ Kleiden und haben dadurch den Glauben, dass ihr Charakter auch individuell wird. Häufig wird auch nur auf das Äußere geachtet, die inneren Werte stehen viel zu oft an zweiter Stelle. Diese Situation wird sich aber, denke ich, nicht allzu bald ändern weil Geld im Spiel ist und Geld regiert sozusagen die Welt. Man sollte vielleicht bei der Erziehung ansetzen um weniger „Konsum-Menschen“ zu „haben“, wenn Kinder zu einer starken Persönlichkeit erzogen werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Individualität durch Konsum ausdrücken.

Politisch betrachtet hat der Beitritt zur Europäischen Union, die Globalisierung oder auch unsere Bildungspolitik auf manche Jugendlichen Einfluss, aber viele haben keine Ahnung von Politik oder ihren Rechten die sie durch diese politischen Entscheidungen ihrer Eltern oder auch Großeltern bekommen haben. Es geht um Quantität nicht um Qualität das ist bedauerlicher Weise viel zu oft die Wahrheit. Alles Zählbare, Wertbare, wird Anerkannt und die Qualität ist nebensächlich. In einem Artikel den ich gelesen habe wird der Standpunkt vertreten wie wichtig es ist so früh wie möglich Kinder zu fördern um einen höheren IQ zu erreichen, ich war schockiert über die Ideen der Menschen Kindern, die es nicht besser wissen, nur Wissen zuführen zu wollen um eventuell bessere Werte bei der PISA Studie zu erzielen. Diesen Artikel habe ich mit einem konträren Artikel verglichen indem geschrieben steht, dass man durch Spielen den Kindern helfen soll zu lernen, fürs Leben zu lernen, das kommt meiner Meinung nach einem angenehmen lernen schon näher. Denn macht es am Ende einen Sinn wenn man sein ganzes Leben nur mit gezwungenem Lernen, Stress und Leistungsdruck verbringt? Natürlich ist es wichtig eine Ausbildung zu haben, andernfalls hat man auch keine Chance auf einen guten Job, aber die Art einen angemessenen Bildungsstandart zu erreichen sollte meiner Meinung nach nochmals überdacht werden. Immer häufiger sind SchülerInnen überfordert, stoßen an ihre Grenzen und haben aufgrund dessen keine Lust mehr am Lernen.

Es wird einem immer gesagt, dass man eigenständig, kritisch, vorausschauend und individuell Denken und sein soll aber wie soll man das lernen wenn einem alles Vorgeschrieben wird, man selten mitbestimmen kann und man von anderen Beurteilt wird? Man wird nicht ermutigt selbst Erfahrungen zu machen um daraus zu lernen es wird erwartet dass man einen eigenen Standpunkt hat, am besten einen der nicht von der Masse abweicht. Die einzigen die einem Kind klar machen können was im Leben wichtig ist und dass es wesentlich ist vieles zu hinterfragen, neugierig zu sein und sich zu gelerntem und gelesenem seine Meinung zu bilden ist, wenn es die Lehrer in weiterer Folge nicht machen, die Familie. Wenn die Eltern, die noch nicht gemerkt haben das ohnehin ausreichend Druck von Lehranstalten gemacht wird, rücksichtsvoller mit ihren Schützlingen umgehen würden und nicht noch mehr Stress verursachen würden wäre das schon einmal ein guter Anfang zu mehr individuellen und selbstständigen Menschen.

Lisa Mayerhofer

Lisa Mayerhofer, 18 Jahre, 5. Jahrgang Europaklasse der HLW-Tulln

Vor gut einem Jahr, am 24.4.2012, war auf der Internet-Seite des ORF zu lesen (Vgl. wien.orf.at/news/stories/2530240): „In einem Gemeindebau in der Linzer Straße in Wien-Penzing hat ein 27-jähriger Fleischhauer Kinder mit einem Messer bedroht. (…) (Er) drohte ihnen mit den Worten ‚Verschwindet, sonst steche ich euch ab‘. Kurz danach zeigte sich der Mann an dem Fenster seiner Wohnung im Erdgeschoß und schrie die Kinder mit einem Messer in der Hand an.“
Was war der Grund für diesen Vorfall? Zwei Kinder zwischen sieben und elf Jahren hatten im Innenhof eines Gemeindebaus gespielt. Dem Mann waren die Kinder offenbar zu laut.
Ein Vorfall, der betroffen macht – deutlicher, um nicht zu sagen, plakativer kann Kinderfeind-lichkeit wohl kaum in Erscheinung treten.

Vor gut einem Jahr, am 24.4.2012, war auf der Internet-Seite des ORF zu lesen (Vgl. wien.orf.at/news/stories/2530240):
„In einem Gemeindebau in der Linzer Straße in Wien-Penzing hat ein 27-jähriger Fleischhauer Kinder mit einem Messer bedroht. (…) (Er) drohte ihnen mit den Worten ‚Verschwindet, sonst steche ich euch ab‘. Kurz danach zeigte sich der Mann an dem Fenster seiner Wohnung im Erdgeschoß und schrie die Kinder mit einem Messer in der Hand an.“

Was war der Grund für diesen Vorfall? Zwei Kinder zwischen sieben und elf Jahren hatten im Innenhof eines Gemeindebaus gespielt. Dem Mann waren die Kinder offenbar zu laut.

Ein Vorfall, der betroffen macht – deutlicher, um nicht zu sagen, plakativer kann Kinderfeind-lichkeit wohl kaum in Erscheinung treten.

Sicherlich haben wir es hier mit einem Extremfall zu tun, der in dieser Art und Weise zum Glück wohl eher selten anzutreffen ist. Dennoch soll dies nicht über eines hinwegtäuschen: Wenn es einen Faktor gibt, der im Alltag in der Konfrontation zwischen Erwachsenen und Kindern außerhalb des Kontextes Familie am ehesten Kinderfeindlichkeit heraufzubeschwö-ren vermag, dann handelt es sich primär um eben diesen: Kinderlärm.

Während sich ein früherer Artikel im Beziehungsweise mit den rechtlichen Aspekten des Kinderlärms auseinander gesetzt hat (Kinderlärm. Wenn bei Kinderlachen die Polizei einschreitet. Ein Kommentar von Peter Pitzinger), nähert sich der vorliegende Beitrag der Thematik von verschiedenen Seiten an. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, was im Speziellen gerade den von Kindern verursachten Lärm für viele Erwachsene so unerträglich macht und welche Querverbindungen zwischen dem Umgang mit Kinderlärm und dem historischen und gesellschaftlichen Kontext, in dem Menschen leben, hergestellt werden können.

Die objektive und die subjektive Seite des Lärms
Wenn man über „Kinderlärm“ diskutiert, ist es sinnvoll, sich vor Augen zu führen, dass „Lärm“ neben einer objektiven Komponente (Schalldruck, gemessen in Dezibel sowie Frequenz, gemessen in Hertz) immer auch eine subjektive Komponente besitzt. Dies impliziert, dass laute Geräusche an und für sich keinesfalls zwingend mit dem Begriff „Lärm“ konnotiert sind (wie die meisten Besucher von Diskotheken bestätigen werden); erst, wenn das Geräusch als unangenehm, unerwünscht empfunden wird, wird es als Lärm erlebt. Umgekehrt muss Lärm nicht in ohrenbetäubenden Dimensionen stattfinden, um als solcher wahrgenommen zu werden.

Wenden wir uns zuerst der objektiven Komponente des Kinderlärms zu. Hier sind zuallererst zwei Dinge festzuhalten: Erstens – Kinder können unbestritten laut sein, d.h. Geräusche mit hohen Dezi-belwerten erzeugen (Kinderlärm wird zusammen mit starkem Straßenlärmbei mit rund 80 Dezibel angegeben (vgl. z.B. http://www.swr.de/swrinfo/-/id=7612/cat=1/pic=5/nid=7612/did=7643542/pv=gallery/hpy2if/index.html)). Zweitens - der Fre-quenzbereich, für den das menschliche Ohr die höchste Empfindlichkeit aufweist, liegt etwa zwischen 2000 und 4000 Hertz. Gleichzeitig werden Geräusche in diesem Frequenzbereich auch als besonders unangenehm erlebt und sind geeignet, den Körper in einen Stresszustand zu versetzen. Die mensch-liche Sprache ist im Frequenzbereich von 150 bis 7000 Hertz angesiedelt. Die Wahrscheinlichkeit dürfte nicht so gering sein, dass lebhaft spielende Kinder gnadenlos den „kritischen“ Frequenzbereich treffen. Für schrilles Schreien, Quietschen und Kreischen, aber auch für Sirenen – also für alles, was als Warnung vor Bedrohung oder auch als Hilfeschrei interpretiert werden kann – trifft dies in der Re-gel zu. In einer Studie, in der Menschen 34 unangenehme Geräusche bewerten sollten, rangierten Babygeschrei und schrilles Kreischen an dritter Stelle (vgl. Trevor 2007).

Auch wer über ein entspanntes Verhältnis zu kindlichen Lautäußerungen in gehobener Laut-stärke verfügt, wird zugeben, dass z.B. das Schreien eines Säuglings nicht sehr gut mit einem Zustand der Entspannung vereinbar ist – und dies aus gutem Grund!

Die biologische Sinnhaftigkeit des Kinderlärms
Kinderlärm, vor allem, wenn er als Geschrei in Erscheinung tritt, alarmiert, zieht die Aufmerk-samkeit unweigerlich auf sich, dringt in seiner Helligkeit und Klarheit beharrlich und erbar-mungslos ins Bewusstsein. Todt (1988; Todt et al. 1995) bezeichnet das Schreien von Pri-matenkindern, als besonders effektives Signalverhalten, was nicht zuletzt in seiner dynami-schen Struktur begründet liegt, die einen Gewöhnungseffekt verhindert. Dabei sind es vor allem die auf große Distanzen wirkenden, hochfrequenten Lautmerkmale des Protestge-schreis, die „wie eine Alarmsirene weithin hörbar sind“ (Ahnert 2004). Das Protestschreien gilt als besonders erfolgreiche Strategie, da es die Wahrscheinlichkeit, versorgt zu werden, unmittelbar erhöht (ebenda), was bedeutet, dass diese Signalwirkung evolutionsbiologisch betrachtet von großer Sinnhaftigkeit ist.

Für Kinder ist es überlebensnotwendig, durch ihre Lautäußerungen, durch Rufen und Schreien auf sich aufmerksam machen zu können. Kinderstimmen müssen sich vom Alltags-lärm abheben, müssen aus der Klangwolke, von der wir umgeben sind, hervorstechen, müs-sen imstande sein, die Aufmerksamkeit eines Erwachsenen von allen anderen Dingen abzu-ziehen und sich selbst zum Fokus zu machen. Je jünger das Kind ist, je weniger es für sich selbst sorgen kann, desto sinnvoller und notwendiger erweist sich diese Fähigkeit. Wer jemals das durchdringende Schreien eines Säuglings vernommen hat, weiß, dass nur wenige Geräusche und Lautäußerungen mit dieser kleinen „menschlichen Lärmquelle“ konkurrieren können.

Auch die Lautäußerungen älterer Kinder beinhalten noch zahlreiche Elemente dieser biologi-schen Signalwirkung. So ist Kinderlärm zumeist durch eine Dynamik geprägt (was einer Ha-bituation, die durch gleichförmige Geräusche ermöglicht wird, entgegenläuft) und oft auch von hochfrequenten Elementen (Kreischen, schrilles Schreien) durchdrungen. Zudem ist, wie bereits angesprochen, die Lautstärke keinesfalls zu unterschätzen. Auch wenn es mit fünf, sieben oder zehn Jahren nicht mehr primär darum geht, durch lautes Herbeischreien von Erwachsenen das eigene Überleben zu sichern, weist der „Lärm“, den ältere Kinder erzeugen, eine weitere biologischer Sinnhaftigkeit auf: Spielen und Herumtoben mit anderen Kindern sind ein wesentlicher Bestandteil einer gesunden kindlichen Entwicklung in motorischer, kognitiver und sozialer Hinsicht.

Auch wenn das Ruhebedürfnis der Erwachsenen zuweilen vehement Genugtuung verlangt, so scheint intuitiv doch ein gewisser Konsens über das angeborene Bewegungs- und Spiel-bedürfnis von Kindern zu bestehen, dem auch bis zu einem gewissen Grad Rechnung getra-gen werden muss. Das „Recht auf Spiel“ ist auch in den UN Kinderrechtskonventionen (Arti-kel 31) festgelegt. Und es versteht sich von selbst, dass dieses Recht nicht nur erwachse-nengenehme, sprich „geräuscharme“ Spiele wie Schach oder „Stille Post“ einschließen oder generell mit einem Anspruch auf eine möglichst geringe Lautstärke verknüpft sein kann. Kindliches Spielen und Herumtoben beinhaltet stets auch einen gewissen Lärmfaktor. Nahezu lautlos spielende, sich gemächlich bewegende Kinder auf einem Spielplatz – eine ge-spenstische Vorstellung…

Kinderlärm hat, wie eben gezeigt, also durchaus das Potential, ja in gewisser Hinsicht zum Teil sogar die evolutionsbiologische Intention, „störend“ (alarmierend) zu sein. Allerdings gibt es durchaus eine Reihe von Menschen, die spielende Kinder nicht primär als Lärmquellen, die möglichst rasch und konsequent abzustellen sind, erleben, sondern sich an der auch akustisch deutlich bemerkbaren Lebendigkeit von Kindern erfreuen. Dies führt uns zur ein-gangs erwähnten subjektiven Komponente des Lärms. So ist wohl den meisten aus eigener Erfahrung bekannt, dass das Summen einer Fliege oder das Ticken einer Uhr (ca. 20 Dezi-bel) als unerträglicher Lärm erscheinen kann, wenn es gerade ein Uhr in der Früh ist und man verzweifelt versucht einzuschlafen. Dies verweist darauf, dass es auch von der Tätigkeit, die wir gerade durchführen (wollen) abhängt, als wie störend Geräusche an und für sich wahrgenommen werden. Umgekehrt wird objektiv gesundheitlich höchst bedenklicher Lärm mit einem Schalldruck von 120 Dezibel, wie er etwa in Discotheken und bei Rockkonzerten die Regel ist, von zahlreichen Menschen keinesfalls als unangenehm erlebt, sondern sogar aktiv aufgesucht und als höchst positives Sinneserlebnis abgespeichert.

