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Aktueller Fachartikel

Caritas Präsident Michael Landau

Von: Caritas Präsident Michael Landau

Aus Anlass von 25 Jahren Kinder und Jugendanwaltschaft in Niederösterreich
„Kinderarmut ist ein Stachel im Fleisch der Welt“

Mit der UN-Konvention über die Rechte des Kindes ist der Generalversammlung der Vereinten Nationen 1989 ein wahres Kunststück gelungen. Dieses Dokument formuliert weltweit gültige Rechte der Kinder auf Überleben, Förderung, Entwicklung und besonderen Schutz. Mit dieser Konvention ging auch ein Paradigmenwechsel einher, da Kindern eine eigenständige Persönlichkeit zugebilligt und Kindheit als eine für sich wertvolle Lebenszeit anerkannt wird. Basierend auf dieser UN-Kinderrechtskonvention wurde in Österreich im Bund und in jedem Bundesland eine Kinder- und Jugendanwaltschaft eingerichtet. Ich gratuliere zu 25 Jahren im Dienste der Interessen von Kindern und Jugendlichen! Das Kindeswohl und die Kinderrechte brauchen starke Stimmen, die immer wieder aufs Neue die Verletzlichkeit von Kindern und Jugendlichen ins Bewusstsein holen, und die Gesellschaft aufrütteln, wenn diese Kinder und Jugendliche zu Schaden kommen.

An dieser Stelle braucht es nicht den Hinweis, dass wir noch sehr weite Wege zu gehen haben, um dieser UN Konvention weltweit auch nur halbwegs gerecht werden zu können. Als Caritas Österreich und natürlich im weltweiten Netz der Caritasorganisationen sind wir laufend mit der zum Himmel schreienden bitteren Not und dem Elend von Kindern und jungen Menschen konfrontiert. Wir beginnen daher jedes neue Jahr damit, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Leben dieser Kinder, sei es in Osteuropa, sei es in anderen Teilen dieser Erde zu lenken. 2017 führte mich die diesbezügliche Projektreise der Caritas nach Albanien, ein bitter armes Land, wo sich die Spuren der Diktatur Enver Hoxha tief in die Landschaften eingegraben haben. Viele Familien leben in großer sozialer Unsicherheit und Armut, die Basisversorgung ist vielerorts mangelhaft. Sie leben in sehr einfachen Hütten, oft ohne Wasser und fast immer ohne Stromanschluss oder  Sanitäreinrichtungen. Die Eltern arbeiten als Tagelöhner, sammeln Müll oder betteln auf der Straße. Die Kinder sind der Nässe und Kälte ausgesetzt. Eine gesundheitliche Versorgung ist nicht vorhanden, nicht erreichbar, oder schlichtweg nicht leistbar. Ein großer Teil der Kinder hat eine Schule von innen nie gesehen. Die Caritas fördert hier vor allem auch die Fortbildung für Mütter aus den ärmsten Familien, rund 300 Frauen und ihre Familien können auf diese Weise erreicht werden. Bildung ist auch hier der Schlüssel zum Ausstieg aus desaströsen Lebensbedingungen. Allgemeinbildung hilft, den Umgang mit den Kindern förderlich zu gestalten, und die berufsbezogenen Kompetenzen erhöhen ihre Chancen, eine Arbeit zu finden.

Von: Caritas Präsident Michael Landau

Aus Anlass von 25 Jahren Kinder und Jugendanwaltschaft in Niederösterreich
„Kinderarmut ist ein Stachel im Fleisch der Welt“

Mit der UN-Konvention über die Rechte des Kindes ist der Generalversammlung der Vereinten Nationen 1989 ein wahres Kunststück gelungen. Dieses Dokument formuliert weltweit gültige Rechte der Kinder auf Überleben, Förderung, Entwicklung und besonderen Schutz. Mit dieser Konvention ging auch ein Paradigmenwechsel einher, da Kindern eine eigenständige Persönlichkeit zugebilligt und Kindheit als eine für sich wertvolle Lebenszeit anerkannt wird. Basierend auf dieser UN-Kinderrechtskonvention wurde in Österreich im Bund und in jedem Bundesland eine Kinder- und Jugendanwaltschaft eingerichtet. Ich gratuliere zu 25 Jahren im Dienste der Interessen von Kindern und Jugendlichen! Das Kindeswohl und die Kinderrechte brauchen starke Stimmen, die immer wieder aufs Neue die Verletzlichkeit von Kindern und Jugendlichen ins Bewusstsein holen, und die Gesellschaft aufrütteln, wenn diese Kinder und Jugendliche zu Schaden kommen.

An dieser Stelle braucht es nicht den Hinweis, dass wir noch sehr weite Wege zu gehen haben, um dieser UN Konvention weltweit auch nur halbwegs gerecht werden zu können. Als Caritas Österreich und natürlich im weltweiten Netz der Caritasorganisationen sind wir laufend mit der zum Himmel schreienden bitteren Not und dem Elend von Kindern und jungen Menschen konfrontiert. Wir beginnen daher jedes neue Jahr damit, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Leben dieser Kinder, sei es in Osteuropa, sei es in anderen Teilen dieser Erde zu lenken. 2017 führte mich die diesbezügliche Projektreise der Caritas nach Albanien, ein bitter armes Land, wo sich die Spuren der Diktatur Enver Hoxha tief in die Landschaften eingegraben haben. Viele Familien leben in großer sozialer Unsicherheit und Armut, die Basisversorgung ist vielerorts mangelhaft. Sie leben in sehr einfachen Hütten, oft ohne Wasser und fast immer ohne Stromanschluss oder  Sanitäreinrichtungen. Die Eltern arbeiten als Tagelöhner, sammeln Müll oder betteln auf der Straße. Die Kinder sind der Nässe und Kälte ausgesetzt. Eine gesundheitliche Versorgung ist nicht vorhanden, nicht erreichbar, oder schlichtweg nicht leistbar. Ein großer Teil der Kinder hat eine Schule von innen nie gesehen. Die Caritas fördert hier vor allem auch die Fortbildung für Mütter aus den ärmsten Familien, rund 300 Frauen und ihre Familien können auf diese Weise erreicht werden. Bildung ist auch hier der Schlüssel zum Ausstieg aus desaströsen Lebensbedingungen. Allgemeinbildung hilft, den Umgang mit den Kindern förderlich zu gestalten, und die berufsbezogenen Kompetenzen erhöhen ihre Chancen, eine Arbeit zu finden.

Die Situation in Österreich ist natürlich eine ganz andere. Wir haben gut gewachsene wirtschaftliche und soziale Strukturen, mit einer sehr breit aufgestellten Sozialversicherung in Selbstverwaltung, Sozial- und Familienleistungen und seit Maria Theresa die Schulpflicht für alle Kinder eingeführt.

Dennoch gibt es auch bei uns Kinder, die in sehr armen Verhältnissen groß werden müssen, Vernachlässigung erleben oder Demütigungen und Ausgrenzung erfahren. Armut hat in unseren Breiten vielfältige Ursachen und mannigfaltige Auswirkungen. Hier einseitig kausale Zusammenhänge herstellen zu wollen, geht ins Leere. Fragt man Kinder, wann sie glauben, dass andere Kinder arm sind, kommt sehr rasch die Antwort: „Ein Kind ist arm, wenn es keine Familie hat, wenn es niemanden hat, der es ganz fest lieb hat.“ Armut an Geborgenheit, Zuneigung oder mangelnde Zuverlässigkeit in den Beziehungen belasten die kindliche Entwicklung enorm. Die bedingungslose Liebe ist Grundbedingung für das Urvertrauen, das wir erleben müssen, um im Leben Halt, Wurzeln und eine positive Lebensperspektive entwickeln zu können.