In dieser Hinsicht ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die Wahrnehmung von Kinder-lärm auch mit der generellen Einstellung zu Kindern zu tun hat. Dies bedeutet nun nicht, dass jede Person, die Dauergetrampel im darüber liegenden Stockwerk als wenig schlaffördernd empfindet, eine Abneigung gegen Kinder besitzt. Wenn jedoch beispielsweise Personen im Vorfeld aufgrund der zu erwarteten Lärmbelästigung vehement gegen den Bau eines Kindergartens in Wohnnähe protestieren, so kommt man nicht umhin, eine ablehnende Hal-tung gegen Kinder grundsätzlich zu unterstellen.

Sind wir heute weniger tolerant gegenüber Kinderlärm als zu früheren Zeiten?
Vieles scheint dafür zu sprechen, dass die oftmals geringe Toleranz gegenüber Kinderlärm vor allem ein Phänomen unserer Zeit ist: die generelle Lärmbelastung durch Industrie und Verkehr, die sich noch viel schwieriger „abstellen“ lässt als der durch Kinder verursachte Lärm, ungünstige bauliche Gegebenheiten, die die Lärmproblematik noch verstärken und nicht zuletzt die in den letzten Jahrzehnten deutlich gewachsene Einschränkung des kindli-chen Erfahrungsraumes in der Natur (weit weg von lärmempfindlichen Erwachsenen),…all diese Dinge tragen sicherlich nicht zur Entspannung der Lage bei.

Allerdings hat sich die Problematik des Umweltlärms schon sehr viel früher entwickelt und ist in Zusammenhang mit der zunehmenden Industrialisierung um die Jahrhundertwende (19./20. Jahrhundert) zu sehen, die vor allem in den Städten zu einer zuvor nicht bekannten Lärmbelastung führte. So ist es wohl kein Zufall, dass bereits vor mehr als hundert Jahren neben sonstigem durch Menschen verursachten Lärm auch Kinderlärm zum Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen wurde.

„Auch Teppichklopfen sowie Kinderlärm im Hof oder in den Treppenhäusern empfanden im ausge-henden 19. Jahrhundert viele Menschen zunehmend als lästig, wie zahlreiche Beschwerden und ge-richtliche Auseinandersetzungen zeigen“ (Robert Jütte (2000): Geschichte der Sinne; S.223)

Der Anspruch, dass Kinder sich so ruhig wie nur möglich verhalten sollen, ist auf jeden Fall keineswegs kennzeichnend für die heutige Zeit. Im Gegenteil – während Kindern heute sogar von juristischer Seite das Recht auf „Lärm“ bis zu einem gewissen Grad zugestanden wird, bestand im Rahmen der flächendeckend praktizierten autoritären Erziehung Konsens darüber, dass man Kinder „nur sehen, aber nicht hören“ sollte. Interessanterweise stammt dieser Ausspruch, dessen zeitlichen Ursprung man intuitiv wohl eher später einschätzen würde, eigentlich von einem Augustinermönch im England des 15. Jahrhunderts (Vgl. dazu: www.phrases.org.uk/meanings/children-should-be-seen-and-not-heard.html):

„Hyt ys old Englysch sawe: A mayde schuld be seen, but not herd.”

„Sawe“ bezeichnet ein Sprichwort, „mayde“ ist nicht nur als Mädchen, sondern generell als Kind zu interpretieren (Dennoch weist der Begriff durchaus auch darauf hin, dass nicht nur die Äußerungen von Kindern, sondern auch von Frauen als weitgehend verzichtbar angese-hen wurden.). Und die Tatsache, dass es sich um ein „altes englisches Sprichwort“ handelt, lässt den Schluss zu, dass die entsprechende Einstellung noch auf deutlich frühere Zeiten zurückgeht.

Was (Kinder)lärm mit Macht zu tun hat
Warum aber hatten Erwachsene offenbar schon vor Jahrhunderten den Anspruch, dass Kinder still sein müssen? War Kinderlärm – etwa aufgrund der Lautstärke und der oben erwähnten physiologisch und evolutionsbiologisch begründeten Besonderheiten – immer schon einfach nur „lästig“?

Auf diese Frage geben Anthropologen und Historiker eine bemerkenswerte Antwort:

„Das Grundmuster dieser Symbolik besteht darin, dass, wie Anthropologen und Historiker gezeigt haben, laute Geräusche im Falle einer positiven Bewertung mit Eigenschaften versehen wurden wie Macht, Stärke, Fortschritt, Wohlstand, Energie, Dynamik, Männlichkeit und Kontrolle. Doch die gleichen Geräusche wurden, wenn sie unerwünscht waren und man sie somit als ‚Lärm‘ bezeichnete, als absichtliche Störung der sozialen Ordnung angesehen, verursacht oft von jenen, die in der Hierarchie tiefer standen. […] Das Recht, Lärm zu machen, war lange Zeit das Privileg der Mächtigen, während Menschen von niedrigerem Rang (Frauen, Kinder, Diener) zur Ruhe angehalten wurden oder unter Verdacht standen, die soziale Ordnung absichtlich durch Lärm zu stören..“ (Bijsterveld 2001:44,60f; übersetzt und zitiert in: Payer S.14/15)

Lärm hat also in gewisser Weise auch mit Macht zu tun, und unser Verhältnis zum Kinder-lärm sagt insofern auch immer ein bisschen etwas darüber aus, wie viel Macht wir Kindern (auch unbewusst) zugestehen. Ob wir überhaupt wollen, dass Kinder eine Stimme haben. Auch wenn diese manchmal etwas lauter sein kann.

Literatur:
Ahnert, Lieselotte; Maywald, Jörg (Hg.) (2004): Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung. Mün-chen.
Jütte, Robert (2000): Geschichte der Sinne. Von der Antike bis zum Cyberspace. Ch. Beck.
Payer, Peter (2003): Vom Geräusch zum Lärm. Zur Geschichte des Hörens im 19. und frühen 20. Jahrhunderts.In: Wolfram Aichinger/Franz X. Eder/Claudia Leitner (Hg.): Sinne und Erfahrung in der Geschichte. Innsbruck-Wien-München-Bozen 2003, S. 173-191.
Todt, D. (1988): Serial calling as a mediator of interaction process: Crying in primates. In D. Todt, PB. Goedeking & D. Symmes (Eds): Primate vocal coummunication (S. 88-107). Heidelberg.
Todt, D. (1995): Aspekte der Entwicklung sozialer Bindungen auf vormenschlicher Stufe. In: Spangler und Zimmermann (1995), S.21-39.
Trevor. J. Cox, 'Bad vibes: an investigation into the worst sounds in the world,' PPA-09-003, proc. 19th ICA Madrid. (2007).

Dr. Sabine Buchebner-Ferstl, geb. 1971 in Leoben, verheiratet, zwei Kinder. Studium der Psychologie in Wien; seit 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Österreichischen Institut für Familienforschung an der Universität Wien.
Kontakt: sabine.buchebner-ferstl(at)oif.ac.at

Dr. Ewald Filler, Kinder- und Jugendanwalt des Bundes, BMWFJ

Der lange Weg von der Abschaffung des einstigen "Züchtigungsrechts" bis hin zum heutigen, absoluten "Gewaltverbot" in der Erziehung

Als viertes Land von aktuell 33 Staaten hat Österreich – nach Schweden (1979), Finnland (1983) und Norwegen (1987) – mit dem Kindschaftsrechts-Änderungsgesetz 1989 das eingeführt. Diesem wichtigen Schritt war eine Reihe von wegbereitenden Reformen zur Einschränkung der Gewaltanwendung in der Kindererziehung vorangegangen: So wurde mit der Neuordnung des Kindschaftsrechts im Jahr 1977 das vormalige Züchtigungsrecht der Eltern (§ 145 ABGB aF) beseitigt, wonach diese noch befugt waren, " … unsittliche, ungehorsame oder die häusliche Ordnung störende Kinder auf eine nicht übertriebene und ihre Gesundheit unschädliche Art zu züchtigen” beseitigt. Zuvor schon, nämlich im Jahr 1975, war der § 413 StG (Strafgesetz 1945) abgeschafft worden; diese Bestimmung hatte noch das elterliche Züchtigungsrecht legitimiert und lediglich in der Weise eingeschränkt, dass das „Recht der häuslichen Zucht in keinem Fall bis zu Misshandlungen ausgedehnt werden kann, wodurch der Gezüchtigte am Körper Schaden nimmt.“

Eindeutig stellte dann auch der § 47 Abs. 3 des Schulunterrichtsgesetzes 1974 klar: "Körperliche Züchtigung, beleidigende Äußerungen und Kollektivstrafen sind verboten." Seit dem Bundesgesetz über die Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen (1982) sind körperliche Züchtigungen oder die erhebliche wörtliche Beleidigung auch im Bereich des Arbeitslebens junger Menschen ausdrücklich verboten (§ 22 Abs 1 KJBG: Maßregelungsverbot).

Dr. Ewald Filler, Kinder- und Jugendanwalt des Bundes, BMWFJ

Der lange Weg von der Abschaffung des einstigen "Züchtigungsrechts" bis hin zum heutigen, absoluten "Gewaltverbot" in der Erziehung

Als viertes Land von aktuell 33 Staaten hat Österreich – nach Schweden (1979), Finnland (1983) und Norwegen (1987) – mit dem Kindschaftsrechts-Änderungsgesetz 1989 das eingeführt. Diesem wichtigen Schritt war eine Reihe von wegbereitenden Reformen zur Einschränkung der Gewaltanwendung in der Kindererziehung vorangegangen: So wurde mit der Neuordnung des Kindschaftsrechts im Jahr 1977 das vormalige Züchtigungsrecht der Eltern (§ 145 ABGB aF) beseitigt, wonach diese noch befugt waren, " … unsittliche, ungehorsame oder die häusliche Ordnung störende Kinder auf eine nicht übertriebene und ihre Gesundheit unschädliche Art zu züchtigen” beseitigt. Zuvor schon, nämlich im Jahr 1975, war der § 413 StG (Strafgesetz 1945) abgeschafft worden; diese Bestimmung hatte noch das elterliche Züchtigungsrecht legitimiert und lediglich in der Weise eingeschränkt, dass das „Recht der häuslichen Zucht in keinem Fall bis zu Misshandlungen ausgedehnt werden kann, wodurch der Gezüchtigte am Körper Schaden nimmt.“

Eindeutig stellte dann auch der § 47 Abs. 3 des Schulunterrichtsgesetzes 1974 klar: "Körperliche Züchtigung, beleidigende Äußerungen und Kollektivstrafen sind verboten." Seit dem Bundesgesetz über die Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen (1982) sind körperliche Züchtigungen oder die erhebliche wörtliche Beleidigung auch im Bereich des Arbeitslebens junger Menschen ausdrücklich verboten (§ 22 Abs 1 KJBG: Maßregelungsverbot).

Eine erste echte Trendwende brachte der am 1.1.1978 eingeführte, nunmehr "alte" § 146a ABGB, der im Abschnitt "Von den Rechten zwischen Eltern und Kindern" festlegte, dass das "minderjährige Kind die Anordnungen der Eltern zu befolgen hat" und "die Eltern bei ihren Anordnungen und deren Durchsetzung auf Alter, Entwicklung und Persönlichkeit des Kindes Bedacht zu nehmen haben". Da bei dieser damaligen sachten Gesetzesnovellierung jedoch davon abgesehen worden war, "festzulegen, in welcher Weise die Eltern ihre Anordnungen durchsetzen dürfen" (JAB 587 BlgNR 14. GP), erachteten die Kritiker der Idee der gewaltfreien Erziehung die Frage als ungeklärt, ob nicht doch auch weiterhin die körperliche oder psychische Züchtigung "in wohl verstandener Erziehungsabsicht“ gerechtfertigt sein könnte.

Diese Unklarheit bezüglich der zulässigen Interpretationsmöglichkeiten zur wahren Intention des Familienrechtsgesetzgebers wurde schließlich mit der Kindschaftsrechts-Reform 1989 beseitigt, indem im angefügten letzten Satz des (mittlerweile auch schon überholten) § 146a ABGB – konform mit der die Anwendung von Gewalt als Erziehungsmittel gegenüber minderjährigen Kindern ablehnenden Rechtsprechung der Höchstgerichte – ein absolutes Gewaltverbot in der Kindererziehung verankert wurde:

"Das minderjährige Kind hat die Anordnungen der Eltern zu befolgen. Die Eltern haben bei ihren Anordnungen und deren Durchsetzung auf Alter, Entwicklung und Persönlichkeit des Kindes Bedacht zu nehmen; die Anwendung von Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig."

Ohne erst überhaupt Kenntnis von dem (am 11. Dezember 1989 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen angenommenen) UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes genommen zu haben, kam Österreich also mit dem im selben Jahr (1989) gesetzlich verankerten Gewaltverbot in der Kindererziehung (§ 146a ABGB) dem Postulat der Kinderrechtekonvention nach Schutz von Kindern vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung oder Misshandlung (Artikel 19 KRK) nach:

Art. 19 (1) Die Vertragsstaaten treffen alle geeigneten Gesetzgebungs-, Verwaltungs-, Sozial- und Bildungsmaßnahmen, um das Kind vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung, Schadenszufügung oder Misshandlung, vor Verwahrlosung oder Vernachlässigung, vor schlechter Behandlung oder Ausbeutung einschließlich des sexuellen Missbrauchs zu schützen, solange es sich in der Obhut der Eltern oder eines Elternteils, eines Vormunds oder anderen gesetzlichen Vertreters oder einer anderen Person befindet, die das Kind betreut.

Mit der Einfügung dieses Passus im § 146a des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuchs durch das Kindschaftsrechts-Änderungsgesetz 1989 wurde somit ausdrücklich klargestellt, dass es Eltern untersagt ist, Gewalt als Erziehungsmittel anzuwenden oder dem Kind körperliche oder seelische Leiden zuzufügen. Zwar wurden in dieser Gesetzesbestimmung weder der Begriff "Gewalt" noch das "körperliche oder seelische Leid" gesetzlich definiert; nach den Gesetzeserläuterungen allerdings sollte das "Gewaltverbot" des § 146a ABGB nicht so weitgehend verstanden wissen, dass damit jede dem Willen des Kindes zuwiderlaufende Erziehungsmaßnahme in Frage gestellt sein würde: "Die Zufügung von Leid ist mehr als die Erzeugung bloßen Unbehagens." Dies wird " … besonders bei der Beurteilung des "seelischen Leides" eine Rolle spielen, worunter gewiss nicht jedes Unmutsgefühl auf eine erzieherische Maßnahme (etwa Weigerung der Eltern, dem Kind alles zu kaufen, was es möchte, oder das für eine bestimmte Zeit ausgesprochene Verbot, nicht pädagogisch erforderliche Fernsehsendungen zu sehen) fallen wird. "Leid" im Sinne des § 146a ABGB muss aber nicht so schwerwiegend sein wie die schon durch das Strafrecht verpönte Qual."
Mit der gesetzlich allgemein statuierten elterlichen Verpflichtung, das Wohl des Kindes mit ihrem gesamten Tun zu fördern, steht schlussendlich klar, dass als allgemein akzeptable Schranke des zulässigen Verhaltens der Eltern nicht allein das Strafrecht als maßgeblich anzusehen ist, sondern als Maßstab der Verantwortung der Eltern hat vielmehr das Prinzip des "Kindeswohls" zu gelten; dieses gilt es zu beachten, sicherzustellen und durchzusetzen.

Seit dem am 5. Dezember 2012 im Nationalrat beschlossenen und mit 1. Februar 2013 in Kraft getretenen Kindschafts- und Namensrechts-Änderungsgesetz 2013 – KindNamRÄG 2013 (BGBl. I Nr. 15/2013)
ist das Wohl des Kindes (Kindeswohl) in der (Rechts)-Beziehung zwischen Eltern und Kindern als leitender Gesichtspunkt zu berücksichtigen und bestmöglich zu gewährleisten; umfasst davon sind u.a. der Anspruch des Kindes auf Geborgenheit und Schutz seiner körperlichen und seelischen Integrität sowie der Anspruch von Kindern auf Vermeidung der Gefahr, Übergriffen ausgesetzt zu sein, Gewalt selbst zu erleiden oder an wichtigen Bezugspersonen mitzuerleben zu müssen (§ 138 Z 2 und 7 ABGB).

Im Zuge der genannten Reform des Kindschaftsrechts wurde durch Vorreihung des (vormals in § 146a ABGB festgelegten) Gewaltverbots in die einleitenden Allgemeinen Grundsätze des Gesetzes (§ 137 Abs. 2 zweiter Satz ABGB) das – an sich selbstverständliche – Verbot jeglicher Arten von Gewalt (körperliche, sexuelle oder psychische) unterstrichen und verdeutlicht:

§ 137. (1) Eltern und Kinder haben einander beizustehen und mit Achtung zu begegnen. Die Rechte und Pflichten des Vaters und der Mutter sind, soweit nicht anderes bestimmt ist, gleich.

(2) Eltern haben das Wohl ihrer minderjährigen Kinder zu fördern, ihnen Fürsorge, Geborgenheit und eine sorgfältige Erziehung zu gewähren. Die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig. Soweit tunlich und möglich sollen die Eltern die Obsorge einvernehmlich wahrnehmen.

Mit der bereits am 16. Februar 2011 erfolgten Verankerung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung in Verfassungsrang (als Kernelement des in Artikel 1 postulierten Kindeswohlvorrangigkeitsprinzips) hat der österreichische Souverän der Ächtung jeglicher Form von Gewalt in der Erziehung – unmissverständlich und vorbehaltlos – Ausdruck verliehen. Österreich hat damit nicht nur innerstaatlich neue Maßstäbe, sondern auch international einen Meilenstein in Richtung Gewaltfreiheit in der Kindererziehung gesetzt:

Bundesverfassungsgesetz über die Rechte von Kindern

Artikel 5

(1) Jedes Kind hat das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, die Zufügung seelischen Leides, sexueller Missbrauch und andere Misshandlungen sind verboten. Jedes Kind hat das Recht auf Schutz vor wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung.

(2) Jedes Kind als Opfer von Gewalt oder Ausbeutung hat ein Recht auf angemessene Entschädigung und Rehabilitation. Das Nähere bestimmen die Gesetze.

Wissenschaftliche Erforschung der Auswirkungen des gesetzlichen Gewaltverbots

Zum Anlass "20 Jahre Gewaltverbot" wurde unter dem Titel "Familie – kein Platz für Gewalt!(?)" eine umfassende vergleichende Untersuchung (2009) zu den Wirkungen der gesetzlichen Ächtung von Gewalt in der Erziehung in Österreich - Deutschland - Schweden sowie Frankreich und Spanien erstellt; deutlich wurden signifikante Unterschiede in Einstellung und Verhalten von Eltern in Ländern, in denen Gewalt in der Erziehung ausdrücklich gesetzlich untersagt ist, gegenüber Ländern ohne Gewaltverbot: (http://www.kinderrechte.gv.at/home/upload/10%20news/gewaltbericht_2009.pdf).

Umsetzung des Prinzips der gewaltfreien Erziehung in die Lebensrealität von Kindern

Eine Gewaltverbotsnorm für sich alleine schafft natürlich noch keinen gewaltfreien Lebensraum für Kinder, sondern eine humane und gewaltlose Kindererziehung, wie es der Kinderarzt Dr. Hans Czermak – der Vater des österreichischen Gewaltverbots – unermüdlich gefordert hatte, war und ist effektiver erst mit der praktischen Umsetzung des legendären § 146a ABGB (nunmehr § 137 Abs. 2 zweiter Satz) durch die zuständigen staatlichen Organe wie etwa Jugendwohlfahrt, Polizei und Gerichte – Hand in Hand mit den nicht-staatlichen Einrichtungen, wie Kinderschutzzentren, Kinder- und Jugendanwälten oder Interventionsstellen zu realisieren.

Vor diesem Hintergrund war im Jahr 1989 – flankierend zur Einführung des gesetzlichen Gewaltverbots in der Erziehung – eine Verpflichtung der öffentlichen Jugendwohlfahrt zur Durchsetzung des Prinzips der gewaltfreien Erziehung im § 2 Abs. 3 Jugendwohlfahrtsgesetz 1989 (JWG 1989) statuiert worden, wonach diese in familiäre Bereiche und Beziehungen einzugreifen hat, " … wenn zur Durchsetzung von Erziehungszielen Gewalt angewendet oder körperliches oder seelisches Leid zugefügt wird".

Eine weitere unterstützende Funktion zur Verwirklichung der gewaltfreien Erziehung kommt auch den in allen neun Bundesländern gesetzlich eingerichteten "Kinder- und Jugendanwälten" (§ 10 JWG 1989) zu.

Entscheidend zur Durchsetzung des Gewaltverbots des (alten) § 146a ABGB (nunmehr § 137 Abs. 2 zweiter Satz) hat nicht zuletzt die Judikatur des Obersten Gerichtshofs beigetragen, wonach die Missachtung des Gewaltverbots etwa mit der Entziehung der Obsorge sanktioniert werden kann: So befand der Oberste Gerichtshof in seinem richtungsweisenden Erkenntnis 1Ob573/92 vom 24.06.1992, dass mit dem im § 146a ABGB verankerten Gewaltverbot " … jede unzumutbare, dem Kindeswohl abträgliche Behandlung untersagt ist. Das schließt nicht nur Körperverletzungen und die Zufügung körperlicher Schmerzen ("g'sunde Watschn") aus, sondern auch jede sonstige die Menschenwürde verletzende Behandlung, selbst wenn das Verhalten vom Kind im konkreten Fall nicht als "Leid" empfunden werden sollte."

Eine nachhaltige Verletzung des Gewaltverbots stellt – der oberstgerichtlichen Rechtsprechung folgend – eine Gefährdung des Kindeswohls dar und rechtfertigt die Entziehung und Übertragung der Obsorge für das Kind an den anderen Elternteil; ein einmaliger Vorfall hingegen würde die Entziehung der Obsorge noch nicht rechtfertigen (OGH 12.03.2002 5 Ob 56/02z). Bei der Beurteilung der Verletzung des Gewaltverbots macht es allerdings keinen entscheidenden Unterschied, ob es der obsorgeberechtigte Elternteil selbst ist, der Gewalt ausübt. Im Erkenntnis 1Ob2078/96m vom 26.07.1996 befand der Oberste Gerichtshof, dass " … eine Gefährdung des Kindeswohls … auch dann vorliegen kann, wenn der Erziehungsberechtigte nicht selbst Gewalt gegen sein Kind ausübt, sondern diese Gewaltausübung durch einen Dritten – etwa den Ehegatten oder Lebensgefährten – duldet. Der Schutz des Kindes erfordert die Anlegung eines solchen strengen Maßstabs."

Im Falle einer besonders schweren Misshandlung stellt überdies nicht erst die erwiesene Mitwirkung des Elternteils daran einen Grund für die Entziehung der Obsorge dar, sondern – zur Vermeidung einer extremen Gefährdung des Minderjährigen – schon ein qualifizierter, auch durch umfassende Beweisaufnahmen nicht auszuräumender Verdacht einer schweren Misshandlung (OGH 26.03.2009 6 Ob 18/09d).

War die Missachtung des Gewaltverbots (§ 146a ABGB) ursprünglich noch gesetzlich sanktionslos geblieben, so hat der Gesetzgeber mit dem KindNamRÄG 2013 schließlich mit der Rechtsprechung der Höchstgerichte nachgezogen: Das Recht des Kindes auf Schutz vor Gewalt wird in diesem Reformwerk nunmehr dadurch explizit abgebildet, dass das Gericht nötigenfalls die persönlichen Kontakte zu einem Elternteil einzuschränken oder zu untersagen hat; eine solche Konsequenz kann insbesondere dann und insoweit eintreten, wenn dies aufgrund der Anwendung von Gewalt gegen das Kind geboten erscheint (§ 187 Abs. 2 ABGB).

Wegweisung eines gewalttätigen Elternteils (§ 38a SPG) im Namen des gefährdeten Kindes und Antragsmöglichkeit der öffentlichen Jugendwohlfahrt für eine Einstweilige Verfügung nach dem Gewaltschutz-Gesetz 1997/2009

Der öffentlichen Jugendwohlfahrt kommt – nicht erst, aber jedenfalls dezidiert – seit der gesetzlichen Verankerung des Gewaltverbots durch den § 146a (jetzt § 137 Abs. 2 zweiter Satz) ABGB die zentrale Rolle zur Sicherung des Kindeswohls und zur Prävention von Gewalt in der Familie und entsprechender Intervention zu.

Um die Lücke zwischen einer Nichtintervention auf der einen Seite und der Kindeswegnahme – wegen Gefährdung des Kindeswohls durch Gewalttätigkeit gegen ein Kind – auf der anderen Seite zu schließen, wurde mit dem sog. "Gewaltschutz-Gesetz" 1997 dem öffentlichen Jugendwohlfahrtsträger als Sachwalter des Kindes, sofern nicht der sonstige gesetzliche Vertreter – also der andere Elternteil – bereits einen solchen Antrag gestellt hat – die Möglichkeit eingeräumt, einen Antrag auf eine einstweilige gerichtliche Verfügung (§§ 382b bzw. 382e Exekutionsordnung) gegen den gewalttätigen Elternteil oder eine sonstige in der Wohnung lebende Person zu stellen. Das Gericht kann daraufhin gegenüber dieser gewalttätigen Person das Verlassen der Wohnung, ein Rückkehrverbot in die Wohnung oder/und ein Kontaktverbot zu den gewaltbetroffenen Familienmitgliedern anordnen. Einer solchen gerichtlichen Verfügung geht üblicherweise eine polizeiliche Wegweisung einer gewalttätigen Person aus der Wohnung bzw. die Verhängung eines Betretungsverbots wegen Gewalttätigkeiten in Wohnungen voraus (§ 38a SPG). Allerdings ist von der dem öffentlichen Jugendwohlfahrtsträger durch das Gewaltschutzgesetz 1997 eingeräumten gesetzlichen Möglichkeit, erweitert durch das 2. Gewaltschutzgesetz 2009, – so eine vorläufige Bilanz – bislang relativ wenig Gebrauch gemacht worden.

Familienrechts-Änderungsgesetz 2009

Mit dem Familienrechts-Änderungsgesetz 2009 wurde mit der Einführung einer – speziell auf den Schutz des Kindeswohls fokussierenden – "Beistandspflicht" (§ 137 ABGB Abs. 4) ein weiteres Stück im Puzzle zur Verwirklichung eines umfassenden Schutzes von Kindern gegen Gewalt in der Familie eingefügt. Demnach hat ein Lebensgefährte bzw. eine Lebensgefährtin, der bzw. die mit einem Elternteil eines minderjährigen Kindes in einer nicht-/ehelichen Lebensgemeinschaft lebt, oder auch ein sonstigen Familienmitglied, im Rahmen dieser kinderschutzspezifischen Beistandspflicht „ … alles den Umständen nach Zumutbare zu tun, um das Kindeswohl zu schützen.“ Ziel und Zweck dieser Bestimmung war es – so die Gesetzeserläuterungen – dass … einem gewissen Wegschauen, wenn es „nur um das Kind des anderen“ geht, entgegengewirkt werden soll.

Mit dem neuen "Jugend-Check" – der Kurzbezeichnung für die am 1.1.2013 in Kraft getretene Wirkungsfolgenabschätzung-Kinder-und-Jugend-Verordnung (BGBl. II Nr. 495/2012) – sind fortan im Vorfeld von geplanten Gesetzesvorhaben einerseits die gewollten Wirkungen ebenso wie die potenziell eintretenden, unerwünschten Nebenwirkungen auf spezifische Lebensbereiche von Kindern und jungen Erwachsenen zu beurteilen, allen voran auf die Aspekte Schutz, Förderung der Gesundheit, Entwicklung und Entfaltung von Kindern und jungen Erwachsenen (§ 3 Abs. 2 Z 1 WFA-KJV).

Bei der Prüfdimension "Schutz von Kindern" steht das Schutzbedürfnis von Kindern vor Gefährdungen oder der Zufügung von Schaden im Vordergrund; dabei gilt es zu prüfen und abzuschätzen, ob und gegebenenfalls inwieweit Kinder Gefährdungen ausgesetzt sind, etwa durch eine Vernachlässigung der notwendigen Pflege und Erziehung, durch psychische oder körperliche Bedrohungen oder Übergriffe.

Beim Gewaltschutzaspekt geht es bei künftigen Gesetzesvorhaben somit darum, das Risiko von Kindern, Leidtragende von Verwahrlosung oder Opfer von Misshandlung, körperlicher, psychischer oder sexueller Gewalt zu werden, antizipierend zu erkennen und auf Basis einer solchen Gefahrenabschätzung entsprechende Vorkehrungen zur Abwehr derartiger Gefährdungen oder Gewaltübergriffe gegen Kinder zu treffen.

GEWALTVERBOT in der Kindererziehung – international

Im Folgenden finden sich diejenigen Staaten, in denen durch Gesetzesreformen ein Gewaltverbot in der Kindererziehung verankert worden ist:

Schweden (1979), Finnland (1983), Norwegen (1987), Österreich (1989), Zypern (1994), Dänemark (1997), Lettland (1998), Kroatien (1999), Bulgarien (2000), Israel (2000), Deutschland (2000), Island (2003), Ukraine (2004), Rumänien (2004), Ungarn (2005), Griechenland (2006), Holland (2007), Neuseeland (2007), Portugal (2007), Venezuela (2007), Uruguay (2007), Spanien (2007), Togo (2007), Costa Rica (2008), Liechtenstein (2008), Luxembourg (2008), Moldawien (2008), Albanien (2010), Kongo (2010), Kenya (2010), Polen (2010), Tunesien (2010) und Süd-Sudan (2011).

Dr. Ewald FILLER

Institut für Verfassungs- und Verwaltungsrecht, Universität Innsbruck
Projektleiter des "Expertenberichts zum UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes"
Verfasser des österreichischen Erstberichts über die Umsetzung der Kinderrechtekonvention"
Verfasser des zweiten österreichischen Staatenberichts über die Umsetzung der Kinderrechtekonvention
Kinder- und Jugendanwalt des Bundes im Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend

Kinder sind verschieden und das ist gut so. Nach den ersten Jahren in einer Form von Familie übernimmt der Staat eine seiner zentralen Aufgaben, nämlich diejenige, Bildung bereitzustellen. Kinder treten in die erste Bildungsinstitution, meist eine elementarpädagogische Einrichtung (den Kindergarten), ein.

Das Aufeinandertreffen der unterschiedlichsten jungen Menschen mit ihren ganz spezifischen Bedürfnissen und ihr jeweils möglichst optimales Fordern und Fördern ist seit vielen Jahren die zentrale Herausforderung in der Elementarpädagogik und in der Schule.

Kinder sind verschieden und das ist gut so. Nach den ersten Jahren in einer Form von Familie übernimmt der Staat eine seiner zentralen Aufgaben, nämlich diejenige, Bildung bereitzustellen. Kinder treten in die erste Bildungsinstitution, meist eine elementarpädagogische Einrichtung (den Kindergarten), ein.

Das Aufeinandertreffen der unterschiedlichsten jungen Menschen mit ihren ganz spezifischen Bedürfnissen und ihr jeweils möglichst optimales Fordern und Fördern ist seit vielen Jahren die zentrale Herausforderung in der Elementarpädagogik und in der Schule.

Inklusive Pädagogik
Dieser Ansatz steht für die Idee einer „Schule für alle“ in der kein Kind fürchten muss, aufgrund besonderer Schwächen bzw. Stärken weniger akzeptiert, oder gar aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.
Inklusion gilt hierbei als verwirklicht, wenn jeder Mensch in seiner Individualität darüber hinausgehend die Möglichkeit hat, in vollem Umfang an der Gesellschaft teilzuhaben oder teilzunehmen. Unterschiede und Abweichungen werden bewusst wahrgenommen, aber in ihrer Bedeutung eingeschränkt oder gar aufgehoben. Ihr Vorhandensein wird von der Gesellschaft weder in Frage gestellt noch als Besonderheit gesehen.

Inklusive Pädagogik befasst sich insofern auch nicht nur mit Kindern mit sonderpädagogischem Förderungsbedarf, sondern mit einem gleichberechtigten, barrierefreien und qualitätsvollen Umgang mit Heterogenität aufgrund unterschiedlicher Begabungen, Beeinträchtigungen, sozialer und kultureller Herkunft, geschlechtsspezifischer und altersbedingter Bedarfe.


Die UN Konvention 2008 ist kein Sparprogramm
Am 3. Mai 2008 trat die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Kraft. Österreich hat sich verpflichtet die darin genannten Rechte umgehend umzusetzen und dies dazu auch gesetzlich beschlossen (BGBl. III Nr. 155/2008).

Diese Bestimmungen verpflichten die ratifizierenden Staaten ua. dazu, Menschen mit Beeinträchtigungen den Schulbesuch in der nächstgelegenen Regelschule zu ermöglichen. Sonderschulen sollen nach dieser UN Konvention geschlossen werden.

Es ist mir wichtig an dieser Stelle anzuführen, dass diese Konvention nicht als Sparprogramm missverstanden werden darf. Alle sonderpädagogisch ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrer müssen in die Regelschulen übernommen werden, um unterstützt durch Assistenz den Schülerinnen und Schülern individuell bestmögliche Förderung zu ermöglichen. Mehr noch, möglichst alle Pädagoginnen und Pädagogen soll(t)en in Zukunft im Rahmen ihrer Ausbildung sonderpädagogische Grundlagen lernen. Denn eines muss klar sein – Inklusion braucht ausreichende Ressourcen, wenn sie professionell funktionieren soll. Menschen, bauliche Adaptionen und auch die vielen koordinativen Aufgaben brauchen Mittel, Raum und Zeit.

Sonderschule ja oder nein?
Alle Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Eltern von Kindern mit Beeinträchtigung sind an dieser Stelle besonders verletzlich und unsicher. Auch ich kann hier keine letztgültige Entscheidungsgrundlage bieten, ersuche aber die werten Leserinnen und Leser, sich auf den folgenden Bericht einzulassen. Eine Erfahrung aus Reutte in Tirol, wo Inklusion stattfindet. Tagtäglich und mit Erfolg für alle Beteiligten.

Eva, Hannah, Ernst, Benedikt, Noah, Daniel…
Inklusion bekommt durch Namen ein Gesicht!

Der Bezirk Reutte im Außerfern in Tirol der 80 er Jahre ist wie der Rest Österreichs. Kinder mit Beeinträchtigung kommen in die Sonderschule im Bezirk oder werden intern in einem der weiter entfernten Institute betreut. Ohne Alternative.

Die Geschichte hat die drei mit einem engen Band verknüpft. Roland Astl, Lehrer und Pädagoge, Heinz Forcher, Vater eines beeinträchtigten Buben und Norbert Syrow, Direktor der damals einzigen Sonderschule im Bezirk Reutte in Tirol.

1985 setzen sie gemeinsam einen entscheidenden Schritt. Unterstützt von Kolleginnen und Kollegen, Eltern nicht behinderter Kinder, Fachleuten und einzelnen mutigen Beamten wird beschlossen, keine neue 1. Klasse mehr in der Sonderschule zu eröffnen. Alle Kinder werden stattdessen in die Volksschulen des Bezirks aufgenommen. Jedes Kind bekommt somit das Recht, in die nächstgelegene Schule zu gehen. Unabhängig von Art oder Schwere einer etwaigen Beeinträchtigung werden sie vor Ort optimal betreut statt dazu weit zu reisen.

Was folgt sind zahllose Jahre, voll mit kraftaufreibender Überzeugungsarbeit und voll mit Anfeindungen.

Heute, ein Viertel Jahrhundert später, sind sie gemeinsam ein gutes Stück des Weges weiter. Bereit zu sein, Kinder ganz auf- und anzunehmen, ist Haltung und Selbstverständnis zugleich geworden. Kindergärten, Schulen, politisch Verantwortliche, sie ziehen an einem Strang.
Kinder bleiben so von Anfang an in ihrem gewohnten Umfeld, sie machen sich miteinander vertraut und werden zur Gemeinschaft die so bunt sein darf, wie die einzelnen Menschen, aus der sie sich zusammensetzt.

Die vor Ort letztlich zuständige Bezirksinspektorin stellt die Kernfrage: „Was braucht jedes Kind?“ Sie weiß, Schule und alle Beteiligten sind tagtäglich lernende Systeme. Strukturen wurden geschaffen, dieses Lernen jedem einzelnen Kind anzupassen. Im Bezirk Reutte bekommt Inklusion durch die konkreten Kinder Namen.

Heinz Forcher bringt es auf seinen Punkt: „Ich bin überzeugt, dass alles im Leben einen tieferen Sinn hat, man muss ihn nur für sich selbst entdecken. Für mich bedeutet dies, dass ich durch die Behinderung meines Sohnes zugleich einen Auftrag erhalten habe, mich für die notwendigen Veränderungen einzusetzen“

Mag. Daniel Landau

Mag. Daniel Landau

Geboren: 11. Mai 1964 in Wien
Eltern: Eva Landau, geb. Fritz und Erwin Landau
Bruder: DDr. Michael Landau, Caritas Wien

Ausbildung:
Magister Daniel Landau absolviert nach abgeschlossenem Betriebswirtschaftsstudium die Ausbildung zum Lehrer für Mathematik und Musikerziehung an der PH Wien. Diese absolviert er 1996 als Diplompädagoge. Zusätzlich wird er im Privatstudium ausgebildeter Dirigent.

Ab 1996 zuerst Lehrer (Gymnasium: ME, H, M), dann künstlerische Betreuung sowie Vorbereitung der Chorkonzerte und Erzieher bei den Wiener Sängerknaben.
Ab 1998 Assistent der Künstlerischen Leitung, dann der Geschäftsleitung, zuständig u .a. für Konzertorganisation und Öffentlichkeitsarbeit.

1999 Beginn der Lehrtätigkeit (Musikerziehung und Mathematik) am Evangelischen Gymnasium Wien 1110, Erdbergstr. 222a.
KV, Vertrauenslehrer und Obmann der Personalvertretung 2003 – 2010

Engagiert in der Bildungspolitik. Gründung von und Teilnahme an zahlreichen Initiativen mit dem Ziel der Verbesserung des österreichischen Bildungssystemes.
2010/2011 Eigene allwöchige Kolumne als „Bildungsombudsmann“ bei der Tageszeitung „Die Presse“. 2011 engagiert für das Volksbegehren Bildungsinitiative. Mitgründer der Plattform „LehrerInnen für’s Bildungsvolksbegehren“. Seit 2012 Obmann der Plattform Zukunft.Bildung.

Immer mehr Väter wollen sich nicht nur auf die Ernährerrolle reduzieren lassen und aktiv an der Entwicklung und Erziehung ihrer Kinder teilhaben. Männerforscher behaupten, Männer könnten ihr volles Potenzial am besten in einer gesunden Balance zwischen Beruf, Familie und Freizeit entfalten.

Immer mehr Väter wollen sich nicht nur auf die Ernährerrolle reduzieren lassen und aktiv an der Entwicklung und Erziehung ihrer Kinder teilhaben. Männerforscher behaupten, Männer könnten ihr volles Potenzial am besten in einer gesunden Balance zwischen Beruf, Familie und Freizeit entfalten.

Auch Männer sind vom Verinbarkeitskonflikt betroffen
Noch nie war die Bereitschaft der jungen Väter so groß, Verantwortung für die Kindererziehung zu übernehmen. Doch Wunsch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, scheint akrobatischer Leistungen zu bedürfen. Eine vom Land NÖ und der niederösterreichischen Wirtschaftskammer beauftragte Studie (Lehner E., Matkovits S., Leitfaden, NÖ Studie „Elternorientierte Personalpolitik mit Fokus auf Väter“, 2010) zeigt die große Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität : Obwohl 2/3 der befragten Männer Karenz in Anspruch nehmen würden, taten bzw. tun es tatsächlich nur 6 %: Obwohl 3/4 der befragten Männer zugunsten der Familie ihre Arbeitszeit reduzieren würden, tun es de facto nur 7 %. Eine verstärkte Elternorientierung im Arbeitsleben könnte dieses Dilemma verringern.

Auch Väter können den Spagat zwischen Beruf und Familie kaum schaffen.
Ein Vater drückte dieses Dilemma so aus: „Mein Arbeitsplatz verschlingt mich, und wenn ich mich nicht verschlingen lasse, verschlingen sie meinen Arbeitsplatz.“

Kinder brauchen greifbare Väter
Kinder brauchen keinen perfekten oder idealen Vater. Wichtig ist: Kindern Zeit zu widmen, Zuwendung zu geben, Interesse zu zeigen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie als eigenständige Persönlichkeit zu akzeptieren, ein Vater, der nicht immer dominiert und auch bereit ist, Fehler einzugestehen.
Die Einbindung der Väter in die Erziehung könne gar nicht früh und stark genug sein, betonen die Regensburger Entwicklungspsychologin und Bindungsforscherin Karin Grossmann und der Psychologe Harald Werneck (Werneck, Harald, Aktive Vaterschaft), der auf eine wichtig Erkenntnis der Väterforschung in den 70er-Jahren verweist: Väter sind grundsätzlich in demselben Ausmaß wie Mütter dazu befähigt, eine Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Sie haben dieselben biologischen Voraussetzungen für eine liebevolle und kompetente Eltern-Kind-Interaktion wie Mütter.
„Der Vater hat während der gesamten Entwicklungsphase von Töchtern und Söhnen positive Auswirkungen“, betont der Männerforscher Erich Lehner (Lehner, Erich, aus Artikel „Die Bedeutung aktiver Vaterschaft“, Juni 2009), „ein engagierter Vater kann Eigenschaften wie Empathie, soziale Kompetenz, schulische Leistungsfähigkeit und Problembewältingungsfertigkeiten bei seinen Kindern erheblich steigern.“ Voraussetzung sei, dass Väter mindestens 40 % der alltäglichen Versorgungsarbeit übernehmen. Für die Qualität der Vater-Kind-Beziehung sei nicht nur die bloße Anwesenheit, sondern die Art und Weise, wie er präsent ist, entscheidend.

Engagierte Väter steigern nicht nur das Selbstwertgefühl des Kindes, sie legen auch den Grundstein zu einer positiv verlaufenden Selbst/Sozialisation. Der positive Einfluss von kooperativen Vätern zeige sich auch in späteren Jahren in der Stabilität von Freundschaften und Beziehungen. Kinder mit einer guten Beziehung zu ihrem Vater erleben mehr Lebenszufriedenheit, sind leistungsmotivierter, weniger depressiv und Delinquenz anfällig.

Buben brauchen Väter, um ihre männliche Identität zu entwickeln
Auf dem Weg zur Mann-Werdung brauche der Knabe den Vater als Vorbild und männliches Identifikationsobjekt, um seine Symbiosewünsche mit der Mutter aufgeben zu können. Bei Fehlen einer männlichen Bezugsperson greifen Jugendliche oft auf phantastische Medien-Helden zurück, die fragwürdige Vorbilder abgeben.
Von Bedeutung ist auch die Beziehungsqualität der Eltern: Je mehr die Mutter vom Vater als Partnerin akzeptiert wird, umso leichter kann sie das Kind freigeben. Je mehr sich der Mann in seinem Vaterengagement geschätzt weiß, umso besser wird er seine Vaterrolle erfüllen. Auch das Vaterschaftskonzept der Mutter hat Einfluss auf die praktizierte Ausübung der Vaterrolle (Lehner, Erich, NÖ Studie „Elternorientierte Personalpolitik mit Fokus auf Väter“).

Väter sind wichtige Weichensteller für ihre Töchter
Die Art und Weise, wie Väter mit ihren Töchtern umgehen, beeinflusst deren Selbstwertgefühl, Beziehungsfähigkeit sowie deren Einstellung zum Leben und zum männlichen Geschlecht.

Warum Väter Kinder brauchen
Väter, die die Erziehung ihrer Kinder vernachlässigen, riskieren viel: Die Entwicklung ihrer Kinder „geht an ihnen vorbei“, sie entwickeln wenig Zutrauen zum Vater und bleiben auf Distanz, die später kaum zu überwinden ist.
Väter profitieren vom Umgang mit den eigenen Kindern -. Vatersein macht empathischer und offener, verständnisvoller und verantwortungsbewusster, aktiv und fordert heraus, Vorbild zu sein.“ (Eppel-Gatterbauer E.., Männer/Väter-Befragung, 2010)

Die "neuen" Väter
Was steckt hinter diesem plakativen Begriff?
Die neuen Väter fühlen sich (mit)verantwortlich für die Entwicklung der Kinder und Partnerschaft, engagieren sich familiär und in der Kindererziehung. Sein neues Selbstverständnis lässt mehr Denk- und Verhaltens-Variationen zu. Aktive Väter sind kostbare Mitarbeiter, weil sie über mehr Sozialkompetenz verfügen, wie folgende Zitate bestätigen:
„Durch die Kindererziehung entwickelte sich meine Sozialkompetenz am stärksten. Das hat sich sehr positiv auf meine Führungskompetenz im Job ausgewirkt.“
„Ein aktiver Vater zu sein ist das beste Führungstraining.“
„Es ist besser, die Karriere zu verschieben, als die Beziehungsentwicklung zum Kind zu vernachlässigen. Denn diese Gelegenheit ergibt sich nur einmal und ist nicht nachholbar.“

Warum die Gesellschaft und Wirtschaft aktive Väter braucht
Paul M. Zulehner bezeichnet die Folgen eines fehlenden Vaters als „Übermütterung“ und „Unterväterung“, die häufig zur Ichschwäche des Kindes führt. Deren Symptome - Langeweile und Aggression – sind familial grundgelegt und konsumistisch verstärkt. „Wenn wir so weitermachen, steuern wir auf einen nicht finanzierbaren Polizei- und Therapiestaat zu. Die Polizisten werden wir für die Aggressiven, die Therapeuten für die Gelangweilten brauchen, warnt Zulehner.
Die zentrale Aufgabe der Eltern ist führen, lieben und führen!
Um die Psyche zu bilden, müssen Kinder mindestens zwölf Jahre geführt und geleitet werden.“
Väterliches Engagement wirkt sich auch fördernd auf den familiären Zusammenhalt aus und erhöht die Qualität des familiären Zusammenlebens, resümiert der Männerforscher Lehner.
Eltern, denen die Balance zwischen Beruf und Familie gelingt, sind entlasteter und dadurch leistungsfähiger. Aktive Vaterschaft bedeutet das Trainieren von social skills – wie Kommunikations-, Konflikt- und Teamfähigkeit – jene Qualifikationen, die im Berufs- und Familienleben gleichermaßen gefragt sind. Aktive Väter werden als Mitarbeiter besonders geschätzt, weil sie besonders verantwortungsbewusst, kooperativ und teamfähig sind. Aufgrund eines ausgewogenen Lebenskonzepts leben sie gesünder und sind stabiler – ein Gewinn für alle: die Familie, die Gesellschaft und die Wirtschaft (Lehner E., NÖ Studie „Elternorientierte Personalpolitik mit Fokus auf Väter“).

Warum aktive Väter die Unterstützung von Politik und Wirtschaft brauchen:
Politik und Wirtschaft sind mitverantwortlich für gute Entwicklungsbedingungen unserer Kinder, denn sie bestimmen über familienfreundliche bzw. familienfeindliche Strukturen und Rahmenbedingungen, die Männer zu einem familienorientierten Verhalten motivieren bzw. sie daran hindern. Dass Männer zu einer neuen Aufteilung von Berufs- und Familienarbeit bereit sind, zeigen österreichische Studien wie z. B. die Männerstudie 2002 (Paul M. Zulehner) und die NÖ Studie „Elternorientierte Personalpolitik mit Fokus auf Väter“. Das Engagement der Väter ist wegen des positiven Einflusses auf die Entwicklung des Selbstbewusstseins, der Zufriedenheit, Beziehungsfähigkeit und Intelligenz ihrer Kinder sehr wichtig. Die Abkehr von der einseitigen Fixierung auf Erwerbsarbeit und mehr Öffnung gegenüber Familie könnte der Schlüssel sein für mehr Lebensqualität der Männer im Sinne von mehr Zufriedenheit, Gesundheit und Ausgeglichenheit.
Eine gelingende Balance von Arbeits- und Familienleben liegt auch im Interesse der Wirtschaft, denn in intakten Familien wachsen starke Persönlichkeiten heran, die die Zukunft unserer Gesellschaft sichern.
Hier ist Elternorientierung (Siehe Leitfaden für Unternehmen „Elternorientierte Personalpolitik mit Fokus auf Väter“, NÖ Landesregierung (hg.) 2010) in der Wirtschaft gefragt. ArbeitgeberInnen sind aufgerufen, die Win-win-Situation zu erkennen, flexible Arbeitszeiten zu bieten und ihren MitarbeiterInnen zu signalisieren, dass elternorientiertes Verhalten auch von Vätern erwünscht ist und unterstützt wird.
Denn Väter brauchen Zeit zum Vatersein.

Mag.a Elisabeth Eppel-Gatterbauer
ist Pädagogin und im NÖ Frauenreferat tätig.
Eines ihrer Schwerpunktthemen ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit Fokus auf Väter, denn Vereinbarkeitsbedingungen sind mittlerweile auch ein Männer- und Management-Thema.

In der frühen Kindheit werden entscheidende Weichen gestellt, die das Gesundheits-verhalten für das ganze Leben prägen. Kinder lernen Stressverarbeitung und Lebenskompetenz, Ernährungs- und Bewegungsverhalten und vieles mehr. All das hat Auswirkungen auf ihre lebenslange Gesundheit. Erlebte Belastungen im Kindesalter werden oft erst viel später krankheitswirksam, in der Kindheit erlernte Verhaltens- und Denkmuster sind meist das ganze Leben hindurch prägend. Die frühe Kindheit bietet damit Chancen, Gesundheit und Wohlbefinden von Menschen nachhaltig zu fördern und zu stärken, wenn es gelingt, die Rahmenbedingungen für das Aufwachsen von Kindern zu verbessern. Dabei gilt es, besonderes Augenmerk auf sozioökonomische Ungleichheiten zu richten und diesbezüglich benachteiligte Gruppen besonders zu adressieren.

In der frühen Kindheit werden entscheidende Weichen gestellt, die das Gesundheits-verhalten für das ganze Leben prägen. Kinder lernen Stressverarbeitung und Lebenskompetenz, Ernährungs- und Bewegungsverhalten und vieles mehr. All das hat Auswirkungen auf ihre lebenslange Gesundheit. Erlebte Belastungen im Kindesalter werden oft erst viel später krankheitswirksam, in der Kindheit erlernte Verhaltens- und Denkmuster sind meist das ganze Leben hindurch prägend. Die frühe Kindheit bietet damit Chancen, Gesundheit und Wohlbefinden von Menschen nachhaltig zu fördern und zu stärken, wenn es gelingt, die Rahmenbedingungen für das Aufwachsen von Kindern zu verbessern. Dabei gilt es, besonderes Augenmerk auf sozioökonomische Ungleichheiten zu richten und diesbezüglich benachteiligte Gruppen besonders zu adressieren.

Eine zentrale Strategie dafür sind Frühe Hilfen als Gesamtkonzept und Netzwerk von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung bzw. gezielten Frühintervention in der frühen Kindheit (Schwangerschaft bis Schuleintritt), die die spezifischen Lebenslagen und Ressourcen von Familien berücksichtigen. Dies kommt speziell den sozioökonomisch benachteiligten Gruppen zugute.

Frühe Hilfen zielen nach der Definition des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen in Deutschland darauf ab, Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Eltern in Familie und Gesellschaft frühzeitig und nachhaltig zu verbessern. Neben alltagspraktischer Unterstützung wollen Frühe Hilfen insbesondere einen Beitrag leisten zur Förderung der Beziehungs- und Erziehungskompetenz von (werdenden) Müttern und Vätern. Eine positive frühe Eltern-Kind-Beziehung ist der bedeutendste Schutzfaktor für Gesundheit.

Eine der wichtigsten Empfehlungen aus dem Kindergesundheitsdialog und der daraus resultierenden Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie war die Implementierung von Frühen Hilfen in Österreich. Das Bundesministerium für Gesundheit hat die Gesundheit Österreich GmbH daher mit der fachlichen Aufbereitung der Grundlagen dazu beauftragt. Dieses Grundlagenprojekt, das aus Vorsorgemitteln der Bundesgesundheitsagentur finanziert wird, soll bis Ende 2013 die nationalen und internationalen Erfahrungen nutzbar machen. Ein wichtiger Eckstein des Projekts ist eine Feldanalyse auf regionaler Ebene in allen Bundesländern. Es wurde dazu 2012 eine Online-Erhebung der relevanten Leistungserbringer in Bezug auf Frühe Hilfen im Bundesland durchgeführt, mit zentralen Akteurinnen und Akteuren wurden Interviews geführt und abschließend eine Fokusgruppe durchgeführt mit dem Ziel, das Potenzial für die verstärkte Etablierung von Frühen Hilfen im Bundesland abzuschätzen. Der Bericht dazu wird spätestens Ende 2013 zur Verfügung stehen. Auf Bundesebene haben im Herbst 2012 Stakeholder-Workshops stattgefunden, zur Abwägung von Konsens und Dissens in zentralen politischen und ethischen Fragen von Frühen Hilfen sowie zur Vertiefung eines transdisziplinären Problemverständnisses. Literaturanalysen sowie die Konsultation von Fachleuten dienen der Aufbereitung der fachlichen Grundlagen für Frühe Hilfen. Um den Wissenstransfer sicherzustellen, wurde Ende 2012 eine Website zu Frühen Hilfen bereitgestellt (www.fruehehilfen.at) und es werden 2013 sowohl auf Bundesebene als auch in allen Bundesländern Veranstaltungen und Präsentationen im Rahmen von fachspezifischen Veranstaltungen verschiedenster Träger und Berufsgruppen durchgeführt. Eine österreichweite Fachtagung zu Frühen Hilfen findet am 23.5.2013 statt.

Eine Kosten-Nutzenanalyse für Deutschland versuchte eine Annäherung an den ökonomischen Nutzen von Frühen Hilfen auf Basis der Gegenüberstellung von fallbezogenen Kosten für Frühe Hilfen und vier verschiedenen Lebenslaufszenarien von Folgekosten für Kinder in belasteten Situationen (engere Zielgruppe), wenn keine Frühe Hilfen geleistet werden. Die Analyse errechnete, dass mit der Bereitstellung von Frühen Hilfen pro Fall je nach Szenario zwischen rund 400.000 bis 1.000.000 Euro an volkswirtschaftlichen Kosten (Jugendwohlfahrt, Arbeitsmarktintegration, Wertschöpfungsverlust, medizinische Behandlung etc.) eingespart werden können, davon alleine im Gesundheitssystem (z. B. Behandlungskosten bei Adipositas und Diabetes; Kosten für Psychotherapie; Behandlungskosten bei Depressionen) zwischen 15.000 und 45.000 Euro.

Die Größe dieser engeren Zielgruppe von Kindern, die in Verhältnissen leben, in denen ein Risiko für Vernachlässigung besteht, wird auf rund 5 bis 10 % aller Kinder (Fegert 2009, Esser/Weinel 1999; zit. nach Geiger) geschätzt. Dies würde für Österreich ausgehend von 77.159 Geburten im Jahr 2011 (Statistik Österreich) aktuell zwischen etwa 4.000 bis 8.000 Kinder betreffen.

Erste Ergebnisse des Grundlagenprojekts zeigen allseits großes Interesse für das Thema und große Akzeptanz für die Notwendigkeit davon. Aus den verschiedenen Bestandteilen des Projekts kristallisieren sich die zentralen Elemente eines Idealmodells eines österreichweiten Netzwerks Frühe Hilfen heraus. Die Vernetzung der Anbieter und die Koordination der Aktivitäten auf den verschiedenen Ebenen –regional, Bundeslandweit und Bundesweit—stehen im Vordergrund, dazu die Qualitätssicherung der Maßnahmen und der Transfer von Wissen und Erfahrungen bottom-up und top-down und die ideale Form der Unterstützung: ein Basismodul für alle Kinder und darauf aufbauende bedarfsorientierte Unterstützung.

Das Gesunde Aufwachsen von Kindern bestmöglich zu unterstützen und zu fördern ist Ziel 6 der Rahmen-Gesundheitsziele, die 2012 von der Bundesgesundheitsagentur verabschiedet wurden. Allerdings muss uns klar sein, dass die Implementierung eines Systems von Frühen Hilfen in Österreich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die nur in Zusammenarbeit der Bereiche Gesundheit, Familie und Jugendwohlfahrt gelingen kann.

Dr. Veronika WOLSCHLAGER MPH
Bundesministerium für Gesundheit
Leiterin der Koordinationsstelle für Kinder- und Jugendgesundheit
Radetzkystr. 2, 1030 Wien
Tel.: +43/1/71100-4278
veronika.wolschlager(at)bmg.gv.at

Medizinerin, Master of Public Health
seit 2009 im BMG, 2010/11 Projektleiterin des „Kindergesundheitsdialoges“, mit dem die Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie erarbeitet wurde.
Seit 2012 Leiterin der Koordinationsstelle für Kinder- und Jugendgesundheit im BMG

Auch Asyl suchende Kinder müssen Asylverfahren durchlaufen. Ihre Verfahren müssen aber kindgerecht gestaltet sein und sie haben oft kinderspezifische Asylgründe. Das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR hat deshalb Richtlinien zu Asylanträgen von Kindern veröffentlicht und setzt sich – auch in Österreich – für kindgerechte Asylverfahren ein.

Auch Asyl suchende Kinder müssen Asylverfahren durchlaufen. Ihre Verfahren müssen aber kindgerecht gestaltet sein und sie haben oft kinderspezifische Asylgründe. Das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR hat deshalb Richtlinien zu Asylanträgen von Kindern veröffentlicht und setzt sich – auch in Österreich – für kindgerechte Asylverfahren ein.

Das österreichische Asylgesetz bezieht sich auf die in der Genfer Flüchtlingskonvention aus 1951 festgelegte Definition des Flüchtlingsbegriffs. Diese findet zwar auf jede Person unabhängig von ihrem Alter Anwendung, doch wird sie traditionell im Hinblick auf die Erfahrungen von Erwachsenen ausgelegt. Um den Bedürfnissen von Kindern und ihrer insbesondere in der UN-Kinderrechtskonvention verankerten Rechte gerecht zu werden, bedarf es einer kindgerechten Auslegung der Genfer Flüchtlingskonvention. Dies bedeutet nicht, dass Asyl suchende Kinder automatisch Anspruch auf Zuerkennung des Flüchtlingsstatus haben. Das Antrag stellende Kind muss darlegen dass es begründete Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung hat.

Der Begriff „Verfolgung“ umfasst schwere Menschenrechtsverletzungen. Der Grundsatz des Kindeswohls verlangt dabei, dass diese Schädigung aus der Sicht des Kindes beurteilt wird. Misshandlung, die im Fall eines Erwachsenen nicht das Ausmaß von Verfolgung erreicht, kann im Fall eines Kindes durchaus Verfolgung bedeuten. Das Vorenthalten wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Rechte kann im Falle von Kindern ebenso relevant sein wie die Verweigerung bürgerlicher und politischer Rechte. Es ist wichtig, die Auswirkungen eines Schadens für das Kind in ihrer Gesamtheit zu beurteilen; so kann zum Beispiel die Verweigerung des Rechts auf Bildung oder auf einen angemessenen Lebensstandard das Risiko erhöhen, auch Gewalt und Missbrauch zu erleiden. Kinder können auch spezifischen Formen der Verfolgung ausgesetzt sein, die auf ihr Alter, ihre fehlende Reife oder Verletzlichkeit zurück zu führen sind. Beispiele dafür sind unter anderem die Rekrutierung von Minderjährigen, Kinderhandel, weibliche Genitalverstümmelung, Gewalt in der Familie und häusliche Gewalt, Zwangs- oder Kinderheirat, Kinder in Schuldknechtschaft, gefährliche Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Zwangsprostitution und Kinderpornografie. Auch das einem Familienangehörigen zugefügte Leid kann in dem Kind eine wohlbegründete Furcht hervorrufen. Musste ein Kind etwa Gewalt gegen einen Elternteil oder eine andere Person, von der es abhängig ist, mit ansehen oder hat es deren Verschwinden oder Tötung erlebt, kann das Kind eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung haben, selbst wenn die Handlung nicht direkt gegen das Kind gerichtet war. Unter bestimmten Umständen kann auch die erzwungene Trennung eines Kindes von seinen Eltern, bedingt durch diskriminierende Sorgerechtsbestimmungen oder die Inhaftierung eines oder beider Elternteile des Kindes, Verfolgung darstellen

Im Fall, dass die Verfolgung von nichtstaatlichen Akteuren ausgeht – wie militarisierten Gruppen, Verbrecherbanden, Eltern und anderen Betreuungspersonen oder Führungspersönlichkeiten der Gemeinschaft oder Religionsgemeinschaft – ist zu prüfen, ob der Staat außerstande oder nicht bereit ist, das Opfer zu schützen. Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang weiters, ob dem Kind eine sichere und zumutbare Zufluchtalternative im Heimatland zur Verfügung steht, wobei auch hier das Wohl des Kindes von ausschlaggebender Bedeutung ist. Eine so genannte interne Fluchtalternative ist insbesondere dann nicht geeignet, wenn unbegleitete Kinder dort keine Familienangehörigen haben, die bereit sind, sie zu unterstützen oder zu betreuen.

In Bezug auf die so genannten Konventionsgründe, die in der Genfer Flüchtlingskonvention dargelegt sind – Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder politische Überzeugung – ist Folgendes zu berücksichtigen: Wie Erwachsenen kann auch Kindern wegen ihrer religiösen Überzeugung oder der Weigerung, sich zu einem bestimmten Glauben zu bekennen, ebenso wie aufgrund ihrer politischen Auffassung Verfolgung drohen. Man denke nur daran, dass treibende Kraft vieler nationaler Befreiungs- oder Protestbewegungen Aktivisten aus Studenten- und Schülerkreisen sind. Außerdem können staatliche Behörden oder nichtstaatliche Akteure Kindern unterstellen, die Ansichten und Standpunkte von Erwachsenen, etwa ihrer Eltern, zu teilen. Darüber hinaus kann es eine ganze Reihe von Kindergruppierungen geben, die Grundlage eines mit der „Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe“ begründeten Asylantrags bilden. Das Alter und andere Merkmale können Gruppen wie „verlassene Kinder“, „Kinder mit Behinderungen“, „Waisenkinder“ oder „Kinder, die unter Missachtung einer vorgeschriebenen Familienplanungspolitik oder in unerlaubten ehelichen Gemeinschaften geboren werden“, begründen.

Aufgrund ihres jungen Alters, ihrer Abhängigkeit und Unreife sollten Kinder besondere Verfahrens- und Beweisführungsgarantien genießen, um sicher zu stellen, dass über ihre Asylanträge in fairer Weise entschieden wird. UNHCR schlägt dafür unter anderem folgende Mindeststandards vor: Asylanträge von unbegleiteten Kindern sollten in der Regel prioritär behandelt werden, da sie oft eines besonderen Schutzes und besonderer Hilfe bedürfen. Vor Beginn des Verfahrens muss den Kindern jedoch ausreichend Zeit gegeben werden, um sich auf die Schilderung des Erlebten vorzubereiten und um ein Vertrauensverhältnis zu ihrem Vormund und zu anderem Fachpersonal aufzubauen sowie ein Gefühl der Sicherheit zu entwickeln. Im Fall unbegleiteter oder von ihren Eltern getrennter Kinder muss unverzüglich und kostenlos ein unabhängiger, qualifizierter Vormund bestellt werden. Kinder, die in einem Asylverfahren die Hauptantragsteller sind, haben auch Anspruch auf einen Rechtsvertreter. Dieser sollte entsprechend geschult sein und das Kind während des ganzen Verfahrens unterstützen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass Kinder, die gemeinsam mit ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen aus ihrem Heimatland fliehen, nicht nur als Teil einer Familieneinheit, sondern als Personen mit eigenen Rechten und Interessen wahrgenommen werden. Um zu gewährleisten, dass das Kind Gelegenheit erhält, seine Meinung und seine Bedürfnisse zu äußern, bedarf es der Entwicklung und Implementierung von sicheren und kindgerechten Verfahren und eines entsprechenden Umfelds, das in allen Phasen des Asylverfahrens Vertrauen schafft. Bei der Beurteilung der Aussagen von Kindern sollte schließlich beachtet werden, dass diese oftmals nicht in der Lage sind, Geschehnisse auf dieselbe Weise zu schildern, wie Erwachsene. Im Zweifelsfall sollte für das Kind entschieden werden, auch wenn Bedenken hinsichtlich einiger Behauptungen des Kindes bestehen.

Viele Staaten erkennen in zunehmendem Maße an, dass es spezielle Maßnahmen braucht, um kindgerechte Asylverfahren sicherzustellen. In Österreich konnte das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR dank finanzieller Unterstützung aus dem Europäischen Flüchtlingsfonds und des Bundesministeriums für Inneres in den Jahren 2011 und 2012 in enger Kooperation mit dem Bundesasylamt das Projekt „Unterstützung der Behörden bei Asylverfahren unbegleiteter Minderjähriger (UBAUM)“ durchführen. Aufbauend auf der Beobachtung von Einvernahmen und der Analyse von Asylbescheiden sowie Gesprächen mit 69 Minderjährigen über ihre Erfahrungen mit dem Asylverfahren konnte UNHCR einen Beitrag zur Entwicklung interner Richtlinien des Bundesasylamtes im Umgang mit Asyl suchenden Kindern leisten. Darüber hinaus hat UNHCR im Herbst 2012 die Pilotfassung einer in Kooperation mit einschlägigen Akteuren im Asylwesen sowie Sprachwissenschafter/innen entwickelten altersadäquaten Informationsbroschüre über das österreichische Asylverfahren für unbegleitete Minderjährige herausgegeben.

Mag.a Birgit Einzenberger
Leiterin der Rechtsabteilung des UNHCR-Büros in Österreich
www.unhcr.at

Mag.a Birgit Einzenberger
Leiterin der Rechtsabteilung des UNHCR-Büros in Österreich

Diplomstudium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien und Ausbildung zur diplomierten Sozialarbeiterin an der Bundessozialakademie Wien
Seit Juli 2000 Mitarbeiterin des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR
Seit Jänner 2012 Leiterin der Rechtsabteilung des UNHCR-Büros in Österreich

Kinder brauchen für ihre Entwicklung Sicherheit, Beziehung und Bindung, Orientierung und Halt. Damit Eltern dies ihren Kindern im notwenigen Ausmaß geben können benötigen diese ebenfalls Orientierung und Halt in Bezug auf zeitgemäße Methoden und Haltungen in der Kindererziehung.

Kinder brauchen für ihre Entwicklung Sicherheit, Beziehung und Bindung, Orientierung und Halt. Damit Eltern dies ihren Kindern im notwenigen Ausmaß geben können benötigen diese ebenfalls Orientierung und Halt in Bezug auf zeitgemäße Methoden und Haltungen in der Kindererziehung.
Eine Mutter erzählt, dass sie bei ihrem 13-jährigen Sohn nichts mehr ausrichten kann, weil er „sowieso nicht mehr gehorcht“, berichtet sie. Seit einigen Wochen geht er auch nicht mehr regelmäßig zur Schule. Sie berichtet Schulter zuckend: „Was sollen wir Eltern machen, wir können ihn doch nicht ins Auto zerren! Wir haben alles versucht!“ „Er soll tun, was er will, er wird schon sehen, wohin ihn das führt“, meint seine Mutter schließlich resignierend.
Viele Eltern sind enorm verunsichert. Elterliche Autorität ist nicht mehr, was sie einmal war, vor allem ist es nicht mehr legitim, Autorität auf Gehorsamkeit aufzubauen und diese mit allen Mitteln durchzusetzen. Gewalt hat in der Kindererziehung keinen Platz mehr. Belohnungs- und Bestrafungssysteme zeigen nicht mehr die Wirkung, die sie noch vor wenigen Jahrzehnten gehabt haben. Die Autonomie der Kinder, die Eigenständigkeit und Selbständigkeit sind zu wichtigen gesellschaftlichen Werten geworden, wodurch Gehorsamkeit an Bedeutung verloren hat. Kinder wissen heute, dass sie Machtkämpfe gegen Erwachsene gewinnen können: „Was genau wollt ihr machen, wenn ich nicht in die Schule gehe?“ „Ihr könnt mich nicht zwingen!“
Die „schlechte Nachricht“ für alle Erziehenden ist: Die Kinder haben recht! Ein entschlossenes Kind kann man zu nichts zwingen, wenn man auf Gewalt verzichtet. Generell gilt: Niemand kann einen anderen Menschen verändern, auch nicht wenn man es noch so gut meint. Die „gute Nachricht“ ist, dass wir Erwachsene nicht ohnmächtig zuschauen müssen. Wir können die konstruktiven Stimmen in Kindern und Jugendlichen nähren, damit diese sich in aller Regel auch für konstruktive und entwicklungsfördernde Verhaltensweisen entscheiden.
Wichtig dabei ist, wenn Kinder und Jugendliche mit problematischen Verhaltensweisen, mit gefährdenden oder selbstverletzenden Verhalten auf sich aufmerksam machen, dass wir Erwachsene sie gerade dann nicht alleine lassen dürfen – auch nicht aus Ohnmacht und Ratlosigkeit. Manchmal verlieren wir Erwachsene allerdings unser Verantwortungsgefühl für die Herstellung eines derartigen sicheren und entwicklungs-fördernden Rahmens. Manchmal halten wir uns auch deswegen zurück, weil wir keine Energie mehr haben, keinen „Nerv“, weil wir selbst an unseren Belastungsgrenzen sind.
Dieser im Beispiel beschriebene Rückzug aus Hilflosigkeit der Eltern des 13-Jährigen ist emotional verständlich, er hat jedoch tief greifende Auswirkungen für die Entwicklung des Buben, weil dieser dadurch vermittelt bekommt: „Wir wollen nicht, dass du dich so verhältst – aber wenn Du es tust, können wir auch nichts machen.“ Diese Haltung vermag keinen Halt durch gelebte Werthaltungen der Eltern zu geben. So kommt es, dass wir gesellschaftlich beobachten, wie Kinder und Jugendliche Räume erobern, in denen sie sich ihre eigenen Regeln und ihre eigenen Gesetze schaffen in Familien, in Schulen, in öffentlichen Räumen usw.. Diese Regeln werden nicht demokratisch abgestimmt, sondern die lautesten, die coolsten und unerschrockensten Kinder und Jugendlichen, Burschen wie Mädchen, setzen sich durch. Die Gefahr dabei ist, dass gesellschaftliche Wertesysteme „aus den Fugen“ geraten. Was dann fehlt ist ein positives Korrektiv, ein erwachsenes Struktur gebendes und dadurch auch Sicherheit und Halt gebendes Element einer „Wachsamen Sorge“ für eine gute Entwicklung der Kinder und Jugendlichen – „Fürsorge“ im besten Sinn des Wortes.

Die Idee der „Wachsamen Sorge“, wie es Haim Omer und Arist von Schlippe im Buch „Stärke statt Macht“ beschrieben haben, hat ihre Wurzeln im Konzept der „Neuen Autorität“ und des „Gewaltlosen Widerstandes“. Kinder brauchen Erwachsene, die sich um eine gute Beziehung zu ihnen bemühen und in präsenter respektvoller Weise für sie da sind. Das bedingt auch die Verpflichtung gerade dort gegenwärtig zu sein, wo Kinder und Jugendliche Gefahr laufen, problematische Verhaltensweisen zu entwickeln und dort einzuschreiten, wo es notwendig ist. Die Haltung dabei ist entscheidend: Auch das Einschreiten, das Sich-einmischen, das Widerstand leisten zielt auf eine gute Beziehung ab und darauf, Machtkämpfe zu vermeiden. Erwachsene werden aktiv – nicht alleine in einer individualisierten Haltung eines „Lucky Luke“, als Einzelkämpfer für die gute Sache, sondern gemeinsam mit anderen und zwar immer dort, wo es notwendig und moralisch gefordert ist. Eltern und andere Erwachsene organisieren und formulieren beharrlichen Protest und gewaltlosen Widerstand, wo Kinder und Jugendliche sich selbst in Gefahr bringen oder wenn sie selbstdestruktives oder anderen gegenüber gewalttätiges Verhalten zeigen. Gestärkte Erwachsenenpräsenz und die Entscheidung aktiv und gemeinsam mit anderen an friedlichen Lösungen und positiven Beziehungsangeboten zu arbeiten, führt oft schon zu einer positiven Entwicklung und zur Entspannung in konfliktreichen Situationen.

Wie kann es also gelingen, dass Erwachsene sich wieder mehr einmischen und Kindern wieder mehr Halt und Orientierung geben – real und persönlich und nicht nur in Form von Vorschriften oder mittels Sanktionen und Drohungen? Wie kann es gelingen, dass Erwachsene sich nicht mehr „ausklinken“, wenn sie durch die vielfältigen Anforderungen, die an sie gestellt werden, überfordert sind?
Eltern und LehrerInnen geben selbst den wichtigsten Hinweis darauf, was dafür nötig ist. Sie klagen darüber, zu wenig Handlungsalternativen zur Verfügung zu haben, um Kindern und Jugendlichen Grenzen setzen zu können. Sie beschreiben sich selbst oft als hilflos gegenüber schwierigen, aggressiven Kindern und Jugendlichen. Sie wissen oft nicht, wie sie adäquat reagieren sollen.
Das was Erwachsene konkret und real benötigen ist Unterstützung bei ihren erzieherischen Aufgaben bei ihren eigenen und ihnen anvertrauten Kindern. Sie brauchen Aussicht auf „Erfolg“ (=Erleben von Selbstwirksamkeit) und die Gewissheit, sinnvoll und ethisch handeln zu können. Sie brauchen Ermutigung sich wieder ihrer Verantwortung bewusst zu werden, Ermächtigung durch moralische Unterstützung und konkrete Handlungsansätze mit einfachen Methoden, die ihnen ermöglichen, wirksam und respektvoll zu handeln. Schuldzuweisungen sind hier fehl am Platz und destruktiv. Wichtiger ist es, die Sorge um eine gute Entwicklung der Kinder und Jugendlichen ernst zu nehmen und gemeinsam mit anderen zu entscheiden etwas für die Verbesserung der Situation zu tun. Diese Entscheidung ist der erste wichtige Schritt: Herauszutreten aus der lähmenden passiven Besorgnis um die Kinder (=Gram) und in eine Haltung der „Wachsame Sorge“ zu kommen. Wachsam sein, bedeutet hier den „Finger am Puls“ der Entwicklung der Kinder zu haben und dann aktiv zu werden, wenn es notwendig ist, wenn Beobachtungen gemacht werden, die „Alarm“ auslösen. „Wachsame Sorge“ ist ein handlungsorientierter Ansatz für Erwachsene, der auch ermöglicht, Kindern dann Freiraum zu geben, so lange sie damit umgehen können. Insofern ist „Wachsame Sorge“ sehr dynamisch zu verstehen. Erwachsene erhöhen die Präsenz stufenweise und auch konkrete Widerstandsmaßnahmen – allerdings nur wenn es die Situation erfordert. Kinder erleben die Erwachsenen dann als interessiert und präsent, was ihnen auch dabei hilft, selbst besser auf sich aufzupassen. Kurz gesagt: Gelebte „elterliche Wachsame Sorge“ hilft den Kindern dabei, „Selbstsorge“ zu betreiben. Das ist das Wichtigste dabei, dass wir nicht versuchen Kinder und Jugendliche zu kontrollieren, sondern ihnen dabei helfen, ihr Leben zu meistern. Die Aufgabe für uns Erwachsene ist, sie dabei zu begleiten.

DSA Hans Steinkellner, MSc
Institut für Neue Autorität
www.neueautoritaet.at

Anmerkung: Hinweise auf aktuelle Seminare zur „Präsenz und Wachsamen Sorge“ für Eltern und auch für Fachleute finden Sie auf der Website des Instituts für Neue Autorität.

DSA Hans Steinkellner, MSc

Geboren 1972 in Steyr. Vater von 2 Kindern.
Dipl.Sozialarbeiter, Gewaltberater, Supervisor und Coach.
Geschäftsführer des „Instituts für Neue Autorität“.

Studium an der Akademie für Sozialarbeit in Linz.
Lehrgang systemische Familienarbeit,
Ausbildung zum Gewaltberater und Gewaltpädagogen am „Institut for male“ (Hamburg),
Masterstudium zum Integrativen Supervisor und Coach an der Donau-Universität Krems.

Ehemaliger Mitarbeiter beim Amt d. oö. Landesregierung, Abt. Jugendwohlfahrt (Volle Erziehung);
Langjährige Mitarbeit in der Männerberatung des Landes OÖ. mit Schwerpunkt Gewaltberatung/ Tätertherapie,
Freiberufliche Tätigkeit als Trainer und Seminarleiter (Schwerpunkt: "Konfliktregelung", "Gewaltprävention" und „Neue Autorität“);
Supervision und Coaching in eigener Praxis in St.Pölten und Linz.

Das Recht auf Selbstbestimmung:
Das Recht auf Selbstbestimmung ist ein fundamentales Patientenrecht. In der Patientencharta (Vereinbarung zur Sicherstellung der Patientenrechte (Patientencharta), BGBl. I 36/2002) ist dem Selbstbestimmungsrecht ein ganzer Abschnitt (Artikel 16 -20) gewidmet. Auch auf europäischer Ebene ist das Selbstbestbestimmungsrecht der Patienten in der Europäischen Patientenrechtscharta (www.activecitizenship.net) verankert. In der österreichischen Rechtsordnung ist das Selbstbestimmungsrecht des Patienten in verschiedensten Gesetzen normiert, wobei hier der § 110 StGB als wesentlichste Bestimmung hervorzuheben ist, da dieser die „eigenmächtige Heilbehandlung“ unter gerichtliche Strafe stellt. Auch im Zivilrecht ist das Selbstbestimmungsrecht, vor allem durch die sehr umfassende Rechtsprechung, geschützt. Denn im Zivilrecht stellt eine nicht zugestimmte Behandlung eine Körperverletzung dar und kann daher Schadenersatzansprüche, insbesondere Schmerzengeldansprüche, auslösen. (Zum Rechtfertigungsgrund der Einwilligung: Juen in Arzthaftungsrecht (48 f)) Hier ist auf das Erfordernis einer entsprechenden Aufklärung hinzuweisen: Nur nach entsprechender Aufklärung kann eine Patientin oder ein Patient die Einwilligung in eine Heilbehandlung erteilen. (Ausführlich zum Thema Aufklärung: Memmer im Handbuch Medizinrecht; weiters Kopetzki im Recht der Medizin 1995, 91)

Das Recht auf Selbstbestimmung:
Das Recht auf Selbstbestimmung ist ein fundamentales Patientenrecht. In der Patientencharta (Vereinbarung zur Sicherstellung der Patientenrechte (Patientencharta), BGBl. I 36/2002) ist dem Selbstbestimmungsrecht ein ganzer Abschnitt (Artikel 16 -20) gewidmet. Auch auf europäischer Ebene ist das Selbstbestbestimmungsrecht der Patienten in der Europäischen Patientenrechtscharta (www.activecitizenship.net) verankert. In der österreichischen Rechtsordnung ist das Selbstbestimmungsrecht des Patienten in verschiedensten Gesetzen normiert, wobei hier der § 110 StGB als wesentlichste Bestimmung hervorzuheben ist, da dieser die „eigenmächtige Heilbehandlung“ unter gerichtliche Strafe stellt. Auch im Zivilrecht ist das Selbstbestimmungsrecht, vor allem durch die sehr umfassende Rechtsprechung, geschützt. Denn im Zivilrecht stellt eine nicht zugestimmte Behandlung eine Körperverletzung dar und kann daher Schadenersatzansprüche, insbesondere Schmerzengeldansprüche, auslösen. (Zum Rechtfertigungsgrund der Einwilligung: Juen in Arzthaftungsrecht (48 f)) Hier ist auf das Erfordernis einer entsprechenden Aufklärung hinzuweisen: Nur nach entsprechender Aufklärung kann eine Patientin oder ein Patient die Einwilligung in eine Heilbehandlung erteilen. (Ausführlich zum Thema Aufklärung: Memmer im Handbuch Medizinrecht; weiters Kopetzki im Recht der Medizin 1995, 91)
Eine wesentliche Voraussetzung für eine wirksame Aufklärung ist, dass diese einer einsichts- und urteilsfähigen Patientin bzw. Patienten zugeht. Einsichts- und Urteilsfähigkeit bedeutet, dass die Patientin/der Patientin in der konkreten Situation die Bedeutung einer Behandlung einsehen und ihren/seinen Willen danach bilden kann. (Kleteca im Handbuch Medizinrecht (I/136))

Zustimmung zur Behandlung bei Kindern:
Auch bei Kindern (Personen unter 18 Jahren) ist dies Voraussetzung für eine wirksame Zustimmung zur Behandlung. In die medizinischen Behandlung willigt das einsichts- und urteilsfähige Kind selbst ein (§ 146c ABGB). Entscheidend ist also nicht das Alter des Kindes, sondern das Vorliegen der Einsichts- und Urteilsfähigkeit. Nur im Zweifelsfall kann diese Einsichts- und Urteilsfähigkeit ab Vollendung des 14. Lebensjahres vermutet werden. Ein Beispiel: Ein 13-Jähriger zieht sich eine Schramme zu und lässt sich diese durch einen Arzt (etwa im Rahmen einer ambulanten Visite bei einem Kindersportfest) versorgen. Er versteht die Unterweisungen des Arztes, gibt diese wieder und sagt zu, die Eltern davon in Kenntnis zu setzen (etwa, dass er morgen das Krankenhaus aufsuchen soll, wenn die Wunde noch wehtun sollte). Hier wird man von vorhandener Einsichts- und Urteilsfähigkeit ausgehen können.
Im Gegensatz dazu ist die Einsichts- und Urteilsfähigkeit eines „Führerscheinneulings“, der verunfallt ist, seinen (auch schweren) Verletzungen keine Bedeutung zumisst und seine Aufmerksamkeit allein auf sein zerstörtes Fahrzeug richtet, kritisch zu sehen. Dieser Patient sieht, womöglich aufgrund des Schocks nach dem ersten Verkehrsunfall seines Lebens, die Bedeutung einer Behandlung in Verkennung der Situation nicht ein – er ist nicht einsichts- und urteilsfähig.
An diesen (fingierten) Beispielen kann erkannt werden, dass sich die Frage nach der Einsichts- und Urteilsfähigkeit nicht alleine über das Lebensalter klären lässt.

Die Zustimmung zur Behandlung hat, bei gegebener Einsichts- und Urteilsfähigkeit, das Kind also selbst zu geben. Daran ändert auch eine allfällige Zustimmung oder Wunsch der Eltern (die mit Pflege- und Erziehungsangelegen¬heiten betraute Person) nichts: Das Selbst-bestimmung¬srecht des einsichts- und urteilsfähigen Kindes geht vor.
Ist das Kind nicht einsichts- und urteilsfähig, so genügt die Zustimmung der Eltern; sind beide Elternteile Obsorgeträger, so genügt die Zustimmung eines Elternteils. (OGH am 10.06.2008 zu 4 Ob 87/07k)

Schwerwiegende Eingriffe:
Sind mit der Behandlung nachhaltige Beeinträchtigungen verbunden, so muss neben der Zustimmung des Kindes auch die Zustimmung der Eltern (siehe oben) vorliegen (§146c Abs. 2 ABGB). Eine schwere Beeinträchtigung liegt dann vor, wenn die Behandlungsfolgen die Qualität einer „schweren Körperverletzung“ erreichen. (Vgl. § 84 StGB) Das ist etwa dann der Fall, wenn die Beeinträchtigung länger als 24 Tage andauert. In eine Maßnahme, die die dauernde Fortpflanzungsunfähigkeit zur Folge hätte, können weder das Kind, noch die Eltern einwilligen (§ 146d ABGB).

Schönheitsoperationen:
Besondere Regelungen bestehen ab 1. Jänner 2013 für medizinisch nicht notwendige Schönheitsoperationen durch Inkraftreten des Ästhetische Operationen Gesetzes (ÄsthOpG). (Bundesgesetz über die Durchführung von ästhetischen Behandlungen und Operationen (ÄsthOpG), BGBl. I 80/2012) Dieses Gesetz sieht einen besonderen Schutz von Kindern vor (§ 7 ÄsthOpG). Medizinisch nicht notwendige Operationen sind ab 1. Jänner 2013 bei Personen unter 16 Jahren grundsätzlich unzulässig. Die Aufklärung und Zustimmung hat nachweislich (schriftlich dokumentiert) zu erfolgen. Eine psychologische Konsultation hat dem Eingriff voranzugehen. Weiters muss zwischen dem Zeitpunkt der Aufklärung und der Operation eine 4-wöchige „Cool-Down-Phase“ liegen, in der sich der/die minderjährige Patient/Patientin gegen die Operation entscheiden kann. Durch so eine Entscheidung darf jedoch kein finanzieller Nachteil entstehen.

Notfälle:
Bei Gefahr im Verzug ist eine Behandlung ohne Zustimmung der Patientin bzw. des Patienten möglich (§ 110 Abs. 2 StGB; § 146c Abs. 3 ABGB). Das wäre auch praktisch nicht anders möglich: Eine bewusstlose Person in der Notaufnahme wird eine Zustimmung zur Behandlung nicht erteilen können.

Fragen:
Einwilligung und Aufklärung sind komplexe Themenbereiche, zu denen eine umfangreiche Rechtsprechung besteht. Bei Fragen steht die NÖ Patienten- und Pflegeanwaltschaft zur Verfügung.

Mag. Michael Prunbauer
NÖ Patienten- und Pflegeanwaltschaft
3109 St. Pölten, Rennbahnstraße 29
Telefon: (027 42) 9005 – 15575
www.patientenanwalt.com

Abkürzungen:
ABGB – Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch
Abs. – Absatz
BGBl. – Bundesgesetzblatt
OGH – Oberster Gerichtshof
StGB – Strafgesetzbuch
vgl. – vergleiche

Mag. Michael Prunbauer
Fachbereichsleiter bei der
NÖ Patienten- und Pflegeanwaltschaft

Aufgabenbereich:
• Außergerichtliche Schadensabwicklung nach medizinischen Behandlungsfehlern
• Betreuung des NÖ Patienten-Entschädigungsfonds
• Mitglied der Schlichtungsstelle der Landeszahnärztekammer NÖ
• Mitglied der NÖ Ethikkommission
• Errichtung von verbindlichen Patientenverfügungen
• Beratung bei medizinrechtlichen Fragestellungen
• Erstellung von Stellungnahmen im Begutachtungsverfahren (Gesetzesvorlagen)
• Überprüfung von Beschwerdefällen betreffen das Rettungswesen
• Zusammenarbeit mit Patientenrechtsorganisationen auf Europaebene (ACN - Active Citizenship Network)
• Vortragstätigkeit

Jg. 1981
Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien
Schwerpunkt-Ausbildung Medizinrecht
Rettungssanitäter

An den letzten beiden Wochenenden vor Schulbeginn (24. - 26. August; 31. August -
2. September 2012) fanden im Stift Herzogenburg nun schon zum 41. mal die NÖ Kindersommerspiele statt.
Die NÖ kija war, wie viele Jahre zuvor, als Kooperationspartnerin mit einem Informationsstand vertreten. Und als eine ihrer Ferialpraktikantinnen durfte auch ich einen Tag lang bei den Kindersommerspielen mitarbeiten.

An den letzten beiden Wochenenden vor Schulbeginn (24. - 26. August; 31. August -
2. September 2012) fanden im Stift Herzogenburg nun schon zum 41. mal die NÖ Kindersommerspiele statt.
Die NÖ kija war, wie viele Jahre zuvor, als Kooperationspartnerin mit einem Informationsstand vertreten. Und als eine ihrer Ferialpraktikantinnen durfte auch ich einen Tag lang bei den Kindersommerspielen mitarbeiten.

Zu viert am Informationsstand wurden die Aufgaben aufgeteilt und die unterschiedlichen Stationen abwechselnd betreut.
Zu Beginn beaufsichtigte und unterstützte ich die Kinder und Jugendlichen beim Ausfüllen unserer Fragebögen, mit denen sie an einer der drei Verlosungen an diesem Tag teilnehmen konnten. Viele Kinder kannten das Gewinnspiel bereits aus den Vorjahren und freuten sich schon auf die tollen Preise.
Neu war diesmal aber, dass es zwei unterschiedliche Fragebögen gab, und zwar einen für Kinder von 6 – 12 Jahren, dessen Schwerpunkt auf den Kinderrechten lag, und einen für Jugendliche von 12 – 18 Jahren, der zusätzlich noch Fragen zum Thema Jugendschutz aufgriff.
Durch das Ausfüllen lassen der Fragebögen konnte man erkennen, dass die Kinder und Jugendlichen, welche die NÖ kija bereits kannten, Vertrauen gewonnen hatten, und so das Angebot, die Information, und die Hilfestellung der NÖ kija auch gerne annahmen.
Für andere war der Infostand bei NÖKISS der erste Kontakt mit der NÖ kija. Gerade diesen Kindern und Jugendlichen konnten aber die Aufgaben der kija, sowie Grundlagen im Hinblick auf Kinderrechte und Jugendschutz anhand der Fragebögen näher gebracht werden.

Meine nächste Station war die Betreuung des „Fischefangspiels“, das unter unseren kleinen Gästen besonders beliebt war. Mit bewundernswerter Geduld und viel Geschick versuchten sie sich hier als Angler. So wurde je nach Alter gemeinsam mit den Eltern, ganz selbstständig oder gar mit den Freunden um die Wette gefischt. Als Belohnung gab es dann das allseits beliebte Armband der
NÖ kija mit der Aufschrift „Kinder haben Rechte“.

Schließlich durfte ich auch am Infostand selbst mitarbeiten. Denn neben den beiden Möglichkeiten für die Kinder aktiv zu werden, hielt die NÖ kija an ihrem Stand natürlich auch Informationsmaterial zu Themen wie Kinderrechte oder Jugendschutz bereit. Eltern und Kinder konnten sich so mit den Aufgaben der NÖ kija vertraut machen und fanden Hilfestellung hinsichtlich ihrer offenen Fragen und Probleme vor.

Alles in allem war mein Tag beim Infostand der NÖ kija erfüllt von freudestrahlenden Kinderaugen, neugierigen Fragen und aufrichtigem Interesse. Also ein „voller Erfolg“!

Peter Filzmaier

Ein frei erfundenes Zitat über (Nieder-)Österreichs Jugendliche könnte so lauten: „Sie sind politisch verdrossen und radikal! Eine Generation ohne Zukunft, quasi ‚no future’ auf neudeutsch. Deshalb am rechten Rand angesiedelt und für rechtsextreme Rattenfänger leicht gewinnbar. Oder linke Dauerprotestierer ohne Bezug zum wirklichen Leben. Und der Großteil ist noch schlimmer, weil nur dumme Egoisten und total desinteressiert.“

Klingen solche Worte vertraut? Manchmal leider ja, weil von Erwachsenen oft solche Klischees als Legende verbreitet werden. Besteht jedoch die Jugend wirklich aus lauter Ignoranten? Mit wenig Gemeinschaftsgefühl und an gesellschaftlichen Themen von Wirtschaft bis Umwelt desinteressiert? Pessimistisch und frustriert sowie deshalb immer nur dagegen?

Peter Filzmaier

Ein frei erfundenes Zitat über (Nieder-)Österreichs Jugendliche könnte so lauten: „Sie sind politisch verdrossen und radikal! Eine Generation ohne Zukunft, quasi ‚no future’ auf neudeutsch. Deshalb am rechten Rand angesiedelt und für rechtsextreme Rattenfänger leicht gewinnbar. Oder linke Dauerprotestierer ohne Bezug zum wirklichen Leben. Und der Großteil ist noch schlimmer, weil nur dumme Egoisten und total desinteressiert.“

Klingen solche Worte vertraut? Manchmal leider ja, weil von Erwachsenen oft solche Klischees als Legende verbreitet werden. Besteht jedoch die Jugend wirklich aus lauter Ignoranten? Mit wenig Gemeinschaftsgefühl und an gesellschaftlichen Themen von Wirtschaft bis Umwelt desinteressiert? Pessimistisch und frustriert sowie deshalb immer nur dagegen?

Natürlich gibt es solche Jugendliche. Doch das sind nicht annähernd alle. Vor allem Medien sollten anerkennen, dass es „den typischen Jugendlichen“ nicht gibt, sondern differenzierter urteilen. Ja, das Politikinteresse vieler Jungbürger ist oft mittelmäßig bis mäßig. Fairerweise muss man an dieser Stelle jedoch ergänzen, dass das weder früher besser war noch unter Älteren anders ist. Wir Erwachsene idealisieren uns selbst und verteufeln die Jugend.

Manchmal ist die Jugendberichterstattung oder sind Eindrücke der Jugendkultur auch zu sehr auf Teile der städtischen Umgebung konzentriert. So wird übersehen, dass es neben den Enttäuschten durchaus ein großes Potential jener gibt, die an politischen Entscheidungsprozessen teilhaben wollen. Gerade im ländlichen Raum. Und obwohl es pathetisch klingt: Diese Jugendlichen am Land und genauso in der Stadt sind die Zukunft des Landes und verdienen mehr Aufmerksamkeit, weil sie viel für die Zukunft tun wollen.

Entgegen allen Klischees sehen – so die Daten des Jugendmonitors, einer vierteljährlich bundesweit durchgeführten Studie - bis zu 80 Prozent der Jugendlichen den nächsten Monaten und Jahren zuversichtlich entgegen. Genauso haben Ehrenämter und Freiwilligentätigkeit für Vereine oder andere Organisationen einen hohen Stellenwert. Das ist durchaus politisch, auch oder gerade weil es nichts mit Parteien zu tun hat. Zudem ist die Mehrheit der Jugend in ihren Lebensvorstellungen vom Familienbild bis zu den Geschlechterrollen weit konservativer als man gemeinhin glaubt.

Warum trotzdem oft ein falscher Eindruck vermittelt wird? Jene womöglich nur 10 oder 20 Prozent, die als Möchtegern-Radikalinskis auffallen, sind medial die dankbarere Geschichte. Der ungleich größere Rest erscheint Journalisten zu langweilig. Zugleich sollten Erwachsene aufhören, die Jugend als Revoluzzer darzustellen, wie man früher selbst gern gewesen wäre – und nie war.

Peter Filzmaier
ist Politikwissenschaftler und Leiter der Plattform Politische Kommunikation an der Donau-Universität Krems.