Für Kinder aus armutsbetroffenen Familien ist es hingegen oft eine Herkulesaufgabe, mit dem existentiellen Stress der Eltern umzugehen. Viele diese Kinder fühlen sich mitverantwortlich für die angespannte Situation, denken mehr über Strategien nach, hier heraus zu kommen als über ihre eigenen Bedürfnisse. Sie nehmen auch den Kampf der Eltern wahr, die alles tun, damit das eigene Kind nicht „auffällt“, weil die Kleidung nicht top modisch, die Schultasche gebraucht oder keine Urlaubsreise geplant ist. Kinder haben das Bedürfnis, ihre Freunde zu sich einzuladen. Während die einen die Kinder zum Geburtstagsfest nach Hause einladen, können die anderen kein Geburtstagfest ausrichten, weil die Wohnung einfach zu klein ist. Diese Kinder müssen täglich einen Spagat schaffen, zwischen ihrer Welt und der Welt da draußen, zwischen ihrem Wunsch, ganz Kind sein zu dürfen und der Erkenntnis, dass bei ihnen die Dinge ganz anders verlaufen als bei anderen Kindern. Schon im Kinderbuchklassiker Pünktchen und Anton von Erich Kästner würde sich Anton eher „die Zunge abbeißen“, als dem Lehrer seine mangelnden Schulleistungen damit zu erklären, dass die Mutter sehr krank ist, sie kein Geld haben und er daher betteln gehen muss.

Jedes sechste Kind bis 19 Jahre ist in Österreich von Armut gefährdet. Es stehen ihm weniger als 60% des Medianeinkommens anderer Kinder zur Verfügung. Die Armutsgefährdungsquote bei Kindern und Jugendlichen liegt bei 17% und ist damit deutlich höher als jene der Gesamtbevölkerung. Rund 70.000 Kinder leben in Familien, die auf Mindestsicherung angewiesen sind, sei es als Zusatz zu einem zu geringen Einkommen sei es im Vollbezug.

Ziehen wir die erweiterte EU Definition heran, und rechnen hier auch jene Haushalte hinzu, die eine sehr geringe Erwerbsbeteiligung aufweisen oder unter erheblichen Ausgrenzungsfaktoren1 leiden, dann sind 380.000 Kinder von Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung bedroht.

Kinder- und Jugendarmut kann nicht unabhängig von Familienarmut buchstabiert werden. Nicht von ungefähr zählen alleinerziehende Familien zu dem am höchsten von Armut und Ausgrenzung betroffenen  Haushalten, gefolgt von den Familien mit drei und mehr Kindern. Familien mit Migrationshintergrund weisen ebenso eine deutlich erhöhte Armutsgefahr auf.
Soweit die offiziellen Daten der Republik Österreich, die in Abstimmung mit der EU jedes Jahr erhoben werden. (EU-Statistik über Einkommen und Lebensbedingungen EU-SILC 2015)

Kinder, die sozusagen drei Meter hinter die Startlinie ins Leben zu laufen beginnen, brauchen mehr Unterstützung und mehr Engagement von Gesellschaft und Politik. Wenn wir das nicht tun, dann leisten wir dem Phänomen Vorschub, dass  Armut und Langzeitarbeitslosigkeit „vererbt“ werden. Es ist bekannt, dass diese Negativspirale Kinder in den Bann ziehen und in Beschlag nehmen können, sodass es kein Entrinnen mehr zu geben scheint.

Wir können und müssen diese Armutsspirale schon von frühester Kindheit an durchbrechen – durch eine entsprechende Förderung, die jedem einzelnen Kind zuteil wird. Dies muss mit allen Mitteln und auf allen Ebenen geschehen, etwa durch Investitionen in die Kinderbetreuung (inkl. Tagesmütter, Kindergärten, Horte, Nachmittagsbetreuung, Ganztagsbetreuung). Hier müssen wir weit mehr auf die Qualität der Angebote setzen. Wie sehen die Betreuungsschlüssel aus, sieht das pädagogische Konzept auch eine Erziehungspartnerschaft mit den Eltern vor, wie werden sprachliche, motorische und soziale Kompetenzen gefördert? Es braucht österreichweite, überprüfbare und transparente Standards.

Seit Jahrzehnten haben wir in den Schulgesetzen die Chancengerechtigkeit als ein zentrales Ziel im Bildungssystem festgeschrieben, und seit Jahrzehnten scheitern wir bei der Umsetzung dieses Ziels. Immer noch ist es so, dass die soziale Herkunft der Eltern einen deutlich höheren Einfluss auf das Bildungsniveau eines Kindes hat als dies in vielen anderen OECD Ländern der Fall ist. Mit 46 Lerncafés in ganz Österreich versuchen wir als Caritas, einen Beitrag zu leisten, die Benachteiligung dieser Kinder im schulischen Fortkommen abzufangen. Solche und andere Initiativen können aber nie das ersetzen, was ein Schulsystem hier zu leisten hätte. Jede Schulreform wird sich daher daran messen lassen müssen, inwiefern es ihr gelungen ist, dieses Ungleichgewicht zu reduzieren und Kindern aus bildungsbenachteiligten Herkunftsfamilien zu hohem Bildungsniveau und optimalen Schullaufbahnen zu führen. Weil es unerlässlich ist, jedes Kind auf die Bildungsreise mitzunehmen.

Wesentlich erscheinen mir auch Investition in den Kinder- und Jugendschutz. Es ist gut, dass der Auf- und Ausbau der frühen Hilfen im Rahmen der Gesundheitsstrategie auf den Weg geschickt wurde. Mit dem Projekt „wellcome“ versuchen wir praktische Hilfe nach der Geburt, unter Einbindung von Freiwilligen anzubieten. Und die Familienhilfe ist das mobile Angebot schlechthin, um Familien in Krisensituationen oder bei Überforderung vor Ort praktisch, psychosozial und anleitend zu helfen. Es ist äußerst bedauerlich, dass solche Angebote nicht mehr im Fokus stehen und oft zu den ersten gehören, bei denen der Sparstift angesetzt wird.
 
Je schwieriger die Startbedingungen umso größer sind die Anstrengungen, die erforderlich sind, damit Kinder Perspektiven, Zuversicht und ihre Potentiale auch entwickeln können. Ein gutes Leben gelingt, wenn zu allererst die Wertschätzung gegenüber dem Kind, der Blick auf sein Kindsein und seine unverwechselbare Würde in unserer Gesellschaft tief verankert sind, denn Kinder sind nicht nur unser größtes Geschenk sondern auch Gegenwart und die einzige Zukunft.

1Es müssen vier oder mehr der folgenden neun auf EU-Ebene festgelegten Merkmale für erhebliche materielle Deprivation vorliegen: 1. Zahlungsrückstände bei Miete, Betriebskosten oder Krediten. 2. Es ist finanziell nicht möglich, unerwartete Ausgaben zu tätigen. 3. Es ist finanziell nicht möglich, einmal im Jahr auf Urlaub zu fahren. 4. Es ist finanziell nicht möglich, die Wohnung angemessen warm zu halten. 5. Es ist finanziell nicht möglich, jeden zweiten tag Fleisch, Fisch oder eine vergleichbare vegetarische Speise zu essen. 6.Ein PKW ist finanziell nicht leistbar. 7. Eine Waschmaschine ist finanziell nicht leistbar. 8.Ein Farbfernsehgerät ist finanziell nicht leistbar.9. Ein Telefon oder Handy ist finanziell nicht leistbar.

 

Caritas Präsident Michael Landau

ist seit 1.12.1995 Caritasdirektor der Erzdiözese Wien und seit 13.11.2013 auch Präsident der Caritas Österreich. In seiner Amtszeit meldete sich Michael Landau wiederholt zu brisanten sozialen Themen zu Wort - etwa wenn es um Armutsfragen ging, oder wenn Reformen im Pflege- oder Hospizbereich dringend geboten waren. Aber auch im Bereich der Sorge für Menschen auf der Flucht oder in der internationalen Hilfe forderte Landau immer wieder jene Fairness und Menschlichkeit ein, die der rechtsstaatlichen und humanitären Tradition Österreichs entspricht. Für seine Verdienste wurde Landau mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien und dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet.